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Der Fremde

Ludwig Tieck: Der Fremde - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchriften, Vierzehnter Band
authorLudwig Tieck
year1829
firstpub1796
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDer Fremde
pages16
created20131026
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ludwig Tieck.

Der Fremde.

1796.

 


 

Wenn sich Jemand die Mühe giebt, irgend eine Geschichte ernsthaft zu erzählen, so ist es die Pflicht der Zuhörer aufmerksam zu sein, und wenigstens nach dem Schein seinen Erzählungen Glauben beizumessen. Aber bei jeder Geschichte, die sich nur etwas über das Alltägliche erhebt, auszurufen: credat Judaeus Apella! mit der Zweifelsucht dem Verfasser queer über den Weg zu laufen, ist äußerst unartig; wenn der Leser alles besser weiß, so sollte er, meines Bedünkens nach, gar nicht mehr lesen. Ich flehe daher die Gutherzigkeit aller an, die diese Erzählung aufschlagen, mir doch ja auf mein Wort zu glauben, nicht die Belege aus Akten zu fordern, und einem Schriftsteller soviel Ehrgefühl zuzutrauen, daß er nicht eine ganze hochansehnliche Versammlung vorsätzlich mit Lügen wird hintergehen wollen. Ich hoffe, der Verfasser des Genius und der Memoir's des Grafen von G . . . hat nicht den Schriftstellerglauben so sehr durchlöchert, daß nicht noch mancher derbere Leser in dem Netze sollte stecken bleiben.

Sind Sie aber in einer sehr ungläubigen Stimmung, so machen Sie Feuer im Kamin, setzen Sie sich dicht umher, und löschen Sie das Licht aus. Lassen Sie die Feuerbrände ihr mattes auf- und niederschießendes Licht im Zimmer verbreiten, und dann nehmen 128 Sie das Buch und fangen Sie an zu lesen: ich habe immer gefunden, daß ein Kaminfeuer die Phantasie erhebt, und den vorlauten Verstand etwas zum Schweigen bringt, und damit in nachfolgender Erzählung ja nicht zuviel Verstand hineingerathen möchte, schreibe ich sie vorsorglicherweise ebenfalls beim Kaminfeuer.

Es gab eine Zeit, da sich viele von den beliebtesten Historien anfingen: »Es war einmal ein Mann« u. s. w. Es sollte mir nicht viel Mühe und Scharfsinn kosten um zu beweisen, daß dies die wahre Art sei, eine Erzählung anzufangen; ich will aus diesem Anfange gewiß eben so viel herausbringen, als manche Commentatoren aus den ersten Versen des Homer demonstrirt haben. Die Aufmerksamkeit wird sogleich unmittelbar auf den Hauptgegenstand gelenkt, mit dessen Lage und Beschaffenheit man sogleich bekannt gemacht wird. Zu diesem Mittelpunkte drängen sich dann alle Theile der Geschichte, und man steht unvermerkt mitten in der Verwickelung. – Also:

Es war einmal ein Man, der war jung, schön und reich. Er liebte ein Mädchen und ward von ihr wieder geliebt. Seine Aussicht in die Zukunft war die heiterste.

Seine Liebe war nicht die Wirkung einer plötzlichen Laune, die immer eben so schnell verblüht, als sie entsteht, sondern ein vertrauter freundschaftlicher Umgang hatte seit Jahren diese Liebe gegründet. Friedrich Löwenstein und Amalie Willmann waren im Blüthenalter des Lebens, sie empfanden das reine Glück einer unschuldigen ungestörten Liebe, sie überließen sich ruhig der wechselnden Zeit, die für sie nur ein breiter 129 glänzender Strom des Vergnügens war. Beider Eltern hatten von Jugend auf ihre Liebe begünstigt, man setzte schon den Tag zur Verlobung fest, als das Ziel ihrer Wünsche noch weiter zurück gerückt ward.

Löwenstein mußte abreisen, um in einer entlegenen Gegend eine Erbschaft zu heben, deren Ueberlieferung man sich dort widersetzte. Er nahm von Amalien zärtlichen Abschied, beide trösteten sich mit dem Gedanken, daß sie sich sehr bald wiedersehen würden. Löwenstein reiste ab.

In seinem ersten Briefe meldete er sogleich, daß die Schwierigkeiten größer wären, als er sie sich vorgestellt habe, daß ihm ein Prozeß drohe, bei welchem er gegenwärtig sein müsse, und daß er leider nur durch Schrift zu seiner Geliebten sprechen könne. Amalie war betrübt, und tröstete sich nur durch die häufigen Briefe, die sie schrieb und empfing.

Der junge Lindner kam jetzt von seinen Reisen zurück, ein Mensch, mit dem Amalie schon in der Jugend bekannt gewesen war. Seine Familie war eine von den angesehensten in der Provinzialstadt, in welcher Amalie wohnte; man besuchte sich gegenseitig, und Lindner zeichnete sehr bald Amalien von allen übrigen Freundinnen aus. Er war ein schöner Mann, der sich völlig auf der Reise gebildet hatte, er erzählte mit vielem Interesse von den Gegenständen, die er gesehen, und von den kleinen Abentheuern, die er bestanden hatte. Da er sehr lebhaft und geistreich war, verstand er die Kunst, auch das Uninteressanteste anziehend zu machen. Aber Amalie suchte sehr bald seine Gesellschaft zu 130 vermeiden, denn seine Auszeichnung setzte sie in Verlegenheit, und der feurige Blick, der zuweilen ihrem Auge begegnete, machte sie erröthen.

Lindner bemerkte dieses Zurückziehen, und um so eifriger drängte er sich ihr auf, alle seine Bemühungen waren nur nach ihr gerichtet, sein Witz strebte nur nach ihrem belohnenden Lächeln. Er war in einem unaufhörlichen Zweikampf mit Amaliens Blicken begriffen, ihr Auge machte ihn verlegen, und doch that es ihm wohl, wenn es auf ihm ruhte.

So vergingen Tage und Wochen, und Lindner bemerkte endlich, daß er Amalien liebe; eine Entdeckung, die ihn außerordentlich niederschlug, weil er wußte, daß sie mit Löwenstein versprochen sei. Er zwang sich seine Leidenschaft zu unterdrücken, aber seine Vernunft war schwächer als seine Liebe, er verlor Schlaf und Munterkeit, und der blühende Jüngling ging bleich und abgezehrt wie ein Schwindsüchtiger umher. –

Er entdeckte sich seinem Vater, der alles für seinen einzigen Sohn anzuwenden versprach. Er ging auch wirklich und stellte die ganze Lage der Sachen den Eltern Amaliens in das hellste Licht, er sprach mit dem Mädchen selber, aber er kam ohne Trost zu seinem Sohne zurück.

Dieser überließ sich nun gänzlich seiner Schwermuth; die heftige Liebe ist zu eigensinnig, um den Vorstellungen und Bitten der Freunde und Verwandten Gehör zu geben. Er war jetzt immer allein, sein liebster Aufenthalt war der Kirchhof, wo er unaufhörlich vor dem Erbbegräbniß seiner Familie auf- und niederging, und 131 den Stamm einer Linde mit seinen Thränen benetzte, in welchen Amalie einst auf einem ihrer Spaziergänge zum Scherz ihren Namen geschnitten hatte. Es währte nicht lange, so zog ihm die zu große Spannung der Seele ein hitziges Fieber zu, an welchem er starb.

Seine Eltern sahen ihn schweigend und weinend in die Gruft setzen, in welcher sie vor ihrem Sohne hatten ruhen wollen. Der Vorhang fiel rauschend vor der Bühne ihres Lebens und ihrer Hoffnungen nieder, sie hatten jetzt in der Welt nichts weiter zu thun, als ihren Sohn zu beweinen und zu sterben.

Amalie war über diesen unglücklichen Vorfall äußerst betrübt, sie schrieb ihrem Geliebten alle Umstände dieser traurigen Begebenheit, der ihr dafür die erfreuliche Nachricht gab, daß er nun die frohe Aussicht habe, in wenigen Wochen seine verdrießlichen Geschäfte zu beendigen, und dann auf den Flügeln der Liebe zu ihr zurückzueilen.

Mit Sehnsucht erwartete Amalie die Ankunft Löwensteins; dieser eilte so sehr es nur möglich war, um den höchsten Freuden des Lebens in die Arme zu fliegen.

Alles war geendigt, Löwenstein rasselte über die Chausseen nach seiner Heimath zurück, seine Liebe erschien ihm bei seiner langen Abwesenheit in einem ganz neuen Gewande, er nahm sich nicht die Mühe die Gegenstände um sich her anzublicken, denn Amaliens Bildniß füllte einzig seine Seele und seine Augen, so daß er sie allenthalben wandeln sahe, in jedem grünen Busche, auf jedem Fußsteige, zwischen den Kornfeldern; in dem 132 vor ihm fahrenden Wagen konnte Niemand anders als Amalie sitzen, und er ließ dann so schnell fahren, als wenn ihm seine Geliebte entfliehen wollte, um in den fremden Wagen hinein zu sehen und sich betrogen zu finden. – Der fremde Boden eilte unter ihm hinweg, und er begrüßte freudig die Gränze seines Vaterlandes. Jedes Dorf und jeder Baum kam ihm hier schon so vertraut und freundschaftlich vor, er versenkte oft seinen Blick in den kühlen Schatten der Gebüsche, und sprach wie im Traume nur von ihr, er redete sie schon an und fragte, was sie mache, und horchte dann auf das Gesäusel der Baumwipfel über sich, um sich aus den unverständlichen Accenten eine süße Antwort herauszuhören.

Das freundlichste Abendroth stand auf den Hügeln, als er nur noch ohngefähr eine Meile von seinem Wohnorte entfernt war; er bildete sich ein, in der rothen Gluth schon die Spitzen der vaterstädtischen Thürme zu entdecken, als durch einen Stoß das Rad von der gebrochenen Axe ablief, und der Wagen im Felde stehen bleiben mußte. Löwensteins Unruhe war zu heftig, um die Ausbesserung des Wagens abzuwarten. Er übertrug dem Bedienten die Aufsicht über das Gepäck, und eilte fort, um noch zu Fuße vor dem Einbruch der Nacht seine Vaterstadt zu erreichen.

Der Weg führte durch einen dichten Eichenwald, der sich bis nahe vor die Thore der Stadt erstreckte. Man ging über kleine Hügel und durch anmuthige Thäler; oft schien sich der Weg, der sich plötzlich wandte, in das Dickicht des Waldes zu verlieren, und dann lag wieder 133 eine frische grüne Wiese da, rings von hohen Waldbäumen umkränzt. Löwenstein eilte, und überließ sich ganz dem wunderbaren Spiele seiner Phantasie. Er war als Knabe manchmal auf diesen Fußsteigen gegangen, war nachher lange nicht in diese Gegend gekommen, und bemühte sich nun die dunkeln und verworrenen Erinnerungen festzuhalten, die ihm zuweilen wie schwarze Wolken vorüberfuhren. Ein Abendwind ging durch die rauschenden Gebüsche hinter ihm her, graue Wolken flatterten um die Kronen einzelner schlanker Fichten, ein räthselhafter Wiederschein des Abendrothes stand mitten im dunkeln Walde, und äugelte durch die grüne Finsterniß. Mit seinen Knabenjahren fielen ihm manche Aengstlichkeiten dieses Alters ein, er erinnerte sich lebhaft, wie er manchmal beim einsamen Wiederhall seiner Fußtritte kalt und bleich geworden war, und er horchte jetzt unwillkührlich auch auf das Echo seines Ganges, das in den dicht gepflanzten Eichen wie sein Genius in der Ferne wandelte; er fuhr zusammen, und eilte noch schneller, um diese Furcht von sich abzuschütteln.

In diesen dämmernden Abendstunden, von Wäldern und stummer Einsamkeit umgeben, erscheint uns das gewühlvolle menschliche Leben gewöhnlich trübselig und freudenleer, eine unbekannte Furcht vor unbekannten Gegenständen nimmt uns bei der Hand, und wie mit einem neu geschaffenen Blicke sehen wir in die Welt hinein, die alle ihre bunten Farben verloren hat, und in einer monotonen Trübheit daliegt. Löwensteins Phantasie war gespannt, und es ist nicht zu verwundern, wenn er jeden Athemzug des Windes aufmerksamer 134 behorchte, und zuweilen hinunter in die zitternde Dämmerung sah, die hinter ihm lag.

Die Finsterniß hängte noch dichtere Schleier zwischen die Bäume, als er wirklich einen deutlichen Fußtritt hinter sich zu hören glaubte. Ungewiß stand er still und wartete auf das Näherkommen. Ein blauer Mantel wogte und wühlte sich aus den übereinanderliegenden Schatten hervor, ein Mensch näherte sich ihm langsam, als wie in tiefen Gedanken versunken. Mit einem kleinen Schauder grüßte Löwenstein zuerst, und eine freundliche Stimme dankte ihm, und bat ihn um seine Begleitung durch den dunkeln und einsamen Wald.

Es war ein junger Mensch, der auch nach der Stadt wollte, und Löwenstein schüttelte plötzlich seine Furcht und alle seine drückenden Gefühle von sich, und zog die Luft des Himmels mit großen freien Zügen ein, die er eben erst wie Kerkerdünste durch die Zähne eingeathmet hatte. Das Gespräch lenkte sich bald auf die Stadt und ihre Bewohner, und der junge Unbekannte schien in den meisten Familien sehr zu Hause zu sein. Löwenstein unterhielt sich an manchen Anekdoten und unbedeutenden Stadtneuigkeiten, die ihm der Fremde mittheilte; ein lebhaftes Gespräch machte, daß er die Länge des Weges und die Dunkelheit gar nicht bemerkte.

Ich bin diesen Weg noch nicht oft gegangen, begann der Unbekannte, darum geh' ich in der Finsterniß gern in Gesellschaft, um mich in den kreuzenden Fußsteigen nicht zu verirren, oder, wenn ich 135 falsch gehe, wenigstens nicht allein zu sein, denn ich muß Ihnen meine Schwachheit gestehen, ich fürchte mich leicht in der Nacht.

Löwenstein. Ich habe diese Kinderei heute auch zum erstenmale an mir bemerkt. – Die Phantasie spielt uns oft seltsame Streiche.

Der Fremde. Die Finsterniß erscheint unserm Geiste als ein feindseliges Wesen, das die Umrisse aller sichtbaren Gegenstände verwandelt und verwirret, und uns so in eine fremde bis dahin unbegreifliche Welt versetzt. Es schneidet dann eine Ahnung durch unser Gemüth, wie wenn all' unser Wissen, all' unser Glück nur ein leeres taubes Chaos wäre, und dies macht uns betrübt und wirft unsern stolzen Geist darnieder.

Löwenstein. Wir vernehmen dann gleichsam in jedem vorübergehenden Laute eine Stimme, die uns aus unserm kläglichen Schlafe zu wecken strebt.

Der Fremde. Der Wald fängt schon vor uns an licht zu werden; wir sind nicht mehr weit von der Stadt.

Löwenstein. O Himmel! sehn Sie, sehn Sie dort – ich sehe schon die zerstreuten Lichter, die mir durch den Nebel entgegen blicken! Ich werde sie wiedersehn!

Der Fremde. Sie sind sehr vergnügt.

Löwenstein. Ach Freund, ich eile einem Mädchen in die Arme, das ich so innig, so einzig liebe, und dessen Gegenliebe mich zum glücklichsten Menschen macht.

Der Fremde. Bemerken Sie, wie das, was 136 wir unsern Geist nennen, von den äußern Gegenständen abhängt. Jetzt da wir im freien Felde stehen, die Stadt mit ihren Lichtern wie ein Sternamphitheater vor uns sehen, ist alles das in Ihrer Seele erloschen, was Sie eben so schön und bedeutungsvoll sagten.

Löwenstein. Ach Freund, die Liebe stärkt unser Auge, auch in der trübsten Verworrenheit ein reizendes harmonisches Ganze zu finden.

Der Fremde. Die Liebe? – Ach ja, in Ihren Jahren dachte ich gerade so.

Löwenstein. Sie scheinen doch, soviel ich sehen kann, nicht viel älter als ich zu sein.

Der Fremde. Ich zweifle selbst. – Aber glauben Sie mir, ein einziger Tag, eine einzige Stunde können den Jüngling in einen Greis verwandeln.

Löwenstein. Sie sind melancholisch und ich beklage Sie. –

Der Fremde. Daß die Menschen doch so gern damit zufrieden sind, wenn sie einem fremdartigen Wesen einen Namen geben; mit einem Worte ist alles in Richtigkeit gebracht, und sie glauben die Erscheinung zu verstehen, die ihnen unbegreiflich ist. –

Löwenstein. Sie sind vielleicht in der Liebe unglücklich gewesen.

Der Fremde. Liebe ist auch nur ein Name; ach! die Menschen wissen nicht, was sie wollen. – Warum lieben Sie und streben nach Gegenliebe? Ich glaube die einzige Ursache, warum wir leben, ist um zu sterben.

Löwenstein. Welch ein trübseliger Gedanke! – 137 Aber sie denken ihn jetzt nur, das Morgenroth oder das künftige Jahr wird ihn aus ihrer Seele nehmen, und dann haben Sie doch immer Unrecht gehabt.

Der Fremde. Unrecht? und deswegen, weil kein Gedanke und keine Stimmung im Menschen die letzte bleibt?

Löwenstein. Ich bitte Sie, besuchen Sie mich zuweilen, ich will es versuchen, Sie heiterer zu machen.

Er nannte ihm seinen Namen und seine Wohnung.

Der Fremde. Ich will Sie besuchen; wenn Sie sich nur nicht verheiratheten. Sie wären mir dann noch einmal so theuer!

Löwenstein. Sind Sie ein Weiberfeind?

Der Fremde. Ich kann sie nicht lieben. –

Löwenstein. Ich wette, man hat Ihnen Streiche gespielt; aber Sie werden sich gewiß mit dem Geschlechte wieder versöhnen.

Der Fremde. Ich zweifle.

Löwenstein. Lernen Sie mein Mädchen kennen, und Sie werden es. – Ich bitte Sie hiermit zu meiner Hochzeit.

Der Fremde. Ich danke Ihnen, und ich werde ohnfehlbar kommen.

Der Unbekannte stand jetzt vor einem kleinen Gebäude stille. – Wir müssen Abschied nehmen, sagte er, denn hier ist meine Wohnung.

Löwenstein. So klein und eng? – Ist es Ihnen nicht unbequem? – Zwar die Aussicht und das Leben im Freien ersetzt das wieder. 138

Der Fremde. Der Mensch braucht wenig, und Raum am allerwenigsten, wenn er mit sich selbst zufrieden ist. – Leben Sie wohl, an Ihrem Hochzeittage seh' ich Sie.

Löwenstein reichte ihm die Hand, und aus dem Mantel reichte ihm der Fremdling die seinige. Löwenstein drückte sie warm und herzlich, und schrie auf, als er ein kaltes dürres Todtenbein fühlte. – Der Unbekannte verschwand hinter eine Thür.

Mit Grausen und Angst kämpfend blieb Löwenstein lange wie fest gewurzelt; hinter ihm stand eine große Linde, ein Alter ging vorbei, den er zitternd fragte, wem die kleine Wohnung gehöre.

Der Alte schüttelte bedenklich den Kopf, und sagte ihm, daß es das Lindnersche Erbbegräbniß sei.

Schneidend kamen alle Erinnerungen zu Löwenstein zurück, er kannte jetzt den Kirchhof recht gut, der vor dem Thore lag; mit zitternden Füßen wankte er in die Stadt.

Sie begrüßte ihn nicht so herzlich und patriarchalisch, als er erwartet hatte, alle Häuser kamen ihm vor wie große steinerne Särge; mit einem kalten Entsetzen ging er durch die Straßen, wie er es als Knabe empfunden hatte, wenn er die Geschichte jener Stadt las, deren Einwohner in Steine verwandelt wurden.

Amalie und ihre Eltern kannten den Bleichen, vor Frost Zitternden, nicht wieder, seine Phantasie war 139 zu sehr zerrüttet, er erzählte ihnen den ganzen Vorfall. Amalie ward still und trübsinnig, alle Freuden des Wiedersehens blieben aus. Der Vater gab sich Mühe, die ganze Sache philosophisch zu erklären; Löwenstein habe die Geschichte Lindners im Sinne gehabt, sei plötzlich auf den Kirchhof gerathen, und seine Phantasie habe ihm alle Begebenheiten untergeschoben.

Löwenstein war einige Tage bettlägrig; er erinnerte sich jetzt, was der bleiche Unbekannte über die Freuden des Lebens gesagt hatte, und fand alles so wahr und passend. – Besuche, alle Arten von Zerstreuungen stellten ihn nach und nach wieder her; er dachte nur an die Erscheinung, wenn er allein war; so nahte sich der Tag, der zur Hochzeit bestimmt war; der Priester legte die Hände der Liebenden in einander, und beide waren unaussprechlich glücklich.

In der Gesellschaft der Fröhlichen wird auch der Trübsinnige heiter, aber der Glückliche findet sich selig. Löwenstein war auf dem höchsten Gipfel seiner Wonne, Musik und Wein begeisterten ihn so sehr, daß er beinahe in eine frohe Laune verfiel, die an den Wahnsinn gränzte. Ein Bedienter rief ihn hinaus, weil ihn vor der Thür jemand sprechen wollte. – Ein Gepolter – Geschrei – Löwenstein wird blutend in den Saal gebracht, vom Wein betäubt war er die Treppe hinuntergestürzt; der Arzt, der geholt ward, sprach ihm das Leben ab. – Er sagte während der Todeszuckungen mit schwacher Stimme, daß Lindner auf der Mitte der Treppe gestanden, und ihn mit derselben Todtenhand hinuntergewinkt habe.

140 Amalie stieß einen lauten Schrei aus als er starb, sie sprach wahnsinnig und zeigte den Gästen den gestorbenen Lindner, der an der Saalthüre stehe, und sie starr betrachte. –

Sie starb nach einigen Wochen in den heftigsten Ausbrüchen des Wahnwitzes.

 


 








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