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Der Freischütz

Friedrich Gerstäcker: Der Freischütz - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarz und Weiß
authorFriedrich Gerstäcker
yearca. 1890
publisherNeufeld & Henius Verlag
addressBerlin
titleDer Freischütz
pages131-160
created20021119
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Friedrich Gerstäcker

Der Freischütz.

Szene aus dem Dresdner Leben

(Vgl. Der Freischütz von Friedrich Kind, Musik von Carl Maria von Weber)
 

»Heute, Montag den 26. Februar, in Kurfürstens Hof: »Der Freischütz«. Schauspiel mit Chören, in vier Aufzügen. Um gütigen Besuch bittet

Johann Magnus.«
 

»Wo ist denn Kurfürstens Hof?« frug ein junger Mann in schwarzer Sammtmütze und blauer Pikesche den vorbeistürmenden Kellner, als er eben den oben angeführten Satz seinem mit ihm an ein und demselben Tisch sitzenden Freund vorgelesen hatte.

»Elbberg,« rief der Schooßlose und drängte sich, die ganze Hand voll Bierkrüge, wobei er an jedem Finger wenigstens drei zu tragen schien, durch ein eben eintretendes Rudel neuer Gäste, um früher erhaltene Aufträge zu erfüllen. Weitere Aufklärung war augenscheinlich von diesem hochfrisirten Ganymed nicht mehr zu erlangen; vom nächsten Tisch aber bog sich sehr artig ein alter Herr in schneeweißen Haaren und grüner Brille herüber, und erwiderte auf die wenn auch nicht an ihn gerichtete Frage:

»Unten, nicht weit von der Elbe, auf dem sogenannten Elbberg, dort kann Ihnen jedes Kind das verlangte Haus zeigen.«

Der junge Mann dankte und wandte sich wieder an seinen Gefährten, der indessen ebenfalls das Blatt genommen und die kurze Anzeige gelesen hatte.

»Da müssen wir auf jeden Fall hin, Osfeld; es wird auch die höchste Zeit sein, denn es hat schon Acht geschlagen.«

»Wir kommen noch früh genug,« meinte Osfeld, »ich bin schon mehrere Male bei Magnus gewesen; er beginnt selten vor halb neun Uhr.«

»Und wie ist's mit der Toilette? Wird da nicht ein alter Rock und eine etwas vom Wetter mitgenommene Mütze nothwendig sein? – Ich bekomme nicht gern Schläge.«

»Unsinn,« lachte Osfeld – »so schlimm ist's nicht, wir finden dort ganz nette Leute; höchstens werden die, welche bei ernsthaften Scenen zu viel lachen, oder sich sonst unnütz machen, hinausbefördert.«

»Also ein einfaches Ausweisungsprincip für mißliebige Personen,« sagte der Erste, den wir Wehrig nennen wollen – »dagegen läßt sich nichts thun, denn das ist ein Erbfehler, dem wir armen Menschenkinder nun einmal unterworfen sind; schon Adam mußte sich das gefallen lassen.«

»Das soll aber auch mit Adam noch eine ganz andere Bewandtnis gehabt haben,« meinte Osfeld, während er seinen Hut vom Nagel nahm und den Rock zuknöpfte. »Adam hat, wie sich jetzt ziemlich deutlich herausstellt, auch wissen wollen, weshalb er nicht von dem Baum der Erkenntnis essen solle, und eine solche Neugierde läßt sich ja bei uns nicht einmal ein Bürgermeister gefallen. Hier ist übrigens keine Gefahr – ich kenne die Leute recht gut.«

»Dann weißt Du also auch, wo Kurfürstens Hof ist?«

»Nein, das nicht; Magnus spielt jeden Abend der Woche in einem andern Wirthshaus, und Garderobe wie Scenerie wird auf einem kleinen Handkarren von Ort zu Ort mitgeführt. Er bekommt dadurch stets ein frisches Publikum, und kann nun ein und dasselbe Stück sechs und siebenmal hintereinander aufführen; die Schauspieler lernen denn auch gegen Ende der Woche ihre Rollen ausgezeichnet.«

»Wie aber macht er es mit der Maschinerie, den Versenkungen &c.?«

»Oh, die letzteren besonders sind sehr einfach. Steht der Geist oder Zauberer, der versinken soll, aufrecht auf der Bühne, so wird die Täuschung dadurch erweckt, daß er sich schnell duckt und man ihm zu gleicher Zeit aus der nächsten Coulisse heraus ein dunkles Tuch überwirft – stürzt er aber vorher, und soll er als Leiche verschwinden, so muß er nur mit den Füßen dicht an oder hinter eine Coulisse zu liegen kommen, dann entzieht ihn ein kräftiger Ruck dem Gesichtskreis der Zuschauer, was auch, da die Garderobe für jeden Abend geborgt wird, mit keinem Nachtheil für den Director selbst verbunden ist.«

»Also gar keine Maschinerie – oh weh, Wolfsschlucht; doch was thut's, auf jeden Fall sehen wir's an.« Und die Freunde traten hinaus in die kalte Nachtluft, die ihnen den gefrorenen Thau in seinen scharfen Flocken entgegenschleuderte. Die Promenade war menschenleer, und keine Seele begegnete ihnen durch die ganze kegelbahnartig angelegte Allee bis zur Amalienstraße und von da hinab bis zum nahen Ufer der Elbe, so daß die späten Wanderer (es hatte eben halb Neun geschlagen) schon in eine noch erleuchtete Materialhandlung eintreten wollten, um sich dort nach dem Ziel ihres Marsches, dem Schauplatz der heutigen Ausführung, zu erkundigen, als ein altes Mütterchen, mit einer grünen Glasflasche in der einen und einem eingewickelten Häring in der andern Hand, aus derselben Thür kam und, an ihnen vorbei, die Straße hinaufgehen wollte.

»Möchten Sie wohl die Güte haben, uns zu sagen, wo hier Kurfürstens Hof ist?« redete sie jetzt Osfeld ganz artig an.

Die Alte blieb stehen, sah sich den Fragenden von oben bis unten sehr genau an, warf dann den Kopf zurück und rief mit scharfen, gellenden Tönen: »Na ja – Ihr wärd't wohl Kurfirschtens nicht wissen« – und setzte murrend ihren Weg fort.

Osfeld und Wehrig lachten laut auf, jene aber, dadurch noch mehr in dem Wahn bestärkt, daß man sie hatte wollen zum Besten haben, wandte sich um, schimpfte und – sie war ja eine Deutsche – drohte mit der Polizei. Mehrere Fischerleute kamen jetzt die Straße herauf und verschwanden in einer nicht mehr weit entfernten Thür, aus welcher, als sie geöffnet wurde, ein heller Strahl auf das Pflaster fiel. Nicht mit Unrecht schlossen die beiden Freunde, daß dies vielleicht der berühmte Platz wäre, den nicht zu kennen hier für unmöglich, oder doch wenigstens unwahrscheinlich gehalten wurde, und siehe da, sie hatten sich nicht getäuscht. Eine schmale Treppe führte zu dem Saal hinauf, an dessen Thür, mit etwas Mehlkleister befestigt, ein Theaterzettel im Manuscripte hing. Daneben saß eine kurzgebaute, etwas breithüftige Frau, die sich vor einem kleinen Tischchen, das außer dem dünnen Talglicht und der kleinen blechernen Büchse auch noch zwei Packete sehr abgegriffener Billete trug, als »der Kassirer« auswies. War es nun eine in dem bewegten Theaterleben erlangte Menschenkenntniß, oder blos das Auftreten zweier anständigen Tuchröcke, kurz die Frau griff fast instinctartig nach den Billeten für den »ersten Blatz,« und um 2½ Neugroschen à Person traten sie schweigend ein in Thalia's Tempel.

Ein großer Saal, von dem die Bühne etwa ein Drittheil einnehmen mochte, enthielt das Theater, und ein ziemlich viereckiger Vorhang mit gar wundersamer Malerei verhüllte die Mitte, während zwei schmale Streifen Wald (die Bäume horizontal ausgespannt, um den leeren Zwischenraum vollkommen zu verdecken) die Zuschauer von einem Versuch zurückschrecken sollten, das Innere des Heiligthums zu erforschen. Nichtsdestoweniger hatte sich ein »Stück jungen Deutschlands« an die dortige Wand gedrängt, und dem kühnen Forschergeist der hoffnungsvollen Jugend gelang es auch wirklich, dann und wann einen flüchtigen Blick auf ein geschminktes Antlitz oder einen gewaltigen Federbusch werfen zu können, was dann augenblicklich durch ein freundliches, telegraphenartiges Grinsen den Kameraden mitgetheilt wurde.

Vor dem Vorhang staken, auf schwarzen Blechprofitchen, fünf schwindsüchtige Talglichter, und zwischen diesen und den in doppelter Reihe aufgestellten Rohrstühlen des »ersten Blatzes«, lagerte in malerischer Unordnung die frohe, jubelnde Schaar der Schulkinder beiderlei Geschlechts, die hier – für einen Sechser Entrée und die übernommene Pflicht, das Ausblasen und Wiederanstecken der Lichter zu besorgen, je nachdem es dunkel oder hell werden mußte – theils lachend und schreiend, theils sehnsüchtig und mit einem gewissen ehrfurchtsvollen Schauer den Anfang des Stückes erwarteten.

Die Zuschauer hatten sich ungewöhnlich zahlreich versammelt, und selbst die Gallerie – ein mit Brettern überlegtes Gestell von mehreren nebeneinander gesetzten sogenannten Böcken – war so besetzt, daß Einzelne, die durch beharrliches Ausdauern die erste Reihe gewonnen hatten, von ihrem etwa zwei Fuß hohen und etwas gefährlichen Stand heruntergedrängt wurden, und nun, unter dem Hohnlachen der jedes Mitgefühls unfähigen Menge, ein anderweitiges Unterkommen suchen mußten, um auf den Zehen und mit vergebens ausgestreckten Hälsen die Aufführung zu genießen. Nur mit großer Mühe und zu noch größerer Unbequemlichkeit der schon Sitzenden wurde durch Zusammenrücken den Letztgekommenen Platz gemacht. Diese dann, der vordersten Stuhlreihe einverleibt, sahen sich plötzlich inmitten der festzusammengekeilten Menge, wobei ihnen jedoch, während ihre Kniee der vor ihnen lagernden »lieben Jugend« zu eben so vielen Rückenkissen dienten, vollkommene Zeit blieb, die verschiedenen Gruppen der übrigen Zuschauer genau zu betrachten.

Die arbeitende Klasse war am stärksten vertreten, und hübsche Dienstmädchen, wie kräftige Handwerker und Fischer füllten fast den ganzen Raum aus; auf den »Sperrsitzen« saßen aber auch eine ziemliche Anzahl »nobel gekleideter« Gäste, und unter den letzteren fielen besonders zwei wohlfrisirte und beglacéhandschuhte Jünglinge – augenscheinlich aus einer der ersten Materialwaarenhandlungen der Residenz – in die Augen, wenigstens hafteten die Blicke der Jugend, so lange noch deren Aufmerksamkeit nicht der Bühne zugelenkt wurde, fast ausschließlich auf ihnen, wie sie, nachlässig auf ihren Stühlen zurückgelehnt, mit sehr schwarzen Hüten, peinlich blauen Halstüchern, großen Ringen an den rothen Fingern und mächtigen goldenen Halsketten, allerdings etwas auffallend gegen ihre einfache Umgebung abstachen. Neben diese, nur eine Reihe weiter vor, kamen die beiden Freunde zu sitzen, und hörten, wie der ihnen Nächste zum Andern sagte, während er das kleine, schwanke spanische Rohr mit dem maigrünen Glacéhandschuh an die Lippen hob: »Eugene – die Sache fängt an unangenehm zu werden; es ist hier eine abominable Atmosphäre.«

»Auf Ehre,« erwiderte ihm, als wirkliches Spiegelbild, Eugene – »ich wollte, wir wären in's Café gegangen; es sind doch hier gar zu viele –« Er beendete die Rede flüsternd, da er wahrscheinlich von den hinter ihm Befindlichen mißverstanden zu werden fürchtete. Das übrige größere Publikum theilte übrigens, wenngleich aus einem andern Grunde, ihre Ungeduld; es ging nämlich stark auf Neun, und trotzdem wurden immer noch keine Anstalten sichtbar, daß die Vorstellung wirklich beginnen sollte. Man trommelte, tobte und schrie also so lange, bis sich Herr Magnus endlich genöthigt sah, vorzutreten, um den Lärmenden anzuzeigen, daß »die – Garderobe noch fehle, in wenigen Minuten aber auf jeden Fall erscheinen müsse.«

»Ich habe keenen Hausschlüssel mit!« schrie eine sehr feine Stimme aus der Mitte des Publikums heraus.

»Ich ooch niche!« erwiderte eine andere vom entgegengesetzten Ende des Saales – »und bei mir machen se punkt Zehne die Bude zu!«

»Sie können ja immer anfangen,« schlug ein Bäckergesell vor – »wenn de Garderobe nachen kimmt, werfen Sie die paar Lumpen schnell iber.«

Noch mehrere solche gutgemeinte Rathschläge wurden laut, und der Director war eben wieder achselzuckend und seitwärts in den linken Baumwipfel verschwunden, als der rettende Engel, in Gestalt eines vierschrötigen Hausknechts, erschien, der in einem mächtigen Tragkorb die so heiß ersehnten Costüme herbeischaffte. Mit der Garderobe kam denn auch ein regeres Leben in die Garderobe, und kaum eine Viertelstunde später tönte die helle Klingel – Alles schwieg und – auf rollte der Vorhang.

Krach!

»Ach, Herr Jeses!« schrieen eine Menge Frauenstimmen, als der Schuß – so fast mitten unter ihnen – fiel; bald war aber jeder etwa empfundene Schreck über das imposante Schauspiel vergessen, das sich jetzt im eng zusammengedrängten Raum ihren Blicken bot.

Rechts am Tische saß Max in grüner Jagdkleidung, der Scheibenkönig, dem zweiAuf Magnus' Theater durften, wie bei jener Kaffeegesellschaft, nur immer vier auf einmal reden – d. h. es war ihm untersagt, mehr als vier Personen zu gleicher Zeit auf die Bühne zu bringen, weil – unglaublich aber wahr – das Königl. Hoftheater sonst es als eine Concurrenz ansah. Bauern in langer Reihe folgten, trat auf und verhöhnte den unglücklich gewesenen Jäger.

Die Scenerie war Wald – und zwar der Hintergrund aus hellbraunen, in ungeheurer Perspective immer kürzer und kürzer werdenden Stämmen bestehend, die jedoch, wunderbarer Weise, die natürliche Dicke beizubehalten schienen. Rechts befanden sich ebenfalls zwei Waldcoulissen, links aber, und ganz vorn, stand ein vierstöckiges, wunderbar gelbes Haus, an welchem wiederum ein in der dritten Etage ausgeschobenes – zwei Etagen langes Schild mit einem halbgefüllten Bierglas darauf verkündete, daß diese Waldwohnung ein Wirthshaus sei.

Die nächsten Scenen gingen ziemlich ruhig und ohne irgend etwas Auffallendes vorüber – Max schlug sich mit den zwei Bauern herum, der Erbförster kam dazu, erzählte seine alte Geschichte und wurde, als auch er die Scene verließ, von Caspar ersetzt, der jetzt, ohne die mindeste vorherige Warnung, sein Trinklied. »Hier im ird'schen Jammerthal« allerdings mit dem Originaltext, aber auch wirklich nach Originalmelodie anstimmte. Dann schüttelte er dem Max ein Viertelpfund gestoßenen Zucker in den Wein, während dieser, seiner Rolle getreu, da er das nicht sehen durfte, den Kopf wegwandte, und nun kam die Scene, wo der junge Schütze den Adler »aus hoher Luft« schießen sollte.

Eine wunderbare Veränderung war aber indessen, und zwar mit Zauberschnelle, im Gemüth des Max vorgegangen. Das Textbuch sagt nämlich: »Man merkt ihm von jetzt eine gewisse Heftigkeit an, einem leichten, aber bösen Rausche gleich.«

Nachdem er also, auf Caspar's Veranlassung, den Fürst hatte leben lassen, fing er plötzlich an zu taumeln, und zwar so stark, daß er sich fortwährend an der einen Tischecke festhalten mußte. Jetzt reichte ihm Caspar die Büchse, und Max frug mit schwerer, lallender Zunge und halbgeschlossenen Augen:

»Was soll ich denn damit machen?«

Auf Caspar's in die Höhedeuten entdeckte er nun wirklich, wie er sagte, den Adler, hob – fortwährend dabei beschäftigt, sich im Gleichgewicht zu halten – die Büchse an die Backe und – drückte ab.

»Klapp!« – das Zündhütchen versagte – das Gewehr ging nicht los.

»Probir' es noch einmal!« sagte Caspar mit merkwürdiger Geistesgegenwart. Max setzte auch ein neues Zündhütchen auf, leider aber mit nicht besserem Erfolg. Das Publikum war dabei so indiscret und lachte, als ob einem Jäger das Gewehr nicht manchmal versagte. Caspar jedoch, im Charakter seiner Rolle überhaupt ärgerlich, setzte ein drittes mit eigener Hand auf, und rief nun, als auch dieses kraft- und erfolglos blieb, mit unterdrückter, aber trotzdem sehr deutlicher Stimme in die Coulissen hinein:

»Werft ihn hinaus!«

Niemand folgte dem Befehl.

»Werft ihn hinaus!« schrie er jetzt lauter und vernehmlicher.

»Wen?« frug die dünne Stimme aus dem Publikum.

Das Räthsel wurde jedoch gleich darauf gelöst, denn aus der Coulisse stieg, sich etwas über den quer vorgespannten Leinwandstreifen erhebend, ein dunkler Gegenstand empor – klappte oben an die Decke und schlug dann, mit schwerem Fall, vor dem entsetzten Max nieder. Leider war aber der Adler den vorn brennenden Lichtern ein klein wenig zu nahe gekommen, denn die Kinder vorn jubelten jetzt, halb in Freude, halb in Überraschung:

»Herr Jeses – eene dote Hinne – eene dote Hinne!« (Huhn).

»Hören Sie einmal – wenn Sie nichts dagegen haben, so wär' es mir lieb, Sie nähmen Ihren Hut ein wenig ab,« sagte in diesem Augenblick ein breitschulteriger, rothbäckiger Fischer, der dicht hinter einem der vorerwähnten Jünglinge stand; »ich habe bis jetzt nur den Vogel und Ihren Deckel gesehen.«

Seine Anrede wurde übrigens nicht gehört, oder nicht beachtet, denn mit einem verächtlichen Emporwerfen der Oberlippe sog Der, dem die freundliche Ermahnung galt, nur um so eifriger an dem elfenbeinernen Stockknopf, und der Fischer, der wahrscheinlich nicht beabsichtigte, sich den angenehmen Abend durch Zank und Aerger zu verderben, arbeitete vor allen Dingen seine beiden breiten Hände aus den Taschen der weiten Beinkleider heraus, und begann nun, wobei er jedoch ziemlich hoch hinaufreichen mußte, mit den Fingern eine noch nicht componirte Melodie auf dem Deckel des ihm die Aussicht versperrenden schwarzen Seidenhutes zu trommeln.

Die Trommel wandte sich sogleich sehr indignirt um, und ein Paar Tod und Verderben sprühende Augen blitzten darunter hervor; der Fischer aber blieb, die Hände wie zu einer Pause erhoben, ruhig stehen, nickte nur freundlich grinsend dem Entrüsteten zu und fuhr, als jener sein zorngeröthetes Antlitz wieder der Bühne zukehrte, höchst gemüthlich in dem kurz abgebrochenen zweiten Theil des Liedes fort, so daß sich der junge Dresdner endlich genöthigt sah, den Hut auf's Knie zu nehmen.

Der erste Act nahte so, ohne weitere Unterbrechung, seinem Ende, nur flogen, als Caspar dem Max das Huhn unter die Augen hielt und ihn frug, ob er glaube, »daß ihm dieser Adler geschenkt sei?« – einige halbe Brezeln auf die Bühne, was einige der vorn gelagerten Knaben zu einem tollkühnen Einfall in das Herz des Heiligthums bewog. Aennchen aber, die mit einer Klemmbrille auf der Nase und dem Soufflirbuch in der Hand hinter der Coulisse stand, trieb die Eindringlinge mit drohender Geberde schnell zurück, konnte jedoch nicht verhindern, daß diese ihre Beute erst in Sicherheit brachten und auch noch, bei dem etwas übereilten Rückzug, ein Talglicht mitnahmen, was indessen keine störenden Folgen weiter hatte, da andere Knaben theils das umgestoßene Licht schnell wieder befestigten, theils den sitzengebliebenen Talg von den »Unaussprechlichen« des Frevlers abkratzten.

Max aber lehnte – alles Andere nicht beachtend – in tiefen Trübsinn versenkt, mit der Schulter an der vierten Etage des Wirtshauses und schaute sinnend vor sich nieder bis er endlich mit dem Stichwort zu Caspar's großer Arie – die dieser freilich, als zur Oper nicht unumgänglich nöthig, wegließ – abtaumelte und der Vorhang fiel.

Rauschender Applaus folgte dem Actschluß; dann aber, nachdem der Höflichkeit Genüge geleistet, wurden einige sehr unzufriedene Stimmen laut und verlangten Chor – es stünde Chor auf dem Zettel, und sie wünschten deshalb auch Chor. Durch sich selbst genährt, wuchs der Tumult, und der Director, der erst mit der Klingel den Lärm beschworen hatte, trat, diese noch immer in der Hand, vor und erklärte nun feierlichst, daß der Chor allerdings gesungen würde, nur müßten sie ein klein wenig Geduld haben, da jetzt erst die Wolfsschlucht käme, und diese allerdings keinen Chor vertrüge. Stürmischer Applaus zeigte, wie einverstanden das Publikum mit der Direction sei, und die Menge drängte sich jetzt dem »Büffet« zu, wo verschiedenfarbige Liqueure, Lagerbier, Kaffee, Grog, Kuchen und Würste nebst diesen verbrüderten Semmeln in reicher Auswahl zu haben waren.

Unsere beiden Freunde hatten, dem Beispiel der Uebrigen folgend, ihre Sitze ebenfalls verlassen, als auf einmal ein ganz eigentümliches Gedränge, ein förmliches Wogen der Menge entstand, ohne daß irgend ein bestimmter Zweck dieser plötzlichen, nach einem Punkt hin gerichteten Bewegung deutlich wurde; nur zur Thür strömte die Menge. Da erkannten sie plötzlich in deren Mitte – unglückliche Leidensgefährten! – die beiden blaubehalstuchten Jünglinge, die heftig gegen den sie weiter und weiter vorwärts drängenden Volksknäuel anzuprotestiren schienen. Wohin sie jedoch auch zornig und wüthend blickten, begegneten ihnen nur freundlich zunickende Gesichter, ein ungeheurer Humor hatte die Menschenwoge erfaßt, und die zwei »Mißbeliebten« – mit denen nur die sich dicht um sie her Befindenden vollkommen einverstanden schienen – wurden trotz alles Sträubens und Fluchens, fortwährend aber in der herzlichsten Art von der Welt, ja von einem Theil des weiblichen Publikums sogar mit zugeworfenen Kußhänden – förmlich hinausgefluthet.

Osfeld, seiner Versicherung nach mit dem Director bekannt, versprach jetzt dem Freund, ihn bei jenem einzuführen, und zog ihn, nachdem er ohne weitere Umstände den einen quer gezogenen Waldvorhang bei Seite geschoben hatte, in das Innere des Heiligthums. Dort sah es bunt aus; das Theater nahm fast die ganze Breite des Raumes ein, und nur ganz schmale, an den Seiten hinlaufende Gänge ließen ebenfalls kaum so viel Zwischenplatz übrig, daß die Abgehenden vollkommen verschwinden konnten; nichtsdestoweniger hatten die Schauspieler durch Jahre lange Uebung eine gewisse Fertigkeit erlangt, um durch rasche Seitenbewegungen bei jedem Abgang schnell die Coulisse zwischen sich und das Publikum zu bringen, das dann seine Vorstellung von dem hinter und neben der Bühne befindlichen Raum in's Unendliche ausdehnen konnte.

Die jungen Leute schritten jetzt quer über die »Bretter, die die Welt bedeuten«, hin, und zwar zu dem mit einer grünen Decke verhangenen Garderobezimmer. Dort traten sie ein und befanden sich hier plötzlich in der wunderlichsten, buntesten Gesellschaft, die sich nur möglicher Weise und mit der wirklich regsamsten Einbildungskraft denken ließ. Rings an den Wänden standen kleine Tischchen mit traurig flackernden Talglichtern, die dem ganzen Raum nur eben genug Helle gaben, um sein düsteres Aussehen recht deutlich hervorzuheben. Kleine Kästen mit zerbrochenen Stücken Spiegelglas, Schminktöpfe, Schminkpapier und Baumwolle, angebrannte Korkstöpsel, Flitterband, zerdrückte Blumenbouquets und farbige Glasperlenschnüre lagen überall umher, und Agathe und Aennchen waren eben noch beschäftigt, ihren Wangen die zu Braut und Brautjungfer nöthige Frische zu verleihen.

Osfeld wurde von Allen als Bekannter begrüßt und hatte keine Schwierigkeit, seinen Freund ebenfalls da einzuführen; gerade jetzt drängte jedoch die Zeit zu sehr, als daß sich einer der Beschäftigten hätte mehr als in kurzer Anrede mit ihnen einlassen können. Sie bekamen deshalb auch um so ungestörtere Gelegenheit, sich in dem kleinen Raum vollkommen gut orientieren zu können. Eine besonders interessante Gruppe bildeten hier der Erbförster Kuno und Samiel, von denen der Erstere dem letzteren eben mittels eines angebrannten Korkstöpsels die Nase schwarz färbte, damit diese, wie er auf Osfeld's Frage erklärte, dem Gesicht das Aussehen eines Totenkopfes gäbe.

»Denn sehn Sie,« nahm hier Samiel, sie als ein höchst artiger Teufel begrüßend, das Wort, »wenn de Nase schwarz is, so sieht man se nich vom Bublikum aus, und dann kriegt das Gesicht 'was Schreckliches!«

In dem Augenblick klingelte es, und der Vorhang ging wieder auf; die beiden Freunde blieben daher, um während der Aufführung keine Störung zu verursachen, hinter der Scene und unterhielten sich indessen mit Herrn Magnus, der eben beschäftigt war, ein ziemlich umfangreiches, wahrscheinlich eben gestimmtes Hackebrett wieder in seinen Kasten hineinzulegen, da sie ihm, wie er äußerte, während der Wolfsschlucht »hineindämmern« könnten.

Agathe sowohl wie Aennchen schienen aber ungemein wenig von ihren Rollen zu können, und der Director glaubte den Gästen darüber eine Erklärung schuldig zu sein.

»Sehen Sie,« sagte er, »die neuen Stücke, die geben wir gewöhnlich hier immer erst einmal am Montag bei Kurfirschtens, und die betrachten wir gewissermaßen als Generalprobe; kommen wir nachher am Mittwoch in's Weinlaub oder gar am Sonnabend in die schwarze Gasse – dann geht's auch dafür »wie geschmiert«.«

»Aber sagen Sie einmal, Herr Magnus,« frug jetzt der zu ihm tretende Max – »hier im Buch – oh, Sie entschuldigen,« wandte er sich gleich darauf mit einer Verbeugung an die Fremden, »hier im Buch steht, Max soll sich den Hut in's Gesicht drücken und zu »verschiedenen Thüren abgehen« – er darf doch nicht wieder kommen?«

»Au!« sagte Osfeld, den Wehrig in diesem Augenblick rücksichtslos auf den Fuß getreten hatte.

»Ne, ich bitte Sie um Gottes Willen!« rief zur gleichen Zeit der Direktor – »so seien Sie doch nicht so – Herr Gott, da draußen sehen Sie sich schon nach Ihnen um – Sie kommen ja.«

Und Max kam wirklich, denn mit flüchtigem Blick hatte er sich von der Wahrheit des Gesagten überzeugt – sein Stichwort war gefallen, und wie ein junger Sturmwind, nur freilich von der ganz entgegengesetzten Seite, als von welcher ihn Agathe erwartet hatte, stob er auf die Bühne und spielte in lobenswerter Leidenschaft die Scene durch. Da aber nun, wie Herr Magnus jetzt äußerte, die Vorbereitungen zur Wolfsschlucht zu viel Raum wegnahmen, als um blos zwischen dem Hintergrund und der Rückwand abgemacht zu werden, so mußte nach dieser Scene der Vorhang wiederum fallen, und der wichtigste Moment des Stücks nahte sich seinem Beginnen.

Kaum war die Leinwand herunter, als Magnus mit einem Satz auf die Bühne sprang und eine ungeheure Eule an die Kulisse schrauben wollte.

»So halten Sie doch nur uff!« meinte aber Samiel sehr ernsthaft – »es muß doch erscht verwandelt werden.«

»Ja so!« sagte der Director und nahm den Vogel der Nacht wieder an sich, einige von den Schauspielern dagegen stiegen schnell auf hinzugerückte Stühle und knüpften die Bindfaden am obern Theil der Coulissen auf, welche diese im Mittelpunkt festhielten. »Die Stube« fiel denn auch im nächsten Augenblick zu den Füßen der Bäume nieder, wo sie an der Wurzel der »Riesenstämme« auf einem Häufchen liegen blieb; die Hinterdekoration glitt auf gleiche Art über sich selbst zusammen und – »furchtbar gähnte der düstere Abgrund«. Nun wurden ebenfalls die nöthigen Vorrichtungen für das wilde Heer getroffen. Die Figuren nämlich, als: Drachen, Molche, Schlangen, Eulen und Gerippe, alle von Magnus selbst, in der Größe eines mäßigen Haushahns, auf Pappe gemalt, kamen an ein dünnes, von der rechten zur linken Hintercoulisse gespanntes Seil, damit der Spuk quer über die Bühne gezogen werden konnte.

Zu den ferneren Schrecknissen der Höllenschlucht gehörte auch noch ein Haufen Pflastersteine, die, als Entschuldigung für Todtenköpfe, zu dem Zauberkreis verwandt werden sollten, und neben diesen lag ein Haufen dünn gezupften Werges (Hede), dessen Nutzen aber erst später klar werden sollte. Auch die Eule saß jetzt, fest angeschraubt, auf ihrem Zweig (oder vielmehr auf freier Luft neben der Coulisse), während hinter ihren äußerst rund ausgeschnittenen Augenhöhlen ein matt und schläfrig loderndes Dreierlicht brannte. Draußen aber vor der Bühne jubelte und tobte die Menge.

»Anfangen – anfangen!« schrie das Publikum – »das währt ja eine Ewigkeit!« fiepte eine einzelne Stimme – »wir wollen mit helfen,« antworteten andere. – »Anfangen – Vorhang auf!« tobte der Chor wieder, und Magnus, schnell gefaßt, ergriff die Klingel und bearbeitete sie nach Leibeskräften.

»Herr Jeses – ich habe den Drehschwärmer noch nicht fest!« rief Samiel erschrocken.

»Thut nichts,« beruhigte ihn der Director – »ich klingelte nur, damit die Flegel da vorne glauben sollten, es ginge an, und Ruhe halten.« Das Mittel erwies sich auch als probat, denn der Sturm war beschwichtigt, und Alles harrte in gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen sollten.

»Wär' es nicht besser, wir sähen uns die Wolfsschlucht von draußen mit an?« frug Osfeld den Freund – »der Eindruck ist auf jeden Fall stärker.«

»Gern!« erwiderte jener, »aber was zum Henker macht denn der dort mit dem Werg?«

Sein Ausruf bezog sich auf einen kleinen dünnen Mann, der hinter der ersten Coulisse niedergekauert saß und mit der ernsthaftesten Miene von der Welt das Werg in kleine Kügelchen zusammendrehte und neben sich legte. Eben, als sie ihn über dessen beabsichtigte Nutzbarkeit fragen wollten, hatte der auf's Neue erwachte Unmuth des kaum noch zu bezähmenden Publikums seinen Höhepunkt erreicht, und die Klingel tönte nun in gutem Ernst, so daß die Beiden kaum noch Zeit behielten, vorzuspringen und ihre Plätze wieder einzunehmen. Da rollte der Vorhang auf, und zugleich tönte des Directors Stimme von innen hervor:

»Lichter aus!«

Das ließ sich denn auch die liebe Jugend nicht zweimal sagen – unter lautem Jubelruf fielen sie mit Mützen und Händen über die unglücklichen Talglichter her – denn Jeder wollte des Ruhmes theilhaftig sein, bei dem »Theater« mitgewirkt zu haben – und in wenigen Secunden herrschte finstere, grausige Nacht in der »Schreckensschlucht«.

Caspar stand in der Mitte und legte den Zauberkreis von Dresdner Straßenpflaster, während dicht neben ihm ein mit Augen und Nasenhöhlen versehener Kürbis Gastrollen als Todtenkopf gab.

»Chorsingen!« schrie da eine Stimme aus dem Publikum – aber »Ruhe – Ruhe!« gebot es von allen Seiten, und der gottlose Jäger begann, gerade als hinten aus einer großen blechernen Kanne Zwölfe geschlagen wurde, seine Beschwörung. Kein Laut regte sich weiter – kaum athmen hörte man die fest zusammengedrängte Menschenmasse – auf den Zehen, mit vorgestreckten Hälsen und zum Aeußersten aufgerissenen Augen starrten sie hin auf das, was sich jetzt vor ihnen entwickeln sollte – aber nichts – gar nichts konnten sie sehen, Samiel erschien – wenigstens vernahmen sie seine Stimme – doch tiefe Nacht deckte, höchst allegorisch, den Fürsten der Finsterniß – Max trat auf, und die Gestalt wurde, als sie in den Vordergrund schritt, allerdings sichtbar, wie er aber rief: »er sähe seiner Mutter Geist – so lag sie im Grabe –« und von Agathe erzählte, die in den Fluß springen wollte, da brummte der kleine dicke Fischer, der jetzt ganz behaglich einen der leergewordenen Stühle eingenommen hatte, leise vor sich hin.

»Der muß drämen – ich sehe weeß Gott nischt.«

Der Kugelsegen kam jetzt, und mit ihm das ganze Schauerliche der Schlucht; Magnus postirte sich dabei hinter die Eule und zog ruckweise an einem dort befestigten Bindfaden, um dieser die Flügel zu lösen. In der Maschinerie selbst mußte aber wohl etwas versehen sein, denn der einzige Erfolg des Ziehens war das Herunterfallen des Lichts, wobei die Eule natürlich die Augen schloß als ob ihr die ganze Schlucht zuwider gewesen wäre.

»Zwei!« sagte Caspar, und aus der linken Coulisse flog ein Irrlicht in Gestalt einer brennenden Flocke Werg, und zwar gerade auf des Kugelgießenden Leib geschleudert – der sich dessen jedoch noch entledigte.

»Drei!« und mehrere Irrwische zuckten in schneller Reihenfolge auf den trotzigen Jägerburschen ein.

»Werfen Sie doch nicht so hierher,« flüsterte dieser schnell und heftig in die Coulisse hinein – »Sie brennen Einem ja die Lumpen an – Vier!«

Immer dichter flogen die leuchtenden Flocken, und aus der gegenüberstehenden Baumgruppe kam ein einsamer Schwärmer herausgezischt.

»Fünf!« sagte Caspar – zwei Schwärmer prasselten dabei von der linken, ein dritter von der rechten Seite los, und hinten wälzte sich etwas Schwarzes über die Bühne; was? konnte natürlich nicht ergründet werden, und nur eine Frauenstimme hielt es – jedoch auch nur vermuthend – für »Magnussens Jungen«.

Das Schreckliche schien jetzt seinen höchsten Grad erreicht zu haben – die vorn gelagerte Jugend hatte sich dicht zusammengedrängt und schaute mit heimlichem Grausen auf das teuflische Treiben hin, was sich vielleicht zum ersten Mal dort ihren Blicken erschloß.

»Sechse!« brüllte Caspar, und jetzt flog auf einmal ein ganzer Klumpen flammenden Werges schnurgerade auf ihn zu, so daß er, ohne dadurch im Mindesten aus der Rolle zu fallen, aufsprang, gotteslästerlich und recht für den Platz passend zu fluchen anfing und in die Coulisse hinein drohte. Derselbe dunkle, schon früher erwähnte Gegenstand kam dabei zurück, wieder brannten mehrere Schwärmer ab, im Hintergrund, doch unsichtbar, ahmten verschiedene hohe und tiefe Stimmen eine Anzahl von Haus- und wilden Thieren nach, und Caspar stöhnte:

»Wehe, das wilde Heer!«

Diese Ankündigung und der Lärm war jedoch Alles, was man von der Existenz desselben erfuhr, denn nach dem Verplatzen der Schwärmer hatte sich eine solche egyptische Finsterniß auf die Bühne gelagert, daß man von den kleinen Pappfiguren, die in diesem Augenblick aller Wahrscheinlichkeit nach über die Scene gezogen wurden, auch nicht die Spur erkennen konnte.

»Sieben!« rief Caspar – in der Dunkelheit umhertappend – und jetzt kam der Schlußeffect des Ganzen. Der unbekannte Feuerwerker, der auf diesen Moment sicherlich schon sehnsüchtig gewartet hatte, schüttelte plötzlich in boshafter Schadenfreude einen förmlichen Sprühregen lodernder Wergkugeln über den unglücklichen Jägerburschen aus – Max fiel auf die Pflastersteine – Agathe hob das heruntergefallene Licht wieder auf und steckte es hinter die Eule, Samiel trat mit einem großen Schritt auf die Mitte der Bühne und entzündete hier mit gewandter Hand den Drehschwärmer, der sein Feuer rücksichtslos umhersprühte, die unbekannten Thierstimmen und Peitschenknall darstellendes in die Händeschlagen wurden wieder hörbar, und unter dem donnernden Jubelruf der Menge fiel der Vorhang.

Auf der Bühne schienen aber trotzdem die Spielenden ihre Rollen noch nicht beendet zu haben; denn kaum war mit dem Fallen der bunten Leinwand dem Publikum der Anblick sämmtlicher Schrecknisse entzogen, als auf der rechten Seite die Waldvorhänge zurückgerissen wurden und mit Blitzesschnelle das kleine dürre Männchen hervorglitt, das Wehrig früher schon als Feuerwerker aufgefallen war. Seine Eile erschien übrigens vollkommen gerechtfertigt, denn dicht hinter ihm, und als er eben mit unbeschreiblicher Gewandtheit zwischen den Füßen der noch immer der Bühne Zugedrängten verschwunden war, fuhr ein fürchterlich bemaltes, roth erhitztes Gesicht, zum Entsetzen einiger friedlichen postirten Dienstmädchen, aus der Walddecoration hervor, und die funkelnden, rachesprühenden Augen sprachen ganze Bände. Caspar durfte sich aber jetzt unmöglich schon wieder unter dem Publikum zeigen, es hätte die schöne Illusion zu sehr gestört – einen bittern Fluch also nur Dem nachschickend, der ihn – überdies schon von dem Höllenfürst bedrängt – so schwer geärgert hatte, zog er den Kopf wieder zurück, und das »Blättermeer« schloß sich über ihm.

So schnell die Erscheinung jedoch auch wieder verschwunden sein mochte, so war sie doch nicht unbeachtet vorübergegangen, und von Mund zu Mund lief der Ruf:

»Du – hast 'en gesehen? das war der Caspar!«

»Herrliches Jagdwetter heute!« Wer kennt nicht den Anfang des legten Actes – die Jäger traten auf. Waren aber die Spielenden schon im ersten Act über das confus gewesen, was ein jeder zu sagen hatte, so nahm dies jetzt wirklich auf eine an das Wunderbare grenzende Weise überhand, und keiner wußte mehr, mit welchem von ihnen der Souffleur sprach.

So hatte zum Beispiel in der Scene zwischen Max und Caspar Jener Diesen um seine letzte Freikugel gebeten, Agathe soufflirte aber nun schon zum fünften Mal, und zwar mit lauter Stimme: »Schuft!« aus der ersten Coulisse heraus, und Max that noch immer nicht, als ob ihn die Rede überhaupt etwas anginge, so daß dadurch Caspar verleitet wurde, den Kameraden gröblich zu beleidigen, und dieser nun zornig abging.

»Chor singen – Chor singen!« schallte es wieder, und zwar ziemlich durchdringend, aus dem Publikum heraus – »Chor singen!« tönte es von allen Seiten wieder, »Jungfernkranz singen – Jägervergnügen singen! – auf dem Zettel steht Chor – Chor!« rief und schrie es durcheinander.

»Bin doch neugierig,« sagte Osfeld, »wie sie da drinnen den Chor zu Stande bringen werden – komm, wir wollen einmal zusehen, vielleicht können wir helfen!«

»Mir recht,« lachte Wehrig, »es ist überdies nicht gut, daß der Baß sonst gewöhnlich beim Jungfernkranz fehlt.«

Sie standen auf und erreichten nach unzähligen »bitte um Entschuldigung und haben Sie die Güte« den Eingang zur Bühne, auf der aber indessen eine wesentliche Veränderung vorgegangen und alles Teuflische – nur Samiel ausgenommen – verschwunden war. Selbst die Eule lehnte, mit dem Kopf nach unten, in der Ecke, und das Hackebrett paradirte jetzt frei und offen auf einem schmalen Tisch, vor welchem Magnus im Anzug des Fürsten Ottokar, mit wehenden Barettfedern, stand und in jeder Hand einen der Klöppel schwang, mit welchen das Instrument gespielt werden sollte.

Der Vorhang war indessen wieder aufgezogen und der Tumult hatte sich beruhigt – Aennchen erzählte ihre Kettenhundgeschichte, und nun traten die Brautjungfern herein. Da aber – ehe noch ein frevelnder Mund das Wort »Chor« auf's Neue aussprechen konnte, quollen die sanften Töne, von wirklich geübter Hand hervorgelockt, aus den langgespannten Stahlsaiten, und Magnus präludirte den »Jungfernkranz« (der soll nie sagen, daß er ein Deutscher sei, der das Lied nicht kennt), während die hinter den Coulissen Stehenden als Caspar, Samiel, Max, der »Eramit« (wie er genannt wurde), und selbst Osfeld und Wehrig in Baß und Tenor mit einfielen zu dem, was Agathe und Aennchen vorn auf und etwa ein halbes Dutzend Freiwilliger indessen vor der Bühne sang. Zur Unterstützung piepten noch, aber nur leise und schüchtern, einige dünne Kinderstimmen mit ein in den feierlichen Chor, und Fürst Ottokar fuhr jetzt, mit kühner Hand in die Variationen des Liedes eingehend, schnell und sicher über die Saiten hin.

Da schwieg der Chor plötzlich – die Todtenkrone hatte sich gefunden – die Brautjungfern standen entsetzt – aber das Hackebrett schwieg nicht – wild rauschten die Töne – »veilchenblaue Seide« – die droschkenfahnfarbenen Barettfedern schwankten über dem Instrumente, die immer größere Aufregung des Spielenden bekundend. Vergebens that der»Eramit« Einspruch – vergebens nahm sich selbst Samiel der Sache an – Ottokar's Seele lag in den Saiten, und erst als schon Alle abgegangen waren, als die Stube wieder heruntergefallen, als Caspar, Max und Kuno aufgetreten, ja erst dann, als man nach dem Fürsten rief – verstummte der »Jungfernkranz«.

Ottokar sprang empor und war in dem einen Moment wieder ganz der Fürst. Mit stolzen Schritten trat er vor, sah sich im Kreise um – hob die Hand, und stimmte im nächsten Augenblick mit starker, wenn auch etwas heiserer Stimme das »Jägerlied« an.

Hierin aber war das Publikum zu Hause – von allen Seiten her fielen sie, freilich in gar sehr verschiedenen Tonarten ein, und ein solcher Sturm bewegte plötzlich den kleinen Raum, daß ein friedlicher Polizeidiener, der bis dahin – incognito – in dem benachbarten Schenkzimmer neben einem Glas Bier geschlafen hatte, plötzlich, völlig munter geworden, aufsprang und dem Schauplatz zueilte, da er – wie er später äußerte – geglaubt hatte, »es keilten sich welche«.

Bis zu diesem Lied nun war noch Alles so ziemlich in seinem ruhigen Gleis fortgegangen; bis hierher schien doch Jeder wenigstens eine Ahnung von dem gehabt zu haben, was in seiner Rolle stehe; von nun aber entstand eine Verwirrung, wie sie wohl noch selten dagewesen. Kein Mensch wußte mehr, was er zu sagen hatte und welches sein Stichwort sei. – Jeder sprach die verkehrten Sätze, und Agathe, die hinter der Coulisse vor soufflirte, mußte sich, nach einem Ausdruck des »Eramiten«, die Seele aus dem Halse schreien.

Zu diesem kam noch, daß der Director selbst die ganz besondere Eigenheit hatte, nie dieselben Worte, sondern immer nur den Sinn dessen wiederzugeben, was ihm soufflirt wurde! Geschah das nun aus Stolz oder aus dem Bewußtsein innerer Ueberlegenheit – wer konnte es ergründen? nur würde es Jeden zur Verzweiflung gebracht haben, der auf ein richtiges Stichwort von seiner Seite gewartet hätte.

»Wo ist die Braut? ich habe so viel zu ihrem Lobe gehört, daß ich auf ihre Bekanntschaft recht neugierig bin!« flüsterte die Souffleuse nun zum dritten Mal.

»Wo steckt aber denn nur die Braut?« sagte Fürst Ottokar, sich überall umsehend – »ich bin recht neugierig geworden, ihre werthe Bekanntschaft zu machen.«

»Ich habe so viel zu ihrem Lobe gehört!« keuchte die Souffleuse.

»Soll ein recht gutes Mädchen sein,« sagte der Fürst.

»Nach dem Beispiel Eurer erlauchten Ahnen war't Ihr immer sehr huldreich gegen mich und mein Haus!« rief die Souffleuse wieder; Kuno aber, der wohl fühlte, daß er in diesem Augenblick etwas zu sagen hatte, obgleich er kein Wort von dem verstand, was Agathe – die bis dahin ebenfalls ziemlich heiser geworden war – auf der andern Seite ablas, faßte sich ein Herz, trat einen Schritt vor und begann:

»Dorchlauchigster!«

»Nach dem Beispiel Eurer erlauchten Ahnen war't Ihr immer sehr huldreich gegen mich und mein Haus!«

»Dorchlauchigster!« wiederholte Kuno, der die letzten Worte verstanden hatte – »was mich und mein Haus betrifft« – er stak fest – keine zehn Pferdekräfte hätten ihn wieder losgerissen. Da nahm Caspar das Gespräch auf und dankte dem Fürsten für die Huld, die er »seinem Haus und ihm« stets bewiesen habe.

Max mußte nun laden, und Agathe flüsterte, über das Buch hinwegsehend:

»Caspar hat vielleicht noch seine letzte Freikugel – er könnte wohl gar – noch einmal und nimmer wieder –«

Alles schwieg.

»Caspar hat vielleicht noch seine letzte Freikugel – er könnte wohl gar – noch einmal und nimmer wieder –« sagte die Souffleuse, dringender als vorher.

Niemand regte sich – da trat Fürst Ottokar, der doch wohl nicht so ganz sicher war, ob das vielleicht in seiner eigenen Rolle stehe, vor, streckte die rechte Hand aus und sprach:

»Nun, so schieß – dies eene Mal noch, aber nie wieder!«

Max schoß wirklich – die Büchse ging glücklich los, und Caspar, der sich indessen schnell hinter einen im Hintergrund vorgehaltenes Stück Wald gestellt hatte, stürzte von seiner Höhe herunter und wand sich auf der Erde.

Nun aber nahm es die Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit der Schauspieler im höchsten Grade in Anspruch, die folgende Scene zu spielen und doch in gleicher Zeit zu nicht mehr als der gesetzlichen Zahl, zu Vieren, zusammen auf der Bühne zu stehen. Agathe übergab also schnell dem Aennchen ihr Soufflirbuch, rief: »Schieß nicht, Max – ich bin die Taube!« und fiel in Ohnmacht; Kuno aber und der Fürst traten in die Coulisse, und während Max neben Agathen kniete, erschien Samiel hinter seinem Opfer. Unsichtbarer Weise rief dabei Kuno:

»Schaut, oh schaut,
Er traf die Braut,
Der Jäger stürzte vom Baum,
Wir wagen's kaum,
Nur hinzuschaun,
Oh furchtbares Schicksal; oh Graun!«

Caspar wand sich indeß in fürchterlichen Zuckungen auf der Erde und stieß seine gotteslästerlichen Reden aus, während Samiel einige mit diesen harmonirende Bewegungen machte, als ob er im Begriff sei, Jenem die Seele, wie einen Bandwurm, aus dem Leibe zu ziehen.

»Dem Himmel Fluch – Fluch Dir!« schrie der zum Tode verwundete Jäger.

»Das war sein Gebet im Sterben!« flüsterte die Souffleuse.

Keiner achtete darauf; Max beschäftigte sich mit Agathen – die Uebrigen waren nicht da. So erbarmte sich denn Samiel – that einen letzten Ruck, als ob ihm die Seele abgerissen wäre, und sprach mit dumpfer Stimme: »Das war sein Gebet im Sterben!« – Dann erfaßte er den Körper des Caspar, schleppte ihn der Coulisse zu und wollte ihn eben hineinschleudern; der war ihm aber entweder zu schwer geworden, oder er hatte vielleicht aus Versehen auf den Jagdrock getreten, kurz, er kam in's Stolpern, ließ Jenen, noch halb auf der Bühne, fallen und schoß über sein Opfer hinweg in die Coulisse und – wahrscheinlich in den Abgrund der Hölle hinein, wobei er sich aber das übrig Gebliebene augenblicklich nachkommen ließ.

Nach Abgang der Beiden trat auch der Fürst mit Aennchen wieder heraus – Agathe erholte sich und Max gestand nun sein Verbrechen. Hierauf folgte die Ausweisung, und in diesem Augenblick, während Aennchen wieder in die Coulisse verschwand, erschien der »Eramit«.

Sein Auftreten war feierlich – der Fürst, Max und Agathe knieten vor ihm nieder – segnend breitete er seine Hände über sie aus – tiefes Schweigen herrschte im Saal – die vorn gelagerte Jugend lauschte in der gespanntesten Erwartung. Da drohte plötzlich eine aus dem Nebenzimmer kommende, höchst profane Stimme den ganzen schönen Zauber zu zerstören.

»Glöckner!« rief es.

»Ja.« antwortete ein tiefer Baß aus der Mitte des Publikums.

»Spielst' 'en Schafskopp mit?«

»Ne – jetzt noch niche – aber gleich,« entgegnete Glöckner. Doch Niemand lachte. »Ruhe!« rief der kleine dicke Fischer und sah sich ärgerlich um, und »Ruhe!« »Bst! bst!« tönte es von allen Seiten. Die Ruhe war augenblicklich wieder hergestellt – und der Fürst wurde nun versöhnt – Max bekam ein Jahr Urlaub, und jetzt plötzlich fuhr eine lange Hand links aus der Coulisse heraus und schüttete etwas auf die Erde – in der nächsten Secunde folgte dem Vorangegangenen ein brennendes Schwefelholz, und mit den Schlußworten: – »darf kindlich der Milde des Vaters vertrauen!« stieg eine bläulichrothe bengalische Flamme auf, die das ganze Theater in ihren magischrosigen Schein hüllte.

»A–h!« tönte es aus jedem Munde – der Eremit hob wie betend seine Hände empor und – der Vorhang fiel schnell.

Da erst gewann das Publikum Athem und Besinnung wieder.

»Caspar 'raus!« tobte jetzt die Menge – »'raus! 'raus! Caspar 'raus!«

»Samiel ooch!« piepte die ganz feine Stimme.

»Caspar 'raus! – 'raus mit 'em Caspar!«

Osfeld und Wehrig suchten Caspar zu überreden, daß er sich doch »dem Volk zeigen möchte«; dieser aber, der sich schon eines höchst nöthigen Kleidungsstückes entledigt hatte, rief ihnen entgegen:

»Ich kann ja nicht – ich bin ja schon ausgezogen.« Doch was halfen solche Entschuldigungen – »es tobt der See und will sein Opfer haben«. »Caspar 'raus!« donnerte die Menge, und er mußte, wohl oder übel, in das Kleidungsstück zurückfahren. Schnell zog er sich noch den alten Oberrock über, frug den Director, als er sich die Haare aus dem Gesicht strich und die zwei untersten Knöpfe einhakte: »Was zeig' ich denn an?« und trat auf die schnell gegebene Antwort hinaus.

»Bravo!« schrie die Menge – »noch emal so en Feier!« eine einzelne Stimme, und Caspar sprach, die rechte Hand auf dem Herzen und mit tiefer Verneigung:

»Ich hoffe – diesen Beifall – nicht verdient zu haben; heut über acht Tage,« fuhr er dann aber mit etwas erhöhter Stimme fort –»werden wir die Ehre haben wieder aufzuführen: »Kunibert von Eulenhorst, oder der geschundene Raubritter – Ritterschauspiel in fünf Aufzügen«

»Magnus soll leben – hoch!« jubelten ein paar Tenorstimmen – »hoch! und abermals hoch!« fiel der Chor ein, und hinaus strömte das Publikum in's Freie. Zur Thür drängte sich die muntere Schaar – die jungen Leute, die Mädchen und das Militär, die Fischer und Handwerker – scherzend und lachend, ein Theil noch in dem Wirthshaus selber den Abend zu verbringen und auf dem schmutzigen Billard die Kugeln hinüber und herüber zu stoßen, oder sich auch in kleinen Gruppen durch die Stadt zu zerstreuen, den eigenen ärmlichen Wohnungen zu, und von Samiel und Wolfsschlucht zu träumen.

Osfeld und Wehrig aber blieben noch zurück und waren schweigende Zeugen, wie die Herrlichkeit verging, wie die Lichter erloschen – die Künstler wieder Menschen wurden. Das Komische war entschwunden, und der Ernst des Lebens schaute höhnisch, wie aus einem nackten Todtenschädel hervor.

»Was macht das Kind?« frug Max, der die Jagdkleider abgelegt und nur die Reiterstiefeln noch anbehalten hatte, eine junge Frau – seine Frau, die eben zur Thür hereintrat.

»Es lebt noch,« erwiderte diese mit verweinten Augen – »wenn Du's aber noch einmal sehen willst, so mach', daß Du nach Hause kommst.«

»Ist Ihr Kind so krank?« frug Osfeld teilnehmend.

»Ja – ich glaubte nicht, daß ich es nach dem Theater noch am Leben finden würde,« seufzte Max aus tiefer Brust.

»Wie konnten Sie aber spielen, wenn Sie Ihr Kind zu Hause so leidend wußten?«

»Der Winter ist hart,« seufzte die Frau – »und die paar Groschen thun noth.« Damit verschwanden die Beiden in der Thür.

Magnus sah ihnen, das Kinn in die Hand gestützt, nach; dann wandte er sich seufzend ab und murmelte, mehr mit sich selbst als zu den Anderen redend.

»Ja, ja – es thut weh – recht weh – dagegen kommt's aber doch nicht auf, wenn man draußen stehen und den Hanswurst machen, tanzen, springen und tolle Spaße reißen muß – und daheim dann indessen die Frau auf dem Stroh liegt.«

»Und das haben Sie gethan?«

»Der Mensch kann viel ertragen,« fuhr der Director fort, indem er das Hackebrett wieder in den Kasten legte – »leben, mein Gott, leben wollen wir ja Alle – ich habe sieben Kinder.«

»Bringt Ihnen denn das Theaterspielen auch so viel ein, daß Sie davon leben können?« frug Wehrig.

»Im Winter, ja – wenn nur die langen Sommerabende nicht wären – da aber einen ganzen Abend Komödie zu spielen und nachher – es ist schon dagewesen – vier Pfennige auf den Antheil heraus zu bekommen, da reicht's denn freilich nicht einmal für trocken Brod aus.«

»Warum ergreifen Sie aber nicht etwas Anderes; verstehen Sie keine Profession?«

»Ja – aber das ist zu spät,« seufzte jener – »ich bin alt und schwächlich – würde auch keine Kundschaft mehr bekommen.«

»Dann sollten Sie sich aber wenigstens bemühen, Ihr Theater so viel als möglich zu verbessern. Eine erhöhte Bühne würde Ihnen zum Beispiel einen viel größeren Zuhörerkreis sichern, weil denn auch die weiter Zurückstehenden im Stande wären, von den Schauspielern mehr zu sehen als eben die Köpfe.«

»Ja, wenn ich das dürfte!« erwiderte der Director –»das ist mir aber polizeilich verboten – warum? weiß der liebe Gott; sie können doch unmöglich befürchten, daß ich dem Hoftheater Schaden thue. Auch darf ich nie mehr wie vier Personen auf einmal draußen stehen lassen – da kriecht immer so ein oder der andere Polizeidiener hier herum, und neulich, wo einmal aus Versehen fünf geblieben waren, zeigte mich der an, und ich mußte einen Thaler und fünfzehn Neugroschen Strafe bezahlen – das schmerzt. Einundzwanzig Groschen hatten wir im Ganzen eingenommen, und nun noch der Saal und die Lichter! Ja, wenn die großen Herren da oben nur manchmal wüßten, wie ungerecht solche Strafen vertheilt sind – sie änderten es gewiß ab – denn so bös sind sie nicht, sie wissen's nur nicht. Ein Thaler fünfzehn Neugroschen! – das klingt ihnen so unbedeutend – so wie gar nichts – und dafür mußten neun Menschen zwei Tage lang hungern!«

»Läßt sich denn aber dagegen gar nichts thun?« frug Osfeld.

»Gegen die Polizei?« meinte achselzuckend Magnus und lächelte mitleidig über die Frage. »Doch, meine Herren, ich muß nach Hause – die Frauen sind schon alle fort – beehren Sie uns doch recht bald wieder.« Damit folgte er, den jungen Leuten erst noch freundlich die Hände drückend, den Vorausgegangenen. Osfeld und Wehrig wollten sich jetzt ebenfalls entfernen, als ihnen der noch bis zuletzt gebliebene »Intriguant« entgegentrat.

»Komischer Mann das,« sagte er, dabei mit dem Finger hinter dem Director drein deutend – »lamentirt in einem fort und ist eigentlich selber schuld daran.«

»Aber wie so?« frug Osfeld – »er thut doch wohl Alles, was in seinen Kräften steht?«

»Zugegeben,« lächelte jener, indem er dabei ein Töpfchen Schminke, ein wenig Baumwolle, ein »Endchen« Talglicht und einen am untern Ende schwarz gebrannten Korkstöpsel zusammen in ein Papier wickelte und dies in die hintere Rocktasche schob – »zugegeben, daß er wirklich Alles thut, was in seinen Kräften steht – das ist aber nicht genug – er muß mehr thun, er muß speculiren. Sehen Sie, zum Beispiel mit der Garderobe –«

»Die borgen Sie für jeden Abend – nicht wahr?«

»Ganz recht – teilweise wenigstens; denn ein paar Schwerter und andere Geschichten haben wir schon – aber was kostet das? Dafür bekommt der Jude die Woche zwei harte Thaler – ich habe meinen Aerger schon genug darüber gehabt. Wenn man einmal Abends in Gedanken bei feuchtem Wetter mit den hirschledernen Stiefeln nach Hause geht, oder sich aus Versehen mit so einem erbärmlichen sammtmanchesternen Wamms zu Bett gelegt hat, daß vielleicht Morgens noch ein paar Federn dran hängen, dann ist immer gleich der Teufel los – wozu das? Warum schaffen wir uns nicht Garderobe an? Warum kaufen wir uns keine?«

»Kaufen?« entgegnete ihm Wehrig – »wovon denn? Der Director klagt ja doch, daß er kein Geld habe; wovon soll er also Garderobe kaufen? Etwa auf Credit nehmen?«

»Oh ja – das wäre eine sehr gute Idee, der Credit,« rief der Schauspieler, indem er sich noch einmal im Zimmer umsah, ob er nichts vergessen habe, und dabei sämmtliche Taschen befühlte – »sehr gute Idee das, aber – es borgt uns Niemand; der Versuch ist schon mehrere Male gemacht. Nein, Umsicht gehört dazu, und mit Umsicht wollte ich ihm in vier Wochen Garderobe herstellen.«

»Doch auf welche Art?« frugen die jungen Leute, jetzt selbst neugierig gemacht, zu gleicher Zeit.

»Auf sehr einfache,« sagte der Intriguant, und fing an, seinen schon etwas mitgenommenen Rock bis oben hinaus zuzuknöpfen. »Sehen Sie, bei Konversationsstücken, da muß sich Jeder seine eigenen Lumpen halten, und da wir die Woche hindurch immer nur ein Stück, wenn auch an fünf oder sechs verschiedenen Orten geben, so sparen wir also in jeder solchen Woche zwei Thaler. Nun lassen Sie uns einmal vier Wochen hintereinander Conversationsstücke geben – und da kommen immer nur erst vier auf jedes Wirthshaus – dann haben wir acht harte Thaler gespart, und damit kauf' ich dem Teufel seine Garderobe ab!«

»Mit acht Thalern!« rief Osfeld erstaunt aus.

»Mit acht Thalern!« betheuerte der Intriguant, während er sich den Hut in die Stirn drückte und ein kleines Bündel, das er in der Hand trug, und was einem reinen, wahrscheinlich noch zu schonenden Hemd sehr ähnlich sah, fester zusammenrollte und unter den linken Arm schob – »mit acht Thalern kaufe ich den ganzen Bettel; doch es wird spät, der Wirth will zuschließen. Also – 'pfehle mich ergebenst, meine Herren!« Und damit, weil er wahrscheinlich glaubte, die Laien tief genug in die Geheimnisse seiner Berechnungen eingeweiht zu haben, stieg er die steile Treppe hinab.

Die jungen Leute sahen ihm mit einem Gemisch von Staunen und Mitleid nach, und einen eigenen unheimlichen Zauber übte dabei ihre ganze trostlose Umgebung; der Wirth aber, der schon seit einigen Minuten, mit einem dünnen, flackernden Talglicht in der Hand, das Fortgehen der so lange Säumenden erwartet hatte, schien nicht Lust zu haben, noch länger seine eigene Bequemlichkeit wie das Talglicht der Zugluft preis zu geben. Sie folgten seiner ungeduldig werdenden Bewegung, er schloß dicht hinter ihnen die Thür zu, riß den Zettel ab und überließ es jenen, ihren Weg in's Freie zu finden, was jedoch mit Hülfe einer noch im Voraus brennenden Laterne gelang.

Bald standen sie wieder am Ufer der Elbe, und der heitere, blauklare Nachthimmel lachte hell und freundlich auf die stille Erde, auf Glückliche und Unglückliche hernieder.








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