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Joachim Wilhelm von Brawe: Der Freigeist - Kapitel 9
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDer Freigeist
authorJoachim Wilhelm von Brawe
year2001
titleDer Freigeist
senderffischer@texttech.de
firstpub1757
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Dritter Auftritt.

Granville, Clerdon.

Clerdon (zu einem Bedienten, der ihn bis an die Türe begleitet). Dies ist also das Zimmer des Fremden, der mich zu sprechen verlangt? (Indem er sich umsieht.) Wen seh' ich! – ich erstaune – Granville! –

Granville. Umarmen Sie mich, liebster Freund, lassen Sie mich eines so lange entbehrten Glücks wieder genießen.

Clerdon. Sie nennen mich Ihren Freund! Sie wollen mich umarmen? Entweihen Sie diese Liebkosungen nicht, die Sie an einen Elenden verschwenden, der nichts als Unwillen verdient. Lassen Sie mich Sie fliehen. Ihre Gegenwart ist mir ein zu marternder Vorwurf.

Granville. Halten Sie ein mit diesen Reden, liebster Clerdon. Wäre ich nicht unwert, jemals Ihr Freund gewesen zu sein, wenn die geringen Nebel, die neulich einige Zeit unsre Freundschaft umzogen, mich diesen Namen ganz hätten vergessen lassen? Und zu welcher Zeit? Zu der, da die Pflichten desselben am heiligsten sein müssen, da mein Freund in bedrängten Umständen ist. Vielleicht hatte ich Sie beleidigt – Sie haben mich bestraft. Die kurze Zeit, da ich Ihre Gegenwart entbehren müssen und die für mich so quälend war, wird mich lehren, künftig vorsichtiger zu sein. Vergeben Sie mir meinen Fehler, und lassen Sie mich wieder den süßen Namen Freund von den Lippen meines Clerdon hören.

Clerdon. Zu großmütiger Freund – mit Zittern nenne ich dieses Wort, dessen ich unwürdig bin –, wie durchbohren Sie mein Herz! ich, nur ich hatte Sie beleidigt, und warum? weil Sie mich liebten, weil Sie mir die Hand reichten, mich von einem Abgrunde zu retten, an dem ich sorglos herumirrte. Ich Elender! wütend stieß ich diese mitleidige Hand zurück –

Granville. Noch einmal, Clerdon, hören Sie auf, davon zu reden. Lassen Sie das das Zeichen sein, daß Sie mir Ihr Herz wieder schenken, daß Sie von den traurigen Zufällen schweigen, die mir es entwandt hatten. Die ersten Tage unserer wiederauflebenden Freundschaft, die uns so freudig und heiter sein sollten, werden ohnedem wolkicht genug sein. Ich habe Ihnen Nachrichten zu bringen – bereiten Sie Ihr Herz, den fürchterlichsten Anfällen des Schreckens und der Betrübnis Widerstand zu tun – Ihr Vater –

Clerdon. Sie stocken – genug, Freund, mein Unglück, mein Verderben ist auf seinem Gipfel – meine Verzweiflung muß es auch sein – (Er will abgehn.)

Granville (hält ihn zurück). Wohin, Clerdon? Unmännliche Verzweiflung! Rufen Sie jenen Mut zurück, der Sie sonst über andre erhub. Ihr Vater, es ist an dem, ist dahin; doch so tief ihn auch sein Unglück erniedrigte, so starb er dennoch nicht in Verzweiflung. Welch ein Heldenmut in seinen letzten Stunden! – Itzt zürnt er vielleicht, daß ihm sein Sohn so unähnlich ist.

Clerdon. Nein, er wird diesen Elenden seines Andenkens unwürdig halten, und denkt er an ihn, so wird er ihn verabscheuen. Schonen Sie meiner nicht, sagen Sie mir das Schrecklichste, das mir noch übrigbleibt. Erzählen Sie mir die fürchterlichen Flüche, die sein Zorn in seinen letzten Stunden wider mich aussprach – – ich hatte sie verdient – konnte er meinen Namen ohne Entsetzen hören? foderte er nicht Elend und Verderben über einen Sohn auf, der sein Verderben geworden! Marternder Gedanke! – Lassen Sie mich, Freund, ich eile, ihn zu rächen.

Granville. Nein, ihn aufs neue zu beleidigen – sein Gebot, das Gebot Ihres sterbenden Vaters, befiehlt Ihnen etwas anderes. Bezähmen Sie diese stürmende Betrübnis, und hören Sie von mir die Empfindungen seiner letzten Stunden. Wie unähnlich sind sie Ihren Besorgnissen! die einen so zärtlichen Vater beleidigen – Ich übergehe die genauern Umstände seines Todes, Ihre zu sehr aufgebrachten Leidenschaften verstatten nicht diese Erzählung – meine Tränen verraten mich –, sie waren traurig –

Clerdon. Nur zu sehr sagen mir diese Tränen, wie schrecklich sie gewesen sind.

Granville. Ich war damals entfernt. Sobald ich seinen gefährlichen Zustand vernommen, kehrte ich nach London zurück. Ich sah ihn. Alle seine Züge verkündigten den kommenden Tod; doch herrschte eine Gelassenheit in ihnen, die seine ganze edle Seele entfaltete. "Sie sehn es", sagte er mit leiser, gebrochner Stimme, "das Ende meiner Bedrängnisse nahet heran. Ich sehe ihm mit Freuden entgegen, ich segne die erlösende Hand des Todes, und ich würde ganz Heiterkeit sein, wenn nicht eine Betrachtung mich noch mit Schmerz erfüllte. Mein Sohn" – hier ward seine Sprache von Seufzern erstickt, Tränen überflossen sein bleiches Gesicht – "Mein Sohn ist fern, in Gefahr, in Unglück, ich muß sterben und kann ihn nicht zuvor wieder glücklich wissen. Eilen Sie zu ihm, erheitern Sie zum mindsten seine Seele mit Trost; sagen Sie ihm, daß ich ihn liebe, daß ich ihm vergebe, daß diese ohnmächtigen Hände sich für ihn zum letztenmale falten, diese sterbenden Lippen für sein Wohl die letzten Gebete stammeln, daß meine letzte Träne für ihn geflossen ist. Bringen Sie ihm meinen Segen, und sollte ihn mein Tod betrüben – denn vielleicht liebt er mich noch –, so beschwören Sie ihn, seinen Schmerz nicht ausschweifen zu lassen; doch sagen Sie ihm zugleich" – hier erhub sich seine Stimme, sein Ansehn ward feierlicher – "wo die Bitten, das Gebot seines sterbenden Vaters, wo die Stimme seines warnenden Schutzengels, der vielleicht durch mich redet, etwas über ihn vermögen, so soll er zur Tugend und Religion zurückkehren, dann werde er glücklich sein" – Ich habe mich bestrebt, die Worte Ihres Vaters beizubehalten, keine können seine Regungen lebendiger ausdrücken – Sobald er sie geredet, sammelte er den letzten Rest seiner hinsinkenden Kräfte, richtete sich empor, hub seine Augen gen Himmel und tat die feierlichsten Wünsche für Ihre Änderung und Glückseligkeit. Unter diesem Gebete überraschte ihn der Tod, und sein letztes Wort war der Name seines Sohnes – Und nun, liebster Freund, gehorchen Sie der Bitte Ihres Vaters, lassen Sie sich durch die Last Ihrer Schmerzen nicht überwältigen – Sie schweigen? eine trunkne Betäubung scheint Sie fühllos gemacht zu haben? – Durchbohren Sie mich nicht länger durch diesen Anblick.

Clerdon. Zu zärtlicher Freund eines Unwürdigen, überlassen Sie mich einige Augenblicke mir selbst, geben Sie mir Muße, mich aus diesem Wirbel aufrührischer Leidenschaften herauszuarbeiten.

Granville. Ich gehorche; wenn Sie es erlauben, werde ich bald wieder zurückkehren.

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