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Joachim Wilhelm von Brawe: Der Freigeist - Kapitel 7
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDer Freigeist
authorJoachim Wilhelm von Brawe
year2001
titleDer Freigeist
senderffischer@texttech.de
firstpub1757
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Zweiter Aufzug.

Erster Auftritt.

Granville, Miß Amalia.

Granville. Wie glücklich sind wir, meine Schwester! Nach einer so langen Entfernung befinden wir uns wieder so nahe bei unserm bedrängten Freunde.

Amalia. Hast du ihn bereits gesehen?

Granville. Ich sah ihn vorhin, ohne von ihm bemerkt zu werden. Er eilte in den Garten an diesem Hause. Doch wie sehr –

Amalia. Sage mir vorher, ob wir fürchten müssen, daß ihm unsre Ankunft, bevor es zu unserm Vorhaben bequem ist, wird bekannt werden?

Granville. Ich fürchte nichts. Ich glaube genugsame Mittel darwider vorgekehrt zu haben.

Amalia. So hast du den unglücklichen Clerdon gesehn? Er beleidigte mich – dennoch kann ich für sein Schicksal nicht unempfindlich sein.

Granville. Deine Empfindungen sind gerecht, er war für dich bestimmt. Ein gleiches heiliges Band verknüpfte ihn mit mir; er war mein Freund – trauriger Gedanke! Vielleicht haßt er mich itzt, da ich ihn zu retten komme – als ich ihn sah – wie wahr hat uns Truworths Brief seinen Zustand geschildert! – wie verändert war er! Nicht mehr der blühende Jüngling, den die Gesundheit, die Freude und Lebhaftigkeit überall zu begleiten schienen. Sein verfallnes Gesicht war in kranke Schwermut und finstern Verdruß eingehüllt, seine wankenden Schritte verrieten Angst und Entsetzen. Der strafende Arm des Himmels muß über ihn schon ausgestreckt sein; er büßet bereits – du weinst, Schwester? –

Amalia. Du kennst mich, und es befremdet dich, mich bei seinen Leiden gerührt zu sehn? Unglücklicher Jüngling! vielleicht sind dies die Boten deines nahen Verderbens.

Granville. Laß uns beßre Hoffnung fassen. Vielleicht wird diese Schwermut zur Quelle seines Glücks. Was ist der Zweck unsrer Reise? Ist es nicht, einen liebenswürdigen jungen Menschen der Tugend und Religion wieder zuzuführen, dessen Herz dieser Bemühung nicht unwürdig ist? Und könnte wohl etwas unserm Vorhaben günstiger sein, als wenn das in ihm wieder entfesselte Gewissen uns den Weg dazu bahnte? Clerdon ist kein Unmensch. Ein Bösewicht hat ihn verführt, allein seine Verblendung kann nicht ewig währen.

Amalia. Du entzückst mich, Bruder; ja, mein Herz überläßt sich dieser liebkosenden Hoffnung. Ich werde den Clerdon wieder tugendhaft, wieder getreu sehn; ich werde ihn ohne Tadel wieder lieben können: Mit welcher Freude werde ich mein Vermögen mit ihm teilen. Sein Unglück, das ihm alles, nur mein Herz nicht geraubt hat, macht ihn mir werter. Ich werde ihm also seine Ruhe, seinen Wohlstand, seine Freude wiedergeben können. Entzückender Gedanke! – Aber vielleicht liebt er mich nicht mehr – sollte dieses sein – und warum zweifle ich? –

Granville. Fürchte nichts. Er wäre deiner unwürdig – ein Ungeheuer, könnte er dich vergessen. Eine Liebe wie die seinige kann durch lärmende Ausschweifungen übertäubt, niemals ganz unterdrückt werden. Du selbst hast vor seiner Flucht aus London häufige Merkmale davon gehabt – doch itzt entferne dich. Ich habe den Clerdon um diese Zeit hieherrufen lassen – Ich werde ihn rühren. Der unglückliche Fall, von dem ich ihm Nachricht bringen muß –

Amalia. Sollte ihn auch diese Nachricht zu sehr niederschlagen? Sie ist schrecklich; ich kenne sein zärtlich Gefühl und überdies seine Schwermut – ach, sein Herz braucht keine neuen Wunden! Schone ihn, setze ihn nicht in Verzweiflung.

Granville. Deine Neigung verführt dich. Einen Freigeist zu rühren – Tränen entfallen mir, da ich dies von meinem besten Freunde sagen muß –, kann nichts schrecklich genug sein – Entferne dich nur und überlaß meiner Freundschaft diese Sorge. Du weißt, ich bin nicht gemacht, jemand grausam zu begegnen.

(Amalia geht ab.)

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