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Joachim Wilhelm von Brawe: Der Freigeist - Kapitel 6
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDer Freigeist
authorJoachim Wilhelm von Brawe
year2001
titleDer Freigeist
senderffischer@texttech.de
firstpub1757
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Fünfter Auftritt.

Clerdon, Truworth.

Clerdon. Umsonst, Truworth, nichts kann meine Unruhe verdrängen – (Da er den Widston erblickt, der sich entfernt.) War das nicht Widston, der jetzt so eilig hinwegging? Wo muß sein Herr sein, ich glaubte ihn hier zu finden. Sein Umgang ist vielleicht das einzige, was meine Schwermut aufheitern kann. Vergebens sind alle Versuche, mich zu zerstreuen; gleich unversöhnlichen Feinden dringen mir quälende Vorstellungen überall nach und verkleiden auch die freudigsten Aussichten um mich her in eine finstre Gestalt.

Truworth. Und Sie haben mir bis itzt die außerordentliche Ursache dieser Betrübnis verhehlt?

Clerdon. Du weißt, daß ich einen Vater, eine Geliebte, einen Freund hatte, daß ich sie unverzeihlich beleidigt, und sie befremdet dich? – Ach, mein Vater, wie schrecklich wirst du an dem Unmenschen gerächt, der dich betrüben konnte! Ja, Truworth, dieser ehrwürdige Greis schwebt zu meiner Verzweiflung mir stets vor Augen. Wie zerreißt nicht mein Herz das Andenken jener Beleidigung, die ich ihm kurz vor meiner Flucht zufügte? Meine Ausschweifungen hatten mich aufs neue in einen fürchterlichen Mangel gestürzt. Mit unbändiger Frechheit eilte ich zu diesem liebreichen Vater, der mich ihm schon so oft entrissen. Wie trotzig foderte ich neue Hülfe; wie mußte sein Herz bei meinen harten und drohenden Worten bluten! Er schwieg – mit unaussprechlicher Zärtlichkeit heftete er seine gütigen Augen auf mich. Tränen brachen aus ihnen mit Gewalt hervor. Ohne mir Vorwürfe zu machen, übergab er mir den letzten Rest seines Vermögens, umarmte mich, benetzte mich mit seinen Tränen und sagte Worte, die mich itzt mehr peinigen, als tausend Folterer vermöchten. Dank sei der Vorsicht, sprach er, daß mir soviel übriggeblieben ist, deinen dürftigen Umständen, mein Sohn, beizustehen. Was schadet es, daß ich selbst nichts mehr habe? Laß mich, Gott, laß mich unglücklich sein, nur mache meinen Sohn glücklich und tugendhaft! – Und dies konnte mich nicht rühren! und ich konnte ihn verlassen, diesen teuren, diesen so sehr gekränkten Vater? – Ich Unmensch!

Truworth. Wie ergötzend ist es für mich, diese Empfindungen bei Ihnen zu bemerken! Verzeihen Sie einem alten Diener, der schon lange Jahre gewohnt war, Sie zu lieben und – ja, ich darf es kühnlich sagen – Sie als ein Vater zu lieben – Ich sehe die Tugend wieder in Ihnen aufleben, und ich wünsche Ihnen Glück dazu. – Wie lange beweinte ich die unselige Verblendung, die Sie gefesselt hielt; itzt ist sie zerteilt; kommen Sie, mein Herr, kehren Sie nach London zurück, Tugend und Religion –

Clerdon. Was? Religion? ein Phantom, vor dem ich schon lange nicht mehr erzitterte.

Truworth. Wie, mein Herr, Sie verachten etwas, das Sie sonst so liebenswürdig, so geehrt und, darf ich's sagen, ruhiger, als Sie itzt sind, machte? Mein Verstand ist zwar viel zu geringe, als daß ich über so wichtige Sachen mit Ihnen zu streiten mich erkühnen sollte. Allein es ist ja nur kurze Zeit, daß Sie das, was Sie itzt Aberglauben nennen, noch eifrigst verehrten. Haben Ihre Einsichten in so wenig Zeit einen so außerordentlichen Zuwachs bekommen?

Clerdon. Höre auf. Der Pöbel und Kinder mögen die Religion glauben, ich nicht.

Truworth. Eins erlauben Sie mir hinzuzusetzen. Warum sind Ihnen nach Ihrer Veränderung so viele Widerwärtigkeiten zugestoßen! Ihr vorher so stolzerhabenes Glück liegt zerstört, nichts als Mangel und Elend drohn Ihnen; wie traurig und schwermütig erblicke ich Sie itzt! Sollte sich der Himmel vielleicht – ich zittre, es auszusprechen –, sollte er sich rächen! (Er wirft sich ihm zu Füßen.) Ach, mein Herr, mit Tränen muß ich Ihre Knie umfassen – entschuldigen Sie meinen Eifer – lassen Sie die letzten Tage Ihres Vaters heiter sein; lassen Sie ihn nicht mit Angst über Ihr künftiges Schicksal ins Grab sinken. Beschleunigen Sie nicht die Strafe des Himmels, die zu zögern scheint – sollte es geschehen, was ich befürchte – Ihr Unglück würde mein Tod sein.

Clerdon. Stehe auf. Deine Treue zu belohnen, will ich deine Unbescheidenheit vergessen. Allein ich gebiete es dir, rede mir niemals mehr davon – was meinen Vater betrifft, so habe ich bereits darauf gedacht, ob ich nicht wieder zu ihm zurückkehre. Der Gedanke, ihn länger vielleicht in den kläglichsten Umständen schmachten zu lassen, ist mir unerträglich. Ich gehe, mich mit meinem Freunde Henley darüber zu entschließen.

Truworth. Er Ihr Freund? Vertrauen Sie sich ihm nicht; seit seiner unglücklichen Bekanntschaft – ja, ich will reden, ich will mein Herz entledigen; länger zu schweigen, wäre ein Verbrechen – er ist Ihr Verführer, Ihr Feind, Ihr Verderber.

Clerdon. Schweig, Unverschämter! – Und du wagst es, den Namen meines Freundes, den mir so heiligen Namen, mit Unehrerbietung zu nennen? Und du wagst es – Fliehe meinen Zorn, Elender, sonst dürfte ich vielleicht vergessen, daß du meiner Rache unwürdig bist.

(Sie gehn auf verschiednen Seiten ab.)

Ende des ersten Aufzugs.

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