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Joachim Wilhelm von Brawe: Der Freigeist - Kapitel 4
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDer Freigeist
authorJoachim Wilhelm von Brawe
year2001
titleDer Freigeist
senderffischer@texttech.de
firstpub1757
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Dritter Auftritt.

Henley und hernach Widston.

Henley. Wie kleinmütig wird er! Ich muß meine Vorsicht verdoppeln, daß mein Sieg mir nicht aus den Händen schlüpft. (Widston tritt auf.) Danke es deinen mir geleisteten Diensten, daß ich deine vorige Weichherzigkeit vergessen kann; allein mache dich meines Vertrauens nicht unwürdig.

Widston. Dies Verbrechen ist mir unmöglich.

Henley. Vernimm nunmehr, was mich vorhin so bestürzt gemacht hat – Sobald Clerdon hier angelangt war, bewog ich ihn, sich allen möglichen Lustbarkeiten zu überlassen. Doch alle diese Zerstreuungen haben nicht hindern können, daß ich nicht oft die Spuren einer tiefen Schwermut an ihm bemerkt hätte. Kurz, Clerdon büßet bereits für seine Verbrechen. Wie angenehm würde seine Marter meinem Hasse sein, wenn sie mir nicht wegen seiner künftigen Veränderung Furcht erweckte. Jedoch sein Ehrgeiz, den ich zu rechter Zeit rege zu machen weiß, die Zerstreuungen, in denen er durch mich beständig herumirrt, und der Charakter eines Freigeists, den er öffentlich angenommen hat, werden ihm schon den Weg zur Besserung verschließen. Noch ein oder zwei Verbrechen mehr, so artet seine Schwermut in Verzweiflung aus, so wird er vollkommen unglücklich und ich glücklich und gerächt. – Doch ich zittre, wenn ich bedenke, was für eine furchtbare Hindernis meiner Absichten ich heute erblickt habe. Granvillen – einst seinen besten Freund –, nun wird deine Verwunderung über meine Bestürzung aufhören. Dieser kömmt gewiß, ihn zu retten. Was meine Furcht vergrößert, ist, daß, wie man mir gemeldet, seine Schwester ihn begleitet, beide diese Nacht hier angekommen und den untern Teil dieses Hauses bezogen haben. – Welcher Unglückselige muß ihm unsern Aufenthalt verraten haben?

Widston. Weiß Clerdon schon –

Henley. Er weiß noch nichts. Indessen muß er es bald erfahren. Und meine Rache – doch was fürchte ich? Diese soll mir dennoch nicht fehlschlagen. Clerdon triumphiere noch nicht, Himmel und Erden sollen ihn dafür nicht schützen können. Eher will ich seinen Freund, seine Geliebte – Umsonst sind sie zu seiner Rettung gekommen, sie mögen für sich selbst zittern – meine Rache soll sie gemeinschaftlich ergreifen; ihr gemeinschaftliches Verderben soll meinen Triumph erhöhen – ja, Widston, ich werde ein Mittel finden, sie alle dreie, eines durch das andre aufzuopfern.

Widston. Wird nicht Ihre Liebe zum mindsten Miß Granville ausnehmen?

Henley. Was Liebe? wer mich beleidigt, und wäre er die Vollkommenheit selbst, und hätte ich ihm mein Leben zu danken, ich könnte ihn nicht lieben. Wünschte ich ja noch, sie zu besitzen, so wäre es, um ihr Henker zu sein und sie unaussprechlich elend machen zu können. Doch ein leichtrer Weg bietet sich mir darzu an. Clerdon liebt sie noch. Clerdon ist höchst eifersüchtig. Ehrgeiz und Eifersucht, beide tyrannisieren über sein Herz in gleich heftigem Grade. Beide sollen sein Verderben und die Diener meines Hasses sein – Nun kennst du den ganzen Plan meiner Rache. Sage, ist er nicht meiner würdig? Gemeine Geister sind zufrieden, wenn sie ihren Gegnern nur ihre jetzigen Tage vergiften. So enge Grenzen sind für mich nicht gemacht. Ich will meinen Beleidiger, wo es möglich ist, noch bis über die Pforten des Grabes verfolgen und mich an der stolzen Vorstellung ergötzen, ihm selbst jenes Glück vernichtet zu haben, das sonst über alle sterbliche Gewalt erhaben ist.

Widston. Sie setzen mich in Verwunderung. Wie? Gedanken von jener Zukunft können Sie beschäftigen, ohne diesen Anschlag in Ihnen zu ersticken?

Henley. Wundre dich darüber nicht; rede ich gleich die Sprache des Freigeists, so fällt es mir doch schwer, so zu denken – wie sehr wünschte ich das Gegenteil! – Vielleicht würde ich selbst ein eifriger Verehrer der Religion sein, besäße ich nicht das, was große Geister Ehre, der gemeine Haufe Rachgier nennt. Die Religion verbeut es, ich kann sie nicht lieben. Diese Leidenschaft ist mir so teuer geworden, hat sich meine ganze Seele so unterwürfig gemacht, daß ich eines Feindes Verderben selbst mit meinem eignen erkaufen wollte. Und bin ich nicht durch Jugend und Gesundheit gesichert? Das Alter wird vielleicht dies gewaltige Feuer in mir bändigen, und wenn meine Feinde schon lange eine Beute des Verderbens geworden sind, werde ich noch Zeit haben – doch hinweg mit dergleichen Gedanken! itzt entferne ich mich, auf Mittel zu denken, Granvillens Gegenwart fruchtlos und vielleicht beiden verderblich zu machen – Folge mir bald nach, vielleicht möchte ich deiner dabei bedürftig sein – nur erinnere dich, daß, wem solche Geheimnisse anvertrauet sind, der muß zu schweigen oder zu sterben wissen.

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