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Joachim Wilhelm von Brawe: Der Freigeist - Kapitel 31
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDer Freigeist
authorJoachim Wilhelm von Brawe
year2001
titleDer Freigeist
senderffischer@texttech.de
firstpub1757
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Vierter Auftritt.

Clerdon, Truworth.

Truworth. Entschuldigen Sie meine Verwegenheit, mein Herr, Sie befahlen mir, Ihre Gegenwart zu meiden, und dennoch wage ich es –

Clerdon. Wer kommt, an meinem Verderben teilzunehmen? (Nachdem er ihn einige Zeit stillschweigend angesehn.) Bist du es, Truworth?

Truworth. Die unglückliche Miß Granville, die sich eben itzt anschickt, diesen Ort zu verlassen, befahl mir, zu Ihnen zu eilen; Sie befänden sich in traurigen Umständen – Verzeihen Sie mir meine vorige Unbescheidenheit. Die Übermaß meines Eifers hatte sie verursacht.

Clerdon. Was soll ich dir verzeihen! O hätte ich deinem warnenden Eifer Gehör gegeben, anstatt mich über ihn zu erzürnen! – Doch mir geschah recht; meine Verbrechen verdienten diese Verblendung – du weinst, Truworth?

Truworth. Was muß ich erblicken? Diese wild herumirrenden Augen, diese Züge, in denen sich die Verzweiflung und das Bild des Todes abdrückt – kann der unglückliche Tod Ihres Freundes Ihnen so unaussprechliche Schmerzen erwecken?

Clerdon. Du siehst noch nicht die ganze endlose Tiefe meines Elendes. Starres Entsetzen würde dich fassen, wenn du sie sähest. Kennst du den Mörder des Granville?

Truworth. Ein Unbekannter soll die schändliche Tat vollführt haben.

Clerdon. So kenne ihn: Ich bin's.

Truworth. Sie – Ihren Freund –

Clerdon. Ja, meinen Freund und noch dazu den besten, den edelgesinntesten Freund, der bloß hieher gekommen war, meinen bedrängten Umständen beizustehen und sein ganzes Glück mit mir zu teilen – Deine tugendhafte Seele wird die abscheuliche Tat nicht begreifen können – So kenne denn ihren verfluchten Urheber – Henley – Hätte ich den unseligen Namen nie gehört! – dieser hatte mich durch die feindseligsten Verleumdungen aufgebracht; dieser hatte meine Rachbegierde zu einem solchen Grade von Raserei empört, daß ich Granvillens Leben würde angefallen haben, und hätten es Heere beschützt – Wundre dich nun nicht über meine Verzweiflung. Das Blut meines Freundes ruft ein unaufhörliches Weh über mich. Mein aufgewiegeltes Gewissen stellt mir auf einmal die schwärzesten Frevel dar. Itzt empfinde ich, daß die Religion Wahrheit ist, die ich mich zu lästern erkühnte. Ich empfinde die furchtbaren Gerichte des Allmächtigen, ich seufze unter der Last seiner strafenden Rechte; stets sehe ich den Himmel bereit, verheerende Blitze auf mich herabzuschütten – in der fernsten Zukunft sehe ich eine unendliche Kette sich häufender Qualen – ich sehe es – und verfluche mein Dasein.

Truworth. Nicht diese Verzweiflung, mein Herr, nicht diese will die Langmut des gütigsten Wesens von Ihnen – Reue und Unterwerfung, dies verlangt es, und dann – ich weiß es gewiß – dann wird es Sie begnadigen. Ihre Vergehungen, ich bekenne es, sind groß, der Tod eines unschuldigen Freundes – doch auch dieser kann vergeben werden – Aber Ihre Sicherheit – Ach, Menschen sind unerbittlicher als der Himmel ist – vielleicht ist alles schon ruchtbar, vielleicht schickt man sich schon an –

Clerdon. Ich verstehe dich – was braucht ein Elender, der nichts zu hoffen hat, auf seine Sicherheit bedacht zu sein? Warum sollte ich der verdienten Ahndung der Gerechtigkeit zu entrinnen suchen? Würde wohl die schmählichste Todesart zu viel Strafe für mein Verbrechen sein? – Doch du, Truworth, höre auf, dein Schicksal an das Geschick eines strafbaren Herrn zu fesseln. Fliehe einen Unwürdigen – einen Mörder – Granvillens Tod müsse dich alles fürchten lehren; auch du bist tugendhaft, auch du liebst mich. Ist dies nicht genug, dein Verderben von mir zu erwarten?

Truworth (nach einigem Stillschweigen). Ja – dies ist das Mittel, Sie zu retten; Dank sei dem Himmel, der es mir eingab! – Sie sehen, wie wenig Jahre, vielleicht wenig Monate den Rest meines Lebens ausfüllen müssen. Diese grauen Haare, diese hinwelkenden Glieder, alles ruft mich zum Grabe. Könnte ich diesen unnützen, nichtigen Überrest besser anwenden, als Sie, meinen Herrn und Wohltäter, zu retten und der Welt ein Leben zu erhalten, das ihr vielleicht noch lange nützlich sein kann. Ich will zu den Gerichten hineilen und mich als den Mörder des Granville angeben – Was schadet es, ob auch die Welt glaubt, daß ich als ein Bösewicht sterbe, wenn nur Gott weiß, daß ich unschuldig bin! – Tränen der Freude verdunkeln mein Auge; o mein Herr! mein liebster Herr, (er küßt ihm mit Inbrunst die Hand) wie glücklich bin ich, daß ich für Sie sterben kann!

Clerdon (indem er ihn umarmt). Nicht weiter, großmutvoller Truworth, du durchbohrst mein Herz. Wie! so viele heldenmütige Tugend bei so vieler Niedrigkeit und so dürftigem Glück? Wahrer, bester Freund, dieser Übermaße von Treue bin ich nicht würdig. Muß sich denn alles um mich herum in einem so blendenden Glanze von Tugend und erhabner Gesinnung zeigen? – und ich allein ein so niedriger und verworfner Frevler sein! – Geh, mein Freund, geh und mache Anstalt, daß wir diese Stadt sogleich verlassen; du bist mir viel zu kostbar, als daß ich dich meiner Sicherheit aufopfern sollte. Ich hoffe, ehe sich noch das Gerüchte von Granvillens Tod überall verbreitet und ehe der Argwohn auf mich fällt, weit von diesen unglücklichen Mauern zu sein.

Truworth (der ihn traurig und nachdenkend ansieht). Soll ich Sie denn verlassen? – in so heftiger Bewegung – eine schauervolle Ahndung schreckt mich –

Clerdon. Geh nur und mache alles zu unsrer Abreise fertig, für mich sei unbesorgt.

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