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Joachim Wilhelm von Brawe: Der Freigeist - Kapitel 30
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDer Freigeist
authorJoachim Wilhelm von Brawe
year2001
titleDer Freigeist
senderffischer@texttech.de
firstpub1757
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Dritter Auftritt.

Clerdon.

Clerdon. Ich ihn versöhnen? Raserei wäre es, dies zu hoffen. Nicht Gnade, nur Verzweiflung wartet meiner – Ich fühle deine tötenden Gerichte, Ewiger. Ach, unerträglich donnern sie auf mich herab – und nur zu sehr habe ich sie verdient – Deine beleidigte Religion ruft dich zur Rache – Sie muß wahr sein, diese Angst, diese brennende Verzweiflung, die in mir wütet, lehrt es mich – Ja, sie fallen, die unseligen Hüllen, die meine Augen bisher gefangenhielten – Graunvoller Anblick! Ganz entdecke ich die entsetzliche Bahn der Frevel, auf die ich mich verirrte – Wider eine Religion wagte ich's, mich zu empören, in deren Schoß ich nichts als Freude und Zufriedenheit genoß! Einen Schöpfer beleidigte ich verwegen, den ich bisher nur durch Wohltaten gekannt hatte! Spöttereien über das, was mir das Heiligste hatte sein sollen, strömten von meinen Lippen – die liebenswürdigsten Tugenden gab ich für erniedrigende Wollüste auf, und öffentlich – hier ergreift mich Schauer und Verzweiflung –, öffentlich erfrechte ich mich, ein Feind Gottes und der Religion zu sein, öffentlich ihnen den Krieg anzukündigen – Und wie manchen rissen vielleicht meine unsinnigen Reden zu gleichem Aufruhr fort! Welch entsetzliches Weh wird die zerstörte Tugend über mich ausrufen! Welche Verwünschungen müssen sich auf mein Haupt häufen! Du bist gerächt, Religion; sobald du mich, göttliche Führerin, verließest, ward jeder Schritt ein Frevel – jede meiner Taten spricht das Todesurteil über mich aus, jede fodert eine Hölle – Ich sehe den gräßlichen Abgrund zu meinen Füßen sich auftun. Ich sehe die Qualen vor meinen Augen sich verbreiten, die mir die Zukunft aufbehält. Schon rüstet sich ewige Nacht, mit ihren Schrecknissen mich zu überfallen. Du, Elend, wirst künftig meine Heimat, du, Verzweiflung, mein Geschäfte und mein ganzes Empfinden Pein sein. – Tage des Gerichts, der Rache und des Jammers, ich segne euch entgegen! Ihr rechtfertigt den Himmel, ihr straft einen Verruchten, den die Natur mit Entsetzen erblickt. Ihr werdet unsterbliche Qualen auf mich häufen und doch das Maß der Gerechtigkeit nicht ausfüllen – Ich höre deine Stimme, fürchterliche Ewigkeit – du rufst mir – hier empfange dein Opfer (er zieht einen Dolch hervor und will sich töten) – Doch was tue ich? O Tod! ich wage es, dich zu wählen! – Schwindelnder Abgrund! – Bewahrer furchtbarer Geheimnisse! – Wege des Lebens und des Verderbens öffnen sich hinter deinen Pforten, und die Unendlichkeit ist ihr Maß – ich wage es, dich zu wählen! ich wage es, mich freiwillig in die Arme eines allmächtigen Richters zu stürzen? Vernichtender Gedanke! ewig von ihm gehaßt, ewig mit seinen unerträglichen Gerichten belastet zu sein! – So muß ich denn leben! – nein, dies kann ich nicht. Diese nagende Angst, diese namlose Pein vermag ich nicht zu ertragen – Doch wird sie der Tod enden? wird er sie nicht verdoppeln? – Ich Elender! wohin kann ich flüchten? Überall ist Abgrund. Das Leben ist eine Hölle und der Tod auch – Doch vielleicht ist der Tod Vernichtung – Eitler Trost! Dieses klopfende Herz, diese Angst, dieser Schauer, alles widerspricht dir. Ich empfinde es, daß ich zu ewigen Martern geschaffen bin, daß ein ewiger Richter – Wehe mir! ich sehe ihn kommen – ja, ich trüge mich nicht, diese furchtbare Herrlichkeit, dieser verzehrende Glanz, dies Entsetzen der Natur verkündigt ihn. Wohin entflieh' ich? Unwiderstehliche Schrecknisse rauschen vor ihm her. Seine Blicke sind Tod. Flammen und Ungewitter toben auf allen Seiten um mich her – Itzt gebeut er dem Verderben, mich zu schlagen – itzt ergreift mich sein Donner – o Erde, decke mich vor ihm! o Vernichtung, komm über mich! –

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