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Joachim Wilhelm von Brawe: Der Freigeist - Kapitel 27
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDer Freigeist
authorJoachim Wilhelm von Brawe
year2001
titleDer Freigeist
senderffischer@texttech.de
firstpub1757
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Sechster Auftritt.

Clerdon. Granville, den Truworth und ein Bedienter führen.

Granville. Setzt mich hier nieder, meine Freunde, und entfernt euch. Ich wünschte meine letzten Augenblicke mit meinem Clerdon allein zuzubringen. Bemüht euch nicht, mir Hülfe zu schaffen. Ich empfinde es, sie würde fruchtlos sein – Stille deine Tränen, Truworth, und auch du, dessen Treue gegen mich nicht die Treue eines Bedienten, sondern eines Freundes gewesen – Wie kränkt es mich, daß ich die Welt verlassen muß, ehe ich beiden diese Zärtlichkeit zu vergelten vermag. (Truworth und der Bediente gehn ab. Zum Clerdon, der in einiger Entfernung steht.) Nähern Sie sich, Clerdon.

Clerdon. Ach, Unglücklicher, wozu haben Sie mich bringen müssen!

Granville. Ich komme nicht hieher, Ihnen Vorwürfe zu machen – ich komme, mich zu rechtfertigen – Das Grab würde mir fürchterlich und grauenvoll scheinen, wenn es mich mit Ihrem Haß beladen empfangen sollte – Sie schlugen es mir vorhin ab, mein Verbrechen mir zu eröffnen. Itzt bitte ich, verschweigen Sie es nicht weiter. Lassen Sie es an dieser Rache genug sein; hören Sie meine Verteidigung an, und gönnen Sie mir, in den Armen meines ausgesöhnten Freundes zu sterben.

Clerdon. Konnte in einem Herzen von so großmütiger Zärtlichkeit ein so schwarzes Verbrechen geboren werden? Schauervolle Aussichten! wenn diese vielleicht betrügrischen Hüllen hinwegwichen, wenn ich finden sollte, ich hätte mich geirrt – doch Sie wollen es. So hören Sie denn die unselige Ursache meiner Raserei – Henley zeigte mir einen Brief. Es war Ihre Hand, Ihr Name. Sie trugen ihm darinne Ihre Schwester an; gegen mich hauchten Sie nichts als unversöhnliche Rache wegen meines Betragens in London aus. Sie wollten, wie der Brief redete, mich durch die Zernichtung meiner teuersten Hoffnungen strafen und denn öffentlich über meine Verzweiflung triumphieren – Verhaßter Brief! hätte ich ihn nie gesehn! – Die Verbergung der Ankunft Ihrer Schwester brachte meine von finsterm Verdacht umwölkte Seele noch mehr auf. Endlich trieb eine Unterredung, die, wie Henley vorgab, Sie mit ihm gehabt und die voll der grausamsten Gesinnungen gegen mich war, die Furien meiner Brust aufs höchste. Ich eilte – Hätte eine tödliche Erstarrung doch gleich den ersten Schritt gehemmt! – Denn, sind Sie auch schuldig, Granville, so bin ich doch unglücklich.

Granville. Dank sei dir, ewige Güte, daß du mir in meinen letzten Augenblicken die Glückseligkeit gönnest, mich bei meinem Freunde zu rechtfertigen! Auch Ihnen, Clerdon, danke ich dafür – Meine Augen werden sich also noch mit dem Lächeln des Vergnügens schließen! Ich fühle es, dieser freudige Gedanke verjüngt mein schon stockendes Blut mit neuer Kraft zu seinem letzten Geschäfte; (nach einigem Innehalten) die zu begrenzte Zeit, die mir übrigbleibt, befiehlt mir, meine Rechtfertigung abzukürzen – Ich kam mit meiner Schwester hieher, Sie mit ihr verbunden und durch die Mitteilung meiner Güter wieder glücklich zu sehn. Die Ehre und die Zärtlichkeit derselben foderten, ihre Gegenwart Ihnen so lange zu verschweigen, bis ich Ihre Gesinnungen sowohl in Ansehung ihrer als der Religion, wider welche Sie sich öffentlich aufgelehnt hatten, erforschet; dann hätte ich Sie mit dieser Freude unvermutet überraschen wollen. Das war mein Vorhaben – Wofern es auch möglich wäre, daß in dieser feierlichen Minute die Lippen eines Sterbenden Unwahrheit entheiligen sollte, so werden doch die Schriften, die ich stets bei mir führe und die ich Ihnen in Ihre Gewalt gebe, mich gänzlich lossprechen – Mein letzter Wille – dieser Zufall hat mich nicht unbereitet überfallen – erklärt Sie und meine Schwester zu Besitzern meines Vermögens. Der Brief – meine Unterredung mit Henley, alles ist Erdichtung – Und nun sein Sie versöhnt, Clerdon, lassen Sie mich, liebster Freund –

Clerdon (der sich ihm zu Füßen wirft). Nennen Sie mich nicht Ihren Freund; dieser Name ist ein Donner in meinen Ohren. Nicht diese Blicke, nicht diese Güte, großmütiger, göttlicher Mann; nennen Sie mich ein Ungeheuer – den Abscheu der Natur – Ihren Mörder. Rufen Sie die zornigste Rache des Himmels über mein Haupt. Sie wird, sie muß mich treffen – die entsetzlichsten Flüche –

Granville. Nein, Clerdon, ich kann nichts, als Sie segnen. Meine Religion befiehlt es, und wie leicht wird diese Pflicht meinem Herzen! Stehen Sie auf, teuerster Freund – es ist mir nicht möglich, Sie anders zu nennen – umarmen Sie mich, lassen Sie mich ganz die Freude schmecken, von dem wieder geliebt zu werden, der stets das kostbarste Glück meines Lebens gewesen ist.

Clerdon. O Worte voll Tod! o Qual! o Verzweiflung! Und Sie können dem vergeben, was sage ich, Sie können mit dem von Liebe reden, der den abscheulichen Stahl in die zärtlichste, in die edelmütigste Brust stoßen konnte? Wo jemals –

Granville. Nicht weiter, Clerdon; ich erlaub' es Ihnen, einige stille Tränen der Freundschaft auf mein Grab hin zu weinen, doch diese tobende, stürmische Angst müssen Sie bezähmen. Sie vollführten den Streich in einer Trunkenheit von Wut, da Sie selbst nicht Herr über Ihren Arm waren. Ein unglücklicher Irrtum hatte ihn bewaffnet –

Clerdon. Nein, entschuldigen Sie nicht eine Freveltat, für der sich die Natur entsetzen muß. War es nicht schon Verbrechen genug, ein Herz wie das Ihrige in Verdacht zu haben? – O Henley, Ungeheuer, das mich fast selbst übertrifft, dich müsse meine Rache –

Granville. Sie müsse ihn nie treffen. Ich bitte für ihn – Verwerfen Sie nicht die Bitten eines sterbenden Freundes; huldigen Sie aufs neue den sanften Gesetzen der Religion, und dann werden Sie diese selbst lehren, ihm zu verzeihen – Versichern Sie ihn von mir, daß ich ihm meinen Tod vergebe und in meinem letzten Augenblicke die feurigsten Wünsche für seine Wohlfahrt tue – Lassen Sie uns, liebster Freund, diesen stolzen Geist zu seinem Besten schamrot machen und ihn nötigen, wenn er sieht, wie Christen, die er so tödlich beleidigt, sich rächen, selbst einer und glücklich zu werden. (Nach einigem Stillschweigen.) Ich sehe Sie trostlos, Clerdon, in stummer, betäubender Verzweiflung – Ach, Unglücklicher! Ihr künftiges Schicksal – traurige Ahndung!

Clerdon. Wie! Sie würdigen mich, mich zu beklagen? Für mich fließet dieses großmütige Mitleid aus diesen liebreichen Augen, die nun bald durch mich sich auf immer schließen.

Granville. Itzt gedenke ich an meine Schwester – die unglückliche Amalia! – Ihnen, Clerdon, befehle ich Sie an, das kostbarste Kleinod, das ich besitze. Sein Sie ihr ein Bruder, ein Freund, ein Gemahl – ja, ein Gemahl – denn warum sollte dieser widrige Zufall meine Absichten zerstören – sie war schon die Ihrige, sie soll es auch bleiben. Nie darf sie die Art meines Todes erfahren. Ihr Diener und der meinige, die mich verwundet gefunden, glauben, es sei von unbekannter Hand geschehn – Meine Güter werden Ihren verfallnen Umständen wieder emporhelfen – dies ist der einzige Zeitpunkt meines Lebens, wo ich mir großen Reichtum gewünschet – Möchten doch Ihrer beider Tage in Gefilden voll Glücks und ruhiger Freuden dahinfließen und Ihr Bruder und Freund Ihnen nicht ein trauriges, sondern angenehmes Andenken sein.

Clerdon (der sich ihm zu Füßen wirft). Erhabner, schon den Unsterblichen, die deiner warten, ähnlicher Mann, wenn ein Elender aus seiner Tiefe dich um etwas beschwören darf, o so töte mich nicht mehr durch diese mehr als menschliche Güte! Sie ist Marter, unerträgliche Marter für mich. Ich sollte dir danken und kann nichts als verzweifeln.

Granville. Halten Sie ein, Clerdon. Gönnen Sie mir doch die Freude, Sie ruhiger zu sehn, ehe ich sterbe – Ich fühle es, der wichtige, der große Augenblick nahet heran – noch wiederhole ich meine Bitte, die letzte, die feierlichste Bitte, werden Sie wieder, was Sie vormals waren, der Bekenner einer Religion, die ihre Bekenner weit über die Klasse gemeiner Menschen emporhebt – Lassen Sie meinen Tod den Zeitpunkt sein, da Sie zu Ihrem Gott zurückkehren – O Clerdon, welch ein Glück, ein Christ zu sein! In der Stunde des Todes, dann werden Sie es erst recht fühlen – Möchte doch die Ihrige der meinigen ähnlich sein! Sie ist heiter – ganz heiter, wenn nicht die Bekümmernis um Sie mir Tränen ablockte – Unaussprechliche Wollust ergießt sich durch meine Seele – Große – ein nahes Glück weissagende Empfindungen bemeistern sich meiner; mein entzücktes Ohr höret die Harmonien der Unsterblichen! – (Nach einigem Innehalten.) Unterstützen Sie mich, Clerdon, mit Ihren freundschaftlichen Armen – mein Auge kann Sie nicht mehr sehen, die Natur verwelkt vor meinen Blicken – wie sanft ist der Tod an der Brust eines Freundes! – Ihre bebenden Arme vermögen mich kaum zu umfassen, Ihre Tränen benetzen häufig mein Gesicht – o träufle Trost auf ihn herab, du, zu dem sich mein Geist voll Ungeduld aufschwingt, und auch mir – (Er hebt die Augen gen Himmel und scheint einige Worte für sich zu sprechen.) Nun ist es geschehn – Leben Sie glücklich, Clerdon – sein Sie ein Christ – bester Freund – (Er stirbt.)

(Clerdon sieht den Körper des Granville einige Zeit starr und sprachlos an und geht mit einer Stellung, die Verzweiflung und betäubend Entsetzen verrät, ab.)

Ende des vierten Aufzugs.

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