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Joachim Wilhelm von Brawe: Der Freigeist - Kapitel 26
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDer Freigeist
authorJoachim Wilhelm von Brawe
year2001
titleDer Freigeist
senderffischer@texttech.de
firstpub1757
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Fünfter Auftritt.

Henley, Clerdon.

Henley. Nun, Clerdon, haben Sie Ihre Schmach geahndet? Haben Sie den treulosen Granville –

Clerdon (in heftiger Bewegung). Wo bin ich – wer rettet mich?

Henley. Fassen Sie sich; Sie sind bei Ihrem treusten Freunde. Wovon sollte ich Sie retten? Niemand ist hier, der Sie beleidigen will.

Clerdon. Hören Sie jenes sterbende Röcheln? – Wie entsetzlich tönt es in meinen Ohren! – erblicken Sie nicht den bleichen blutigen Körper, wie furchtbar er mir droht?

Henley. Ihre verirrte Phantasie gebiert diese Schreckbilder. Sein Sie ruhig –

Clerdon. Ich, ruhig? O Angst! O Verzweiflung! Sehen Sie diese blutigen, diese von Mord noch rauchenden Hände – ich könnte ruhig sein?

Henley. Ich sehe, daß Sie einen Treulosen, Niederträchtigen, den unversöhnlichsten Feind Ihrer Glückseligkeit gestraft haben.

Clerdon. Vielleicht würden Sie ihm gelindere Namen geben, wären Sie selbst ein Zeuge der schrecklichen Begebenheit gewesen.

Henley. Und Sie könnten noch zweifeln –

Clerdon. Hören Sie die Umstände dieser abscheulichen Tat, und dann richten Sie. – Sie wissen, wie wütend ich Sie verließ. Ich eilte nach dem Garten. Alles schien sich um mich her in Nacht und Grauen zu verhüllen. Die Erde, wie es mir vorkam, zitterte unter meinen Füßen. Überall erblickte meine aufgewiegelte Einbildung nichts als schauervolle Tiefen, die den entsetzlichen Gang verhindern wollten – vielleicht warnende Stimmen eines gütigen Geschickes! Mein zügelloser Grimm war gegen alles taub. Ich fand den Granville. Er streckte schon die Arme aus, mich in einer zärtlichen Aufwallung zu umarmen. Tobend stürmte ich auf ihn ein und foderte ihn zum Zweikampfe auf. Er entsetzte sich, er flehte, er beschwor mich auf das rührendste, ihm nur sein Verbrechen vorher zu eröffnen; er verschwendete die zärtlichsten Liebkosungen; nichts erweichte mich. Ich entblößte den Degen und fiel ihn an. Er zog endlich den seinigen, sich zu verteidigen – und eine wehmütige Träne entfloß seinem Auge, da er es tat. Zweimal gab ihm meine unbändige und unvorsichtige Hitze mein Leben in seine Gewalt, und zweimal – O Gedanke, der ewig mein Peiniger sein wird! – zweimal wandte er die tödliche Spitze von meiner Brust hinweg. Hätte nicht dieses meine blutdürstige Wut entwaffnen sollen? In dem ganzen Kampfe schien er mit größrer Besorgnis für mein Leben als für das seinige eingenommen zu sein. Diese zärtliche Großmut ward ihm endlich nachteilig. Es gelang mir – wäre es mir doch nie gelungen! Hätte mich doch ein niederschmetternder Donner getroffen, ehe ich den unseligen Streich vollführte! – Ich sah ihn fallen. Ströme von Blut bedeckten ihn. Todesblässe überfloß sein Gesicht. Seine Augen voll Menschlichkeit und Güte wurden verdunkelt, ohne dennoch mit Haß und Abscheu gegen seinen Mörder erfüllt zu werden. Liebreich, mitleidig, mit einer Zärtlichkeit, die ihn in diesem Augenblicke über die Menschheit erhub, wandte er sie auf mich. Dieser Anblick durchdrang mich. Plötzlich sanken jene aufgetürmten Wagen von Wut und Rache, die mich vorhin unwiderstehlich mit sich fortschleuderten, darnieder. Schüchtern entfloh ich – der Unglückliche sammelte seine letzten Kräfte, und anstatt mir Flüche nachzudonnern, bat er mich mit ohnmächtiger wehmütiger Stimme, zu ihm zurückzukehren, nannte mich seinen Freund, seinen geliebten Clerdon – mich, den Unmenschen, der ihn ermorden konnte. Und auch dieses versagte ich ihm noch! Vielleicht haucht er in diesem Augenblicke seine edelmütige Seele aus. Lassen Sie mich zu ihm zurückeilen und zu seinen Füßen für Wehmut sterben.

Henley (der ihn zurückhält). Sie vergessen sich, Clerdon. Wie? Sie wollten sich der Gefahr bloßstellen, von einer Menge Personen, die vielleicht um ihn beschäftigt sind, für den Urheber seines Todes erkannt zu werden. Sie müssen auf Ihre Sicherheit bedacht sein, Sie müssen diesen Ort sogleich verlassen.

Clerdon. Wo könnte ich Sicherheit finden? Wohin würde mir nicht die verklagende Stimme des Blutes meines Freundes nachschallen? Wo könnte ich dem Bilde entfliehen, das mir den, den ich so zärtlich liebte, blutig, entstellt, von meiner Hand ermordet zu meinen Füßen liegend vorhält. Diese entsetzlichen Vorstellungen werden gleich unerbittlichen Verfolgern mir überall nacheilen. Überall werde ich Flüche rauschen hören, jeder Ort wird sich um mich her in eine Hölle verwandeln.

Henley. Wie können Sie so schwach sein und sich über eine Tat ängstigen, zu welcher Sie die strengste Gerechtigkeit nötigte? Wie? Weil Granvillens Zaghaftigkeit oder Ungeschicklichkeit Ihrer aufrührerischen Einbildung Großmut und die jedem Sterbenden eigne Begierde, jemanden zu seinem Beistande um sich zu sehen, Liebe und Zärtlichkeit schien, reuet es Sie, denjenigen gestraft zu haben, der ein grausames und unmenschliches Vergnügen darinne fand, einen Unglücklichen noch unglücklicher zu machen, ihm sein Kostbarstes zu rauben und dann über seine Schmerzen und Verzweiflung öffentlich zu frohlocken.

Clerdon. Ja, es möge so sein, er sei wirklich der Treulose, an dem ich mich zu rächen gedachte. Ist es ein Irrtum, o möchte ich ihn nie verlieren, diesen einzigen Balsam für meine brennende Wunde! – Und dennoch wird selbst dieser sie nicht ganz heilen – Ich habe nun alles verloren, was mir jemals schätzbar gewesen ist, ich habe nun nichts mehr zu hoffen als den Tod. Wie sehn' ich mich nach ihm! Möchte ich doch bald in dem Schoße seiner Finsternisse mich und mein schreckliches Geschick für aller Welt verbergen können! Selbst die Hand der Gerechtigkeit wird mir willkommen sein –

Henley. Welch ein Geräusch erhebt sich – Himmel! man führt den sterbenden Granville hieher. Kommen Sie, Clerdon, wir müssen diesen Anblick vermeiden.

Clerdon. Ich kann nicht – Ich fühle es, eine geheime unwiderstehbare Macht hält mich zurück. Ich zittre für dieser furchtbaren Szene, und dennoch habe ich nicht Gewalt genug, sie zu fliehen.

Henley. Sein Sie zum mindsten vorsichtig, sich nicht zu verraten – mir fällt es ohnmöglich, einen Augenblick hier zu verweilen.

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