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Joachim Wilhelm von Brawe: Der Freigeist - Kapitel 25
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDer Freigeist
authorJoachim Wilhelm von Brawe
year2001
titleDer Freigeist
senderffischer@texttech.de
firstpub1757
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Vierter Auftritt.

Henley, Widston.

Widston. Man hat mir gesagt, mein Herr, daß Sie mich zu sprechen verlangten.

Henley. Ja, Widston, vereinige deine Freude mit der meinigen, wünsche mir Glück. Bald ist meine Rache vollführt, bald ist Clerdon der Unglücklichste – du entfärbst dich? Wie! welchen Teil nimmst du an seinem Schicksal?

Widston. Keinen, mein Herr.

Henley. Ha, Verräter! die Verstellung ist fruchtlos. Ich kenne deine Treulosigkeit – der Brief an Clerdon –

Widston. Ja, er war von mir. Ich sehe, mein Herr, Sie haben alles erfahren. Ich bin entdeckt und, ich weiß es, dem Tode nahe. Doch, wo die Worte eines Menschen, der so lange ein Diener Ihrer Gewalttätigkeiten gewesen, bei Ihnen einiges Gewicht haben, so sättigen Sie Ihren Grimm an mir und verschonen Sie Ihres unglücklichen Freundes. Er wirft sich in Ihre Arme, sein Herz weiß nicht, wie es etwas für Sie verbergen soll; die feurigste Zärtlichkeit spricht aus ihm, wenn er Ihrer gedenkt, er hält Sie für seine einzige Zuflucht, für den Trost seiner Bedrängnisse. – Und Sie könnten ein Vergnügen finden, ein Herz zu peinigen, das Sie unaussprechlich liebt? – Womit hat er Sie jemals beleidigt! Er besaß Vorzüge, die den Ihrigen schadeten; beruhigen Sie sich, Sie haben ihn von diesem schimmernden Gipfel herabgestürzt; kann Ihnen das nicht genug sein? Sie haben ihn seines Vaters, seiner Geliebten, seines Freundes, seines Vermögens und, was das Wichtigste ist, seiner Tugend beraubt; itzt wollen Sie ihm noch alle Mittel, sich zu retten, entwenden und, da er hier nichts mehr zu verlieren hat, den rächenden Arm selbst über seine künftigen Hoffnungen verwegen erheben – O mein Herr, wo Sie nicht wollen, (er fällt ihm zu Fuße) daß ein unversöhnlicher Fluch Ihr Grab noch verfolgen soll, wo der Gedanke jener fürchterlichen Ewigkeit etwas bei Ihnen vermag, so stehen Sie von dem entsetzlichen Vorhaben ab.

Henley. Stehe auf, Widston, ich fühle es, ich bin überwunden.

Widston. In welches Entzücken setzen Sie mich. Wie, so dürfte ich hoffen? –

Henley. Ja, es ist geschehn; dein Brief, den ich bei dem Clerdon erblickte, die Freundschaft und Zärtlichkeit dieses Unglücklichen machten bereits meinen Entschluß wankend. Alles, was ich dir itzt von meiner bald hinausgeführten Rache sagte, der Zorn, den ich gegen dich äußerte, alles war Verstellung, die mich nur gewisser machen sollte, daß du der Urheber des Briefs an Clerdon seist. Deine Bitten haben mich vollends entwaffnet. Ich verzeihe dir, ich schenke dem Clerdon meine Freundschaft wieder, und ich werde eben die Bemühungen anwenden, seine Leiden zu enden, die ich vorhin verschwendete, ihn in neue zu verwickeln. Du kannst dich bei meinem Versprechen beruhigen.

Widston. Ja, es beruhigt mich; was sollte Sie bewegen, sich gegen einen Elenden zu verstellen, der in Ihrer Gewalt ist?

Henley. Du siehst, wieviel ich dir verzeihe; belohne mich dafür mit einer Offenherzigkeit, die du mir sonst nie zu versagen pflegtest. Was bewog dich, einen so zärtlichen Anteil an dem Geschicke des Clerdon zu nehmen und zugleich ein Verbrechen – itzt nenne ich es so – hintertreiben zu wollen; dich, der sonst nur zu fertig war, sie auszuführen? Ich wiederhole es, alles ist vergeben; deiner Verstellung würde alle Beschönigung mangeln.

Widston. Der leutselige Charakter des Clerdon, seine vorzügliche Güte gegen mich hatten ihm mein Herz erobert. Noch mehr aber bewog mich der Anschlag selbst, an den ich auch noch itzt – ich rede frei – nicht ohne Schauer denken kann. Das Entsetzliche, das ihn begleitete, da er bis über dieses Leben hinausging, erweckte auf einmal zu graunvolle Vorstellungen in mir. Mein sonst fühlloses Herz ward aufgebracht. Meine Einbildung schreckten die fürchterlichsten Bilder. Überall glaubte ich einen Abgrund zu sehn, der mich zu verschlingen drohte, wo ich schwiege. Gedrungen, wider meinen Willen ward ich ein Verräter – itzt danke ich dem Himmel, daß ich es geworden bin.

Henley. Zu Clerdons und selbst meinem Glücke bist du es worden. Ich werde von nun an die süßen Freuden großmütiger Versöhnlichkeit schmecken, ohne dich mir ewig fremde, ungefühlte Freuden – Doch ich wünschte, du möchtest dich von hier entfernen. Clerdon, der dich für den Urheber des Briefs hält, wird ohne Zweifel bei dir nach den weitern Umständen forschen. Dies könnte dich in Verlegenheit setzen oder vielleicht aufs neue eine tödliche Feindschaft unter uns beiden entzünden und mich nötigen, Absichten, die ich itzt verworfen, wieder zu ergreifen. Ich will dies durchaus nicht. Ewig muß ihm dieses unglückliche Geheimnis verborgen sein. Begib dich sogleich auf mein Gut, und laß alles sich anschicken, mich und den Clerdon und vielleicht mehrere Freunde zu empfangen; ich will indessen arbeiten, sein Gemüt zu beruhigen und sein Glück wiederherzustellen; sobald mir dieses gelungen ist, folge ich dir, und dann wird alles in Vergessenheit begraben sein.

Widston. Ich werde Ihren Befehl aufs sorgfältigste vollstrecken.

Henley. Ich höre jemand kommen. Entferne dich und reise sogleich ab. Vor allen vermeide den Clerdon.

Widston. Ich gehorche. (Er geht ab.)

Henley. Das fürchterlichste Hindernis ist hinweg – Geh nur, Elender, bald werde ich dir folgen und Tod und Rache mit mir!

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