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Joachim Wilhelm von Brawe: Der Freigeist - Kapitel 2
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDer Freigeist
authorJoachim Wilhelm von Brawe
year2001
titleDer Freigeist
senderffischer@texttech.de
firstpub1757
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Erster Aufzug.

Erster Auftritt.

Henley und Widston.

Henley. Welch ein unvermuteter Zufall! – Was habe ich erblickt! – Meine Anschläge – meine Rache – alles ist hin! ich Unglückseliger! – (Indem er sich umsieht.) Du folgst mir?

Widston. Ja, mein Herr, Ihre heftige Bestürzung beunruhigt mich zu sehr. Werden Sie mir vergeben, wenn ich nach der Ursache dieser jählingen Veränderung mich erkundige?

Henley. Kanntest du den Fremden, der eben itzt so schnell bei uns vorbeiging?

Widston. Eine dunkle Erinnerung, daß ich ihn irgendeinmal gesehn –

Henley. Du betrogst dich nicht, es war Granville, mit dem ich in London durch den Clerdon in eine kurze Bekanntschaft geriet.

Widston. Und seine Gegenwart kann in Ihnen so heftige Bewegungen erregen?

Henley. Sie ist für mich der widrigste Zufall, mit dem ein feindselig Geschick mich nur strafen konnte. Meine Rache, eine Rache, nach der meine ganze Seele lechzet, steht in Gefahr, hintergangen zu werden. Du kennst mich, Widston, du mußt also die Qual kennen, die itzt mein Herz zerfoltert – Jedoch alle meine Worte werden dir unauflösliche Rätsel scheinen; ich sehe es, deine neubegierigen Augen fragen mich bereits um ein Geheimnis, das du verdientest, eher erfahren zu haben. Entschuldige mich. Du bist meines Vertrauens würdig. Die letztere Probe, die du mir davon gegeben, redet zu stark für dich. Ich gestehe es, vor dieser stand ich noch an, so sehr ich dich auch geprüft hatte, dir dies Geheimnis anzuvertrauen. Itzt soll sich dir mein ganzes Herz aufschließen. – Du kennst die Verhältnisse, in denen ich mit dem Clerdon stehe. Unsre beiden Häuser sind stets teils durch die Bande der Verwandtschaft, teils durch die Nachbarschaft ihrer Güter und andre Umstände verknüpft gewesen, und eben diese genauen Verbindungen haben unaufhörlich eine geheime Eifersucht unter ihnen genähret. Ich ward mit dem Clerdon bei meiner Rückkehr von Reisen, wie du weißt, bekannt. Sein schimmernder Charakter zog jedermanns Aufmerksamkeit auf sich. Der Christ, der rechtschaffne Mann, wie alle von ihm rühmten – du wirst bald sehen, daß ich dies zur Verherrlichung meines Triumphs wiederhole –, vereinigte sich in ihm mit den vorzüglichsten Gaben des Geistes. Überall verdunkelte er alle seine Freunde, man vergaß ihrer oder kannte sie nur unter dem Charakter seiner Freunde. Meine Eifersucht ward aufgebracht. Sie verdoppelte sich, da er bei verschiedenen Gelegenheiten, als wir uns um einerlei Bedienungen bewarben, Hoffnungen erhielt, die man mir versagte. Überall mußten wir Nebenbuhler sein, und überall siegte er. Ich ward sein unversöhnlichster Feind. Du weißt selbst, wie oft ich gegen dich meinen Zorn und Verdruß über dies widrige Geschick aushauchte. Endlich verwickelte uns ebendasselbe in einen Kampf, der den Überwundnen ebenso schamrot machen als mit Wut entflammen mußte. Wir strebten beide nach der Gunst der Schwester des Granville, einer Schönheit, die damals aller Wünsche reizte. Sie besitzt nicht gemeine Vorzüge – doch verabscheuet sei das Lob, das ich ihr gebe, ihr, die ich itzt tödlich hasse! Ich will mich nicht länger bei den Tagen meines Schimpfes verweilen. Sie verwarf mich – das letztere Geschäfte, das dir mein ganzes Vertrauen erworben, zwang dich damals, dich von mir zu entfernen. – Sie zog mir den Clerdon vor und versprach ihm ihre Hand.

Widston. Clerdon ist Ihr Nebenbuhler und, noch mehr, ein begünstigter? und Clerdon lebt noch?

Henley. Du erstaunst? Kenne meinen ganzen Charakter. So eine gemeine und geringe Rache als der Tod war meiner unwürdig. Ich hätte den Clerdon durchbohrt, ein Augenblick wäre seine Strafe gewesen. Nein, eine empfindlichere, eine langwierigere Strafe, eine Strafe, die mir selbst, da ich sie ausdachte, einen Schauer einjagte, soll meine Schmach ahnden. Ebendiese glänzenden Vorzüge, diese so gerühmten Tugenden, durch die er mir überlegen ward, beschloß ich, ihm zu rauben; aus dieser erhabenen Sphäre ihn herabzustoßen, ihn zum Lasterhaften, zum Frevler, ja womöglich zum Ungeheuer zu erniedrigen, ihn mit ebensoviel Schande zu überhäufen, als ihn zuvor Ehre krönte, und endlich, wenn ich ihn zu den schwärzesten Verbrechen hingerissen, ihn noch vielleicht jenseits des Grabes – o wie schwellt mein Herz der stolze Gedank' auf – beseufzen zu lassen, daß er mich jemals beleidigte; dies war mein großer Entwurf.

Widston. Und Sie konnten hoffen –

Henley. Ich rief die Verstellung zu Hülfe; ich überkleidete den Todfeind mit dem einnehmenden Schein eines Bewunderers und Freundes. Ich stellte mich, als hätte ich die vorige Leidenschaft der Freundschaft aufgeopfert, und es gelang mir. Mein erster Versuch war, seine Liebe zur Religion zu bekämpfen, eher durfte ich's nicht wagen, ihn mit dem Laster bekannt zu machen. Ich verstrickte ihn in unendliche Zerstreuungen. Ich verführete ihn zu kleinen Vergehungen, die ihn beunruhigten und bald in ihm einen heimlichen Widerwillen gegen die Religion, die ihn deswegen bestrafte, pflanzten. Ich hatte gewonnen, ich bestritt ihn mit einem Heere von Zweifeln. Ich empörte seinen Ehrgeiz. Mit dem Pöbel einerlei zu denken, stellte ich ihm als schimpflich vor. Er ward ein Freigeist. In diesem Augenblicke war meine Rache gesichert. Umsonst führte er in seinen Gedanken das hinfällige Gebäude der Religion eines rechtschaffenen Mannes auf. Ich lobte diesen Vorsatz. Doch bald riß ich ihn von Verbrechen zu Verbrechen hin. Seine stärkste Rüstung schützte ihn nicht mehr. Er ergab sich den zügellosesten Verschwendungen. Stürzten ihn seine Laster in den Abgrund eines fürchterlichen Mangels, so bewog ich ihn, sich durch neue daraus zu retten. Er erpreßte auf die grausamste Weise von seinem Vater die ansehnlichsten Summen; dieser opferte alles für einen Sohn auf, der bisher seine ganze Freude gewesen war. Dieser gutwillige Greis litt bald die Strafe, die Clerdons Ausschweifungen verdienten; er versank in die schmählichste Dürftigkeit. Ich wußte ihn mit seinem besten Freunde, dem Granville, und – dies war mein vorzüglichster Triumph – mit seiner Geliebten zu entzweien. Itzt entwich die Scham, die ihn noch bisher zurückgehalten hatte; itzt fing er an, sich öffentlich wider die Religion aufzulehnen, die er schon lange heimlich gehaßt hatte. Seine Schulden nötigten ihn endlich, London zu verlassen, mit dem letzten Raube seines unglücklichen Vaters beladen. Er kam mit mir in diesen nordlichen Teil Englands, wo er unbekannt – doch was sehe ich? Du entfärbst dich? Du zitterst, deine Blicke verraten Abscheu und Entsetzen – Feiger! Wie sehr hab' ich mich betrogen: Gewöhnt an das, was der Pöbel Frevel nennt, bebst du für diesen? – Treibe deine Beleidigung nicht weiter; deine mir erwiesnen Dienste verteidigen dich noch – Hüte dich, die Zaghaftigkeit bis zur Verräterei zu treiben, sonst lerne für dein Leben zittern.

Widston. Sie könnten glauben –

Henley. Verlaß mich, es nähert sich jemand, sobald ich allein bin, eile wieder zu mir.

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