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Joachim Wilhelm von Brawe: Der Freigeist - Kapitel 19
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDer Freigeist
authorJoachim Wilhelm von Brawe
year2001
titleDer Freigeist
senderffischer@texttech.de
firstpub1757
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Fünfter Auftritt.

Clerdon, Henley.

Clerdon (sobald er den Henley erblickt). Er ist schuldig, Henley. Mitten unter den erkünstelten Schmeicheleien, die wider meinen Verdacht kämpften, drang ich bis zu seinen entsetzlichen Absichten hindurch. Ich nannte seine Schwester; er geriet in Verwirrung, er gestand – Freund, nehmen Sie teil an meiner Wut. Granville ist schuldig, er ist der niederträchtigste Treulose.

Henley. Sie verließen einander ohne Zweifel sehr aufgebracht?

Clerdon. Noch wollte er sich verteidigen, noch glaubte er sich unter den Hüllen der Verstellung sicher, so gewiß war er seiner Erfahrung in derselben, mit so vieler Kunst suchte er mich ins Verderben zu stürzen; er versicherte mich, da er mich verließ, er wolle bald zurückkehren und sich vollkommen rechtfertigen.

Henley. Wie sehr fürchte ich, er werde sich endlich Ihres Vertrauens wieder bemeistern, und dann sind Sie der ganzen Willkür seiner geheimen Feindschaft überlassen. Er ist ein zu großer Künstler im Betruge.

Clerdon. Besorgen Sie nichts; ich werde unüberwindlich gegen seine List sein. Alles redet wider ihn, sein eigner schändlicher Brief, die Warnung des Unbekannten, die für mich geheimgehaltene Gegenwart seiner Schwester – Ja, Henley, Sie selbst würde ich für meinen Feind achten, wollten Sie ihn noch entschuldigen.

Henley. Auch Ihr Haß, so fürchterlich er mir sonst ist, würde mich nicht abschrecken, Freunde wieder zu versöhnen – das freudigste Geschäfte für edelmütige Seelen! – wäre nur nicht – mit Schmerzen bekenne ich es – aller Weg, ihn zu entschuldigen, verschlossen – was sind indessen Ihre Absichten? Von mir können Sie überzeugt sein, daß ich eher den Tod wählen als mit dem Raube meines Freundes mich bereichern würde. Ein anderer wird also das Werkzeug werden, durch das man Ihnen den tötenden Streich beibringt. Wollen Sie wohl einem andern diejenige geruhig überlassen –

Clerdon. Der bloße Gedanke einer solchen Niederträchtigkeit beschimpft mich. Sollte ich meine Ehre, meine Liebe – denn ich muß es Ihnen gestehn, noch itzt liebe ich Miß Granville, und ich fühle es, diese Leidenschaft wird nur mit mir selbst sterben. Mitten unter meinen Ausschweifungen, da jedermann sie für erstickt hielt, da ich mich recht ängstlich zu bestreben schien, mich der, die ich so unaussprechlich liebte, zum Abscheu zu machen, selbst da war sie nur betäubt, und oft war es an dem, daß sie mich siegend zu ihren Füßen zurückführen sollte. Bei meiner Entfernung von London erwachte sie völlig. Ich verhehlte Ihnen meine Schwachheit. Dank sei meinem Unglücke, ich fand stets Ursache genug, meine Schwermut zu rechtfertigen, ohne des Anteils, den diese daran hatte, zu erwähnen. – Und ich sollte den Anblick ertragen können? – diejenige, die ich anbete, die schon durch die heiligsten Versicherungen die meinige ist, in eines andern Armen – dieser Triumph sollte des Elenden Untergang sein – ich sollte sehen, daß Granville, dieser Niederträchtige, dieses Ungeheuer – hier vereinigen sich alle meine empörten Bewegungen, hier wird meine ganze Seele Rache. Ich will, wenn es möglich ist, grausamer, unmenschlicher gegen ihn sein, als er es gegen mich ist.

Henley. Wie freue ich mich, Sie in einer Ihrer so würdigen Verfassung zu erblicken! Solange man es mit einiger Hoffnung versuchen konnte, entschuldigte ich Granvillen. Itzt würde ich ihm ähnlich und gleich treulos sein, wenn ich nicht den edelmütigen Zorn Ihrer beleidigten Ehre billigen sollte. Ja, eilen Sie zu ihm; ohne ihm Zeit zu lassen, zu erkünstelten Entschuldigungen zu flüchten, müsse ein rächender Dolch –

Clerdon (aufgebracht). Was raten Sie mir, Henley?

Henley. Was die Ehre befiehlt, was Ihre Pflicht ist – Granvillen zu töten.

Clerdon. Granvillen zu töten?

Henley. Sie stutzen? sind Sie noch zweifelhaft?

Clerdon. Ich soll niedrig genug sein, mich der Schmach eines Meuchelmordes zu unterwerfen? Ich soll ehrlos werden, die Rechte meiner verletzten Ehre zu ahnden?

Henley. Mein Eifer hat verursacht, daß ich zweideutig redete. Zwingen Sie ihn zum Zweikampf, nur unter solchen Umständen, daß er ihn nicht ausschlagen kann. Geben Sie ihm Raum, sich zu entschuldigen, so sind Sie verloren.

Clerdon. Wozu muß mich dieser Unglückselige bringen! Ach, Henley, wüßten Sie, welch ein Tumult, welch ein Kampf widerwärtiger Bewegungen diese Brust zerreißt! – Wie sehr habe ich ihn nicht geliebt! mit Freuden hätte ich einst mein Blut für ihn verschwendet. Und er mußte mich so treulos hintergehn? und ich soll ihn – Sie sehn meine Tränen hervorbrechen; tadeln Sie sie nicht, sie beweinen den Tod einer Freundschaft, die sonst das Glück meiner Tage war.

Henley. Ich beklage sie und verabscheue den Granville immer heftiger. Jede Träne, die Sie um ihn weinen, erhöht sein Verbrechen. Doch itzt müssen Sie alle diese erweichenden Vorstellungen entfernen. Sie würden nur Ihren strafenden Arm ohnmächtiger machen. Töten Sie den Verräter, und dann bedauern Sie, daß er Sie dazu zwang.

Clerdon. Werde ich mich aber hierdurch dem Ziel meiner Wünsche nähern? Wird seine Schwester eine Hand annehmen, von der das Blut ihres Bruders herabträufelt? Unsinn wär' es, dies nur zu denken.

Henley. Und werden Ihre Wünsche vergnügt werden, wenn Sie es unterlassen? Werden Sie nicht zugleich unglücklich in Ihrer Liebe, beschimpft, ungestraft beleidigt, erniedrigt in den Augen Ihrer Freunde und der Spott des frohlockenden Granville sein? Nein, Clerdon, rächen Sie sich, und überlassen Sie das übrige dem Geschicke. Vielleicht kann man die Hand vor ihr verbergen, durch die ihr Bruder fiel – vielleicht kann die Zeit – doch was erwähne ich das? Sie können unmöglich klein genug sein, daß solche Gedanken Ihre Rache entwaffnen sollten – noch sind Sie zweifelhaft?

Clerdon. Ich muß gestehn, es war eine Zeit, da ich nicht vorteilhaft von dem Zweikampfe dachte. Ich hielt ihn für einen nur feierlichern Frevel, für eine prahlende Niederträchtigkeit.

Henley. O erwähnen Sie niemals, ohne schamrot zu werden, die schimpflichen Zeiten Ihrer Verblendung! Alles nichts als Vorurteile, die uns zu Verzagten erniedrigen wollen? Danken Sie es Ihrem Geschicke, daß Sie diesen abergläubischen Irrtümern entsagt haben, die itzt Ihre zur Rache schon aufgehabne Hand fesseln würden – ein Geräusch erhebt sich, vermutlich ist's Granville, der zu Ihnen zurückkehrt. Ich muß seiner Gegenwart ausweichen. Erinnern Sie sich, wie heilig Sie mir versprochen, nichts gegen ihn von mir und seinem Vorhaben zu gedenken. Daß Sie es wissen, darf er nicht eher erfahren, als bis er Sie im Begriff sieht, es zu strafen.

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