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Joachim Wilhelm von Brawe: Der Freigeist - Kapitel 17
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDer Freigeist
authorJoachim Wilhelm von Brawe
year2001
titleDer Freigeist
senderffischer@texttech.de
firstpub1757
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Dritter Auftritt.

Clerdon, Granville.

Clerdon (für sich). Ja, er ist's; beherrsche dich, aufwallendes Herz!

Granville. Ich suchte Sie, Clerdon. Ich bin voll Ungeduld, unser unterbrochnes Gespräch zu erneuern. Sie schienen überwunden zu sein; darf ich mir mit diesen glorreichen Triumphe noch schmeicheln?

Clerdon. Ihre Gründe, Granville, sind bei mir nicht fruchtlos gewesen.

Granville. So bin ich der glücklichste der Menschen! Ein Überfluß unaussprechlicher Freuden drängt sich in mich. Itzt umarme ich in Ihnen den nicht mehr verdunkelten Clerdon – den Verehrer der Tugend und der Religion. O Clerdon, sein Sie stolz auf diesen Namen! Wenn einst der Glanz aller übrigen wird dahin sein, so wird dessen Schimmer noch unsterbliche Strahlen von sich werfen – Was sehe ich? Sie wenden sich von mir? – Sie scheinen meine Umarmungen zu fliehn? Wider Ihren Willen dringen Seufzer hervor; was verkündigt mir dieses ungewöhnliche Bezeigen?

Clerdon. Bei meinen itzigen Umständen befremden Sie die Spuren der Traurigkeit, die Sie an mir bemerken?

Granville. Umsonst suchen Sie mir auszuweichen. Ihr Gesicht verrät einen geheimen Schmerz, es verrät Abscheu, Mißtrauen – Ihre Blicke weigern sich, den meinigen zu begegnen – Clerdon, ist's möglich! – war ich fähig, Sie zu beleidigen?

Clerdon. Sie sind mein Freund, Granville?

Granville. Sie fragen mich das, und eine Träne zittert in Ihrem Auge, da Sie es tun? Womit verdiente ich dieses quälende Mißtrauen? Fände ich doch gleich itzt Gelegenheit, Ihr Glück mit meinem Leben zu erkaufen! dies sollte meine Antwort sein.

Clerdon (für sich). Der Treulose! wie unterwiesen er in der Verstellung ist!

Granville. Sie antworten nichts, Clerdon? Ein schrecklicher Argwohn muß sich Ihrer bemächtigt haben. Eröffnen Sie mir ihn; fürchten Sie nicht, mich zu beleidigen; so schimpflich er auch sein mag, so werde ich nichts tun, als mich verteidigen und es denen verzeihen, die ihn vielleicht erweckten. Sie kennen mich, mein Herz erniedrigte sich nie zu dem, was man Rache nennt.

Clerdon. Sie werden zu leicht unruhig. Ich setze kein Mißtrauen in Ihre Freundschaft.

Granville. Die Verwirrung Ihrer Blicke und der Kaltsinn Ihrer Versichrungen widerlegen Sie – doch vielleicht wollen Sie nicht, daß ich diesem Geheimnisse weiter nachforschen soll; ich gehorche Ihnen, so marternd mir auch diese Ungewißheit ist – welcher Qual wollte ich mich nicht unterwerfen, Ihnen gefällig zu sein! – Nur um dieses einzige beschwöre ich Sie, versichern Sie mich, daß Sie mich noch lieben. Schlagen Sie mir diese Bitte nicht ab; sie ist meinen Herzen von unschätzbarem Werte. Lieben Sie mich noch, Clerdon!

Clerdon. Ob ich Sie liebe?

Granville. Sie seufzen, Sie stocken – mein Unglück ist gewiß!

Clerdon (kaltsinnig). Nein doch – ich liebe Sie.

Granville. Ich danke Ihnen unendlich für diese Versichrung, obgleich eine Zeit war, da sie vielleicht weniger Kaltsinn würde begleitet haben.

Clerdon (nach einigem Stillschweigen). Sie urteilen stets gerecht, Granville. Was würden Sie wohl von einem Freunde halten, dessen Herz zu der Zeit, da seine Lippen von Zärtlichkeit überflossen, von dem Vorhaben voll wäre, einen bedrängten Freund gänzlich zu verderben, seine Liebe, seine Ehre, alles, was ihm das Kostbarste ist, anzugreifen und zur Beschönigung –

Granville. Halten Sie ein mit diesem schrecklichen Abrisse. Ein Ungeheuer wäre er, würdig, zu der niedrigsten Klasse der Bösewichter verstoßen zu werden – Ich erstaune über diese Frage von Ihnen.

Clerdon. Sie scheinen heute besonders fruchtbar an argwöhnischen Vorstellungen zu sein. Wir wollen einen angenehmern Stoff zu unsrer Unterredung wählen – Man hat mir gesagt, Miß Amalia, Ihre Schwester, habe Sie hieher begleitet. Ich habe diesem Gerüchte nicht trauen können. Granville sollte mir aus etwas ein Geheimnis gemacht haben, von dem er weiß, wie zärtlich es mich angeht? (Für sich.) Er ist schuldig, seine Verwirrung ist sein Verräter.

Granville. Ich bin verdrüßlich, daß man Ihnen etwas zeitiger eröffnet hat –

Clerdon (erhitzt). Wie! so ist es denn an dem? Ein so feindselig Mißtrauen von dem, der sich meinen Freund nennt! – in einer Sache, die mir die teuerste ist – ja, mein Argwohn ist gewiß. Umsonst suchen Ihre einnehmenden Liebkosungen ihn einzuschläfern – ich bin hintergangen – Treulosigkeit und Rachsucht –

Granville. Sie reden von Treulosigkeit, von Rachsucht, und das mit mir?

Clerdon (für sich). Meine Hitze verrät mich. (Zum Granville.) Verzeihen Sie diesen jählingen Aufwallungen einer beleidigten Ehre und Freundschaft. Dieser Schein des Mißtrauens, ich leugne es nicht, schmerzet mich.

Granville. Ein geheimes Gift, das unsrer Freundschaft den Tod droht, muß Ihr Innerstes durchdrungen haben. Ihr ganzes Bezeigen sagt mir etwas, dessen genauere Bestimmung Ihre Lippen mir so unerbittlich verweigern. Ich sehe zum voraus – nein, ich kann diese traurige Ahndung nicht aussprechen. Könnte ich doch dieses unglückliche Geheimnis so leicht entwickeln, als es mir leicht sein wird, mein Verhalten gegen alle Vorwürfe des Mißtrauens zu rechtfertigen. Vergönnen Sie mir, daß ich mich entferne; ich werde bald wieder bei Ihnen sein und allen Ihren Argwohn zerstreuen.

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