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Joachim Wilhelm von Brawe: Der Freigeist - Kapitel 16
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDer Freigeist
authorJoachim Wilhelm von Brawe
year2001
titleDer Freigeist
senderffischer@texttech.de
firstpub1757
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Zweiter Auftritt.

Henley, Clerdon.

Henley. So eilig und bestürzt, Clerdon?

Clerdon. Retten Sie mich, Henley, retten Sie Ihren Freund. Man sinnt auf meinen Untergang; man ist noch nicht mit den Bedrängnissen vergnügt, die mich bereits niederbeugen. Ich habe Feinde, ich kenne sie nicht – vielleicht habe ich sie nie beleidigt – eine dunkle und unterbrochne Warnung, ein Brief von einer verborgnen Hand lehrt mich sie fürchten, ohne sie mir zu nennen.

Henley. Meine Bestürzung gleicht der Ihrigen. Befriedigen Sie meine Ungeduld. Entwickeln Sie diese fürchterlichen Geheimnisse.

Clerdon. Ihr Diener begegnete mir heute. Sein bleiches und verändertes Gesicht verriet die aufgebrachten Bewegungen seiner Seele. Schrecken und Abscheu schienen ihn ganz überwältigt zu haben. Er verlangte von mir ein vertrautes Gehör. Seine dunkeln, abgebrochnen, schüchternen Reden ließen mich soviel erraten, daß man mich unter der Decke der Freundschaft hintergehen und unglücklich machen will. Er entfernte sich, ohne sich deutlicher auszudrücken. Die Furcht schien ihn mit Gewalt zurückzuhalten.

Henley (für sich). Ha! der Verräter! Kaum daß ich meine Wut bezähmen kann!

Clerdon. Dieses würde mich wenig beunruhigen. Doch itzt erhalte ich einen Brief von einen Unbekannten, der meine Besorgnis nur zu gegründet macht. Hören Sie ihn selbst; Sie werden mir beifallen. (Er liest.) "Man glaubt sich um Sie verdient zu machen, wenn man Sie für einer Gefahr warnt, die eine unbegreifliche Verblendung Ihren Blicken verbirgt. Hüten Sie sich. Eine Hand, die um so gefährlicher, da sie versteckt ist, droht Ihnen den tödlichsten Streich. Sie haben einen Freund, Sie schätzen ihn über alles, Ihr ganzes Herz ist ihm offen; und er – ist ein Bösewicht, Ihr Todfeind. Durch entsetzliche und unerhörte Verbrechen bereitet er Ihnen insgeheim den Untergang. Die Furcht, entdeckt zu werden, befiehlt, seinen Namen zu verschweigen. Sie werden selbst die besten Mittel wissen, diesen frevelhaften Absichten zuvorzukommen; dies einzige bittet man Sie, gehn Sie mit diesem Briefe behutsam um; sein Urheber ist verloren, wo man ihn entdeckt." Nun? ist meine Furcht ungerecht?

Henley (für sich). Wie nahe, verraten zu werden? ich zittre – der Bösewicht! auch dieser Brief ist von ihm.

Clerdon. Sie antworten nichts, Henley?

Henley (für sich). Itzt komme ich auf die glücklichste List, selbst dieser Brief soll mir behülflich sein, ihn wider Granvillen aufzubringen. (Zum Clerdon.) Entschuldigen Sie mich, daß ich Ihnen nicht gleich antwortete. Ein innerlicher Kampf band meine Zunge. Ich fürchtete, wenn ich Ihnen das eröffnete, was dieses ganze unglückliche Geheimnis aufschließen muß, mir den Schein eines niederträchtigen Zerstörers freundschaftlicher Verbindungen zuzuziehn. Doch Ihre dringende Not siegt über alle meine Bedenklichkeiten. Sie sollen es erfahren – die entsetzlichste Treulosigkeit, die jemals ausgedacht worden; Granville – Sie zittern, da Sie diesen Namen hören; bald wird er Ihnen nichts als Schauer und Abscheu erwecken –, Granville hat mir eben itzt einen Brief übersendet. Sie wissen, wie frostig er sich vorhin gegen mich bezeigte; sollten Sie wohl glauben, daß dies alles nur Verstellung war? Sein Brief bezeuget es. Er fängt mit den heftigsten Klagen über die Beleidigungen an, die ihm und seiner Schwester von Ihnen widerfahren sind. Er hielte sie, wie er versichert, für unverzeihlich und sich zur strengsten Rache berechtigt. Ebendiese sei die Absicht seiner Reise; doch müsse er sich noch gegen Sie verstellen. Die Anwesenheit seiner Schwester, die ihn hieher begleitet, habe er Ihnen mit Fleiß verhehlt; er wüßte, wie eifrig ich mich einst um ihre Gunst beworben; itzt böt' er sie mir mit der Hälfte seines väterlichen Vermögens an. Unsre Verbindung sollte sogleich vollzogen werden.

Clerdon. Was höre ich? Mein ganzes Blut erstarrt.

Henley. Er setzte hinzu, er wüßte, Sie beteten seine Schwester an, und ebendarum wollte er Sie auf der empfindlichsten Seite angreifen; dies würde der geschickteste Weg sein, seine verletzte Ehre zu rächen, Sie gänzlich niederzuschlagen und öffentlich über Sie zu triumphieren, wenn er Ihnen Ihre Verlobte und mit ihr alle Mittel raubte, Ihren bedrängten Umständen jemals wieder aufzuhelfen.

Clerdon. Nein, ehe soll er sterben – der Unmensch! – Was hält meine Wut noch zurück? – ich eile zu ihm – von meiner Hand soll er sterben, der Treulose! – Doch Sie, Henley, befreien Sie mich von diesem quälenden Zweifel, haben auch Sie sich wider mich verschworen?

Henley. Wie können Sie einen solchen Argwohn bei sich aufsteigen lassen? Widerspricht ihm nicht mein ganzes Verfahren? Würde ich nicht geschwiegen haben, wäre ich nur im mindsten zweifelhaft gewesen? Es ist wahr, ich liebte Miß Granville, solange der Vorzug, den man Ihnen gab, meine Liebe nicht strafbar machte; Eine günstige Gelegenheit bietet sie mir itzt an. Ein ansehnlich Vermögen erhöht noch die schimmernde Lockung. Meine Umstände – Sie wissen es selbst – raten mir, es nicht auszuschlagen. Doch verabscheut sei das Glück, das sich auf den Ruinen meines Freundes erhebt! Nein, Clerdon, ich will den Gesetzen der Freundschaft mein Glück, ja meine zärtlichste Leidenschaft aufopfern. Ich liebe Sie höher als mich. Sie sollen es erfahren, Sie sollen erkennen lernen, wer von uns beiden den Vorzug in der Freundschaft verdient, Granville oder ich.

Clerdon. Sie sind die Großmut selbst. Mein Leben ist eine zu geringe Belohnung für diese edle Gesinnung. Soviel Zärtlichkeit, Uneigennützigkeit, Hoheit der Seele – ach verzeihen Sie, daß ich zwischen Ihnen und Granvillen jemals zweifelhaft gewesen bin – Doch ist's möglich? kann ich diese abscheuliche Niederträchtigkeit glauben? So ein schwarzes Verbrechen von Granvillen?

Henley. Mir selbst war es anfangs unbegreiflich. Ich wagte es nicht, meinen Augen zu trauen. Doch alles bekräftigt es unwidersprechlich. Selbst der Brief, den Sie empfangen haben, erklärt ihn für schuldig. Denn wen könnte er sonst anklagen? Vermutlich hat Granville einem gemeinschaftlichen Freunde von Ihnen beiden seine rachgierigen Absichten anvertraut, dem haben Sie diese Warnung zu danken.

Clerdon (staunend). Granville kann treulos handeln?

Henley. Hätte Ihnen doch Ihr edelmütiges und über alles Mißtrauen erhabnes Herz eher erlaubt, die Falten des seinigen zu durchschauen. Ich bekenne es, schon lange haben nur zu gewisse Nachrichten einen geheimen Argwohn gegen ihn bei mir unterhalten – vielleicht war es meine Schuldigkeit, es Ihnen eher zu melden – ich fürchte, seine verborgne Feindschaft hat nicht wenig beigetragen, Ihre Gläubiger mit unerbittlicher Strenge zu bewaffnen.

Clerdon. Granville kann treulos handeln!

Henley. Ich sehe es, Ihr Herz weigert sich, ihn für einen Verräter zu halten. So lesen Sie denn diesen Brief selbst; Sie kennen seine Hand. Dieser muß Sie einem vielleicht schmeichelhaften, aber gefährlichem Irrtume entreißen – (Für sich, indem Clerdon liest.) Seine Blicke sind Wut – ich triumphiere.

Clerdon (nachdem er ihn durchgelesen). Ich habe ihn gelesen, und ich verfluche seinen Urheber. Dieser Augenblick ist der Tod unsrer Freundschaft. Wo Rache, Wut, Verzweiflung – Worte mangeln meinen Empfindungen – Welche abscheuliche Gesinnungen entweihen dieses Blatt! Er beschwört Sie – der Treulose! – er beschwört Sie, mir alles so lange zu verhehlen, bis die Verbindung mit seiner Schwester völlig geschlossen und sie dann beide öffentlich über mich triumphieren könnten – triumphieren? Ja, ich will ihnen die Freude dieses Triumphs verbittern. Lassen Sie mich, ich eile zu ihm, meine Rache –

Henley (der ihn zurückhält). Wo wollen Sie hin, Clerdon? Ihre Hitze macht Sie unbedachtsam. Granville kann vielleicht den Augenblick zu Ihnen kommen. Allein wo Ihnen unsre Freundschaft teuer ist, wo Sie mir einige Erkenntlichkeit für das, was ich Ihnen heute aufopfre, schuldig zu sein glauben, so verhehlen Sie ihm unsre Unterredung. Nie kann man vorsichtig genug sein, Freundschaften aufzurichten, und nie vorsichtig genug, schon geschloßne zu trennen. Es ist wahr, Sie haben bereits unverwerfliche Zeugnisse von Granvillens Treulosigkeit. Wird es indessen nicht besser sein, auch dem mindsten Scheine der Ungewißheit auszuweichen? Reden Sie mit dem Granville, verstellen Sie sich, tun Sie, als hätte Sie sein Vorschlag, mit ihm ein Einsiedler zu werden, überredet. Lenken Sie das Gespräch auf seine Schwester. Finden Sie, daß uns der Brief nicht hintergangen hat, daß seine Schwester gegenwärtig ist und er es doch für Ihnen verborgen hat, so ist leider – Sie werden es selbst wissen, welche unglückliche Folgerung Sie daraus ziehen müssen – doch wie sehr wünschte ich, wir irrten uns, und Granville wäre unschuldig!

Clerdon. Ich fürchte, dieser Versuch wird mir mühsam werden. Ich war stets zu stolz, die Verstellung zu Hülfe zu rufen, und da ich in ihren Künsten ein Fremdling bin, versagt sie mir vielleicht itzt ihren Beistand.

Henley. Und dennoch müssen Sie alle Ihre Kräfte aufbieten, in diesem Versuch glücklich zu sein. Ich wiederhole es, so teuer Ihnen unsre Freundschaft, ja Ihr eigen Wohl ist – doch es kommt jemand; vielleicht ist's Granville – Noch einmal, liebster Clerdon, beschwöre ich Sie –

Clerdon. Fürchten Sie nichts; Ihren Wunsch zu befriedigen, würde ich auch das schwerste Geschäfte nicht ausschlagen.

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