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Joachim Wilhelm von Brawe: Der Freigeist - Kapitel 12
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDer Freigeist
authorJoachim Wilhelm von Brawe
year2001
titleDer Freigeist
senderffischer@texttech.de
firstpub1757
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Sechster Auftritt.

Clerdon, Granville.

Granville. Finde ich meinen Freund ruhiger!

Clerdon. Zum mindsten wünschte ich es.

Granville. Ihre edle Gesinnung und der vielleicht nicht ganz unnütze Eifer meiner Freundschaft werden, wie ich mir schmeichle, über Ihren Schmerz endlich die Oberhand gewinnen. Nicht als wünschte ich in Ihnen ganz das Andenken Ihres Vaters zu ersticken. Nein, beweinen Sie seinen Tod. Die Tugend liebt diese Tränen. Den Rechtschaffnen bedauern, verrät das Bestreben, ihm gleich zu sein. Nur beweinen Sie ihn als ein Weiser, der weitere, erhabnere Aussichten vor sich hat. Doch es ist unnötig, Ihnen das zu wiederholen, was Ihnen Ihre eigne Überlegung bereits sagt. – Entdecken Sie mir nunmehr Ihre Absichten; sind Sie gesonnen, nach London zurückzukehren?

Clerdon. Ich hatte mich dazu entschlossen, ehe ich den Tod meines Vaters erfuhr. Aber itzt werde ich London nie wiedersehn. Glauben Sie, mein Schmerz könne einen solchen Anblick ertragen? Würden nicht selbst diese Gegenden mit stummen Vorwürfen mich ängstigen? Würde nicht jenes Haus, das meinen Vater einst in solchem Glanze und dann durch mich in solcher Dürftigkeit erblickt hat, das vielleicht von dem frohlockenden Jauchzen der Besitzer seiner unglücklichen Beute ertönt, würde nicht dieses wider mich reden? würde es mich nicht als den Zerstörer seines Glücks anklagen? – Und überdies ist noch etwas in London, das zu schmerzliche Regungen in mir aufwiegeln würde – Warum sollte ich's Ihnen verhehlen? ich war ein Unmensch, ich wagte es, diejenige zu beleidigen – darf ich sie noch nennen? – die liebenswürdigste – Ihre Schwester – und dennoch habe ich sie stets verehrt, und noch itzt bete ich sie mehr als jemals an. Sie wird, sie muß mich hassen, und ich sollte es wagen, ihr so nahe und doch von ihr gehaßt zu sein?

Granville. Umarmen Sie mich, Clerdon, welch Entzücken überströmet mich! Ja, ich finde den Freund, den edeln Clerdon wieder, den ich sonst in Ihnen fand. Nun sind meine Wünsche befriedigt. Sie werden glücklich sein, und wie glücklich bin ich, daß ich etwas dazu beitragen kann! Wenn der Anblick von London Ihrem annoch unbeugsamen Schmerz unerträglich ist, so begleiten Sie mich auf mein Landgut; meine Schwester – doch, Clerdon, noch ein schrecklicher Zweifel widersteht dem vollen Ausbruche meiner Freude. Entlästigen Sie mich seiner. Wollen Sie dem Befehle Ihres Vaters gehorchen? wollen Sie dem schmählichen, dem verhaßten Namen und den Grundsätzen eines Freigeists entsagen!

Clerdon. Entschuldigen Sie mich, wenn ich offenherzig rede. Ich halte es für sehr unrühmlich, Vorurteilen, die man einmal besiegt hat, sich gutwillig wieder zu unterwerfen.

Granville. Was höre ich? – Clerdon, mein Freund! – Ach wüßten Sie, wie empfindlich Sie itzt mein Herz durchbohrten! Meine schönsten Hoffnungen haben Sie in Ihrer Blüte verheert. So halten Sie es denn vor rühmlicher, von dem größten, dem edelsten und dem vernünftigsten Teile abzuweichen und sich zu einer Rotte verwegner Bösewichter zu gesellen, die in Ansehung ihres Verstandes des Tollhauses und in Ansehung ihres Herzens der schimpflichsten Todesstrafe würdig wären? Verzeihen Sie mir, wenn ich mich zu heftig ausdrücke; wie schwer wird es, gelaßner hiervon zu reden!

Clerdon. Heftige Ausdrücke beleidigen; aber sie beweisen nichts.

Granville. Sind hier Beweise nötig? Würde ich nicht diesen so oft beschämten, so oft wiederholten Zweifeln zu viel Ehre erzeigen, wenn ich sie einer neuen Beantwortung würdigen wollte? Würde ich nicht zugleich Ihrem Verstande einen gewiß ungerechten Vorwurf machen, gleich als wüßten Sie nicht bereits, wie man diese ohnmächtigen Phantomen, die Bosheit und Unverstand erschaffen, niederkämpfen kann? Sie kennen Ihre Religion. Es war eine Zeit, da Sie es würden für eine Beleidigung angesehn haben, wenn man an Ihrer Verehrung gegen dieselbe gezweifelt hätte. Durchforschen Sie sich unparteiisch. Wenn wurden Sie ein Freigeist? War es nicht der unglückliche Zeitpunkt, mit dem sich zugleich Ihre Ausschweifungen anfingen? War es nicht der Haß gegen eine verdrüßliche Lehrerin, die Ihnen Ihre Fehler verwies? war es nicht Stolz, Eitelkeit, Zerstreuung, die Sie wider Ihren Schöpfer –

Clerdon. Schöpfer, Granville? Setzen Sie mich in die Klasse der Gottesleugner?

Granville. Nein, Clerdon, eines solchen Grades der Raserei sind nur die Verworfensten des menschlichen Geschlechts fähig. Ich will es Ihnen zugestehn, Sie gehören zu denen, die auf das stolze Bekenntnis einer natürlichen Religion trotzen. Allein muß Ihr System davon nicht das verächtlichste Gespinst sein, das je ein menschlicher Wahn zusammengewebt hat? Vernünftig handeln wollen und mitten in einem verschwenderisch um uns her ausgegoßnen Überfluß von Licht mit Gewalt sich die Augen zudrücken; einen Schöpfer verehren, ihn erkennen wollen und doch den vorzüglichsten Weg, uns von ihm zu unterrichten, sogleich im voraus ohne alle Ursache sich verschließen und zugleich sich mutwillig in Gefahr stürzen, als der undankbarste Frevler gegen ihn zu handeln, wenn eine aus Parteilichkeit verworfne Religion wahr sein sollte, die uns ihn –

Clerdon. Halten Sie ein. Mein Entschluß bleibt unerschüttert, erwarten Sie nichts von Ihren Bemühungen.

Granville. Können Sie in diesem einzigen Punkte so unbeweglich sein? So durchdrungen von dem Tode eines beleidigten Vaters, so beugsam gegen das Andenken Ihrer vorigen Vergehungen und doch so unüberwindlich gegen die Religion? Unbezwinglicher Stolz! – ich muß das Äußerste versuchen, mit Schmerzen – doch Sie wollen es – hören Sie also die schrecklichen Umstände, die den Tod Ihres Vaters begleiteten, vielleicht machen Ihnen diese sein letztes Gebot heiliger – Er starb im Kerker. Ihre Gläubiger – Sie kennen die niedrigen und pöbelhaften Gesinnungen derselben, entblößten ihn erst von allen, selbst den notdürftigsten Gütern. Von einem grausamen Rechte unterstützt, da er, wie Sie wissen, Sie zu retten, alle Ihre Schulden auf sich genommen, und Sie ihn vor Ihrer Entfernung von London aller Mittel, sie zu tilgen, beraubt hatten, warfen sie ihn in das schmählichste Gefängnis, ohne von dem hülflosen und zitternden Alter dieses redlichen Greises, das sie stillschweigend um Mitleiden anflehte, gerührt zu werden.

Clerdon. Die Unmenschen! – Entsetzliche Nachricht! – kann ich sie nur anhören?

Granville. Die Dürftigkeit der Nahrungsmittel nebst dem Mangel der Wartung entschieden hier bald sein Schicksal. Könnte ich Ihnen alle Gegenstände des Jammers, die ihn umringten, schildern, da ich ihn das letztemal erblickte; könnte ich Ihnen seine verfallne, von den Spuren des traurigsten Mangels überdeckte Gestalt, seine Mienen –

Clerdon. Grausamer Granville! nehmen Sie mein Leben, nehmen Sie es, nur hören Sie auf, mich so zu peinigen.

Granville. Und Sie wollen die Bitte eines Vaters, der durch Sie so viel erlitten und Sie doch so unaussprechlich, selbst da er es litte, geliebt hat, fruchtlos sein lassen? Sie wollen in dem zerstörenden Ungewitter, das Ihr Haus überfallen, nicht die Winke Ihres beleidigten Schöpfers erkennen? Alles warnt Sie für Ihrem Verderben, und Sie sind gegen alles taub? Geben Sie der vereinigten Stimme der Pflicht und Freundschaft Gehör. Ihr Vater ruft Ihnen aus jenen glänzenden Gegenden zu; folgen Sie ihm. Lassen Sie nicht das Gebet, das er sterbend für Sie tat, umsonst getan, die Tränen, die er für Sie vergossen, umsonst vergossen sein! hören Sie die Bitten Ihres Granville. Nur Ihr Wohl ist meine Absicht, Sie werden es dereinst erfahren. Sie sollen in mir einen Freund und den, den Sie itzt beweinen, zugleich finden. Meine Schwester, Ihre Amalia – Sie lieben sie ja noch – fleht Sie mit mir mit Tränen an, hören Sie auf, Ihr eigner tödlicher Feind zu sein – Und was für Sie das Wichtigste sein muß, selbst Ihr Gott, den Sie so treulos verlassen, wider den Sie sich so frevelhaft aufgelehnt haben, ermahnt Sie; kehren Sie zurück. Denken Sie, er rede durch meine Stimme. Hüten Sie sich, seine Warnung zu verachten. Vielleicht ist es die letzte. Noch schont er Ihrer, noch brennt er, Sie zu retten, da Sie sich bestreben, überall seine Verehrung zu vertilgen. Vielleicht ist er ermüdet, vielleicht waffnet sich schon das Verderben – o wende es ab, wende es ab, Langmütigster. Nimm mein Blut, mein Leben, nur laß meinen Freund dir wieder unterwürfig werden! – Sie scheinen erweicht, Clerdon? Ihre Tränen bekräftigen es. Glückliches Merkmal! Versprechen Sie mir, zum mindsten eine ernstliche Untersuchung darüber anzustellen, und ich habe gesiegt.

Clerdon. Sie sind unwiderstehlich, Granville. Wenn es denn – ich weiß nicht, was ich sagen soll – Sie wollen es, und ich muß –

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