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Joachim Wilhelm von Brawe: Der Freigeist - Kapitel 11
Quellenangabe
typetragedy
booktitleDer Freigeist
authorJoachim Wilhelm von Brawe
year2001
titleDer Freigeist
senderffischer@texttech.de
firstpub1757
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Fünfter Auftritt.

Clerdon, Henley.

Henley (indem er hereintritt, für sich). Ich muß diese glücklichen Augenblicke nutzen, da er allein ist; wie bald kann Granville wiederkommen. (Zum Clerdon.) Sie sind tiefsinnig, Clerdon? ich hatte mich dessen nicht versehn! Ich kam her, ein Zeuge Ihrer Freude über den Besuch Ihres Freundes, des Granville, zu sein.

Clerdon. Sein Sie ein Zeuge meiner Verzweiflung. Ich bin verloren, Freund. Mein Vater ist dahin. Sein Tod ist von den schrecklichsten Umständen begleitet worden. Granville, dessen zu sorgsame Freundschaft ihre Erzählung meinen Schmerzen ersparen wollte, ließ wider Willen Tränen fallen, da er ihrer erwähnte.

Henley. Und diese Nachricht schlägt meinen Freund, den mutigen Clerdon, so nieder? die Weichlichkeit eines schwachen Granville teilt sich auch seinem heldenmütigen Geiste mit. Ein abgelebter Greis muß dem gemeinen Schicksale gehorchen, er wird zugleich von den Beschwernissen des Alters befreit. Ist dies die wichtige Ursache Ihrer Verzweiflung?

Clerdon. Wie können Sie meines Schmerzens so spotten! War dieser ehrwürdige Greis nicht mein Vater? War er nicht so unerschöpflich gegen mich an Wohltaten, als ich in dem letzten Zeitpunkte seines Lebens unerschöpflich gegen ihn an Beleidigungen war? Sie wissen es selbst, mit welcher Bereitwilligkeit er sein ganzes Vermögen mir zuliebe aufopferte. Haben nicht meine Ausschweifungen seine Tage verkürzt? Bin ich nicht sein Mörder, der Mörder meines Vaters – meines Wohltäters! O Gedanke, der mein Innerstes gleich dem Donner zermalmt! Welch eine Verantwortung, welch eine Rache muß meiner erwarten!

Henley. Was reden Sie von Rache und Verantwortung? daß doch die Vorurteile unsrer tierischen Jahre, auch wenn wir sie ganz erstickt zu haben glauben, uns so oft überraschen! Fassen Sie sich, Clerdon, zeigen Sie den Mann, der wie in allem, so auch in dem, was den Pöbel niederzuschlagen pflegt, über ihn erhaben ist. Weil Ihr Bezeigen, Ihr so vernünftiges Bezeigen, dem eigensinnigen Alter Ihres Vaters zuletzt nicht stets gefallen wollte, so meinen Sie, der Gram hierüber habe seinen letzten Tag beschleunigt! Nichtige Furcht! ich sollte glauben, der Tod eines Greises bedürfe keiner so außerordentlichen Ursache. (Nach einigem Innehalten.) Ich errate die Quelle Ihrer schwermütigen Besorgnisse. Sie wissen, daß kein Mensch an mehrern Vorurteilen und unüberwindlichern Aberglauben krank liegt als Granville. Sie kennen seinen Stolz, seine Lüsternheit, ein Muster zu sein und die ganze Welt, wäre es möglich, so schwach, als er selbst ist, zu machen, Sie kennen seine Begierde, über die Gemüter zu herrschen –

Clerdon. Sie vergessen seine Verdienste, die gewiß seine Fehler, wenn er auch welche hat, weit überwiegen.

Henley. Ich begehre dies nicht zu leugnen. Indessen wissen Sie selbst, daß die stolze Art, mit welcher er über Sie eine Herrschaft behaupten wollte, Sie damals in London nötigte, seinen Umgang zu fliehen. Itzt kommt er mit einer künstlich erfundnen rührenden Erzählung von dem Tode Ihres Vaters, sich in Ihr erweichtes Herz wieder einzuschmeicheln. Gelingt es ihm, so wird er Ihnen die alten Fesseln wieder anlegen; dann wird er Sie bereden, nach London zurückzukehren und daselbst als sein Sklave mit ihm ein finstres, einsames, freudenloses oder, wie er es nennt, tugendhaftes Leben zu führen.

Clerdon. Sie irren sich; nicht er, sondern mein sterbender Vater selbst gebeut mir, meine vorigen Grundsätze wieder anzunehmen.

Henley. Und Sie wollen gehorchen, Clerdon? Sie wollen gehorchen? Granville nennt sich Ihren Freund, und dennoch – ja, ich muß es sagen, mein Eifer, meine Zärtlichkeit für Sie übermannt mich – ist er Ihr schädlichster Feind – Schon sehe ich Sie von Verachtung niedergebeugt herumschleichen, Ihre schüchterne Augen wagen es nicht, sich von der Erde zu erheben, die Scham glüht auf Ihrer Wange, und überall verfolgt Sie das Gelächter des Spottes. Clerdon, wird die Welt sprechen, empfing von der Natur mit dem edelmütigsten Herzen den durchdringendesten Geist. Seine herrlichen Vorzüge machten, daß er gar bald die sklavischen Fesseln des Aberglaubens zerbrach, an die man seine Kindheit gewöhnt hatte. Er fing an, frei, groß, unpöbelhaft zu denken. Doch eine plötzliche Veränderung! Sein Vater, ein abgelebter Greis, stirbt. Eine so gar außerordentliche Begebenheit mußte freilich den nun wieder frommen Clerdon rühren. Zahm und gebeugt kehrt er in seine alte Knechtschaft zurück und wird der Abgott der Einfalt, der Gegenstand des Mitleidens seiner Freunde und der Spott der Vernünftigen. So wird die Welt sprechen. Doch ich will Sie von Ihrem glorreichen Vorhaben nicht zurückhalten. Bald werden Sie das seltne Glück genießen, wie der gemeinste Verstand zu denken und noch dazu durch eine Wankelmütigkeit in Ihren Gesinnungen, die gemeiniglich das prangende Merkmal kleiner Geister ist, sich eine unsterbliche Bewunderung zu erwerben. Ich wünsche Ihnen Glück dazu.

Clerdon. Halten Sie ein mit diesem grausamen Spotte; es ist mir unerträglich, verachtet zu werden – Ja, Sie haben mich von diesem schimpflichen Schlummer, der meinen Geist bald gänzlich überwältigt hätte, erweckt; ich will nicht der Spott der Welt werden – Ich muß es gestehen, Freund, ich war im Begriff – Eine Unruhe, die mich seit der Änderung meiner Grundsätze öfters befallen hat und die meine Zaghaftigkeit dieser Änderung zuschrieb, der Befehl eines sterbenden Vaters, der Schmerz über seinen Tod, alles bestürmte meine Standhaftigkeit. Schon drohte sie zu fallen, doch Ihre Reden haben sie mit neuer Kraft begeistert. Ich bin mir wieder selbst gleich, ich bin würdig, Ihr Freund zu sein.

Henley. Ich höre jemand kommen, vermutlich ist es Granville. Ich verlasse Sie; erinnern Sie sich Ihrer Entschlüsse. Rüsten Sie sich mit unbezwinglicher Stärke gegen seine überredenden Lockungen. Entweder Sie zerstören itzt auf einmal seine törichten Hoffnungen, oder Sie sind auf ewig seine Sklave.

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