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Alexandre Dumas (der Ältere): Der Frauenkrieg - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDer Frauenkrieg
publisherStuttgart Franckh'sche Verlagshandlung
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7b262676
created20061227
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Fünftes Kapitel.

Hätte der Blitz zu Nanons Füßen eingeschlagen, so hätte sie nicht verblüffter sein können, als über diese unerwartete Erscheinung, und es hätte ihr keinen schmerzlicheren Ausruf entrissen, als der war, der unwillkürlich ihrem Munde entfuhr. »Er!« rief sie.

»Allerdings, mein gutes Schwesterchen,« antwortete eine freundliche Stimme. »Doch um Vergebung,« fuhr der Eigentümer dieser Stimme fort, als er den Herzog von Epernon erblickte, »um Vergebung, ich belästige Euch vielleicht?«

Und er verbeugte sich bis auf den Boden vor dem Gouverneur von Guienne, der ihn mit einer wohlwollenden Gebärde empfing.

»Cauvignac,« murmelte Nanon, aber so leise, daß dieser Name eher mit dem Herzen, als mit den Lippen ausgesprochen wurde.

»Seid willkommen, Herr von Canolles,« sagte der Herzog mit der freundlichsten Miene. »Eure Schwester und ich haben seit gestern abend nur von Euch gesprochen, und seit gestern abend verlangen wir nach Euch.«

»Ah, Ihr verlangt nach mir, in der Tat?« sagte Cauvignac und warf auf Nanon einen Blick, in dem ein unbeschreiblicher Ausdruck von Ironie und Zweifel lag.

»Ja,« sagte Nanon, »der Herr Herzog hat die Güte gehabt, zu wünschen, daß Ihr ihm vorgestellt würdet.«

»Nur die Furcht zudringlich zu erscheinen,« versetzte Cauvignac, abermals sich verbeugend, »hat mich abgehalten, früher um diese Ehre zu bitten.«

»In der Tat, Baron,« erwiderte der Herzog, »ich habe Euer Zartgefühl bewundert, muß Euch aber einen Vorwurf darüber machen.«

»Mir, Monseigneur, einen Vorwurf über mein Zartgefühl? Ah! ah!«

»Ja, und wenn Eure gute Schwester nicht für Eure Angelegenheiten gesorgt hätte...«

»Ah!« sagte Cauvignac, einen Blick beredten Vorwurfes auf Nanon werfend; »ah, meine gute Schwester hat für die Angelegenheiten...«

»Ihres Bruders gesorgt,« versetzte Nanon lebhaft. »Was ist natürlicher?«

»Und heute noch, wem verdanke ich das Vergnügen, Euch zu sehen?«

»Ja,« sagte Cauvignac, »wem verdankt Ihr das Vergnügen, mich zu sehen, Monseigneur?« – »Wohl dem Zufall, einzig und allein dem Zufall, der Eure Rückkehr bewirkte.«

»Ah!« sagte Cauvignac zu sich selbst, »es scheint, ich war abgereist.«

»Ja, Ihr wart abgereist, schlechter Bruder, und zwar, ohne mich durch mehr als zwei Worte, die meine Unruhe noch verdoppelten, davon in Kenntnis zu setzen.«

»Was wollt Ihr, liebe Nanon? Man muß den Verliebten wohl etwas hingehen lassen,« erwiderte der Herzog lächelnd.

»Oh! oh! die Sache wird verwickelt,« sagte Cauvignac zu sich selbst. »Ich bin verliebt, wie es scheint.«

»Gesteht, daß Ihr es seid,« sagte Kanon.

»Ich werde es nicht leugnen,« versetzte Cauvignac mit einem siegreichen Lächeln und suchte aus allen Augen irgend einen kleinen Brocken Wahrheit herauszufischen, mit dessen Hilfe er eine gute, große Lüge zusammensetzen könnte.

»Ja, ja,« sagte der Herzog, »aber wir wollen frühstücken, wenn es Euch gefällig ist. Ihr erzählt uns Eure Liebschaft beim Frühstück. Francinette, ein Gedeck für Herrn von Canolles. Ihr habt hoffentlich noch nicht gefrühstückt, Kapitän?«

»Nein, Monseigneur, und ich gestehe sogar, daß die frische Morgenluft meinen Appetit wunderbar geschärft hat.«

»Sagt die Nachtluft, schlimmer Mann,« versetzte der Herzog; »denn seit gestern lauft Ihr auf der Landstraße umher.«

»Wahrhaftig,« sagte Cauvignac ganz leise, »der Schwager hat es richtig erraten. Nun, es sei, ich gestehe, die Nachtluft.«

»Was macht Ihr Gutes, Canolles?« sagte der Herzog vertraulich zu Cauvignac, als sich alle drei zu Tische gesetzt hatten. Wohl verstanden, ich spreche nicht von der Liebe.«

»Sprecht im Gegenteil davon, Monseigneur, tut Euch keinen Zwang an,« sagte der junge Mann, dem der Medoc und der Burgunder zusammen die Zunge zu lösen anfingen.

»Oh! Monseigneur, er versteht sehr gut einen Spaß,« bemerkte Nanon.

»Wir können ihn also auf das Kapitel von dem kleinen Edelmann, bringen?« fragte der Herzog,

»Ja,« sagte Nanon, »von dem kleinen Edelmann, den Ihr gestern abend getroffen habt.«

»Ah! ja, auf meinem Wege.«

»Und dann im Gasthause von Meister Biscarros,« fügte der Herzog hinzu.

»Und dann in dem Gasthause von Meister Biscarros,« versetzte Cauvignac. »Das ist allerdings wahr!«

»Ihr seid ihm also wirklich begegnet?« fragte Nanon.

»Diesem kleinen Edelmann? Ja.«

»Wie sah er aus? Laßt hören, sagt es mir offenherzig.«

»Wahrhaftig,« versetzte Cauvignac, »es war ein reizendes Männchen, blond, schlank, zierlich.«

»So ist es,« sagte Nanon, sich in die Lippen beißend.

»Und Ihr seid verliebt in ihn?« – »In wen?« – »In den blonden, kleinen, schlanken, zierlichen Edelmann.«

»Oho! Monseigneur! Was wollt Ihr damit sagen?« rief Cauvignac, der nahe daran war aufzufahren.

»Tragt Ihr immer noch den kleinen perlgrauen Handschuh an Eurem Herzen?« fuhr der Herzog mit tückischem Lachen fort.

»Den kleinen perlgrauen Handschuh?« – »Ja, den Handschuh, den Ihr gestern abend so leidenschaftlich berocht und küßtet.«

Cauvignac verstand nichts von alledem.

»Den Handschuh, der Euch den Betrug, die Me-ta-mor-pho-se erraten ließ.« Cauvignac begriff aus diesem einzigen Worte alles.

»Ah!« rief er, der Edelmann war also eine Frau? Bei meinem Ehrenwort! Ich vermutete es.« »Es unterliegt keinem Zweifel mehr,« murmelte Nanon.

»Gebt mir doch zu trinken, Schwester,« sagte Cauvignac. »Ich weiß nicht, wer die Flasche geleert hat, die vor mir steht, aber es ist nichts mehr darin.«

»Nun, nun,« rief der Herzog, »da gibt es Mittel; denn seine Liebe hindert ihn nicht, zu essen und zu trinken, und die Angelegenheiten des Königs werden nicht darunter leiden.«

»Die Angelegenheiten des Königs darunter leiden? Nie! Die Angelegenheiten des Königs vor allen Dingen. Die Angelegenheiten des Königs, das ist heilig! Auf die Gesundheit Seiner Majestät, Monseigneur!«

»Man kann also auf Eure Ergebenheit zählen, Baron?« – »Auf meine Ergebenheit gegen den König? Ich glaube wohl, daß man darauf zählen kann. Ich würde mich für ihn in Stücke hauen lassen.«

»Diese Wärme gefällt mir,« sagte der Herzog. »Wendet Euch künftig stets an mich, wenn Ihr irgend welcher Hilfe bedürft. Fürs erste bleibt aber hier, während ich einen gewissen Burschen vornehmen will. Aber vielleicht, Baron, könnt Ihr mir Auskunft über diesen Banditen geben?«

»Gern,« antwortete Cauvignac, »nur muß ich wissen, von welchem Banditen Monseigneur spricht; es gibt zur Zeit viele und von jeder Art.«

»Ihr habt recht; aber dieser ist einer von den Unverschämtesten, die mir je vorgekommen sind.«

»Wirklich!« rief Cauvignac.

Der Herzog erzählte nun dem innerlich lachenden Cauvignac, wie er, von Eifersucht getrieben, sich habe ein Blankett ablisten lassen.

»Aber,« fügte der Herzog hinzu, »ich werde schon eines Tages erfahren, wer dieser Strauchdieb gewesen ist. Ich habe zu diesem Zweck meine Maßregeln getroffen. Doch es wäre mir lieber, ich wüßte es sogleich.«

»Ah!« versetzte Cauvignac, die Ohren spitzend, »ah, Ihr habt zu diesem Zweck Eure Maßregeln getroffen?« – »Ja, ja, und der Bursche müßte viel Glück haben, wenn ihn sein Blankett nicht an den Galgen brächte.«

»Und wie wollt Ihr dieses Blankett von den andern unterscheiden, Monseigneur?« – »Ich habe ein Zeichen daran gemacht.«

»Ein Zeichen?« – »Ja, unsichtbar für jeden, aber ich werde es mit Hilfe eines chemischen Verfahrens erkennen.«

»Halt, halt, halt!« sagte Cauvignac; »das ist sehr geistreich, Monseigneur. Aber man muß auf der Hut sein, daß er die Falle nicht vermutet.«

»Oh, es ist keine Gefahr. Wer soll es ihm sagen?« – »Ja, das ist wahr,« versetzte Cauvignac, »weder Nanon, noch ich ...«

»Ich auch nicht,« sagte der Herzog.

»Ihr auch nicht! Ihr habt also recht, Monseigneur, Ihr müßt unfehlbar eines Tages erfahren, wer dieser Mensch ist, und dann ...«

»Und dann, da ich meines Wortes quitt gegen ihn bin, denn man wird ihm für das Blankett das Gewünschte gegeben haben, lasse ich ihn hängen.«

»Amen!« sagte Cauvignac.

»Und nun,« fuhr der Herzog fort, »da Ihr mir keine Auskunft über diesen Burschen geben könnt ...«

»Nein, in der Tat, Monseigneur, ich kann es nicht.«

»Wohl, ich lasse Euch, wie ich vorhin sagte, mit Eurer Schwester. Nanon,« fuhr der Herzog fort, »gebt diesem jungen Manne genaue Instruktionen, und er soll besonders keine Zeit verlieren.«

»Seid ruhig, Monseigneur.«

»Also Gott befohlen!«

Der Herzog grüßte Nanon anmutig mit der Hand, machte eine freundschaftliche Gebärde gegen Cauvignac und stieg mit dem Versprechen, wahrscheinlich noch an demselben Tage zurückzukehren, die Treppe hinab.

Nanon begleitete den Herzog auf den Vorplatz.

»Pest!« sagte Cauvignac, »der würdige Herr hat wohl daran getan, mich in Kenntnis zu setzen. Er ist nicht so dumm, als er aussieht! Aber was soll ich mit dem Blankett machen? Verdammt! was man mit einem Wechsel macht; ich werde es diskontieren.«

»Nun, mein Herr,« sagte Nanon zurückkehrend und die Türe schließend, »jetzt haben wir beide miteinander zu tun.«

Nanon erfuhr nun durch Fragen von ihrem Bruder, daß dieser aus dem Karmeliterkloster entwichen war, wohin er sich gemäß seinem Versprechen begeben hatte, um in den geistlichen Stand zu treten, und wohin ihm die Schwester jährlich hundert Pistolen schickte.

Sie erfuhr weiter, daß ihr Bruder sodann als wahl- und skrupelloser Parteigänger auf jede Weise durch Verrat oder Gewalt, bald diesem, bald jenem Mächtigen dienend, sich durchgeschlagen habe.

»Welch ein Gewebe von Abscheulichkeiten!« rief sie aus, als er zu Ende war.

»Nein, meine liebe Schwester, das sind die Notwendigkeiten des Bürgerkrieges.«

»Ich begreife jetzt, wie ein Mensch, der zu solchen Dingen fähig ist, wagen konnte, was Ihr gestern gewagt habt.«

»Was habe ich denn getan?« fragte Cauvignac mit der unschuldigsten Miene der Welt, »was habe ich gewagt?« – »Ihr habt es gewagt, eine so angesehene Person wie Herrn von Epernon ins Gesicht zu betrügen. Aber das habe ich, ich gestehe es, nie gedacht, daß ein Bruder, den ich mit Wohltaten überhäuft, kaltblütig den Plan entwerfen könnte, seine Schwester zugrunde zu richten!« – »Ich? Meine Schwester zugrunde richten!« – »Ja Ihr! Ich brauchte nicht Eure Erzählung abzuwarten, die mir beweist, daß Ihr zu allem fähig seid, um die Handschrift des Billetts zu erkennen. Seht! wollt Ihr leugnen, daß dieser anonyme Brief von Eurer Hand ist?«

Entrüstet legte Nanon den verräterischen Brief, den ihr der Herzog am Abend vorher zugestellt hatte, ihrem Bruder vor die Augen.

Cauvignac las ihn, ohne aus der Fassung kommen.

»Nun,« sagte er, »was habt Ihr gegen diesen Brief? Findet Ihr ihn etwa schlecht abgefaßt?«

»Es handelt sich nicht um die Abfassung, sondern um die Sache selbst. Seid Ihr es oder seid Ihr es nicht, der diesen Brief geschrieben hat?«

»Ich bin es allerdings. Hätte ich leugnen wollen, so würde ich meine Handschrift verstellt haben; aber das war unnötig. Es war nie meine Absicht, mich vor Euren Augen zu verbergen. Ich wünschte sogar, daß Ihr erkennen solltet, daß der Brief von mir kam.«

»Ihr gesteht es!« rief Nanon mit einer Gebärde des Abscheus.

»Das ist ein Rest von Demut, liebe Schwester. Ja, ich muß Euch sagen, ich wurde durch eine Art von Rache angetrieben.«

»Von Rache?« – »Ja, von einer sehr natürlichen.«

»Rache gegen mich, Unglücklicher! Bedenkt Ihr auch, was Ihr sagt? Was habe ich Euch Böses zugefügt, daß Euch der Gedanke kommt, Rache an mir zu nehmen?«

»Was Ihr mir getan habt? Ah! Nanon, versetzt Euch an meine Stelle. Ich verlasse Paris, weil ich dort zu viel Feinde hatte; das ist das Unglück aller Politiker. Ich wende mich an Euch, ich flehe Eure Hilfe an. Erinnert Ihr Euch? Ihr habt drei Briefe erhalten. Ihr werdet wohl nicht sagen, Ihr habt meine Handschrift nicht erkannt. Es war ganz die des anonymen Billetts, und überdies hatte ich die Briefe unterzeichnet. Ich schrieb drei Briefe an Euch und bat um hundert armselige Pistolen. Hundert Pistolen von Euch, die Millionen besitzt! Nun wohl, meine Schwester stößt mich zurück. Ich zeige mich bei meiner Schwester, meine Schwester läßt mich abweisen. Ich erfahre, meine Schwester sei frei, glücklich, reich, sehr reich, und ein Fremder, ein Baron von Canolles, maße sich meine Rechte an und lasse sich von ihr an meiner Stelle protegieren. Nun verdrehte mir die Eifersucht den Kopf.«

»Sagt die Habgier. Ich frage Euch, was ging es Euch an, daß ich mit Herrn von Canolles in Verbindung stand?«

»Mich? nichts, und ich hätte nicht daran gedacht, mich darüber zu beunruhigen, wenn Ihr Eure Verbindung mit mir fortgesetzt hättet.«

»Wißt Ihr wohl, daß Ihr, wenn ich ein einziges Wort zu dem Herrn Herzog von Epernon sagte, wenn ich ihm ein unumwundenes Geständnis machte, verloren wärt? Ihr habt selbst soeben und aus seinem eigenen Munde gehört, was für ein Schicksal er dem bestimmt, der ihm sein Blankett gestohlen hat.«

»Sprecht nicht mehr davon; ich schauerte bis ins Mark meiner Knochen, und ich bedurfte meiner ganzen Selbstbeherrschung, um mich nicht zu verraten.«

»Vor allem hört nun zweierlei,« sagte Nanon mit kurzem Tone.

»Was, liebe Schwester? Sprecht, ich bitte Euch.«

»Erstens werdet Ihr dem Herzog das Blankett zurückgeben, sonst hängt man Euch. Ihr habt den Spruch aus seinem eigenen Munde gehört. Sodann entfernt Ihr Euch sogleich von hier, oder ich bin verloren, was Euch zwar an sich nichts ausmacht, aber Ihr stürzt Euch mit mir ins Verderben, ein Grund, der Euch vielleicht bewegen wird, auch mich zu schonen.«

»Zwei Antworten, liebe Dame: Dieses Blankett ist mein Eigentum, und Ihr könnt mich nicht abhalten, mich hängen zu lassen, wenn es mir gefällt.«

»Meinetwegen!«

»Ich danke! Aber seid unbesorgt, es wird dem nicht so sein. Ich habe Euch soeben meinen Widerwillen gegen diese Todesart ausgedrückt. Ich behalte also das Blankett, wenn Ihr nicht etwa Lust habt, es mir abzukaufen, in welchem Fall wir miteinander handeln können.«

»Ich brauche es nicht, ich erteile selbst Blankette.«

»Glückliche Nanon!«

»Ihr behaltet es also?« – »Ja.«

»Auf die Gefahr, was auch daraus entstehen mag?« – »Seid unbesorgt, ich weiß, wo ich es anbringe. In Eurem Verlangen, Euch meiner zu entledigen, vergeßt Ihr eines.«

»Was?« – »Den wichtigen Auftrag, von dem der Herzog gesprochen hat und der mein Glück machen soll.«

Nanon erbleichte.

»Aber, Unglücklicher,« sagte sie, »Ihr wißt wohl, daß dieser Auftrag nicht für Euch bestimmt ist. Ihr wißt wohl, daß ein solcher Mißbrauch mit der Lage der Dinge ein Verbrechen wäre, das früher oder später seine Strafe nach sich ziehen müßte.«

»Ich will auch keinen Mißbrauch, sondern einen Gebrauch davon machen.«

»Überdies ist Herr von Canolles in dem Auftrag genannt.«

»Heiße ich nicht Baron von Canolles?« – »Ja, aber man kennt dort nicht bloß seinen Namen, sondern auch sein Äußeres. Herr von Canolles ist wiederholt bei Hofe gewesen.«

»Das lasse ich mir gefallen, das ist ein guter Grund, und zwar der erste, den Ihr mir angebt; Ihr seht auch, ich füge mich darein.«

»Überdies würdet Ihr dort Eure politischen Feinde finden, und Euer Gesicht ist vielleicht, obgleich Ihr unter einer andern Gestalt erscheint, nicht minder bekannt, als das des Herrn von Canolles.«

»Oh! das würde nichts zu der Sache tun, wenn es, wie der Herzog gesagt hat, Zweck der Sendung ist, Frankreich einen großen Dienst zu leisten. Die Botschaft wird dem Boten durchhelfen. Ein Dienst von dieser Wichtigkeit schließt Begnadigung in sich, und die Amnestie für das Vergangene ist stets die erste Bedingung politischer Bekehrungen. Glaubt mir also, liebe Schwester, es ist nicht an Euch, mir Bedingungen zu machen, sondern an mir, Euch die meinigen vorzuschlagen.«

»Laßt hören, worin bestehen sie?« – »Vor allem, wie ich Euch soeben sagte, die erste Bedingung jedes Vertrages, das heißt allgemeine Amnestie.«

»Ist das alles?« – »Dann die Bezahlung unserer Rechnungen.«

»Ich bin Euch etwas schuldig, wie es mir scheint?« – »Ihr seid mir die hundert Pistolen schuldig, um die ich Euch bat, und die Ihr mir verweigertet.«

»Hier sind zweihundert.«

»Gut, daran erkenne ich Euch, Nanon.«

»Aber unter einer Bedingung.«

»Unter welcher?« – »Daß Ihr das Schlimme, was Ihr angerichtet, wieder gut macht.«

»Das ist nur zu billig. Was soll ich zu diesem Zwecke tun?« – »Ihr steigt zu Pferde und jagt auf der Straße von Paris fort, bis Ihr Herrn von Canolles gefunden habt.«

»Dann verliere ich seinen Namen?« – »Ihr gebt ihn ihm zurück.«

»Und was soll ich ihm sagen?« – »Ihr stellt ihm diesen Befehl zu und versichert Euch, daß er auf der Stelle zu dessen Vollstreckung abreist.«

»Ist das alles?« – »Ja.«

»Ist es notwendig, daß er erfährt, wer ich bin?« – »Im Gegenteil, es ist von größter Wichtigkeit, daß er es nicht weiß.«

»Ah, Nanon, solltet Ihr Euch Eures Bruders schämen?«

»Aber, wie bin ich sicher,« sagte sie nach einem Augenblick, »daß Ihr meinen Auftrag getreulich erfüllen werdet? Wenn es etwas Heiliges für Euch gäbe, würde ich einen Eid von Euch verlangen.«

»Tut etwas Besseres.«

»Was?« – »Versprecht mir hundert weitere Pistolen, wenn ich Euren Auftrag vollzogen habe.«^

Nanon zuckte die Achseln und erwiderte: »Es ist abgemacht.«

»Nun, seht, ich fordere keinen Eid von Euch, und Euer Wort genügt mir. Wir sagen also hundert Pistolen für die Person, die Euch in meinem Namen den Empfangschein von Herrn von Canolles zustellt.«

»Ja; aber Ihr sprecht von einem Dritten; gedenkt Ihr nicht selbst zurückzukommen?« – »Wer weiß? ein Geschäft ruft mich selbst in die Gegend von Paris.«

Nanon entschlüpfte unwillkürlich eine Bewegung der Freude.

»Oh! das ist nicht freundlich,« sagte Cauvignac lachend. »Doch gleichviel, liebe Schwester, ohne Groll.«

»Ohne Groll; aber zu Pferde.«

»Sogleich zu Pferde, laßt mir nur Zeit zum Steigbügeltrunke.«

Cauvignac goß in sein Glas den Rest der Flasche Burgunder, begrüßte seine Schwester mit einer achtungsvollen Gebärde, sprang zu Pferde und verschwand im Nu in einer Staubwolke.

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