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Alexandre Dumas (der Ältere): Der Frauenkrieg - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDer Frauenkrieg
publisherStuttgart Franckh'sche Verlagshandlung
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7b262676
created20061227
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Drittes Kapitel.

Eine halbe Stunde nach der soeben von uns erzählten Szene öffnete sich dasselbe Fenster, das so rasch geschlossen worden war, vorsichtig wieder, und auf das Gesims dieses Fensters lehnte sich, nachdem er zuvor aufmerksam rechts und links geschaut hatte, mit dem Ellenbogen ein junger Mensch, von sechzehn bis achtzehn Jahren in schwarzer Kleidung und mit bauschigen Manschetten. Ein feines, gesticktes Batisthemd trat stolz aus seinem Leibrocke hervor und fiel wellenförmig auf seine mit Bändern überladenen Beinkleider. Seine kleine, zierliche, fleischige Hand zerknitterte ungeduldig damlederne, auf den Nähten gestickte Handschuhe. Ein perlgrauer Filzhut, der sich an seinem Ende unter der Krümmung einer herrlichen blauen Feder bog, beschattete seine langen goldschimmernden Haare, die ein ovales Gesicht mit weißer Hautfarbe, rosigen Lippen und schwarzen Brauen umgaben. Aber dieses anmutige Ganze, das aus dem jungen Manne einen der reizendsten Kavaliere machen mußte, war für den Augenblick durch einen Ausdruck übler Laune verdüstert, die ohne Zweifel von vergeblichem Warten herrührte, denn der junge Mann befragte mit seinen weit geöffneten Augen die in der Ferne bereits in den Abendnebel getauchte Landstraße.

In seiner Ungeduld schlug er seine linke Hand mit den Handschuhen. Bei dem Lärm schaute der Wirt, der seine Feldhühner vollends gerupft hatte, empor, nahm seine Mütze ab und fragte: »Um welche Stunde werdet Ihr zu Nacht speisen, gnädiger Herr? Man erwartet nur Eure Befehle, um aufzutragen.«

»Ihr wißt wohl, daß ich nicht allein zu Nacht speise und daß ich einen Gefährten erwarte,« versetzte der Gefragte. »Wenn Ihr ihn kommen seht, könnt Ihr Euer Mahl auftragen lassen.«

Mit diesen Worten zog sich der Jüngling in sein Zimmer zurück, ließ einen Augenblick seine Stiefel auf dem Boden klingen, ging aber bei dem entfernten Geräusche von Pferdetritten, das er gehört zu haben glaubte, abermals an das Fenster.

»Endlich,« rief er, »endlich ist er da, Gott sei gelobt!« Er sah wirklich jenseits des Gebüsches, wo die Nachtigall sang, den Kopf eines Reiters erscheinen. Zu seinem Erstaunen aber erwartete er vergebens, der Reiter würde dem Wege folgen. Der Ankömmling zog sich nach rechts, drang ins Gehölz, oder vielmehr sein Hut versank darin, ein sicherer Beweis, daß er abgestiegen war. Einen Augenblick nachher gewahrte der Beobachter durch die vorsichtig auf die Seite geschobenen Zweige eine graue Kasake und den Blitz eines der letzten Strahlen der untergehenden Sonne, der sich auf dem Lauf einer Muskete spiegelte.

Der junge Mann blieb in Gedanken versunken an seinem Fenster. Der in dem Gehölz verborgene Reiter war offenbar nicht der Gefährte, den er erwartete, und der Ausdruck von Ungeduld, der sein Gesicht zusammenzog, machte einem Ausdruck der Neugierde Platz.

Bald zeigte sich ein zweiter Hut an der Biegung der Straße; sofort zog sich der junge Mann so weit zurück, daß er nicht mehr gesehen werden konnte.

Dieselbe graue Kasake, dasselbe Manöver des Pferdes, dieselbe glänzende Muskete. Der zweite richtete an den, der zuerst gekommen war, einige Worte, die unser Beobachter der Entfernung wegen nicht hören konnte, und, zweifellos von seinem Gefährten unterrichtet, drang er in die mit dem Gehölz parallel liegende Baumgruppe, stieg ebenfalls vom Pferd, kauerte sich hinter einen Felsen und wartete.

Von seinem erhöhten Standpunkt aus sah der junge Mann den Hut über dem Felsen; neben dem Hut funkelte ein leuchtender Punkt, das Ende des Musketenlaufes.

»Oh, oh!« fragte sich der Beobachter, »ist es auf mich oder auf die tausend Louisdor, die ich bei mir trage, abgesehen? Aber nein, wenn Richon kommt und ich mich noch heute auf den Weg begebe, so gehe ich nach Libourne und nicht nach Saint-André. Folglich komme ich nicht an dem Orte vorüber, wo diese Burschen sich verborgen halten. Wenn nur mein alter Pompée da wäre, ich könnte ihn um Rat fragen. Aber wenn ich mich nicht täusche, ja, wahrhaftig, hier erscheinen noch zwei Männer, sie stoßen zu den andern. Ei, ei, das sieht ganz aus wie ein Hinterhalt.«

Der junge Mann trat einen Schritt zurück.

In diesem Augenblick erschienen wirklich zwei Menschen auf dem Wege. Aber diesmal hatte nur einer von ihnen die graue Kasake an. Der andere ritt einen mächtigen Rappen, war in einen großen Mantel gehüllt, trug einen verbrämten Filzhut mit weißer Feder, und man sah unter dem Mantel, den der Abendwind emporhob, eine reiche Stickerei glänzen, die sich über einen orangefarbenen Leibrock hinschlängelte.

Soeben verschwand die Sonne, und ihre letzten Strahlen ließen die Fensterscheiben eines hübschen Hauses erglänzen, das etwa hundert Schritte vom Flusse und zwischen den Zweigen einer dichten Baumgruppe verborgen, von dem jungen Menschen sonst nicht bemerkt worden wäre. So beobachtete er, daß die Blicke der Spione sich abwechselnd dem Eingange des Dorfes und dem kleinen Hause mit den funkelnden Fensterscheiben zuwandten. Weiter sah er, daß die grauen Kasaken die größte Achtung vor der weißen Feder zu haben schienen, mit der sie nur mit entblößtem Haupte sprachen, und endlich, daß eine Frau, als eines der erleuchteten Fenster sich öffnete, auf dem Balkon erschien, sich einen Augenblick vorbeugte, als ob sie ebenfalls jemand erwartete, und sich dann, ohne Zweifel aus Furcht, gesehen zu werden, wieder zurückzog.

Es war nicht schwer zu erkennen, daß die Bewaffneten das kleine Haus bewachten, und es war wahrscheinlich, daß sie und die Frau dieselbe Person, aber in ganz verschiedener Absicht, erwarteten.

In dem Augenblick, wo der junge Mann in seinem Innern diese Reihenfolge von Schlüssen vollendete, wurde die Tür seines Zimmers geöffnet, und Meister Biscarros trat ein.

»Mein lieber Wirt,« sagte der junge Mann, ohne dem Wirt Zeit zu lassen, das Wort zu ergreifen: »Wer bewohnt jenes kleine Haus dort?«

»Eine junge Dame, die sich für eine Witwe ausgibt und die der Schatten ihres ersten und vielleicht auch ihres zweiten Gatten von Zeit zu Zeit besucht. Nur ist zu bemerken, daß sich diese beiden Schatten ohne Zweifel verständigen, denn sie kommen nie zu gleicher Zeit.«

»Und seit wann,« fragte lächelnd der junge Mann, »bewohnt die schöne Witwe das vereinzelte, wie es scheint, so bequeme Haus?«

»Seit ungefähr zwei Monaten. Sie lebt jedoch sehr zurückgezogen, und ich glaube, es kann sich niemand rühmen, sie seit diesen zwei Monaten gesehen zu haben; denn sie geht äußerst selten aus, und wenn sie ausgeht, nur verschleiert. Ein reizendes Zöfchen kommt jeden Morgen zu mir und bestellt die Speisen für den Tag. Man bringt sie zu ihr, sie empfängt die Platten im Hausflur, bezahlt die Rechnung ohne zu knausern und schließt die Tür unmittelbar vor der Nase des Kellners. Diesen Abend zum Beispiel findet dort ein Mahl statt, und für sie bereitete ich die Wachteln und Feldhühner, die Ihr mich rupfen saht.«

»Und wen bewirtet sie?« – »Ohne Zweifel einen von den zwei Schatten, von denen ich vorhin sprach.«

»Habt Ihr diese Schatten gesehen?«

»Der eine ist der eines Mannes von sechzig bis fünfundsechzig Jahren, und dieser sieht mir aus, als wäre er der des ersten Gatten, denn er kommt wie einer, der des Vorzugs seiner Rechte sicher ist. Der andere ist der eines jungen Mannes, von sechs- bis achtundzwanzig Jahren. Dieser ist, muß ich gestehen, etwas schüchterner und hat ganz das Aussehen einer gefolterten Seele. Ich wollte auch wetten, es ist der des zweiten Gatten.«

»Um welche Zeit sollt Ihr dem Befehle gemäß das Abendessen heute liefern?« – »Um acht Uhr.«

»Es ist halb acht,« sagte der junge Mann, eine sehr schöne Uhr, die er bereits wiederholt befragt hatte, aus seiner Tasche ziehend. »Ihr habt also keine Zeit zu verlieren.«

Nachdem noch der Jüngling den Wirt wegen seiner eigenen Mahlzeit, die ihm wenig am herzen liege, beruhigt hatte, entfernte sich Biscarros.

»Ah, nun begreife ich alles,« sagte der junge Mann zu sich selbst und nahm neugierig wieder seinen Posten am Fenster ein. »Die junge Name erwartete irgend, einen, der von Libourne kommen muß, und die Männer im Gehölz wollen mit ihn anbinden, ehe er Zeit gehabt hat, an die Tür zu klopfen.«

In derselben Minute und wie um die Worte des scharfsichtigen Beobachters zu rechtfertigen, ließ sich der Tritt eines Pferdes auf der Linken vernehmen. Rasch wie der Blitz prüfte das Auge des jungen Mannes das Gehölz, und er glaubte trotz der Dunkelheit aus der heftigen Bewegung der Zweige die Aufregung der dort Harrenden zu erkennen und den harten Klang vom Spannen einer Muskete zu vernehmen. Da wandte er sich rasch nach der Seite von Libourne und sah einen jungen Menschen mit heiterer Siegermiene, den Arm in der Hüfte, herantraben, dessen kurzer, mit weißem Atlas gefütterter Mantel anmutig die rechte Schulter freiließ. Vorn erschien dieses Gesicht voll Eleganz, voll weicher Poesie und freudigen Stolzes; in der Nähe zeigte es seine Linien, einen belebten Teint, glühende. Augen, einen durch die Gewohnheit des Lächelns halb geöffneten Mund, einen zarten schwarzen Schnurrbart und kleine weiße Zähne. Ein triumphierendes Schwingen der Reitpeitsche, ein kurzes Pfeifen, wie es damals modern war, ließ in dem Ankömmling einen vollendeten Kavalier nach den am, französischen Hofe bestehenden Ritterschaftsgesetzen erkennen.

Fünfzig Schritte hinter ihm kam ein anmaßender und aufgeblasener Lakai, der einen nicht minder ausgezeichneten Rang unter den Bedienten, wie sein Herr unter den Edelleuten einzunehmen schien.

Der schöne Jüngling konnte sich beim Gedanken an die vorstehende Gewalttat eines Bebens nicht erwehren und rief, einer raschen Aufwallung nachgebend, dem schönen Reisenden zu: »Hollah! mein Herr, haltet an, bitte, denn ich habe Euch etwas Wichtiges mitzuteilen.«

Bei dieser Stimme und bei diesen Worten hob der Reiter den Kopf empor und hielt, als er den jungen Mann am Fenster sah, sein Pferd mit einer Handbewegung an, die dem besten Stallmeister Ehre gemacht hätte.

»Haltet Euer Pferd nicht an, mein Herr,« fuhr der junge Mann fort, »nähert Euch mir im Gegenteil, als ob es ohne besondere Absicht geschähe und wie wenn Ihr mich kenntet.«

Der Reisende zögerte einen Augenblick; als er aber an der Miene dessen, der zu ihm sprach, wahrnahm, daß er es mit einem jungen Edelmann von guter Haltung und schönem Antlitz zu tun hatte, nahm er den Hut in die Hand und ritt lächelnd vor.

»Hier bin ich zu Euern Diensten, mein Herr,« sagte er, »was steht zu Befehl?«

Mit wenigen Worten teilte der Jüngling dem Kavalier seine Mitteilungen mit, und dieser wußte auch sofort, wer der Anführer im Gehölz war, der mit seinen Stock- und Musketenträgern seiner harrte. Er forderte seinen jungen Warner auf, ihm mit dem Degen in der Hand, gegen seine Widersacher zu Hilfe zu kommen, und ließ sich, nachdem jener die Einladung fast mit Schrecken zurückgewiesen hatte, nur durch den Hinweis, daß es sich um die Ehre einer Frau handle, abhalten, allein den Strauß zu wagen.

»Ihr habt recht,« sagte hierauf der Reiter, »obgleich es sich bei diesem Verhältnis nicht gerade um die Ehre, sondern um das Glück handelt. Castorin, mein Freund,« fuhr er, sich an seinen Lakaien wendend, fort, »wir gehen für den Augenblick nicht weiter.«

»Wie!« rief Castorin, in seinen Hoffnungen ebensosehr getäuscht, wie sein Gebieter, »was sagte der gnädige Herr?«

»Ich sage, Mademoiselle Francinette wird diesen Abend des Glücks dich zu sehen beraubt sein, weil wir die Nacht im Gasthof zum Goldenen Kalb zubringen. Gehe also hinein, bestelle ein Abendessen und laß mir ein Bett bereiten.«

Sodann stieg der Reiter ab, warf seinem Lakaien die Zügel zu und war mit zwei Sprüngen vor dem Zimmer des jungen Edelmannes, der, als er plötzlich seine Tür aufgehen sah, sich einer Mischung von Verwunderung und Furcht nicht erwehren konnte, die jedoch der Ankömmling wegen der Dunkelheit nicht wahrnahm.

»Also,« sagte der Reisende, sich heiter dem jungen Manne nähernd und herzlich seine Hand schüttelnd, die man ihm möglichst schnell entzog, »also es ist abgemacht, ich verdanke Euch das Leben.«

»Ah, Herr, Ihr übertreibt den Dienst, den ich Euch geleistet habe,« entgegnete der Jüngling und machte einen Schritt rückwärts.

»Nein, keine Bescheidenheit, es ist, wie ich Euch sage. Ich kenne den Herzog von Epernon, er ist ein verdammt roher Geselle. Ihr aber seid ein Muster von Scharfsichtigkeit, ein Ausbund christlicher Menschenliebe. Doch sagt mir, da Ihr so liebenswürdig und so mitleidig seid, habt Ihr Eure Güte so weit getrieben, auch Kunde bis in das Haus gelangen zu lassen?«

»In welches Haus?« – »In das Haus, wohin ich mich begeben wollte, wo man mich erwartet.«

»Nein,« sagte der junge Mann, »ich gestehe, ich dachte nicht daran, und hätte ich auch daran gedacht, so hätten mir doch keine Mittel zu Gebot gestanden. Ich bin selbst erst seit zwei Stunden hier und kenne niemand in jenem Hause.«

»Ah, Teufel!« rief der Reisende mit einer Regung von Unruhe. »Arme Nanon, wenn ihr nur nichts geschieht!«

»Nanon! Nanon von Lartigues!« rief der junge Mann erstaunt.

»Ah! Wißt Ihr denn alles?« sagte der Reisende. »Sehet zu, daß Euch nicht das Parlament wegen Zauberei verbrennt.«

»Diesmal werdet, Ihr zugestehen,« versetzte der junge Mann, »daß nicht viel Witz dazu gehörte, um Euch auf die Fährte zu kommen. Sobald Ihr den Herzog von Epernon als Euren Nebenbuhler genannt hattet, war es offenbar, daß die Nanon, die Ihr nanntet, Nanon von Lartigues sein mußte, die Schöne, die Reiche, die durch ihren Geist Glänzende, die den Herzog behext hat und in seiner Statthalterschaft regiert, weshalb sie von der ganzen Guienne beinahe ebensosehr verflucht wird, wie er selbst. Und Ihr wart auf dem Wege zu dieser Frau?« fuhr der Jüngling im Tone des Vorwurfs fort.

»Wahrhaftig, ich gestehe es, und da ich sie einmal genannt habe, so verleugne ich sie nicht. Überdies wird Nanon verkannt und verleumdet. Sie ist eine reizende Person und ihren Versprechungen äußerst getreu, solange sie ein Vergnügen darin findet, sie zu halten, und dem, den sie liebt, treu ergeben, solange sie ihn liebt. Ich sollte diesen Abend mit ihr speisen, aber der Herzog hat den Fleischtopf umgeworfen. Wünscht Ihr, daß, ich Euch morgen bei Nanon vorstelle? Zum Teufel! der Herzog wird wohl früher oder später nach Agen zurückkehren müssen.«

»Ich danke,« erwiderte der junge Edelmann mit trockenem Tone, »Ich kenne Fräulein von Lartigues nur dem Namen nach und wünsche sie nicht anders kennen zu lernen.«

»Ihr habt bei Gott unrecht. Nanon ist in jeder Beziehung ein gutes Mädchen.«

Der junge Mann faltete die Stirn.

»Ah, um Vergebung,« versetzte der Reisende erstaunt, »aber ich glaubte, in Eurem Alter ...«

»Mein Alter ist allerdings das, in dem man dergleichen Vorschläge gewöhnlich annimmt,« versetzte der Jüngling, als er die üble Wirkung bemerkte, die sein strenges Wesen hervorbrachte, »und ich würde ihn ebenfalls gern annehmen, wäre ich nicht hier auf der Durchreise und genötigt, meinen Weg noch in dieser Nacht fortzusetzen.«

»Oh! bei Gott, Ihr werdet wenigstens nicht gehen, bevor ich weiß, wer der edle Ritter ist, der mir auf eine so zuvorkommende Weise das Leben gerettet hat.«

Der junge Mann schien zu zögern; dann, nach einem Augenblick, sagte er: »Ich bin der Vicomte von Cambes.«

»Ah, ah!« rief der andere, »ich hörte von einer reizenden Vicomtesse von Cambes sprechen, die eine bedeutende Anzahl von Gütern rings um Bordeaux besitzt und die Freundin der Frau Prinzessin ist.«

»Das ist meine Verwandte,« sagte der Jüngling lebhaft.

»Wahrhaftig, ich mache Euch mein Kompliment, Vicomte, denn man nennt sie unvergleichlich. Ich hoffe, wenn mich die Gelegenheit in dieser Hinsicht begünstigt, werdet Ihr mich bei ihr vorstellen. Ich bin der Baron von Canolles, Kapitän im Regiment Navailles, und benütze im Augenblick einen Urlaub, den mir der Herzog von Epernon auf Empfehlung des Fräulein von Lartigues bewilligt hat.«

»Der Baron von Canolles!« rief der Vicomte und schaute ihn mit der ganzen Neugierde an, die der in den galanten Abenteuern jener Zeit berühmte Name bei ihm erweckte.

»Ihr kennt mich?« – »Nur dem Rufe nach.«

»Dem schlimmen Rufe nach, nicht wahr? Was wollt Ihr? Jeder folgt seiner Natur, und ich, ich liebe das bewegte Leben.«

»Es steht Euch vollkommen frei, mein Herr, zu leben, wie es Euch zusagt. Erlaubt mir jedoch eine Bemerkung.« – »Welche?« – »Es wird hier eine Frau Euretwegen furchtbar gefährdet, und der Herzog wird sich dafür, daß er durch Euch hintergangen worden ist, rächen.«

Es bedurfte nur dieses einen Wortes, den Baron alle seine Geisteskräfte anspannen zu lassen, um seiner gefährdeten Geliebten Hilfe zu bringen, das heißt, sie zunächst von der Gefahr zu benachrichtigen. Schnell entwarf er den Plan, durch die Hintertür des Gasthofs sich zu entfernen und an die Hintertür von Nanons Hause zu pochen. Der besonnene Vicomte wies ihn aber auf das Bedenkliche und Gefährliche dieses Planes hin und schlug seinerseits vor, der Baron von Cambes solle einen Brief schreiben und diesen durch seinen Lakaien zu Nanons Hause tragen lassen.

»Ich will meinen Kopf verlieren,« rief der Baron erfreut, »wenn Castorin den Auftrag nicht vortrefflich vollzieht, um so mehr, als ich vermute, daß der Bursche ein Einverständnis im Hause hat.«

Unverzüglich ließ er sich Tinte, Feder und Papier geben und schrieb folgenden Brief an Nanon von Lartigues.

»Liebe Dame!

»Hundert Schritte von Eurer Tür könnt Ihr, wenn Euch die Natur die Fähigkeit verliehen hat, in der Nacht zu sehen, in einer Baumgruppe den Herzog von Epernon erblicken, der mich erwartet, um mich totschießen zu lassen und Euch hernach furchtbar zu kompromittieren. Aber ich wünsche ebensowenig das Leben zu verlieren, wie Euch Eure Ruhe verlieren zu lassen. Bleibt also unbesorgt, Ich meinerseits will ein wenig den Urlaub benützen, den Ihr mir neulich auswirktet, damit ich Euch besuchen könnte. Wohin ich gehe, weiß ich nicht, und ich weiß sogar nicht, ob ich überhaupt irgendwohin gehe. Wie dem sein mag, ruft Euren Flüchtling zurück, sobald der Sturm vorüber ist. Man wird Euch im Goldenen Kalbe sagen, welchen Weg ich eingeschlagen habe. Hoffentlich werdet Ihr mir für das Opfer Dank wissen, das ich mir auferlege. Eure Interessen sind mir teurer, als mein Vergnügen. Ich sage mein Vergnügen, denn es hätte mir Freude gemacht, Herrn von Epernon und seine Henkersknechte unter ihrer Verkleidung durchzuprügeln. Glaubt also, liebe Seele, daß ich Euer ergebener, und vor allem sehr treuer Diener bin.«

Canolles unterzeichnete, diese gascognische Prahlerei, deren Wirkung auf die Gascognerin Nanon er kannte, rief dann seinen Bedienten und beauftragte diesen, das Billett, ohne daß es sonst jemand bemerkte, durch die Hintertür seiner Francinette zu überreichen, damit diese es ihrer Herrin übergebe.

Castorin ging wie der Blitz. Aber unten an der Treppe blieb er stillstehen und steckte das Billett gegen alle Regel oben in seinen Stiefel; dann entfernte er sich durch die, Tür des Geflügelhofes, machte einen langen Umweg, klopfte an die geheime Tür auf die besondere zwischen ihm und Nanons Zofe verabredete Art, und dieses Klopfen war auch so wirksam, daß die Tür sich sogleich öffnete.

Zehn Minuten nachher kam Castorin, ohne daß ihm irgend etwas Mißliches begegnet war, zurück und meldete seinem Herrn, das Billett sei in die schönen Hände Fräulein Nanons übergeben worden.

Canolles hatte diese zehn Minuten benutzt, um seinen Mantelsack zu öffnen, seinen Schlafrock herauszunehmen und sich den Tisch decken zu lassen. Er hörte Castorins Bericht mit großer Befriedigung, machte einen Gang in die Küche, gab mit lauter Stimme seine Befehle und gähnte unmäßig, wie ein Mensch, der ungeduldig den Augenblick des Schlafengehens erwartet. Ließ der Herzog von Epernon ihn belauern, so sollte er auf den Glauben kommen, er, Canolles, habe nie die Absicht gehabt, weiter als bis zu dem Gasthause zu gehen. Dieser Plan hatte wirklich das von dem Baron gewünschte Resultat; ein Mensch, der einem Bauern glich und im dunkelsten Winkel der Wirtsstube ein Glas Wein trank, rief den Kellner, bezahlte seine Zeche, stand auf und entfernte sich, ein Lied trällernd. Canolles folgte ihm an die Tür und sah, wie er sich nach der Baumgruppe wandte. Zehn Minuten nachher hörte er den Tritt mehrerer Pferde; der Hinterhalt war aufgehoben.

Der Baron kehrte nun zurück, und da er um Nanon durchaus keine Sorgen mehr hatte, so dachte er nur daran, den Abend auf die vergnüglichste Weise zuzubringen. Er befahl demzufolge Castorin, Karten und Würfel bereit zu legen und, als hierfür gesorgt war, zu dem Vicomte von Cambes zu gehen und nachzufragen, ob er ihm wohl die Ehre erweisen würde, ihn zu empfangen.

Castorin gehorchte und fand auf der Schwelle des Zimmers einen alten Reitknecht mit weißen Haaren, der die Tür halb geöffnet hielt und auf sein Kompliment mit verdrießlicher Miene antwortete: »Unmöglich, der Herr Vicomte hat in diesem Augenblick Geschäfte.«

»Sehr gut,« sagte Canolles, »ich werde warten.«

Und als er von der Küche her ein gewaltiges Geräusch vernahm, begab er sich, um die Zeit zu vertreiben, dorthin, und sah nach, was sich in diesem wichtigen Teile des Hauses ereignete.

Es war der arme Küchenjunge, der mehr tot als lebendig zurückkehrte. An der Biegung des Weges war er von vier Männern angehalten worden, die ihn über den Zweck seines nächtlichen Spazierganges befragten und auf seine Erklärung, er habe der Dame des vereinzelten Hauses ein Nachtessen zu bringen, ihn seiner Mütze, seines weißen Wamses und seiner Schürze beraubten. Der Jüngste von den vier Männern zog sodann diese Standesabzeichen an, nahm den Korb auf seinen Kopf und setzte den Weg nach dem kleinen Hause fort. Zehn Minuten nachher kehrte er zurück und besprach sich ganz leise mit dem, welcher der Anführer der Truppe zu sein schien. Tann gab man dem Küchenjungen sein Wams, seine Mütze und seine Schürze zurück, setzte ihm seinen Korb wieder auf den Kopf und ließ ihn, der vor Schrecken halbtot war, laufen.

Dieses Abenteuer war für alle völlig unverständlich, außer für Canolles. Da dieser aber seinen Grund hatte, eine Erläuterung darüber zu geben, so ließ er Wirt, Kellner, Mägde und Küchenjungen sich in Vermutungen verlieren und ging zu dem Vicomte hinauf. Er öffnete in der Voraussetzung, daß die erste Anfrage ihn einer zweiten Einleitung entbinde, die Tür ohne weiteres und trat ein.

Eine beleuchtete und mit zwei Decken versehene Tafel stand mitten im Zimmer und erwartete, um vollständig zu sein, nur die Platten, mit denen sie geschmückt werden sollte.

Canolles bemerkte die beiden Gedecke und betrachtete sie als ein freudiges Vorzeichen.

Als ihn aber der Vicomte erblickte, stand er mit einer so ungestümen Bewegung auf, daß man leicht sehen konnte, der Besuch habe den jungen Mann überrascht und das zweite Gedeck sei nicht, wie er sich anfangs geschmeichelt hatte, für ihn bestimmt.

Dieser Zweifel wurde durch die ersten Worte bestätigt, die der Vicomte an ihn richtete.

»Darf ich wohl fragen, Herr Baron,« sagte er, stets zeremoniös gegen ihn vorschreitend, »welchem neuen Umstände ich die Ehre Eures Besuches zu verdanken habe?«

»Ei,« erwiderte Canolles, etwas verblüfft durch diesen sonderbaren Empfang, »einem ganz natürlichen Umstand. Ich bekam Hunger und dachte, Ihr müßtet ihn auch haben. Ihr seid allein, ich bin auch allein und wollte die Ehre haben, Euch den Vorschlag zu machen, mit mir zu Nacht zu speisen.«

Der Vicomte schaute Canolles mit sichtbarem Mißtrauen an und schien einigermaßen in Verlegenheit zu sein, wie er ihm antworten sollte.

»Bei meiner Ehre,« sagte Canolles lachend, »man sollte glauben, Ihr habt Angst vor mir. Seid Ihr Malteserritter? Bestimmt man Euch für die Kirche, oder hat Euch Eure Familie im Abscheu vor den Canolles aufgezogen?... Bei Gott, ich werde Euch nicht in einer einzigen Stunde, die wir miteinander bei Tische zubringen, zu Grunde richten!«

»Ich kann unmöglich zu Euch hinabkommen, Baron.«

»Gut, so kommt nicht herab, aber da ich zu Euch heraufgekommen bin...«

»Noch viel unmöglicher, mein Herr. Ich erwarte jemand.«

Diesmal wurde Canolles aus dem Sattel gehoben. »Ah! Ihr erwartet jemand?« sagte er.

»Ja.«

»Wahrhaftig,« sagte Canolles nach kurzem Stillschweigen, »es wäre mir lieber, Ihr hättet mich auf jede Gefahr hin meinen Weg fortsetzen lassen, statt durch den Widerwillen, den Ihr gegen mich an den Tag legt, den Dienst zu verderben, den Ihr mir leistetet, und für den ich Euch nicht genug gedankt zu haben scheine.«

Der Jüngling errötete, näherte sich Canolles und sagte mit zitternder Stimme: »Um Vergebung, mein Herr, ich begreife meine ganze Unhöflichkeit, und wenn es nicht wichtige Angelegenheiten, Familienangelegenheiten, wären, die ich mit der Person zu besprechen habe, die ich erwarte, so würde ich es mir zugleich zur Ehre und zum Vergnügen schätzen, Euch als Dritten zu empfangen.«

Ungeachtet dieser Worte und trotz des Entschlusses, sich nun zu entfernen, zog sich Canolles doch nicht zurück. Irgend etwas, worüber er sich keine Rechenschaft geben konnte, fesselte ihn an den Boden. Er fühlte sich unwiderstehlich zu dem Vicomte hingezogen; aber dieser nahm eine Kerze, näherte sich Canolles, reichte ihm die Hand und sagte mit anmutsvollem Lächeln: »Mein Herr, wie es auch sein mag, und so kurz unser Zusammentreffen auch gewesen ist, so glaubt mir doch, daß es mich entzückt, wenn ich Euch zu irgendetwas nützlich gewesen bin.«

Canolles sah nur das Kompliment; er nahm die Hand, die ihm der Vicomte darreichte und die, statt den männlichen, freundschaftlichen Dank zu erwidern, sich lau und zitternd zurückzog. Er begriff, daß der Abschied, den ihm der junge Mann gab, trotz seiner Höflichkeit nichtsdestoweniger als ein Abschied betrachtet werden mußte, und entfernte sich, gänzlich in seinen Hoffnungen getäuscht und sehr in Gedanken versunken.

An der Tür begegnete er dem zahnlosen Lächeln des alten Dieners, der die Kerze aus den Händen des Vicomte nahm, Canolles untertänig bis an sein Zimmer begleitete und dann sogleich wieder zu seinem Herrn hinaufstieg, der ihn oben an der Treppe erwartete.

»Was macht er?« fragte der Vicomte mit leiser Stimme.

»Ich glaube, er entschließt sich, allein zu Nacht zu speisen,« antwortete Pompée.

»Dann wird er nicht mehr heraufkommen.«

»Ich hoffe es wenigstens.«

»Bestelle die Pferde, Pompée, es ist immerhin gewonnene Zeit. Aber,« fügte der Vicomte horchend bei, »was für ein Lärm ist das?« – »Man sollte glauben, es wäre Herrn Richons Stimme.«

»Und die des Herrn von Canolles.«

»Sie zanken sich, wie es scheint.«

»Im Gegenteil, sie erkennen sich. Hört!«

»Wenn nur Richon nicht schwatzt!«

»Oh, es ist nichts zu fürchten, er ist ein umsichtiger Mann.«

»Still...«

Die Horcher schwiegen, und man vernahm Canolles' Stimme.

»Zwei Gedecke, Meister Biscarros!« rief der Baron, »zwei Gedecke! Herr Richon speist mit mir.«

»Nein, wenn es Euch gefällig ist,« antwortete Richon, »Unmöglich!«

»Ah! Ihr wollt also allein zu Nacht speisen, wie der junge Edelmann?« – »Welcher Edelmann?«

»Der da oben.«

»Wie heißt er?« – »Vicomte von Cambes.«

»Kennt Ihr den Vicomte?« – »Bei Gott! er hat mir das Leben gerettet.«

»Er?« – »Ja, er.«

»Wieso?« – »Speist mit mir zu Nacht, und ich erzähle Euch die Geschichte während des Mahles.«

»Ich kann nicht; ich speise mit ihm.«

»In der Tat, er erwartet jemand.«

»Das bin ich, und da ich bereits zu spät komme, so erlaubt Ihr mit, daß ich Euch verlasse, nicht wahr, Baron?«

»Nein, Donner und Teufel! ich erlaube es nicht!« rief Canolles. »Ich habe mir in den Kopf gesetzt, in Gesellschaft zu speisen, und Ihr eßt mit mir, oder ich esse mit Euch. Meister Biscarros, zwei Gedecke!«

Aber während Canolles sich umwandte, um zu sehen, ob dieser Befehl vollzogen werde, hatte Richon die Treppe erreicht und stieg rasch die Stufen hinauf. Als er auf die letzte Stufe gelangte, begegnete seine Hand einer kleinen Hand, die ihn in das Zimmer des Vicomte von Cambes zog, dessen Tür sich hinter ihm schloß und durch zwei Riegel gesichert wurde.

»In der Tat,« murmelte Canolles, während er vergeblich mit seinen Augen den verschwundenen Richon suchte und sich an seinen einsamen Tisch setzte, »in der Tat, ich weiß nicht, was man in dieser verfluchten Gegend gegen mich hat. Die einen laufen mir nach, um mich zu töten, die andern fliehen mich, als ob ich die Pest hätte. Beim Teufel, mein Appetit stirbt dahin. Ich fühle, daß ich traurig werde, und bin fähig, mich zu betrinken wie ein Landsknecht. Hollah, Castorin, hierher, damit ich dich durchprügle! Sie schließen sich da oben ein, als ob sie sich verschwören wollten! Ah, doppelter Ochs, der ich bin, in der Tat, sie konspirieren! Ja, damit erklärt sich alles. Nun denn, Castorin, laß auftragen und schenke mir ein; ich verzeihe dir.«

Während er sich darein ergibt, sein Mahl einsam zu verzehren, wollen wir sehen, was inzwischen bei Nanon von Lartigues vorging.

Nanon war, was ihre Feinde auch gesagt und geschrieben haben mögen, zu jener Zeit ein reizendes Geschöpf von fünf- bis sechsundzwanzig Jahren, klein von Wuchs, mit brauner Haut, aber mit geschmeidigem, anmutigem Wesen, mit lebhaften, frischen Farben, mit tiefschwarzen Augen, deren durchsichtige Hornhaut in allen Regenbogenfarben, in allen Lichtern und Funken spielte, wie die der Katzen. Heiteren Angesichts, scheinbar lachend, war Nanon doch weit entfernt, ihren Geist allen Launen, allen Nichtswürdigkeiten hinzugeben, die mit tollen Arabesken den seidenen und goldenen Einschlag sticken, aus dem gewöhnlich das Leben einer Petite-Maitresse sich zusammenwebt. Reiflich und lange in ihrem eigensinnigen Kopf abgewogen, nahmen im Gegenteil die ernsthaftesten Erörterungen ein im höchsten Grad verführerisches Äußere an, wenn sie sich durch ihre vibrierende Stimme mit dem stark gascognischen Akzent vernehmbar machten. Niemand hätte unter dieser rosigen Maske mit den seinen, lachenden Zügen, unter diesem glühenden Blicke voll wollüstiger Versprechungen die unermüdliche Beharrlichkeit, die unüberwindliche Standhaftigkeit und Tiefe des Staatsmannes erraten, und dennoch waren Nanons Eigenschaften oder Fehler, je nachdem man sie von der Vorderseite oder von der Rückseite der Medaille betrachten will, dennoch war dies der berechnende Geist, das ehrgeizige Gemüt, dem ein Körper voll Eleganz als Hülle diente.

Nanon war von Agen. Der Herzog von Epernon, der Sohn des unzertrennlichen Freundes von Heinrich IV., hatte, zum Gouverneur der Guienne ernannt, wo sein hochmütiges Wesen, seine Anmaßungen und seine Erpressungen ihn allgemein verhaßt machten, dieses unbedeutende Bürgermädchen, die Tochter eines einfachen Advokaten, ausgezeichnet. Er machte, ihr den Hof und siegte mit großer Mühe und nach einer Verteidigung, die mit der Geschicklichkeit eines großen Taktikers ausgehalten wurde, der seinen Sieger den Preis des Sieges fühlen lassen will. Aber als Lösegeld für ihren nun verlorenen Ruf beraubte Nanon den Herzog seiner Macht und seiner Freiheit. Nach einer sechsmonatlichen Verbindung mit dem Gouverneur der Guienne regierte sie die schöne Provinz und gab allen, die sie einst verletzt oder gedemütigt hatten, die empfangenen Beleidigungen mit Wucher heim. Königin aus Zufall, wurde sie Tyrannin aus Berechnung. Bei ihrem feinen Geist hatte sie das Vorgefühl, daß man die wahrscheinliche Kürze der Herrschaft durch die gewissenloseste Ausnutzung ersetzen müsse.

Sie bemächtigte sich demzufolge alles dessen, was in ihren Bereich kam, riß Schätze, Einfluß, Ehrenstellen an sich, Sie wurde reich, sie vergab die Ämter und empfing die Besuche von Mazarin und den ersten Herren des Hofes. Sie besaß schließlich ein Vermögen von zwei Millionen.

Sie hatte wohl gefühlt, wie der Volkshaß flutähnlich stieg und mit seinen Wellen gegen die Machtstellung des Herrn von Epernon anprallte, der, an einem Tage des Zorns von Bordeaux vertrieben, Nanon mit sich zog, wie die Barke dem Schiffe folgt. Nanon beugte sich unter dem Sturme, bereit, sich wiederzuerheben, sobald der Sturm vorübergegangen wäre. Sie nahm Herrn von Mazarin zum Muster und trieb die Politik des gewandten, geschmeidigen Italieners. Der Kardinal bemerkte diese Frau, die durch dieselben Mittel, die ihn selbst zum ersten Minister und zum Besitzer von fünfzig Millionen gemacht haben, sich hob und bereicherte. Er bewunderte die kleine Gascognerin; er tat noch mehr, er ließ sie gewähren. Man wird vielleicht später erfahren, warum.

Die Bekanntschaft zwischen Nanon und Canolles hatte sich auf die natürlichste Weise gebildet. Canolles, Leutnant im Regiment Navailles, wollte Kapitän werden. Er mußte daher an Herrn von Epernon, den kommandierenden General, schreiben. Nanon las den Brief, sie antwortete wie gewöhnlich, im Glauben, sie behandle eine Geschäftssache, und bewilligte Canolles eine Zusammenkunft in diesem Sinne. Canolles wählte unter seinen Familienjuwelen einen prachtvollen Ring, der wenigstens fünfhundert Pistolen wert war – es war dies immer noch minder teuer, als sich eine Kompanie zu kaufen – und begab sich sodann zu der Zusammenkunft. Aber der Sieger Canolles, dem sein prunkhafter Ruf von Liebesglück voranging, machte diesmal die fiskalischen Berechnungen des Fräulein von Lartigues zu Schanden. Es war das erstemal, daß er Nanon sah, es war das erstemal, daß Nanon ihn sah. Sie waren beide jung, schön und geistreich. Die Zusammenkunft ging in gegenseitigen Artigkeiten hin, von dem Geschäfte war mit keiner Silbe die Rede, und dennoch wurde das Geschäft abgemacht. Am andern Morgen erhielt Canolles sein Kapitänspatent, und als der kostbare Ring von seinem Finger an Nanons überging, war es nicht mehr der Preis des befriedigten Ehrgeizes, sondern das Pfand glücklicher Liebe.

Als Nanon mit dem Herzog aus Bordeaux weichen mußte und der Pöbel sie in ihrem vergoldeten Wagen am liebsten zerrissen hätte, wählten sie das kleine Landhaus als Aufenthaltsort für Nanon, bis man ihr ein Haus in Libourne eingerichtet hätte. Canolles erhielt einen Urlaub, scheinbar, um einige Familienangelegenheiten in der Heimat abzumachen, in Wirklichkeit aber, um sein Regiment verlassen zu können, das nach Agen zurückgekehrt war, und um sich nicht zu weit von Matifou zu entfernen, wo seine beschützende Gegenwart notwendiger wurde, als je. Die Ereignisse wurden nämlich beunruhigend ernst. Die Gefangennahme der Prinzen von Condé, von Conti und Longueville bot den vier oder fünf Parteien, die damals Frankreich zerrissen, einen vortrefflichen Vorwand zum Bürgerkriege. Der Widerwille des Volkes gegen den Herzog von Epernon, von dem man wußte, daß er ganz und gar dem Hofe angehörte, wuchs immer mehr, obgleich man hätte meinen sollen, er könnte nicht mehr zunehmen. Eine von allen Parteien gewünschte Katastrophe stand nahe bevor. Nanon verschwand wie die Vögel, die den Sturm kommen sehen, vom Horizont und kehrte in ihr Blätternest zurück, um das Ereignis abzuwarten.

Sie gab sich für eine Witwe aus, welche die Einsamkeit sucht; als solche hatte sie auch, wie man sich erinnern wird, Meister Biscarros bezeichnet.

Herr von Epernon war also am Tage vorher zu der reizenden Einsiedlerin gekommen und hatte ihr angekündigt, er würde eine achttägige Rundreise antreten. Sobald er sich entfernt hatte, schickte Nanon durch den Einnehmer, ihren Günstling, ein Wort an Canolles, der sich während seines Urlaubs in der Gegend aufhielt. Nur verschwand dieses Wort im Original, wie wir erzählt haben, unter den Händen des Boten. Der sorglose Baron beeilte sich, der Einladungsabschrift Folge zu leisten, als ihn der Vicomte von Cambes vierhundert Schritte von seinem Ziele zurückhielt.

Das übrige ist bekannt.

Als Nanon, die Canolles wie eine liebende Frau, das heißt zehnmal in der Minute ans Fenster eilend, erwartete, Canolles' Billett erhielt, war sie wie vom Blitze getroffen.

Sie liebte Canolles sehr, aber bei ihr war der Ehrgeiz ein Gefühl, das der Liebe gleich kam, und wenn sie den Herzog verlor, verlor sie nicht nur ihr zukünftiges Glück, sondern vielleicht auch alles, was das frühere Glück ihr gebracht hatte. Doch sie war eine Frau von Kopf; sie löschte zuerst die Kerze, die ihren Schatten hätte zeigen können, und lief ans Fenster. Es war die höchste Zeit. Vier Männer näherten sich dem Hause, von dem sie nur noch etwa zwanzig Schritte entfernt waren. Der Mann mit dem Mantel ging voraus, und in ihm erkannte sie ganz genau den Herzog. In diesem Augenblick trat Francinette mit einem Licht in der Hand ein. Nanon warf einen Blick der Verzweiflung auf den Tisch, auf die zwei Gedecke, auf die zwei Fauteuils, auf die zwei gestickten Kopfkissen, die ihr freches Weiß auf dem karmoisinroten Grund der Damastvorhänge ausbreiteten, endlich auf das appetitliche Nachtnegligé, das mit allen diesen Vorbereitungen so gut im Einklang stand.

»Ich bin verloren,« dachte sie.

Aber beinahe in demselben Augenblick kam diesem feinen Geiste ein Gedanke, und ein Lächeln umschwebte ihre Lippen. Rasch wie der Blitz ergriff sie, das für Canolles bestimmte einfache Kristallglas und warf es, in den Garten, zog aus einem Etui den goldenen Becher mit dem Wappen des Herzogs, legte neben den Teller sein Gedeck von Vermeil, lief dann, zwar kalt vor Schrecken, aber mit einem in Eile gebildeten Lächeln, die Stufen hinab und erreichte die Tür in dem Augenblick, wo ein ernster, feierlicher Schlag daran ertönte.

Francinette wollte öffnen, aber Nanon ergriff sie beim Arme, stieß sie auf die Seite und sagte mit dem raschen Blicke, der bei ertappten Frauen den Gedanken so gut ersetzt:

Der Herzog ist es, den ich erwarte, und nicht Herr von Canolles.«

Dann zog sie selbst die Riegel zurück und warf sich dem Manne mit der Weißen Feder, der die wildeste Miene machte, die ihm zu Gebote stand, um den Hals.

»Ah!« rief Nanon, »mein Traum hat mich also nicht getäuscht. Kommt, mein lieber Herzog, Ihr sollt bedient werden, wir speisen sogleich zu Nacht.«

Epernon war ganz verblüfft; da jedoch die Liebkosungen einer hübschen Frau immer etwas Angenehmes haben, so ließ er sich küssen. Sogleich erinnerte er sich aber wieder, welche niederschmetternde Beweise er gegen sie besaß, und sagte: »Einen Augenblick, mein Fräulein, erklären wir uns gefälligst!«

Und er machte mit der Hand den Männern, die ihm folgten, ein Zeichen. Sie wichen ehrfurchtsvoll zurück, jedoch ohne sich gänzlich zu entfernen; er trat allein mit ernstem, abgemessenem Schritte in das Haus

»Was habt Ihr denn, mein lieber Herzogs« sagte Nanon mit einer so gut geheuchelten Heiterkeit, daß man sie hatte für natürlich halten sollen. »Habt Ihr vielleicht das letzte Mal, da Ihr hierher kamet, etwas vergessen, daß Ihr Euch so ängstlich nach allen Seiten umschaut?«

»Ja,« sagte der Herzog, »ich habe vergessen, Euch zu sagen, daß ich kein Dummkopf bin, und da ich vergessen habe, Euch das zu sagen, so komme ich in Person zurück, um es Euch zu beweisen.« »Ich begreife Euch nicht, Monseigneur,« erwiderte Nanon mit der ruhigsten, offensten Miene. »Ich bitte, erklärt Euch.«

Der Blick des Herzogs heftete sich auf die zwei Fauteuils, ging von diesen auf die Gedecke und dann auf die zwei Kopfkissen über. Auf diesen verharrten seine Augen länger, und die Röte des Zornes stieg ihm ins Gesicht.

Nanon hatte dies alles vorhergesehen und erwartete den Erfolg der Prüfung mit einem Lächeln, das ihre perlenweißen Zähne enthüllte. Nur glich dieses Lächeln einem Nervenzucken, und diese Zähne würden wohl geklappert haben, hätte nicht die Furcht sie aneinander geschlossen. Der Herzog wandte seinen zornigen Blick auf sie zurück.

»Ich warte immer noch auf Monseigneur,« sagte Nanon mit anmutiger Verbeugung.

»Monseigneurs Belieben,« antwortete er, »besteht darin, daß Ihr mir erklären sollt, was dieses Abendessen bedeuten soll.«

»Ich hatte, wie gesagt, einen Traum, der mir ankündigte, daß Ihr, obgleich Ihr mich gestern verlassen, doch heute zurückkommen würdet. Meine Träume täuschen mich nie. Ich ließ also ein Abendessen nach Eurem Geschmack bereiten.«

Der Herzog machte eine Grimasse, die ein ironisches Lächeln darstellen sollte.

»Und diese Kopfkissen?« sagte er.

»Sollte Monseigneur im Sinne haben, zum Nachtlager nach Libourne zurückzukehren? Dann hätte mein Traum gelogen, denn er kündigte mir an, Monseigneur würde bleiben.«

Der Herzog machte eine zweite Grimasse, die noch bezeichnender war, als die erste.

»Und dieses reizende Negligé Madame? Und diese ausgezeichneten Wohlgerüche?«

»Es ist eins von denen, die ich anzuziehen Pflege, wenn ich Monseigneur erwarte. Diese Wohlgerüche kommen von den Säckchen Peau d'Espagne, die ich meine Schränke lege, und die Monseigneur, wie er mir oft gesagt hat, allen andern Odeurs vorzieht, weil es auch der Lieblingsgeruch der Königin ist.«

»Ihr erwartetet mich also?« fuhr der Herzog mit ironischem Lachen fort.

»Ah, Monseigneur,« sagte Nanon, ebenfalls die Stirn faltend, »Gott vergebe mir! ich glaube, Ihr habt Lust in die Schränke zu schauen. Solltet Ihr etwa eifersüchtig sein?«

Der Herzog nahm eine majestätische Miene an.

»Eifersüchtig, ich? o nein! Gott sei Dank! ich habe diese Lächerlichkeit nicht an mir. Alt und reich, weiß ich natürlich wohl, daß ich getäuscht werden muß; aber denen, die mich täuschen, will ich wenigstens beweisen, daß ich mich nicht von ihnen hintergehen lasse.«

»Und wie werdet Ihr ihnen dies beweisen?« sagte Nanon. »Ich bin begierig, es zu erfahren,«

»Oh, das wird nicht schwierig sein; ich brauche ihnen nur dieses Papier zu zeigen.«

Der Herzog zog ein Billett aus seiner Tasche.

»Ich habe keine Träume mehr,« sagte er; »in meinem Alter träumt man nicht mehr, selbst im wachen Zustande, aber ich erhalte Briefe. Lest diesen, er ist interessant.«

Nanon nahm zitternd den Brief, den ihr der Herzog reichte, und bebte, als sie die Schrift sah; aber dieses Beben war unmerklich, und sie las: »Der Herr Herzog von Epernon wird benachrichtigt, daß diesen Abend ein Mann, der sich seit sechs Monaten eines vertraulichen Umgangs mit Fräulein Nanon von Lartigues erfreut, zu ihr kommen, bei ihr soupieren und die Nacht zubringen wird.

»Da man den Herrn Herzog von Epernon nicht in Ungewißheit lassen will, so setzt man ihn in Kenntnis, daß dieser glückliche Nebenbuhler sich Baron von Canolles nennt.«

Nanon erbleichte, der Streich traf mitten ins Herz, »Ah, Roland! Roland!« murmelte sie, »ich glaubte doch von dir befreit zu sein!«

»Bin ich unterrichtet?« sagte der Herzog triumphierend.

»Ziemlich schlecht,« antwortete Nanon, »und wenn Eure politische Polizei nicht besser ist, als Eure Liebespolizei, so beklage ich Euch.«

»Ihr beklagt mich?«

»Ja; denn dieser Herr von Canolles, dem Ihr die Ehre erweist, ihn für Euern Nebenbuhler zu halten, ist nicht hier; übrigens könnt Ihr ja warten, dann werdet Ihr sehen, ob er kommt.«

»Er ist gekommen!«

»Er!« rief Nanon, »das ist nicht wahr!«

Diesmal lag ein Ausdruck tiefer Wahrheit im Tone der Angeschuldigten.

»Ich will sagen, er ist bis auf vierhundert Schritte hierhergekommen und hat zu seinem Glücke in dem Gasthaus zum Goldenen Kalbe angehalten.«

Nanon begriff, daß der Herzog viel weniger wußte, als sie anfangs geglaubt hatte. Sie zuckte die Achseln, denn ein anderer Gedanke, den ihr ohne Zweifel der Brief eingegeben hatte, den sie in ihren Händen hin und her drehte, keimte in ihrem Innern.

»Ist es möglich,« sagte sie, »daß ein Mann von Geist, einer der gewandtesten Politiker des Königreichs, sich von anonymen Briefen fangen läßt?«

»Anonym meinetwegen, aber wie erklärt Ihr mir diesen Brief?«

»Oh! die Erklärung ist nicht schwierig, es ist eine Folge des schönen Benehmens unserer Feinde in Agen. Herr von Canolles bat Euch in Familienangelegenheiten um einen Urlaub, den Ihr ihm bewilligtet. Man wußte, daß er hier durchkam, und benutzte seine Reise zu dieser lächerlichen Anschuldigung.«

Nanon gewahrte, daß das Gesicht des Herzogs, statt sich zu entrunzeln, immer düsterer wurde. »Die Erklärung wäre gut,« sagte er, »wenn diesem Briefe, den Ihr Euren Feinden zuschreibt, nicht eine gewisse Nachschrift beigefügt wäre, die Ihr bei Eurer Unruhe zu lesen vergessen habt.«

Ein tödlicher Schauer durchlief den ganzen Körper der jungen Frau. Sie fühlte, daß sie den Kampf, wenn ihr der Zufall nicht zu Hilfe käme, nicht länger aushalten könnte.

»Eine Nachschrift?« wiederholte sie.

»Ja, lest,« sagte der Herzog.

Nanon versuchte zu lächeln, aber sie fühlte, daß ihre Züge sich nicht mehr zu diesem Anschein der Ruhe hergaben. Sie begnügte sich also, mit dem sichersten Tone, den sie anzunehmen vermochte, zu lesen: »Ich habe in meinen Händen den Brief des Fräulein von Lartigues an Herrn von Canolles, durch den die Zusammenkunft, die ich Euch melde, auf heute abend festgesetzt ist. Ich gebe diesen Brief für ein Blankett, das mir der Herr Herzog durch einen einzigen Menschen in einem Schiff auf der Dordogne vor dem Dorfe Saint-Michel um sechs Uhr abends einhändigen läßt.«

»Und Ihr hattet diese Unklugheit!«

»Eure Handschrift ist mir so kostbar, liebe Dame, daß ich dachte, ich könnte einen Brief von Euch – nicht zu teuer bezahlen.«

»Ein solches Geheimnis der Indiskretion eines Mitwissers aussetzen!, Ah, Herr Herzog!...«

»Dergleichen vertrauliche Mitteilungen, Madame, nimmt man in Person in Empfang, und so habe ich es auch mit dieser gemacht. Der Mann, der sich auf die Dordogne begab, war ich selbst.«

»Ihr habt also meinen Brief?« – »Hier ist er.«

Durch eine rasche Anstrengung des Gedächtnisses suchte Nanon sich zu erinnern, was der Brief enthielt, aber es war ihr unmöglich. Ihr Gehirn fing an sich zu verwirren.

Sie war also genötigt, ihren eigenen Brief wieder zu lesen. Er enthielt kaum drei Zeilen: Nanon erfaßte sie mit einem gierigen Blicke und erkannte zu ihrer unbeschreiblichen Freude, daß dieser Brief sie nicht vollständig kompromittierte.

»Lest laut,« sagte der Herzog, »ich bin wie Ihr, ich habe den Inhalt des Briefes vergessen.«

Nanon fand das Lächeln wieder, das sie einige Sekunden vorher vergeblich gesucht hatte, und las, der Aufforderung des Herzogs gehorchend: »Ich werde um acht Uhr zu Nacht speisen. Seid Ihr frei? Ich bin es. In diesem Falle seid pünktlich, mein lieber Canolles, und fürchtet nichts für unser Geheimnis.«

»Das ist klar, wie es mir scheint!« rief der Herzog bleich vor Wut.

»Das spricht mich frei,« dachte Nanon,

»Ah! ah!« fuhr der Herzog fort, »Ihr habt ein Geheimnis mit Herrn von Canolles?«

Nanon begriff, daß ein Zögern von einer Sekunde sie ins Verderben stürzen würde, überdies hatte sie alle Muße gehabt, den ihr von dem anonymen Brief eingegebenen Plan in ihrem Gehirn reifen zu lassen.

»Nun ja,« sagte sie, den Herzog fest anschauend, »der Herr und ich haben ein Geheimnis.«

»Ihr gesteht es zu?« – »Ich muß wohl da man Euch nichts verbergen kann.«

»Oh!« schrie der Herzog.

»Ja, ich erwartete Herrn von Canolles,« fuhr Nanon ruhig fort.

»Ihr erwartetet ihn?« – »Ja, ich erwartete ihn.«

»Ihr wagt es, dies zu gestehen?« – »Wißt Ihr denn aber auch, wer Herr von Canolles ist?« – »Ein Dummkopf, den ich für seine Unklugheit schwer bestrafen werde.«

»Er ist ein hochherziger und tapferer Edelmanns den Ihr auch fortan wohlwollend behandeln werdet.«

»Oh! ich schwöre bei Gott, daß dem nicht so sein »Keinen Schwur, Herr Herzog, wenigstens nicht, ehe ich gesprochen habe,« antwortete Nanon.

»Weil er,« fuhr sie, mit einer dramatischen Bewegung, den zitternden Herzog beim Arm ergreifend fort, »weil er mein Bruder ist.«

Der aufgehobene Arm des Herzogs fiel herab.

»Euer Bruder!« rief er.

Nanon machte ein Zeichen mit dem Kopfe, das ein triumphierendes Lächeln begleitete, und wußte den Herzog durch ein ebenso geschickt wie kühn gewobenes Lügennetz halb zu überzeugen. Sie deutete an, eine erste Liebe ihres Vaters zu Frau von Canolles, der Mutter ihres Bruders, sei nach seiner Verehelichung leidenschaftlich wieder aufgeflammt und habe zu ernsten Folgen geführt. Sie selbst habe von dem Verwandtschaftsverhältnis erst nach dem Tode ihres Vaters erfahren und dem um die Ehre seiner Mutter zart besorgten Herrn von Canolles schwören müssen, das Geheimnis streng zu wahren.

»Ja,« schloß sie pathetisch ihre Erzählung, »ich hatte ihm einen Eid geleistet, dieses Geheimnis niemals irgend jemand in der Welt zu enthüllen. Aber Euer Verdacht ließ den Becher überströmen. Wehe mir! ich habe meinen Eid vergessen; wehe mir! ich habe das Geheimnis meines Bruders verraten.«

Und Nanon zerfloß in Tränen.

Der Herzog, jetzt fast völlig getäuscht, fiel vor ihr auf die Knie und küßte ihre schönen Hände, die sie ganz niedergeschlagen hängen ließ, während ihre Augen, zum Himmel emporgerichtet, Gott um Vergebung wegen ihres Eidbruchs zu bitten schienen.

»Ihr sagt: Wehe mir!« rief der Herzog. »Sagt doch: Glück für alle! Die verlorene Zeit soll dem lieben Canolles wieder eingebracht werden. Ich kenne ihn nicht, aber ich will ihn kennen lernen. Ihr stellt mir Canolles vor, und ich werde ihn lieben wie einen Sohn. Doch da fällt mir ein, kommt denn der Junge nicht? Warum sollte ich warten, um ihn zu sehen? Ich werde ihn sogleich im Goldenen Kalbe holen lassen.«

»Ah! ja, damit er erfährt, daß ich nichts zu verbergen vermag und daß ich Euch gegen meinen Eid alles gesagt habe.«

»Ich werde diskret sein.«

»Ah! Herr Herzog, nun muß ich Euch den Krieg ankündigen,« versetzte Nanon mit jenem Lächeln, das die Teufel von den Engeln entlehnt haben.

»Und warum denn, meine teure Schöne?«

»Weil Ihr einst lüsterner nach einem Zusammensein unter vier Augen wart, als jetzt. Kommt, wir wollen zu Nacht speisen, und morgen früh ist es noch Zeit, Canolles holen zu lassen.« (Von jetzt bis morgen kann ich ihn benachrichtigen, dachte sie.)

»Es sei,« sagte der Herzog, »setzen wir uns zu Tische.«

Von einem Rest von Zweifeln gepeinigt, fügte er ganz leise hinzu: »Von jetzt bis morgen werde ich sie nicht verlassen, und wenn sie nicht eine Zauberin ist, wird sie kein Mittel finden, ihn zu unterrichten.«

Und sie setzten sich mit so lächelnden Gesichtern zu Tisch, daß selbst Francinette, so genau sie auch als vertraute Kammerfrau die Art und Weise des Herzogs und den Charakter ihrer Gebieterin kannte, glaubte, ihre Gebieterin sei vollkommen ruhig und der Herzog vollkommen beschwichtigt.

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