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Alexandre Dumas (der Ältere): Der Frauenkrieg - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDer Frauenkrieg
publisherStuttgart Franckh'sche Verlagshandlung
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7b262676
created20061227
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Als Cauvignac auf seinem Ritte nach Bordeaux zu seinen von Ferguzon befehligten Soldaten gelangte, hielt er einen Augenblick an, nicht um Atem zu schöpfen, sondern um den Plan auszuführen, den sein erfindungsreicher Geist unterwegs entworfen hatte. Zuerst beeilte er sich, mit einem von seinen Soldaten die Kleider zu wechseln, ließ Barrabas, welcher der Frau Prinzessin weniger bekannt war, als er, sein schönstes Gewand anziehen, nahm ihn mit sich und jagte auf der Straße nach Bordeaux fort. Sodann beschloß er, sich von dem Inhalt des Briefes, der Canolles unfehlbar die Freiheit verschaffen sollte, zu überzeugen.

Er öffnete das mit einem Wachssiegel verschlossene Schreiben und wurde von einem seltsamen, schmerzlichen Eindrucke ergriffen, als er las: »Frau Prinzessin, es bedarf eines Sühnopfers für den unglücklichen Richon; nehmt keinen Unschuldigen, nehmt die wahre Schuldige; Herr von Canolles soll nicht sterben, denn Herrn von Canolles töten, hieße einen Mord durch einen andern Mord rächen. In dem Augenblick, wo Ihr diesen Brief lest, habe ich nur noch eine Meile zurückzulegen, um mit allem, was ich besitze, nach Bordeaux zu gelangen; Ihr liefert mich dem Volke aus, das mich haßt, denn es wollte mich bereits zweimal erwürgen, und behaltet meine Reichtümer, die sich auf zwei Millionen belaufen. Oh! Madame, auf den Knien flehe ich Euch um diese Gnade an; ich trage zum Teil die Schuld an diesem Kriege; bin ich tot, so ist der Friede in der Provinz hergestellt, und Eure Hoheit triumphiert. Madame, eine Viertelstunde Frist! Ihr laßt Canolles nicht eher frei, als bis Ihr mich in Händen habt; aber dann, bei Eurer Seele, nicht wahr, dann laßt Ihr ihn frei?

»Und ich bin Eure ehrerbietige und dankbare Nanon von Lartigues.«

Cauvignac war, nachdem er diese Zeilen gelesen hatte, ganz erstaunt, als er sein Herz übervoll und seine Augen feucht fühlte. Er blieb einen Augenblick unbeweglich und stumm, als könnte er nicht an diese Worte glauben. Plötzlich aber rief er: »Es ist also wahr, es gibt auf dieser Welt edle Herzen, nur aus Vergnügen, so zu sein! Mord und Tod! man wird sehen, daß ich so gut wie jeder andere imstande bin, Edelmut zu üben, wenn es sein muß:« Und da er sich am Tore der Stadt befand, übergab er seinen Brief Barrabas mit der Weisung: »Auf alles, was man dir sagen wird, antworte nur: »Befehl des Königs!« und händige diesen Brief keiner andern Person als Frau von Condé selbst ein.«

Als Barrabas, dieser Weisung folgend, das prinzliche Gemach erreichte, blieb er still stehen, denn er befand sich einer Dame gegenüber, in der er die Frau Prinzessin erkannte und zu deren Füßen eine andere Frau lag. »Oh! Gnade, Hoheit, Gnade im Namen des Himmels!« rief diese.

»Claire,« erwiderte die Prinzessin, »laß mich, sei vernünftig, bedenke, daß wir unserer Eigenschaft als Frauen entsagt haben, wie wir unsern Kleidern entsagten; wir sind die Statthalter des Herrn Prinzen, und die Staatsräson befiehlt.«

»Oh! Madame, es gibt keine Staatsräson mehr für mich,« rief Claire, »es gibt keine politische Partei, keine Meinung für mich, er nur allein ist für mich in dieser Welt vorhanden, die er verlassen soll, und wenn er sie verlassen hat, gibt es für mich nur noch den Tod.«

»Claire, mein Kind, ich habe dir bereits gesagt, es sei unmöglich,« versetzte die Prinzessin; »sie haben uns Richon getötet, wenn wir ihnen nicht gleiches mit gleichem vergelten, sind wir entehrt.«

»Oh! Madame, man hat sich nie dadurch entehrt, daß man Gnade übte; man hat sich nie dadurch entehrt; ein Wort, Madame, ein einziges Wort, der Unglückliche erwartet es.«

»Claire, du bist toll, ich sage dir, es ist unmöglich. Es ist auch schon zu spät, um elf Uhr sollte alles vorüber sein.«

Die Vicomtesse stieß einen Schrei aus und erhob sich; als sie sich umwandte, stand sie Barrabas gegenüber.

»Wer seid Ihr? Was wollt Ihr?« rief sie; »kommt Ihr schon, um seinen Tod zu verkündigen?« – »Nein, Madame,« antwortete Barrabas mit seiner freundlichsten Miene, »ich komme im Gegenteil, ihn zu retten.«

»Wie dies, mein Gott?« – »Indem ich diesen Brief der Frau Prinzessin übergebe.«

Frau von Cambes streckte den Arm aus, entriß den Brief den Händen des Boten, überreichte ihn der Prinzessin und rief: »Ich weiß nicht, was dieser Brief enthält, aber im Namen des Himmels lest.«

Die Prinzessin öffnete den Brief und las ganz laut, während Frau von Cambes, bei jeder Zeile erbleichend, die Worte verschlang, wie sie von den Lippen der Prinzessin fielen.

»Von Nanon!« rief die Prinzessin, nachdem sie gelesen hatte. »Nanon ist hier! Nanon liefert sich aus. Wo ist Lenet? Wo ist der Herzog? Ist niemand da?« – »Ich bin da, bereit zu laufen, wohin Eure Hoheit will.«

»Lauft auf die Esplanade, lauft nach dem Richtplatz, sagt, man solle die Vollziehung des Urteils verschieben; doch nein, man würde Euch keinen Glauben schenken.«

Und die Prinzessin sprang nach einer Feder und schrieb unten an das Billett: » Verschiebt,« und übergab den Brief offen Barrabas, der aus dem Zimmer eilte.

»Oh!« murmelte die Vicomtesse »sie liebt ihn mehr als ich; und, ich Unglückliche! Ihr wird er das Leben zu verdanken haben.«

Und dieser Gedanke wirft sie wie vom Blitze getroffen auf einen Stuhl nieder, sie, die alle Schläge dieses furchtbaren Tages, aufrecht stehend, ertragen hatte.

Barrabas verlor indessen keine Sekunde; er eilte die Treppe hinab, als ob er Flügel hätte, sprang wieder auf sein Pferd und ritt im Galopp nach der Esplanade fort.

Inzwischen war Cauvignac geradenwegs nach dem Schlosse Trompette geritten. Durch den breitkrempigen, über die Augen herabgeschlagenen Hut und durch die Dunkelheit unkenntlich gemacht, fragte er hier und erfuhr, was sich nach seiner Entweichung zugetragen hatte. Da jagte er sein Pferd mit aller Gewalt spornend, alles niederwerfend, was sich ihm in den Weg stellte, nach der Esplanade; hier angelangt, erblickt er den Galgen und stößt einen Schrei aus.

In diesem Augenblick gewahrt ihn Canolles; er errät seine Absicht und bedeutet ihm mit einem Zeichen des Kopfes, er sei willkommen.

Cauvignac erhebt sich auf den Steigbügeln, schaut umher, ob er nicht Barrabas oder einen Boten der Prinzessin kommen sehe, horcht, ob er nicht das Wort »Gnade!« erschallen höre; aber er sieht nichts, er hört nichts, als Canolles, den der Henker von der Leiter loszumachen und in die Luft zu schleudern im Begriffe ist, während er mit einer Hand auf sein Herz deutet.

Da senkt Cauvignac seine Muskete in der Richtung dieses Herzens, schlägt an, zielt und gibt Feuer.

»Ich danke,« sagte Canolles, die Arme öffnend; »ich sterbe wenigstens den Tod eines Soldaten.«

Die Kugel hatte ihm die Brust durchbohrt. Der Henker stieß den Körper ab, und dieser blieb am Ende des entehrenden Stranges hängen ... aber es war nur noch eine Leiche.

Der Knall wirkte wie ein Signal, tausend andere Musketenschüsse donnern gleichzeitig. Eine Stimme ruft: »Haltet ein! haltet ein! schneidet den Strick ab!«

Aber diese Stimme verliert sich im Gebrüll der Menge; überdies wird der Strick von einer Kugel abgeschnitten; vergebens leistet die Wache Widerstand, sie wird von den Volkswogen zurückgeworfen; der Galgen wird zertrümmert, niedergerissen, vernichtet; die Henker fliehen, die Menge breitet sich wie ein Schatten aus, bemächtigt sich des Leichnams, zerfleischt ihn und schleppt ihn in Fetzen durch die Stadt.

Währenddessen erreichte Barrabas den Herzog, und obgleich er selbst einsah, daß er zu spät kam, übergab er ihm doch seine Depesche.

Der Herzog entsiegelte den Brief und las seinen Inhalt.

»Das ist schade,« sagte er, sich zu seinen Offizieren umwendend, »was diese Nanon vorschlug, wäre vielleicht mehr wert gewesen; aber was geschehen ist, ist geschehen.«

Nach kurzer Überlegung fügte er hinzu: »Doch, wenn ich bedenke... da sie unsere Antwort jenseit des Flusses erwartet, so könnte man die Angelegenheit vielleicht doch noch ins reine bringen.« Und ohne sich weiter um den Boten zu bekümmern, gab er seinem Pferde die Sporen und kehrte mit seiner Eskorte zu der Prinzessin zurück.

In demselben Augenblick brach der seit einiger Zeit drohende Sturm über Bordeaux los, und von Blitzen begleitet fiel ein gewaltiger Regen auf den Platz der Esplanade, als wollte er das unschuldige Blut abwaschen.

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