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Alexandre Dumas (der Ältere): Der Frauenkrieg - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDer Frauenkrieg
publisherStuttgart Franckh'sche Verlagshandlung
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7b262676
created20061227
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Achtzehntes Kapitel.

Das Geschrei, das Gebrüll, die Drohungen, die wilde Aufregung der Menge waren Canolles, der ein Zimmer im Erdgeschoß eines Festungswerkes neben dem Cauvignacs innehatte, durchaus nicht entgangen.

»Bei Gott,« sagte er, »es ist ein sehr bedauerlicher Vorfall ... Richons Tod ... Armer Richon! er war ein Tapferer; sein Tod wird unsere Gefangenschaft schlimmer machen ... Warum, zum Teufel, ist die Nachricht nicht morgen statt heute, das heißt nach meiner Verbindung mit Claire, eingelaufen?«

Dann näherte er sich dem Fenster, um hinauszuschauen, und fuhr fort:

»Welche Bewachung! Zwei Soldaten vor der Tür. Und wenn ich bedenke, daß ich hier acht Tage, vielleicht vierzehn Tage eingeschlossen bleiben soll, bis irgend ein Ereignis vorfällt, das den Tod Richons in Vergessenheit bringt! Arme Claire! sie muß in Verzweiflung sein; glücklicherweise weiß sie, daß ich verhaftet bin. Aber wohin laufen denn all diese Leute? Man sollte glauben, nach der Esplanade. Jedoch da gibt es zu dieser Stunde weder eine Parade, noch eine Hinrichtung zu sehen; sie laufen alle in derselben Richtung. Es ist, als ob sie wüßten, daß ich hier wie ein Bär hinter meinem Gitter eingesperrt bin...«

In diesem Augenblick trat ein Offizier ein und unterbrach Canolles Selbstgespräch.

»Wollt Ihr zu Abend essen?« fragte der Offizier. »Befehlt nur, der Kerkermeister ist angewiesen, Euch ein Mahl ganz nach Euren Wünschen bereiten zu lassen.«

»Ja, mein Herr,« erwiderte Canolles, der sich über dieses Entgegenkommen wunderte, »ich werde zu Nacht speisen, denn ich habe starken Hunger; aber ich pflege sehr mäßig zu sein, und ein Soldatenmahl genügt mir.«

»Sodann,« versetzte der Offizier, indem er sich ihm voll Teilnahme näherte, »habt Ihr keinen Auftrag... in der Stadt zu besorgen ... erwartet Ihr nichts? Ihr sagtet, Ihr wäret Soldat, ich bin es auch; handelt also gegen mich, wie gegen einen Kameraden.«

Canolles schaute den Offizier erstaunt an und erwiderte: »Nein, nein, ich habe keinen Auftrag in der Stadt! nein, ich erwarte nichts, wenn nicht eine Person, die ich nicht nennen kann. Was den Punkt betrifft, daß ich gegen Euch handeln soll, wie gegen einen Kameraden, so danke ich Euch; hier ist meine Hand, und wenn ich später etwas brauche, so werde ich mich dessen erinnern, mein Herr.«

Diesmal war es der Offizier, der Canolles erstaunt anschaute.

»Gut, mein Herr,« sagte er. »Ihr sollt sogleich bedient werden.« Und er entfernte sich.

Einen Augenblick nachher traten zwei Soldaten ein und brachten ein vollständiges Abendessen, bestehend aus viel ausgesuchteren Gerichten, als Canolles verlangt hatte. Er setzte sich an den Tisch und speiste mit gutem Appetit.

Die Soldaten schauten ihn ebenfalls erstaunt an. Canolles hielt dieses Erstaunen für Lüsternheit, und da der Wein vortrefflich war, so sagte er: »Meine Freunde, laßt Euch zwei Gläser geben!«

Einer von den Soldaten ging hinaus und kehrte bald mit den verlangten Gläsern zurück.

Canolles füllte sie, goß ein paar Tropfen Wein in sein Glas und sagte: »Auf Eure Gesundheit, meine Freunde!«

Die Soldaten nahmen ihre Gläser, stießen mit Canolles an, und tranken, ohne seinen Toast, zu erwidern.

»Sie sind nicht höflich,« dachte Canolles, »aber sie trinken gut; man kann nicht alles zugleich haben.«

Als er mit Essen fertig war, stand er auf, und die Soldaten trugen die Tafel weg.

Der Offizier kehrte zurück.

»Ah! bei Gott!« sagte Canolles zu ihm, »Ihr hättet mit mir speisen sollen; das Abendessen war vortrefflich.« »Ich hätte nicht die Ehre haben können, mein Herr, denn ich komme selbst diesen Augenblick vom Tische. Und ich kehre zurück...«

»Um mir Gesellschaft zu leisten? Wenn es sich so verhält, empfangt mein Kompliment; denn das ist sehr liebenswürdig von Euch.«

»Nein, mein Herr, mein Auftrag ist minder angenehm. Ich komme, um Euch zu benachrichtigen, daß es keinen protestantischen Geistlichen im Gefängnis gibt, und daß der Kaplan ein Katholik ist. Ich weiß aber, daß Ihr Protestant seid, und die Verschiedenheit des Kultus wird Euch vielleicht unangenehm sein.«

»Mir, mein Herr; warum?« fragte, Canolles,

»Um Euer Gebet zu verrichten...« erwiderte der Offizier verlegen.

»Mein Gebet!« sagte Canolles lachend, »ich werde morgen daran denken; ich bete nur morgens.«

Der Offizier schaute Canolles mit einem Erstaunen an, das sich allmählich in tiefes Mitleid verwandelte. Er verbeugte sich und trat ab.

»Ah! die Welt ist also verrückt?« sagte Canolles. »Seit dem Tode des armen Richon scheinen alle Leute, die mir begegnen, Dummköpfe oder Narren geworden zu sein. Teufel! werde ich denn nicht irgend ein vernünftiges Gesicht sehen?«

Kaum hatte er diese Worte vollendet, als die Tür seines Gefängnisses sich abermals öffnete, und ehe er die eintretende Person erkennen konnte, warf sich jemand in seine Arme, schlang beide Hände um seinen Hals und übergoß sein Antlitz mit Tränen.

»Holla!« rief der Gefangene, sich von der Umarmung losmachend; »abermals ein Narr, In der Tat, ich bin im Narrenhause!«

Aber bei der Bewegung, die er machte, warf er den Hut des Unbekannten zu Boden, und die schönen blonden Haare der Frau von Cambes wellten sich über ihre Schultern. »Ihr hier?« rief Canolles auf sie zueilend, um sie in seine Arme zu fassen; »Ihr! ah, verzeiht, daß ich Euch nicht erkannt oder vielmehr nicht erraten habe.«

»Still!« sagte Claire, ihren Hut aufhebend und rasch wieder auf den Kopf setzend. »Still, denn wenn man wüßte, daß ich es bin, so würde man mir vielleicht mein Glück entziehen. Endlich ist es mir also gestattet, Euch noch zu sehen. Oh! mein Gott, mein Gott, wie glücklich bin ich.«

Und sie fühlte, wie ihre Brust sich erweiterte, und brach in ein heftiges Schluchzen aus.

»Noch!« sagte Canolles, »es ist Euch gestattet, mich noch zu sehen, sagt Ihr? Und Ihr sagt mir das unter Tränen. Ah! Ihr solltet mich also nicht mehr sehen?« fuhr er lachend fort.

»Oh! lacht nicht, mein Freund,« versetzte Claire; »Eure Heiterkeit tut mir weh. Lacht nicht, ich bitte Euch. Wenn Ihr wüßtet, wieviel Mühe ich gehabt habe, um zu Euch zu gelangen... und es fehlte nicht viel, daß ich nicht gekommen wäre! ... Ohne Lenet, ohne diesen vortrefflichen Mann... Doch sprechen wir von Euch, armer Freund! Mein Gott! Ihr seid also hier? Euch finde ich wieder! Euch kann ich abermals an mein Herz drücken.«

»Ja, ich, ich bin es,« erwiderte Canolles lächelnd.

»Oh! laßt das, es ist unnötig, stellt Euch nicht lustig, es ist mir alles bekannt. Man wußte nicht, daß ich Euch liebte, und verheimlichte mir nichts.«

»Aber was wißt Ihr denn?« fragte Canolles.

»Nicht wahr!« fuhr die Vicomtesse fort, »nicht wahr, Ihr erwartet mich, nicht wahr? Ihr wart unzufrieden über mein Stillschweigen? Ihr klagtet mich an?«

»Ich, unzufrieden! allerdings, aber ich klagte Euch nicht an! Ich vermutete, daß irgend ein Umstand, stärker als Euer Wille, Euch von mir entfernt hielt; und bei alledem ist mein größtes Unglück, daß unsere Heirat verschoben, vielleicht auf acht, auf vierzehn Tage verschoben ist.« Claire schaute Canolles mit demselben Erstaunen an, das der Offizier einen Augenblick vorher gezeigt hatte.

»Wie,« sagte sie, »sprecht Ihr im Ernste, oder seid Ihr in der Tat nicht mehr erschrocken?«

»Ich, erschrocken! worüber? Sollte ich etwa einer unbekannten Gefahr preisgegeben sein?« fragte er lachend.

»Oh! der Unglückliche!« rief Claire; »er wußte nichts.«

»Nein, ich weiß nichts,« sagte Canolles mit ernstem Tone. »Aber nicht wahr, Ihr werdet mir alles sagen? Ich bin ein Mann; sprecht, Claire, sprecht!«

»Ihr wißt, daß Richon tot ist?« – »Ja, ich weiß es.«

»Ihr wißt, wie er gestorben ist?« – »Nein, aber ich vermute es. Nicht wahr, er ist auf seinem Posten, auf der Bresche von Vayres getötet worden?«

Claire schwieg einen Augenblick; dann erwiderte sie ernst wie das Erz, das ein Totengeläute erschallen läßt: »Er ist in der Halle von Libourne gehängt worden.«

Canolles machte einen Sprung rückwärts und rief: »Gehängt! Richon, ein Soldat, gehängt!«

Dann erbleichte er plötzlich, fuhr mit zitternder Hand über seine Stirn und fügte bei: »Ah! jetzt begreife ich alles; meine Verhaftung, mein Verhör, die Worte des Offiziers, das Stillschweigen der Soldaten; ich begreife Euer Kommen und Eure Tränen, als Ihr mich so heiter saht; ich begreife endlich das Gedränge, das Geschrei, die Drohungen. Richon ist ermordet worden, und an mir wird man Richon rächen!...«

»Nein, nein, mein Vielgeliebter! nein, armer Freund meines Herzens!« rief Claire, ergriff strahlend vor Freude Canolles' Hände und tauchte ihre Augen in die seinigen; »nein, nicht dich werden sie opfern, teurer Gefangener! Ja, du täuschtest dich nicht, du warst bezeichnet! ja, du warst verurteilt; ja, du hast den Tod von nahem gesehen, mein schöner Bräutigam. Aber sei unbesorgt, du kannst jetzt lachen, du kannst von Glück und Zukunft sprechen. Diejenige, die dir ihr ganzes Leben widmen wird, hat das deinige gerettet! Sei freudig!... aber ganz leise, denn du wirst vielleicht deinen unglücklichen Gefährten erwecken, den, auf welchen der Sturm fallen soll, denjenigen, der statt deiner sterben muß.«

»Oh! schweigt, schweigt teure Freundin! Ihr macht mich zu Eis,« erwiderte Canolles, der sich trotz der glühenden Liebkosungen Claires nur langsam von dem furchtbaren Schlage erholte, den er erhalten hatte.

»Ah! nun seid Ihr düster und träumerisch.«

»Oh!« rief Canolles, »ich fürchte mich nicht vor dem Tode; aber der Tod trennt mich von Euch.«

»Wärt Ihr gestorben, mein Vielgeliebter, so wäre ich auch gestorben. Aber statt Euch so zu betrüben, freut Euch mit mir. In dieser Nacht, in einer Stunde vielleicht werdet Ihr das Gefängnis verlassen. Wohl! entweder hole ich Euch selbst, oder ich erwarte Euch am Ausgang. Dann fliehen wir, ohne eine Minute, ohne eine Sekunde zu verlieren. Ja, auf der Stelle; ich will nicht warten. Diese verfluchte Stadt erfüllt mich mit Schrecken. Heute ist es mir noch gelungen, Euch zu retten; aber morgen würde Euch vielleicht irgend ein unerwartetes Mißgeschick mir abermals entreißen.«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und der Offizier, der bereits bei Canolles gewesen war, verkündigte, die in dem Passierscheine bewilligte halbe Stunde sei abgelaufen.

»Lebe wohl,« flüsterte Canolles, »oder verbirg mich in einer Falte deines Mantels und nimm mich mit.«

»Armer Freund,« versetzte Claire mit leiser Stimme, »schweige doch, denn du brichst mir das Herz. Siehst du nicht, daß ich vor Verlangen sterbe dich fortzuführen? Habe Geduld für dich, habe Geduld für mich; in einigen Stunden sind wir wiedervereinigt, um uns nie mehr zu verlassen.«

»Ich habe Geduld,« erwiderte Canolles, durch dieses Versprechen völlig beruhigt; »doch wir müssen uns trennen; auf, Mut gefaßt! Sprechen wir das Abschiedswort: Gott befohlen, Claire!«

»Gott befohlen,« sagte sie, bemüht zu lächeln, »Gott be...«

Aber sie konnte das Abschiedswort nicht vollenden; zum dritten Male erstickte das Schluchzen ihre Stimme.

»Gott befohlen!« rief Canolles, die Vicomtesse abermals in die Arme fassend und ihre Stirn mit Küssen bedeckend, »Gott befohlen.«

»Teufel!« murmelte der Offizier, »zum Glück weiß ich, daß der arme Junge nicht mehr viel zu befürchten hat, sonst würde mir diese Szene das Herz brechen.«

Der Offizier begleitete Claire bis an die Tür, kam dann zurück und sagte zu Canolles, der noch voll Aufregung auf einen Stuhl gesunken war: »Es genügt nun nicht, glücklich zu sein, man muß auch Mitleid haben. Euer Nachbar, Euer unglücklicher Gefährte, derjenige, der sterben soll, ist allein; niemand beschützt ihn, niemand tröstet ihn; er wünscht Euch zu sehen; ich habe es auf mich genommen, ihm diese Bitte zu gewähren; aber Ihr müßt ebenfalls einwilligen.«

»Ob ich einwillige!« rief Canolles, »der Unglückliche! Ich erwarte ihn, ich öffne ihm die Arme! Ich kenne ihn nicht, aber gleichviel.«

»Doch er scheint Euch zu kennen.«

»Weiß er, welches Schicksal ihm bevorsteht?« – »Nein, ich glaube nicht. Ihr begreift, daß man ihn in Unwissenheit lassen muß...«

»Oh! seid unbesorgt.«

»Holt ihn, mein Herr, und glaubt mir, daß ich Euch für ihn und für mich dankbar bin.«

Der Offizier ging hinaus, öffnete die Tür des anstoßenden Kerkers, und Cauvignac trat, zwar etwas bleich, aber mit ungezwungener Haltung und erhobener Stirn in das Zimmer Canolles', der ihm einige Schritte entgegenging.

Cauvignac war nicht niedergeschlagen, weil in ihm ein unerschütterliches Vertrauen auf sich selbst, eine unerschöpfliche Hoffnung auf die Zukunft lebte. Aber unter einem ruhigen Anschein und unter einer beinahe heiteren Maske hatte sich ein tiefer Schmerz eingeschlichen, und dieser biß wie eine Schlange in sein Herz. Die skeptische Seele, die stets an allem gezweifelt hatte, zweifelte endlich auch an sich selbst...

Seit dem Tode Richons aß Cauvignac nicht mehr, schlief er nicht mehr.

Als er in Canolles' Zimmer trat, wartete er mit seiner gewöhnlichen Klugheit, bis der Offizier, der ihn eingeführt, sich entfernt hatte; sobald er sodann die Tür wohl verschlossen sah, ging er auf Canolles zu, der ihm wie gesagt, einige Schritte entgegen getan hatte, und drückte ihm liebevoll die Hand.

Trotz der ernsten Lage konnte sich Cauvignac eines Lächelns nicht enthalten, als er den jungen Mann mit dem abenteuerlichen Geiste und der heiteren Laune erkannte, den er bereits zweimal unter Umständen, die von seinen jetzigen sehr verschieden waren, getroffen hatte; er begrüßte ihn mit zuvorkommendem Wohlwollen.

»Nun, Baron,« sagte Cauvignac, »was sagt Ihr zu der Lage, in der wir uns befinden? Es scheint mir, sie ist ziemlich heikel.«

»Ja, wir sind hier als Gefangene, und Gott weiß, wann wir diesen Ort verlassen werden,« antwortete Canolles, bemüht ruhig und gefaßt zu erscheinen, um die Todesstunde seines Gefährten wenigstens durch die Hoffnung zu versüßen.

»Wann wir diesen Ort verlassen werden!« versetzte Cauvignac; »Gott, den Ihr anruft, möge in seiner Barmherzigkeit beschließen, daß es so spät als möglich geschehe; aber ich glaube nicht, daß er geneigt sein wird, uns eine lange Frist zu gewähren. Von meinem Kerker aus sah ich, wie Ihr es von dem Eurigen aus sehen konntet, eine gierige Menge nach einem gewissen Orte laufen, der, wenn ich mich nicht täusche, die Esplanade sein muß. Ihr kennt die Esplanade, mein lieber Baron, und wißt, wozu sie dient?«

»Ah, bah! ich glaube, Ihr übertreibt unsere Lage. Ja, das Volk lief nach der Esplanade, aber ohne Zweifel nur, um einer militärischen Züchtigung beizuwohnen. Uns den Tod Richons entgelten zu lassen, das wäre abscheulich, denn wir sind beide völlig unschuldig an diesem Tode.«

Cauvignac bebte und heftete einen Blick auf Canolles, der allmählich in einen Ausdruck des Mitleids überging.

»Sieh da,« sagte er zu sich selbst, »abermals einer, der sich über seine Lage täuscht. Ich muß ihm jedoch sagen, wie sich die Sache verhält – denn wozu ihm schöne Aussichten gewähren ... damit der Schlag nachher noch schmerzlicher wird?«

Nachdem er Canolles eine Zeit lang stillschweigend und prüfend betrachtet hatte, faßte er ihn bei den Händen und sagte: »Mein lieber Herr, wir wollen ein Paar Flaschen von dem guten Weine von Branne fordern, den Ihr wohl kennt. Ach! ich hätte nach Wohlgefallen davon getrunken, wenn ich länger Gouverneur gewesen wäre, und ich gestehe sogar, daß meine Vorliebe für diesen Wein mich veranlaßte, mir gerade dieses Gouvernement zu erbitten. Gott straft mich für meine Leckerei.«

»Es ist mir ganz genehm,« erwiderte Canolles, und er klopfte an die Tür, aber man antwortete ihm nicht; er verdoppelte den Lärm, und nach einem Augenblick näherte sich ein Kind, das im Gange spielte, dem Gefangenen.

»Was wollt Ihr?« fragte das Kind.

»Wein,« sagte Canolles; »dein Vater soll zwei Flaschen bringen.«

Das Kind entfernte sich, kam bald wieder zurück und sagte: »Papa hat in diesem Augenblick mit einem Herrn zu sprechen, wird aber sogleich kommen.«

»Guter Freund,« sagte Cauvignac, »Ihr wißt übrigens gar nicht, wie nahe ich Euch stehe; auch ich nannte mich einmal Baron von Canolles, und mein eigentlicher Name ist Roland von Larlignes, so daß ich beinahe so etwas wie Euer Schwager bin.«

Der Glücksritter erzählte darauf dem erstaunten Baron einiges aus seiner bewegten Vergangenheit und zeigte sich auch der Gefahr seiner augenblicklichen Lage und dessen, was ihm bevorstand, wohl bewußt; insbesondere fürchtete er das Schlimmste, weil Lenet und der Herzog von Larochefoucault von seinen Taten wußten. Canolles, der ihm als Nanons Bruder ein noch wärmeres Gefühl als vorher schenkte, rief ihm zu: »Auf, auf, Mut gefaßt!«

»Glaubt Ihr etwa, es fehle mir daran? Ihr werdet mich in dem großen Augenblick sehen, wenn wir einen Gang nach der Esplanade machen... Eines plagt mich aber: werden wir erschossen, geköpft oder gehängt?«

»Gehängt?« rief Canolles. »Bei Gott! wir sind Edelleute und man würde dem Adel keine solche Schmach antun.«

»Wohl, Ihr werdet sehen, sie sind am Ende imstande, mich noch mit einer Genealogie zu peinigen ... und dann...«

Was?«

»Wer wird zuerst hinübergehen, Ihr oder ich?«

»Mein lieber Freund, setzt Euch um Gottes willen nichts dergleichen in den Kopf. Nichts ist minder sicher, als der Tod, mit dem Ihr Euch zum voraus beschäftigt; man richtet, verurteilt und vollstreckt nicht so in einer Nacht.«

»Hört,« entgegnete Cauvignac, »ich war dabei, als man dem armen Richon den Prozeß machte; Gott sei seiner Seele gnädig! Nun wohl, Prozeß, Urteil, Aufhängen, alles dauerte höchstens drei bis vier Stunden; geht es hier ebenso schnell, so bleiben uns noch eine oder zwei Stunden zu leben, und das ist nicht viel.«

»In jedem Fall wird man doch den Tag abwarten, uns hinzurichten.«

»Ah! das ist durchaus nicht sicher; eine Hinrichtung mit Fackeln ist etwas sehr Schönes; es kostet allerdings mehr, da aber die Frau Prinzessin der Bordolesen in diesem Augenblick sehr bedarf, so könnte sie sich wohl entschließen, diese Ausgabe zu machen.«

»Still!« sagte Canolles, »ich höre Tritte.«

»Teufel!« murmelte Cauvignac, ein wenig erbleichend.

»Ohne Zweifel bringt man uns den Wein herauf.«

»Ah! ja,« sagte Cauvignac, einen mehr als aufmerksamen Blick auf die Tür heftend; »kommt der Kerkermeister mit Flaschen herein, so ist es gut; wenn er dagegen...«

Die Tür öffnete sich, und der Kerkermeister erschien ohne Flaschen.

Cauvignac und Canolles wechselten einen ausdrucksvollen Blick; aber der Kerkermeister achtete nicht darauf. Er schien so eilig, die Zeit war so kurz, es war so finster im Kerker...

Er trat ein und schloß die Türe wieder.

Dann näherte er sich den Gefangenen, zog ein Papier aus der Tasche und fragte: »Welcher von Euch beiden ist der Baron von Canolles?«

»Ah! Teufel!« murmelten gleichzeitig beide, einen neuen Blick austauschend.

Canolles ermannte sich bald und sagte: »Ich bin es.«

Der Kerkermeister näherte sich ihm.

»Ihr wart Festungs-Gouverneur?« – »Ja.«

»Aber ich war auch Festungs-Gouverneur; ich nannte mich auch Canolles,« sagte Cauvignac. »Wir wollen uns deutlich erklären, damit keine Täuschung obwalten kann. Was mir mit dem armen Richon begegnete, ist genug, und ich will nicht noch den Tod eines andern verursachen«.

»Ihr nennt Euch also gegenwärtig Canolles?« fragte der Kerkermeister.

»Ja,« antwortete Canolles.

»Und Ihr nanntet Euch früher Canolles?« sagte der Kerkermeister zu Cauvignac.

»Ja,« antwortete dieser; »ja, früher, nur einen Tag, und ich fange an zu glauben, daß ich an diesem Tage einen albernen Gedanken gehabt habe.« »Und Ihr seid beide Festungs-Gouverneure?« – »Ja.« »Nun, eine letzte Frage, die alles aufklären wird. Welcher von Euch ist Madame Nanon von Lartigues' Bruder?« Hier machte Cauvignac eine Grimasse, die in einem minder feierlichen Augenblick komisch gewesen wäre und sagte: »Und wenn ich ihr Bruder wäre, was dann, mein Freund?«

»Ich würde Euch sagen, Ihr solltet mir auf der Stelle folgen.«

»Pest!« murmelte Cauvignac.

»Aber sie hat mich auch ihren Bruder genannt,« sagte Canolles, der versuchen wollte, etwas von dem Sturme abzuwenden, der sich sichtbar auf dem Haupte seines unglücklichen Gefährten sammelte.

»Einen Augenblick,« versetzte Cauvignac, ging an dem Kerkermeister vorüber und nahm Canolles beiseite; »einen Augenblick, mein edler Herr, es ist nicht billig, daß Ihr unter solchen Umständen Nanons Bruder sein sollt. Ich habe bis jetzt andere Menschen genug für mich bezahlen lassen, und die Gerechtigkeit fordert, daß ich nun ebenfalls bezahle.«

»Was wollt Ihr damit sagen?« fragte Canolles.

»Oh! das wäre zu lang,« antwortete Cauvignac; »überdies wird unser Kerkermeister schon ungeduldig. Gut, gut, mein Freund, seid ruhig, ich komme. Gott befohlen, teurer Gefährte,« fuhr Cauvignac fort; »es sind wenigstens alle Zweifel in der Hinsicht gelöst, daß ich zuerst hinübergehe. Gott gebe, daß Ihr mir nicht zu bald folgt. Nun fragt es sich nur noch, welche Todesart beschlossen worden ist. Teufel, nur nicht der Strang! Doch, ich gehe, Ihr seid sehr eilig, »mein Lieber! Auf, mein teurer Bruder, mein teurer Schwager, mein teurer Gefährte, mein teurer Freund, ein letztes Fahrewohl!«

Er reichte Canolles seine Hand, der sie liebevoll drückte; dann wandte er sich an den Kerkermeister mit den Worten: »Ich bin der Madame Nanon von Lartigues Bruder; kommt, mein Freund!«

Der Kerkermeister ließ sich das nicht zweimal sagen und führte Cauvignac fort, der von der Türschwelle aus Canolles ein letztes Zeichen machte. Dann schloß sich die Tür, die Tritte entfernten sich im Gange, und alles versank in eine Stille, die dem Schweigen des Todes glich.

Während Canolles in einer mit Schrecken gemischten Traurigkeit sich verlor, denn diese Art, einen Menschen nächtlicherweise ohne Geräusch, ohne Vorbereitungen, ohne Wachen fortzuführen, war gräßlicher, als alle Vorkehrungen zu einer Hinrichtung beim hellen Sonnenscheine, folgte Cauvignac dem Kerkermeister in dem düsteren Gange, in ernste Gedanken vertieft und ohne ein Wort zu sprechen.

Am Ende des Ganges schloß der Kerkermeister die Tür ebenso sorgfältig, wie er dies bei Canolles' Kerker getan hatte, und nachdem er eine Zeitlang auf ein dumpfes Geräusch gehorcht, das vom untern Stockwerk heraufstieg, sagte er, sich jäh zu Cauvignac wendend: »Auf, vorwärts, mein edler Herr.«

»Ich bin bereit,« antwortete Cauvignac mit möglichster Würde.

»Schreit nicht so laut,« versetzte der Kerkermeister, »und geht schneller.«

Und er eilte auf eine Treppe zu, die in die unterirdischen Kerker führte.

»Oh! oh!« sagte Cauvignac zu sich selbst, »sollte man mich zwischen vier Wänden erdrosseln oder in eine Versenkung stoßen wollen? Dieser Kerkermeister ist klein, ich bin groß; er ist schwach, ich bin stark; er ist vor, ich bin hinten; ich habe ihn bald erwürgt, wenn ich will, und kann mit den Schlüsseln mir die Freiheit verschaffen.«

Cauvignac streckte schon seine knochigen Hände aus, um sein Vorhaben auszuführen, als der Kerkermeister, voll Schrecken sich umwendend, ihm zuflüsterte: »Still! Hört Ihr nichts?«

Cauvignac aber fuhr mit sich selbst sprechend fort: Noch weiß ich nicht, was diese Geschichte bedeuten soll.

Plötzlich blieb er stehen und fragte: »He da! wohin führt Ihr mich?«

»Seht Ihr es nicht?« entgegnete der Kerkermeister, »in den Keller.«

»Oh weh!« murmelte Cauvignac, »wollen Sie mich lebendig begraben?«

Der Kerkermeister zuckte die Achseln, drang in ein Gewirr von Gängen, gelangte zu einer niedrigen, bogenförmigen Tür, hinter der ein seltsames Geräusch laut wurde, und öffnete.

»Der Fluß!« rief Cauvignac erschrocken, als er das Wasser, düster und schwarz hinrollen sah.

»Ja, der Fluß; könnt Ihr schwimmen?«

»Ja ... nein... ja ...; das heißt, warum, zum Teufel, fragt Ihr mich?«

»Weil wir sonst ein Schiff abwarten müßten, das da unten liegt, und dadurch verlieren wir eine Viertelstunde, abgesehen davon, daß man das Signal, das ich machen muß, hören und uns wieder erwischen kann.«

»Uns wieder erwischen?« rief Cauvignac. »Ah! teurer Freund, wir fliehen also?« – »Allerdings fliehen wir.«

»Wohin?« – »Wohin wir wollen.«

»Ich bin also frei?« – »Frei wie die Luft.«

»Oh! mein Gott!« rief Cauvignac.

Und ohne ein Wort diesem beredten Ausrufe hinzuzufügen, ohne sich umzuschauen, ohne zu sehen, ob ihm sein Gefährte folgte, stürzte er sich in den Fluß und tauchte rascher unter als eine verfolgte Fischotter. Der Kerkermeister ahmte sein Beispiel nach, und nach einer Viertelstunde lautloser Anstrengungen, um den Strom zu durchschwimmen, befanden sich beide im Angesicht des Schiffes. Der Kerkermeister pfiff nun dreimal, während er beständig schwamm; die Schiffer erkannten das verabredete Signal, kamen ihnen entgegen, zogen sie rasch in die Barke, begannen, ohne ein Wort zu sprechen, kräftig zu rudern, und brachten beide in weniger als fünf Minuten an das entgegengesetzte Ufer.

»Ah!« rief Cauvignac, der seit dem Augenblick, wo er sich so mutig in das Wasser gestürzt, keine Silbe von sich gegeben hatte, »ah! nun bin ich gerettet. Teurer Kerkermeister meines Herzens, Gott wird Euch belohnen!«

»In Erwartung des Lohnes, den mir Gott gewähren mag,« erwiderte der Kerkermeister, »habe ich vorläufig vierzigtausend Livres erhalten, mit denen ich mich in Geduld fassen kann.

»Vierzigtausend Livres!« rief Cauvignac voll Erstaunen, »wer zum Teufel kann vierzigtausend Livres für mich ausgegeben haben?«

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