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Alexandre Dumas (der Ältere): Der Frauenkrieg - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDer Frauenkrieg
publisherStuttgart Franckh'sche Verlagshandlung
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7b262676
created20061227
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Sechzehntes Kapitel.

Frau von Cambes hatte ihre Toilette, eine einfache, reizende Toilette, beendigt; sie warf eine Art von Mantel über ihre Schultern und machte Pompée ein Zeichen, ihr voranzugehen: es war beinahe Nacht, und da sie zu Fuße weniger bemerkt zu werden glaubte, als in einer Karosse, hatte sie Befehl gegeben, ihren Wagen am Ausgang der Karmeliterkirche in der Nähe einer Kapelle warten zu lassen, in der sie getraut werden sollte. Pompée stieg die Treppe hinab, und die Vicomtesse folgte ihm.

Unten an der Treppe, als die Vicomtesse an dem Saale hinschritt, in dem ein gewaltiger Lärm herrschte, begegnete sie Frau von Tourville, die den Herzog von Larochefoucault, sich eifrig mit ihm besprechend, nach dem Kabinett der Prinzessin fortzog.

»Oh! ich bitte, Madame, nur ein Wort,« sagte sie: »was hat man beschlossen?«

»Mein Plan ist angenommen,« rief Frau von Tourville triumphierend.

»Und worin bestand Euer Plan, Madame? ich kenne ihn nicht.«

»Die Repressalien, meine Liebe, die Repressalien!«

»Verzeiht, Madame, aber ich bin unglücklicherweise nicht so mit den Kriegsausdrücken vertraut, wie Ihr; was versteht Ihr unter Repressalien?« – »Das ist ganz einfach, liebes Kind.«

»So erklärt Euch doch.«

»Nicht wahr, sie haben einen Offizier der Herren Prinzen gehängt?« – »Ja; nun?«

»Nun, wir wollen in Bordeaux einen Offizier der königlichen Armee suchen und ihn ebenfalls aufhängen.«

»Großer Gott!« rief Frau von Cambes erschrocken, »was sagt Ihr da, Madame?«

»Herr Herzog,« fuhr die Witwe fort, ohne daß es schien, als bemerkte sie Claires Schrecken, »hat man nicht bereits den Gouverneur verhaftet, der auf Saint-George kommandierte?«

»Ja, Madame,« antwortete der Herzog.

»Herr von Canolles ist verhaftet?« rief Claire.

»Ja, Madame,« erwiderte der Herzog mit kaltem Tone; »Canolles ist verhaftet oder wird es werden; der Befehl ist in meiner Gegenwart gegeben worden, und ich habe die mit der Ausführung beauftragten Leute abgehen sehen.«

»Man wußte also, wo er war?« fragte Claire mit einer letzten Hoffnung.

»Er war in dem kleinen Hause unseres Wirtes, des Herrn Präsidenten Lalasne, wo er, wie man mir sagt, mit großem Erfolg das Ringspiel betrieb.« Claire stieß einen Schrei aus; Frau von Tourville wandte sich erstaunt um; der Herzog schaute die junge Frau mit unmerklichem Lächeln an.

»Herr von Canolles ist verhaftet!« sagte die Vicomtesse; »mein Gott, was hat er denn getan, was hat er mit dem furchtbaren Ereignis zu tun, das uns trostlos macht?«

»Was er damit zu tun hat? Alles, meine Liebe. Ist er nicht ein Gouverneur wie Richon?«

Claire wollte sprechen, aber ihr Herz schnürte sich dergestalt zusammen, daß das Wort auf ihren Lippen zu Eis würde. Den Herzog beim Arm fassend und ihn voll Schrecken anschauend, gelang es ihr jedoch zu murmeln: »Oh! nicht wahr, Herr Herzog, das ist nur eine Finte, nur ein Schein, und weiter nichts? Man kann doch einem Gefangenen auf Ehrenwort nichts tun?«

»Madame, Richon war ebenfalls Gefangener auf Ehrenwort.«

»Herr Herzog, ich flehe Euch an...«

»Erspart Euch die Bitten, Madame, sie sind fruchtlos. Ich vermag nichts in dieser Angelegenheit, der Rat allein wird entscheiden.« Claire ließ Herrn von Larochefoucaults Arm los und lief geradenweges in das Kabinett der Frau von Condé, Lenet ging bleich und bewegt mit großen Schritten auf und ab; Frau von Conds sprach mit dem Herzog von Bouillon.

Frau von Cambes schlich sich, leicht und bleich wie ein Schatten, zu der Prinzessin.

»Oh! Madame, im Namen des Himmels, eine Unterredung von einer Sekunde, ich flehe Euch an.«

»Ah, du bist es, Kleine; ich habe in diesem Augenblick keine Muße dazu,« antwortete die Prinzessin; »aber nach dem Rate gehöre ich ganz dir.« »Madame, Madame, gerade vor dem Rate muß ich Euch sprechen.«

Die Prinzessin war auf dem Punkte, nachzugeben, als eine Tür, der gegenüber, durch welche die Vicomtesse eingetreten war, sich öffnete und Herr von Larochefoucault erschien.

»Madame,« sagte er, »der Rat ist versammelt und erwartet ungeduldig Eure Hoheit.«

»Du siehst, Kleine,« sagte Frau von Condé, »es ist mir in diesem Augenblick unmöglich, dich zu hören; aber komm mit uns in den Rat, und wenn er beendigt ist, gehen wir miteinander und plaudern.«

Es gab für Claire kein Mittel, auf ihrer Bitte zu beharren. Durch die furchtbare Geschwindigkeit, mit der die Ereignisse sich entwickelten, fing die arme Frau an, von einem Schwindel befallen zu werden; sie befragte alle Blicke, sie deutete sich alle Gebärden, ohne etwas zu sehen, ohne zu begreifen, worum es sich handele, ohne daß ihre Tatkraft sie diesem furchtbaren Traume zu entziehen vermochte.

Die Prinzessin begab sich in den Saal. Claire folgte ihr mechanisch, ohne zu bemerken, daß Lenet ihre eisige Hand gefaßt hatte, die sie wie ein Leichnam herabhängen ließ. Man trat in das Ratszimmer; es mochte ungefähr acht Uhr abends sein.

Der Versammlungsort war ein weiter düsterer Saal. Eine Art von Estrade war zwischen den beiden Türen errichtet worden, die den zwei Fenstern gegenüber lagen, durch die der letzte Schimmer des verscheidenden Tages eindrang. Auf dieser. Estrade standen zwei Lehnstühle, der eine für Frau von Condé, der andere für den Herzog von Enghien. Von jeder Seite dieser Lehnstühle ging eine Reihe von Tabourets aus, welche für die Frauen bestimmt waren, die den Geheimrat Ihrer Hoheit bildeten. Alle anderen Richter mußten sich auf die zu diesem Zwecke aufgestellten Bänke setzen. Der Herzog von Bouillon stützte sich auf den Lehnstuhl der Frau Prinzessin, der Herzog von Larochefoucault auf den des kleinen Prinzen.

Lenet setzte sich dem Gerichtsschreiber gegenüber; neben ihm stand, zitternd und völlig verwirrt, Frau von Cambes.

Es traten sechs Offiziere der Armee Condés, sechs Offiziere vom städtischen Heere, und sechs Schöffen ein und nahmen ihre Plätze auf den Bänken.

Zwei Kandelaber, jeder drei Kerzen tragend, beleuchteten allein diese improvisierte Versammlung; sie standen auf einem Tische vor der Frau Prinzessin und setzten die Hauptgruppe ins Licht, während die übrigen Anwesenden allmählich sich mit dem Schatten vermischten, je mehr sie sich von dem schwachen Mittelpunkte der Helle entfernten.

Soldaten des prinzlichen Heeres bewachten, die Hellebarde in der Hand, die Eingänge.

Man hörte außen den Lärm der brüllenden Menge. Der Schreiber rief die Namen auf, jeder erhob sich, sobald die Reihe an ihn kam, und antwortete.

Dann setzte der Berichterstatter die Angelegenheit auseinander; er erzählte die Einnahme von Bayres, den Wortbruch von Herrn de La Meilleraye, den entehrenden Tod Richons.

Ein besonders dazu aufgestellter Offizier, der zum voraus hierzu Befehl erhalten hatte, öffnete in diesem Augenblick ein Fenster, und es drang ein wahrer Strom von Stimmen ein, welche riefen: »Rache für den tapferen Richon! Tod den Mazarinern!«

So bezeichnete man die Royalisten.

»Ihr hört, was die Stimme des Volkes verlangt,« sagte Herr von Larochefoucault. »In zwei Stunden wird sich dieses Volk selbst Gerechtigkeit verschafft haben. Urteilen wir also, meine Herren, und zwar ohne Verzug.«

Die Prinzessin stand auf und rief: »Und warum urteilen? Wozu ein Urteil? Ihr habt das Urteil soeben vernommen, das Volk von Bordeaux hat es gesprochen.«

»In der Tat,« sagte Frau von Tourville, »nichts ist einfacher, als die Lage der Dinge. Es ist die Strafe der Wiedervergeltung, und nichts anderes. Das müßte sich ohne weiteres von Profoß zu Profoß abmachen.«

Lenet konnte nicht länger zuhören; er sprang von seinem Platze aus mitten in den Kreis und rief:

»Ah! kein Wort mehr, ich bitte Euch, Madame, denn eine solche Ansicht wäre zu unheilvoll. Ihr vergeßt, daß selbst die königliche Gewalt, als sie auf eine schändliche Weise strafte, die Achtung vor den gesetzlichen Formen wahrte und die Strafe durch einen Spruch von Richtern bestätigen ließ.«

»Ah! ich darf nur ein Wort aussprechen, und Herr Lenet ist sicher der entgegengesetzten Meinung,« erwiderte Frau von Tourville. »Leider steht diesmal meine Meinung im Einklang mit der Ihrer Hoheit.«

»Ja, leider,« sagte Lenet.

»Mein Herr!...« rief die Prinzessin.

»Ei! Madame, wahrt wenigstens den Schein,« entgegnete Lenet; »wird es Euch nicht immer freistehen, zu verurteilen?«

»Herr Lenet hat recht,« sagte der Herzog von Larochefoucault; »der Tod eines Menschen ist eine zu ernste Sache, besonders unter solchen Umständen, als daß wir die Verantwortlichkeit auf einem Haupte lasten lassen dürften, und wäre es auch ein fürstliches Haupt.«

Dann sich an das Ohr der Prinzessin neigend, sagte er so, daß es nur die Gruppe der Vertrauten allein hören konnte: »Madame, vernehmt die Meinung aller, und behaltet zur Urteilsprechung nur die, deren Ihr sicher seid. Auf diese Art haben wir nicht zu befürchten, unsere Rache könnte uns entgehen.«

»Einen Augenblick,« sagte Herr von Bouillon, sich auf seinen Stock stützend und sein gichtisches Bein aufhebend, »Ihr habt davon gesprochen, man solle die Verantwortlichkeit von dem Haupte der Prinzessin entfernen; ich weise sie nicht zurück, aber ich verlange, daß die übrigen sie mit mir teilen. Ich will nichts anderes, als fortwährend Rebell sein, doch in Gesellschaft, mit der Frau Prinzessin einerseits und dem Volke andererseits. Teufel! man soll mich nicht vereinzeln. Ich habe meine Souveränität in Sedan über einem Spaße dieser Art verloren. Damals hatte ich eine Stadt und einen Kopf. Der Kardinal von Richelieu nahm meine Stadt; heute habe ich nur noch einen Kopf, und es gelüstet mich nicht, mir diesen vom Kardinal Mazarin nehmen zu lassen. Ich verlange daher die Herren Notabeln von Bordeaux als Beisitzer.«

»Solche Unterschriften neben den unsern!« murmelte die Prinzessin, »Pfui!«

»Der Pflock hält den Balken, Madame,« erwiderte der Herzog von Bouillon.

»Ist das Eure Ansicht, meine Herren?«

»Ja,« antwortete der Herzog von Larochefoucault.

»Und Ihr, Lenet?«

»Madame,« sagte Lenet, »ich bin glücklicherweise weder Prinz, noch Herzog, noch Offizier, noch Schöffe. Ich habe also das Recht, mich jeden Ausspruchs zu enthalten, und enthalte mich.«

Da erhob sich die Prinzessin und ermahnte die Versammlung, die sie berufen hatte, die königliche Aufforderung durch einen kräftigen Akt zu erwidern. Kaum hatte sie ihre Rede geendigt, als sich das Fenster abermals öffnete und man zum zweiten Male tausend Stimmen wie mit einem Munde schreien hörte: »Es lebe die Frau Prinzessin! Rache für Richon! Tod den Epernonisten und Mazarinern!«

Frau von Cambes faßte Lenet beim Arm und sagte: »Herr Lenet, ich sterbe.«

»Die Frau Vicomtesse von Cambes bittet Ihre Hoheit um Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen,« sprach Lenet.

»Nein, nein,« versetzte Claire, »ich will...«

»Euer Platz ist nicht hier, Madame,« unterbrach sie Lenet, »Ihr vermögt nichts für ihn, ich werde Euch alles mitteilen, und wir werden ihn zu retten suchen.«

»Die Vicomtesse mag sich entfernen,« sagte die Prinzessin. »Den Damen, die der Sitzung nicht beiwohnen wollen, steht es frei, ihr zu folgen. Wir wollen nur Männer hier.«

Keine von den Frauen rührte sich, nur Frau von Cambes entfernte sich, unterstützt von Lenet. Auf der Treppe begegnete sie Pompée, den sie auf Erkundigung ausgeschickt hatte.

»Nun?« fragte sie.

»Nun!« antwortete er, »er ist verhaftet.«

»Herr Lenet,« sagte Claire, »ich habe nur noch Vertrauen zu Euch und hoffe nur noch aus Gott!«.

Und sie kehrte völlig niedergeschmettert in ihr Zimmer zurück.

Inzwischen gab die Prinzessin Befehl, die beiden Gefangenen, die im Range Richon gleichständen, dem Kriegsgericht vorzuführen und zwar zuerst den Gouverneur von Saint-George und sodann den von Branne.

Während in dem Saale, wo das Gericht tagte, ein erwartungs- und schreckensvolles Schweigen herrschte, machte Lenet einen letzten vergeblichen Versuch, die Prinzessin durch den Hinweis auf die möglichen Folgen für die Zukunft ihres Hauses zur Milde zu bewegen. Dann wandte er sich an den Herzog von Larochefoucault mit den Worten: »Herr Herzog, Ihr, der auf so hoher philosophischer Warte über den gewöhnlichen menschlichen Leidenschaften steht, werdet hoch zur Mäßigung raten?«

»Oh,« antwortete der Herzog heuchlerisch, »ich diskutiere die Sache in diesem Augenblick mit meiner Vernunft.«

»Beratet sie mit Eurem Gewissen, Herr Herzog, das wird besser sein!« entgegnete Lenet.

In dieser Sekunde vernahm man ein dumpfes Geräusch. Bald erschollen Tritte auf der Treppe, die Hellebarden klirrten auf den Steinplatten, die Tür wurde geöffnet, und Canolles erschien.

Nie hatte er so zierlich ausgesehen, nie war er so hübsch gewesen; sein heiteres Antlitz hatte die purpurne Blüte der Freude und der Unwissenheit beibehalten. Mit leichtem, ungezwungenem Gange trat er vor und begrüßte ehrfurchtsvoll die Prinzessin und die Herzöge.

Kurze Zeit schwieg die Prinzessin, von diesem Bilde frischer Schönheit und ritterlichen Anstands betroffen. Dann sagte sie: »Nähert Euch, mein Herr!«

Canolles gehorchte und verbeugte sich zum zweiten Male.

»Wer seid Ihr?« – »Ich bin der Baron Louis von Canolles.«

»Welchen Grad hattet Ihr im königlichen Heere?« – »Ich war Oberstleutnant.«

»Wart Ihr nicht Gouverneur der Insel Saint-George?« – »Ich hatte die Ehre.«

»Ihr habt die Wahrheit gesprochen?« – »In jeder Hinsicht, Madame.«

»So unterschreibt, mein Herr,« sagte die Prinzessin und ließ ihm das Protokoll dieser Fragen und Antworten vorlegen.

Canolles nahm die Feder und unterschrieb lächelnd, »Es ist gut, mein Herr,« sagte die Prinzessin. »Ihr könnt Euch nun zurückziehen.«

Canolles grüßte abermals seine edlen Richter und entfernte sich mit derselben Ungezwungenheit und Anmut.

Kaum hatte sich die Tür wieder hinter ihm geschlossen, als die Prinzessin aufstand und rasch fragte: »Nun, meine Herren?«

»Nun, Madame, stimmen wir ab,« sagte der Herzog von Larochefoucault.

»Stimmen wir ab,« wiederholte der Herzog von Bouillon.

Da erscholl mit Festigkeit und Nachdruck eine laute Stimme:

»Im Namen des Königs und besonders im Namen der Menschheit verlange ich, André Lavie, königlicher Anwalt und Parlamentsrat, für die in Bordeaux auf Ehrenwort zurückgehaltenen Gefangenen Privilegium und Sicherheit. Demzufolge spreche ich meine Meinung dahin aus...«

»Oh! oh! Herr Advokat,« entgegnete die Prinzessin, die Stirn faltend, »ich bitte, keinen Prozeßstil in meiner Gegenwart, den verstehe ich nicht. Die Sache, die uns beschäftigt, ist kein schmutziger, ärgerlicher Rechtsstreit; das wird wohl jedes Mitglied dieses Tribunals begreifen.«

»Ja, ja,« wiederholten im Chor die Schöffen und die Offiziere, »stimmen wir ab, meine Herren, stimmen wir ab!«

»Ich wiederhole,« rief Lavie, ohne, sich aus der Fassung bringen zu lassen, »ich verlange Privilegium und Sicherheit für die auf Ehrenwort zurückgehaltenen Gefangenen. Das ist kein Prozeßstil, es ist der Stil des Völkerrechts.«

»Und ich füge hinzu,« sagte Lenet, »man hat auch Richon gehört, ehe man ihn tötete, und die Gerechtigkeit fordert, daß wir die Angeklagten ebenfalls hören.«

»Und ich,« sagte d'Espagnet, der Bürgerführer, »ich erkläre, daß die Stadt sich morgen empört, wenn man mit dieser Milde zu Werke geht.«

Ein Murren vor dem Hause schien die Erklärung zu bestätigen. »Beeilen wir uns,« sagte die Prinzessin. »Wozu verurteilen wir den Gefangenen?«

»Die Gefangenen, Madame,« sagten einige Stimmen, »es sind ihrer zwei.«

»Einer genügt Euch also nicht?« sagte Lenet, verächtlich über diese blutige Kriecherei lächelnd.

Da erhob sich Lavie, empört über das rechtswidrige Verfahren und in der Erkenntnis, daß er durch sein Verbleiben den Gefangenen nur schaden könne, und verließ mit zorniger Gebärde und erhobener Stirn das Zimmer, indem er rief: »Im Namen Gottes protestiere ich gegen das, was Ihr tun wollt; im Namen des Königs verbiete ich es.«

»Frecher!« murmelte die Prinzessin.

»Gut, gut! lassen wir ihn gewähren,« sagten einige Stimmen; »an Lavie wird auch die Reihe kommen.«

»Stimmen wir ab!« riefen fast einstimmig die Richter.

»Aber warum abstimmen,« sagte Lenet, »ohne erst beide Angeschuldigte gehört zu haben?«

»Wohl, es sei,« sagte die Prinzessin, »hören wir auch den andern und wir stimmen über beide zugleich ab.«

Das Tribunal hatte sich bereits stürmisch erhoben, setzte sich aber wieder, und man vernahm wie vorher, als Canolles erschien, den Lärm von Tritten, das Klirren der Hellebarden, die Tür öffnete sich, und Cauvignac trat ein.

Der Eintretende bildete einen schlagenden Gegensatz zu Canolles; so sehr er sich auch Mühe gegeben hatte, seine vom Pöbel stark beschädigten Kleider wieder instandzubringen, so waren doch die Spuren noch recht sichtbar. Seine Augen flogen lebhaft auf die Schöffen, auf die Offiziere, die Herzogin und die Prinzessin, und umfaßten wie mit einem Kreisblick den ganzen Gerichtshof; dann rückte er mit der Miene eines Fuchses, der den Jäger von der Fährte abbringen will, als prüfe er bei jedem Schritte mit dem Fuße den Boden, mit lauerndem Ohr, bleich und sichtbar unruhig vor, und sagte, ohne abzuwarten, daß man ihn befragte:»Eure Hoheit hat mir die Ehre erzeigt, mich vor sich rufen zu lassen?«

»Ja, mein Herr,« Antwortete die Prinzessin; »ich wollte durch Euch selbst Gewißheit über einige Punkte erlangen, die Euch betreffen und uns in Verlegenheit setzen.«

»Madame,« erwiderte Cauvignac, sich verbeugend, »ich bin ganz bereit, der Gunst zu entsprechen, die mir Eure Hoheit, erweist.«

Und er verbeugte sich abermals mit der artigsten Miene, die er anzunehmen vermochte, doch fehlte ihm dabei weit die Leichtigkeit des Anstands und die Natürlichkeit, die Canolles gezeigt hatte.

»Das wird bald geschehen sein,« sagte die Prinzessin, »besonders wenn Ihr ebenso bestimmt antwortet, wie wir fragen.«

»Ich erlaube mir Eurer Hoheit zu bemerken,« erwiderte Cauvignac, »da die Frage stets vorbereitet wird, was bei der Antwort nie der Fall sein kann, so ist es viel schwieriger, zu antworten, als zu fragen.«

»Oh! unsere Fragen werden so klar und deutlich sein,« versetzte die Prinzessin, »daß wir Euch jedes Nachdenken ersparen. Euer Name?«

»Madame, das ist gerade von Anfang an eine Frage, die zu einer Verlegenheit Anlaß gibt.«

»Wieso?«

»Ja, es kommt oft vor, daß man zwei Namen besitzt, den, welchen man von seiner Familie empfangen, und den, welchen man sich selbst gegeben hat. Ich zum Beispiel glaubte einigen Grund zu haben, meinen ersten Namen aufzugeben, um einen andern minder bekannten anzunehmen. Welchen von diesen Namen soll ich Euch nun nennen?«

»Den, unter dem Ihr in Chantilly erschienen seid, den, unter dem Ihr Euch verbindlich gemacht habt, mir eine Kompanie anzuwerben, den, unter dem Ihr sie geworben, den endlich, unter dem Ihr Euch an Herrn Mazarin verkauft habt.« »Verzeiht, Madame, aber es scheint mir, ich habe bereits die Ehre gehabt, siegreich alle diese Fragen bei der Audienz zu beantworten, die Eure Hoheit mir diesen Morgen zu bewilligen die Gnade hatte.«

»Schreibt, der Baron von Cauvignac,« sagte endlich die Prinzessin.

In gleicher Weitschweifigkeit und ausweichenden Redegewandtheit beantwortete Cauvignac die andern Fragen, und als er schließlich das Verhör unterzeichnen sollte, sagte er: »Es würde dies mit dem größten Vergnügen geschehen, und ich wäre entzückt, etwas zu tun, was Eurer Hoheit angenehm sein dürfte; aber bei dem Streite, den ich diesen Morgen mit dem Pöbel von Bordeaux auszuhalten hatte, bei diesem Streite, aus dem mich Eure Hoheit so edelmütig durch das Dazwischentreten ihrer Musketiere zog, verstauchte ich mir unglücklicherweise die rechte Hand, und es ist mir mein ganzes Leben hindurch unmöglich gewesen, mit der linken zu schreiben.«

»Zeichnet die Weigerung des Beklagten auf, mein Herr,« sagte die Prinzessin zu dem Schreiber.

»Die Unmöglichkeit, Herr, schreibt die Unmöglichkeit,« rief Cauvignac; »Gott soll mich behüten, daß ich einer so großen Fürstin, wie Ihr seid, irgend etwas verweigerte, wenn es in meiner Macht läge.«

Und sich mit der tiefsten Ehrfurcht verbeugend, ging Cauvignac in Begleitung seiner Wachen hinaus.

»Ich glaube, Ihr habt recht, Herr Lenet,« sagte der Herzog von Larochefoucault, »und wir haben unrecht gehabt, uns diesen Mann nicht zu sichern.«

Lenet war in seinem Geiste zu sehr in Anspruch genommen, um zu antworten. Diesmal hatte ihm sein gewöhnlicher Scharfsinn übel gedient; er hoffte, Cauvignac würde den Zorn des Tribunals sich allein zuziehen; aber Cauvignac hatte mit seinen ewigen Ausflüchten mehr belustigt, als geärgert. Sein Verhör hatte nun die ganze Wirkung zerstört, die durch das von Canolles hervorgebracht worden war, und der Adel, die Freimütigkeit, die Ehrlichkeit des ersten Gefangenen waren, sozusagen, unter dem listigen Benehmen Cauvignacs verschwunden.

Als man zur Abstimmung schritt, wurde auch einhellig auf den Tod erkannt.

Die Prinzessin ließ die Stimmen zusammentragen und verkündigte feierlich das Urteil.

Dann unterzeichnete jeder das Protokoll der Verhandlung, worauf die Prinzessin das Fenster öffnete und mit lauter Stimme rief: »Meine Herren Bordolesen, Richon wird gerächt, würdig gerächt werden, verlaßt Euch auf uns.«

Ein donnerähnliches Hurra empfing diese Erklärung, und das Volk zerstreute sich in den Straßen, zum voraus glücklich über das Schauspiel, welches ihm das Wort der Prinzessin verhieß.

Aber kaum war Frau von Condé in ihr Zimmer mit Lenet zurückgekehrt, der ihr traurig folgte, immer noch in der Hoffnung, sie zu einer Änderung ihres Entschlusses zu bewegen, als die Tür sich öffnete, Frau von Cambes, bleich, schluchzend zu ihren Füßen stürzte und ausrief: »Oh! Madame, im Namen des Himmels, hört mich! Im Namen des Himmels, stoßt mich nicht zurück!«

»Was gibt es denn, mein Kind?« fragte die Prinzessin, »und warum weinst du so?«

»Ich weine, Madame, weil ich gehört habe, daß auf Todesstrafe erkannt ist, und daß Ihr diese Abstimmung bestätigt habt; und dennoch könnt Ihr Herrn von Canolles nicht töten lassen.«

»Und warum nicht, meine Liebe? Sie haben doch auch Richon umgebracht.«

»Madame, weil es derselbe Herr von Canolles ist, der Eure Hoheit in Chantilly gerettet hat.«

»Soll ich ihm dafür Dank wissen, daß er sich durch unsere List betören ließ?« – »Wohl, Hoheit, darin liegt gerade der Irrtum. Herr von Canolles wurde nicht eine Minute durch die Unterschiebung betört. Mit dem ersten Blicke hat er mich erkannt.«

»Dich, Claire?«– »Ja, Madame?. Wir hatten einen Teil des Weges miteinander zurückgelegt, Herr von Canolles kannte mich, Herr von Canolles verliebte sich in mich, und unter diesen Umständen... nun, Madame, er hatte vielleicht unrecht, doch es kommt Euch nicht zu, ihm darüber Vorwürfe zu machen... unter diesen Umständen brachte er seine Pflicht der Liebe zum Opfer.«

»Also der, den du liebst...?« – »Ja, Madame:« »Also der, den du heiraten zu dürfen mich um Erlaubnis gebeten hast...?« – »Ja.«

»War...?« – »Herr von Canolles,« rief die Vicomtesse. »Herr von Canolles, der sich mir in Saint-George ergeben hat, und der ohne mich sich selbst und Eure Soldaten in die Luft zu sprengen, im Begriffe war... Herr von Canolles endlich, der fliehen konnte und mir seinen Wegen übergab, um nicht von mir getrennt zu werden. Ihr begreift also, Madame, daß ich, wenn er stirbt, auch sterben muß, denn ich habe ihn dann ins Verderben gestürzt.«

»Mein liebes Kind,« erwiderte die Prinzessin bewegt, »bedenke doch, daß du, etwas Unmögliches von mir verlangst. Richon ist tot, Richon muß gerächt werden! Es hat eine Beratung stattgefunden, sie muß vollzogen werden; selbst wenn mein Gemahl von mir forderte, was du forderst, müßte ich es ihm verweigern.«

»Oh! ich Unglückliche!« rief Frau von Cambes, sich zurückwerfend und in ein gewaltiges Schluchzen ausbrechend; »ich habe meinen Geliebten in das Verderben gestürzt.«,

Lenet, der noch nicht gesprochen hatte, näherte sich nun der Prinzessin und sagte: »Madame, habt Ihr nicht genug mit einem Opfer, braucht Ihr zwei Köpfe, um Richons zu bezahlen?«

»Ah! ah! gestrenger Herr,« erwiderte die Prinzessin, »das heißt, Ihr fordert von mir das Leben des einen und den Tod des andern? Sprecht, ist das gerecht?«

»Madame, wenn zwei Menschen sterben sollen, so ist es einmal gerecht, daß, womöglich, nur einer stirbt. Sodann ist es gerecht, daß, wenn man zu wählen hat, der ehrliche Mann vor dem Bösewicht am Leben bleibt.«

»Oh! Herr Lenet, Herr Lenet, sprecht für mich, ich beschwöre Euch,« rief Claire; »denn Ihr seid ein Mann, und man wird Euch vielleicht Gehör schenken; und Ihr, Madame,« fuhr sie, sich an die Prinzessin wendend, fort, »erinnert Euch daran, daß ich mein Leben im Dienste Eures Hauses zugebracht habe.«

»Und ich auch,« sagte Lenet. »Und dennoch habe ich für dreißig Jahre der Treue nichts von Eurer Hoheit verlangt: aber bei dieser Gelegenheit werde ich, wenn Eure Hoheit unbarmherzig ist, für diese dreißig Jahre der Treue mir eine Gnade von Ihr erbitten.«

»Welche?« – »Mir meinen Abschied zu geben, Madame, damit ich mich zu den Füßen des Königs werfen kann, dem ich sodann den Rest meines Daseins, den ich der Ehre Eures Hauses geweiht hätte, widmen werde.«

»Nun wohl,« rief die Prinzessin, besiegt durch die gemeinschaftlichen Bitten, »drohe nicht, mein alter Freund, weine nicht, meine sanfte Claire, beruhigt Euch beide; ein einziger wird sterben, da Ihr es so haben wollt; aber man bitte mich nicht mehr um die Begnadigung dessen, der zum Tode bestimmt sein wird.«

Claire ergriff die Hand der Prinzessin, bedeckte sie mit Küssen und rief: »Oh! Dank, Dank, Madame; von diesem Augenblick an gehört mein Leben und das seinige Euch allein.«

»Und indem Ihr so handelt, Madame,« sagte Lenet, »seid Ihr zugleich gerecht und barmherzig.«

»Oh! darf ich ihn nun sehen, darf ich ihn befreien?« rief Claire ungeduldig.

»Das ist in diesem Augenblick unmöglich,« sagte die Prinzessin; »es würde uns zum Verderben gereichen. Die Gefangenen mögen noch im Kerker bleiben; man läßt sie dann zugleich heraus, den einen zur Freiheit, den andern zum Tod.«

»Aber kann ich ihn nicht wenigstens sehen, beruhigen, trösten?« fragte Claire.

»Ihn beruhigen, liebe Freundin? Ich glaube nicht, daß dies klug wäre: man würde die Entscheidung erfahren, man würde die Gunst deuten; nein, unmöglich, begnügt Euch, daß Ihr ihn gerettet wißt. Ich werde den beiden Herzögen meinen Entschluß ankündigen.«

»Gut, ich füge mich. Dank, Dank, Madame,« rief Claire.

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