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Alexandre Dumas (der Ältere): Der Frauenkrieg - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDer Frauenkrieg
publisherStuttgart Franckh'sche Verlagshandlung
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7b262676
created20061227
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Zweites Kapitel.

»Wie? Ihr seid verlarvt, mein Herr?« fragte zugleich erstaunt und trotzig der mit dem Fährmann von Ison Angekommene, ein dicker Mann von ungefähr fünf- bis achtundfünfzig Jahren, mit finsterem, starrem Raubvogelauge und grauwerdendem Schnurr- und Kinnbart. Er hatte zwar keine Maske vorgenommen, aber wenigstens seine Haare und sein Gesicht so gut als möglich unter einem betreßten Hute und seine Kleider und seinen Körper unter einem langen blauen Mantel verborgen.

Die Person näher betrachtend, die ihn angeredet hatte, konnte sich Cauvignac nicht enthalten, sein Erstaunen durch eine unwillkürliche Bewegung zu verraten.

»Nun, mein Herr?« fragte der alte Edelmann, »was habt Ihr?«

»Nichts, mein Herr; ich hätte beinahe das Gleichgewicht verloren. Aber ich glaube, Ihr erwieset mir die Ehre, das Wort an mich zu richten; was sagtet Ihr?« – »Ich fragte, warum Ihr verlarvt seid?«

»Die Frage ist freimütig, und ich beantworte sie mit derselben Freimütigkeit: ich habe mich verlarvt, um mein Gesicht zu verbergen.« »Ich kenne es also?« – »Ich glaube nicht; aber hättet Ihr es einmal gesehen, so könntet Ihr es später wiedererkennen? was wenigstens meiner Meinung nach ganz unnütz ist.«

»Ihr seid offen.«

»Ja, wenn mir meine Offenheit keinen Schaden bringen kann.«

»Und diese Offenherzigkeit, geht so weit, daß Ihr die Geheimnisse anderer enthüllt?« – »Ja, wenn mir diese Enthüllung etwas einbringen kann.«

»Ihr treibt da ein sonderbares Geschäft.«

»Zum Teufel, man tut, was man kann. Ich bin nach und nach Advokat, Arzt, Soldat und Parteigänger gewesen. Ihr seht, daß es mir nicht an Gewerben fehlt.«

»Und was seid Ihr gegenwärtig?« – »Ich bin Euer Diener,« sagte der junge Mann und verbeugte sich mit geheuchelter Ehrfurcht.

»habt Ihr den fraglichen Brief?« – »Habt Ihr das verlangte Blankett?« – »Hier ist es.«

»Wollen wir austauschen?«

»Noch einen Augenblick; Eure Rede gefällt mir, und ich wünschte dieses Vergnügen nicht so bald zu verlieren.«

»Meine Rede gehört, wie ich selbst, ganz Euch; sprechen wir also, wenn es Euch angenehm ist.«

»Wollt Ihr, daß ich in Euern Nachen hinüberkomme, oder zieht Ihr es vor, in den meinigen zu steigen, damit wir in dem frei werdenden Schiff unsere Ruderer entfernt halten können?«

»Unnötig, mein Herr, Ihr sprecht ohne Zweifel eine fremde Sprache?« – »Ich spreche Spanisch.«

»Ich auch, unterhalten wir uns also in dieser Sprache, wenn es Euch beliebt.«

»Vortrefflich! Welcher Grund bewog Euch, dem Herzog von Epernon die Untreue der fraglichen Dame zu enthüllen?« »Ich wollte diesem würdigen Herrn einen Dienst leisten und mich bei ihm in Gunst setzen.«

»Ihr grollt also Fräulein von Lartigues?« – »Ich? ganz im Gegenteil, ich habe sogar, ich muß es gestehen, einige Verbindlichkeiten gegen sie, und es würde mir sehr leid tun, wenn ihr ein Unglück widerführe.«

»Der Baron von Canolles ist also Euer Feind?« – »Ich habe ihn nie gesehen, ich kenne ihn nur dem Rufe nach, und es ist nicht zu leugnen, er gilt allgemein für einen galanten Kavalier und tapferen Edelmann.«

»Es ist also kein Haß, der Euch zu Eurer Handlungsweise antreibt?« – »Pfui doch! wenn ich einen Haß gegen den Baron von Canolles hätte, so würde ich ihn auf einen Gang Pistolen oder Degen bitten, und er ist zu sehr ein Ehrenmann, um je eine Partie dieser Art auszuschlagen.«

»Ich muß mich also an das halten, was Ihr mir gesagt habt?« – »Das wird, glaube ich, das beste sein.«

»Wohl, Ihr habt also den Brief, der die Untreue des Fräuleins von Lartigues beweist?« – »Hier ist er! Es ist das zweitemal, daß ich ihn Euch zeige.«

Der alte Edelmann warf von fern einen traurigen Blick auf das feine Papier, durch das die Buchstaben schienen.

Der junge Mann entfaltete langsam den Brief.

»Ihr erkennt wohl die Handschrift, nicht wahr?« – »Ja.«

»Dann gebt mir das Blankett, und Ihr bekommt den Brief.«

»Sogleich! Erlaubt Ihr noch eine Frage?« – »Sprecht!« – »Wie habt Ihr Euch dieses Billett verschafft?« – »Das will ich Euch wohl sagen. Es ist Euch nicht unbekannt, daß dem Herzog von Epernon seine etwas verschwenderische Regierung in Guienne große Verlegenheiten zugezogen hat?« – »Weiter.«

»Es ist Euch nicht unbekannt, daß Herrn von Mazarin seine furchtbar geizige Regierung in der Hauptstadt große Verlegenheiten zugezogen hat?« – »Was haben Herr von Mazarin und Herr von Epernon bei dieser Sache zu tun?«

»Wartet: Herr von Mazarin führt in diesem Augenblick Krieg für die Königin. Außerdem führen aber noch acht andere Parteien für andere Interessen den Krieg. So kam mir der Gedanke, keine Partei zu wählen, sondern der zu folgen, zu der ich mich im Augenblick hingezogen fühle. Alles ist daher bei mir eine Sache des Augenblicks. Was sagt Ihr zu diesem Gedanken?« – »Er ist sehr geistreich.«

»Ich sammelte demzufolge eine Armee; Ihr seht sie am Ufer der Dordogne aufgestellt.«

»Fünf Mann, beim Teufel!«

»Es ist einer mehr, als Ihr selbst habt, es wäre also sehr unrecht von Euch, sie zu verachten.«

»Äußerst schlecht gekleidet,« fuhr der alte Edelmann fort, der sehr übler Laune und folglich zur Geringschätzung geneigt war. »Kommen wir aber auf Euch zurück,« murrte er, »ich habe nichts mit Euren Leuten zu tun.«

»Nun wohl, indes wir Krieg auf meine Rechnung führten, begegneten wir dem Einnehmer des Bezirkes, der, den Beutel Seiner Majestät füllend, von Dorf zu Dorf ging. Solange nur noch eine einzige Steuer einzuziehen übrig blieb, gaben wir ihm ein treues Geleite, und als ich seinen Sack so dick werden sah, hatte ich redlich gestanden große Lust, mich zur Partei des Königs zu schlagen. Aber die Ereignisse verwickeln sich teufelmäßig; eine Regung übler Laune gegen Herrn von Mazarin, die Klagen, die wir von allen Seiten gegen den Herzog von Epernon hörten, machten, daß wir in uns gingen. Wir dachten, es spreche viel, sehr viel für die Prinzen, und wahrhaftig, wir ergriffen ihre Partei mit allem Eifer. Der Einnehmer schloß seine Runde mit dem vereinzelten Häuschen, das Ihr da unten halb unter Pappeln und Adamsfeigenbäumen verborgen seht.« »Es ist Nanons!« murmelte der Edelmann, »ja, ich sehe es!«

»Wir lauerten auf ihn, als er herauskam, wir folgten ihm, wie wir es seit fünf Tagen taten, wir setzten etwas unterhalb Saint-Michel mit ihm über die Dordogne, und als wir mitten im Flusse waren, teilte ich ihm unsere politische Bekehrung mit und ersuchte ihn mit aller Höflichkeit, uns das Geld zuzustellen, das er bei sich hatte. Könnt Ihr wohl glauben, mein Herr, daß er sich weigerte? Meine Gefährten durchwühlten nun seine Taschen, und da er so schrie, daß ein Skandal daraus hätte entstehen können, so hielt ihn mein Leutnant, ein talentvoller Junge, einen Fuß unter dem Wasser, nicht weiter. Der Einnehmer schrie nicht mehr, oder besser gesagt, man hörte ihn wenigstens nicht mehr schreien. Wir konnten uns also im Namen des Prinzen alles Geldes bemächtigen, das er bei sich führte, und ebenso auch der Korrespondenz, die man ihm übergeben hatte. Ich gab das Geld meinen Soldaten, die, wie Ihr sehr richtig bemerktet, dessen bedurften, um sich neu zu equipieren, und behielt die Papiere, darunter auch dieses hier. Es scheint, der gute Einnehmer diente Fräulein von Lartigues als galanter Merkur.«

»In der Tat,« murmelte der alte Edelmann, »er war, wenn ich mich nicht täusche, eine Kreatur Nanons. Und was ist aus diesem Elenden geworden?«

»Ah, Ihr sollt sehen, ob wir wohlgetan haben, diesen Elenden, wie Ihr ihn nennt, in das Wasser zu tauchen; sonst hätte er sicherlich die ganze Erde in Aufruhr gebracht; denn denkt Euch, als wir ihn aus dem Flusse zogen, war er, obgleich er kaum eine Viertelstunde darin verweilt hatte, vor Wut gestorben.«

»Ja, aber dann ist ja Herr von Canolles nicht in Kenntnis gesetzt und wird daher nicht zu dem Stelldichein kommen?«

»Oh! nur Geduld, ich führe den Krieg gegen die Mächte und nicht gegen Privatleute. Herr von Canolles hat ein Duplikat von dem Briefe bekommen, der ihn einlud. Nur glaubte ich, die eigene Handschrift habe einigen Wert, und behielt sie.«

»Was wird er denken, wenn er die Handschrift nicht erkennt?«

»Die Person, die ihn zu sehen wünscht, habe sich aus größerer Vorsicht der Hilfe einer fremden Hand bedient.«

Der Fremde betrachtete Cauvignac mit einer gewissen Bewunderung, die er dieser mit Geistesgegenwart gepaarten Unverschämtheit zollte.

Er wollte sehen, ob es kein Mittel gäbe, den Verwegenen einzuschüchtern.

»Aber die Regierung, aber die Nachforschungen,« sagte er, »denkt Ihr nicht zuweilen daran?«

»Die Nachforschungen?« versetzte der junge Mann lachend, »ah, ja wohl! Herr von Epernon hat ganz anderes zu tun, als Nachforschungen anzustellen; und dann habe ich Euch ja gesagt, daß das, was ich tat, geschehen sei, um mich bei ihm in Gunst zu setzen. Er wäre also sehr undankbar, wenn er mir diese nicht bewilligte.«

»Ich verstehe nicht ganz,« erwiderte der alte Edelmann ironisch. »Euch, der nach eigenem Geständnisse die Partei des Prinzen ergriffen hat, ist der seltsame Gedanke gekommen, Herrn von Epernon einen Dienst zu leisten?«

»Das ist die einfachste Sache von der Welt; die Einsicht der Papiere, die ich bei dem Einnehmer vorfand, hat mich von der Reinheit der Absichten des Königs oder vielmehr seines Ministers, Herrn von Mazarin, und seines Statthalters, des Herzogs von Epernon, überzeugt. Hier ist also die gute Sache, und deshalb habe ich für die gute Sache Partei ergriffen.«

»Das ist ein Räuber, den ich hängen lassen werde, wenn er je in meine Hände fällt,« brummte der alte Edelmann und zog dabei an den krausen Haaren seines Schnurrbarts. »Was werdet Ihr mit dem Blankett machen, das Ihr von mir fordert?« fuhr er laut fort.

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich einen Entschluß hierüber gefaßt habe. Ich forderte ein Blankett, weil es das Bequemste, das Tragbarste, das Elastischste von der Welt ist. Wahrscheinlich werde ich es für irgendeinen außerordentlichen Umstand aufbewahren; Möglicherweise verschleudere ich es auch in der nächsten besten Laune, die mir in den Kopf kommt; vielleicht lege ich es Euch schon vor Ende dieser Woche vor; vielleicht gelangt es auch erst in drei bis vier Monaten mit einem Dutzend von Indossenten wie ein umgehender Wechsel zu Euch. Aber seid unbesorgt, jedenfalls werde ich es nicht zu etwas mißbrauchen, worüber wir, Ihr und ich, zu erröten hätten, so etwas kann man als Edelmann nicht tun.«

»Ihr seid Edelmann?« – »Ja, mein Herr, und zwar einer von den besten.«

»Dann lasse ich ihn rädern,« murmelte der Unbekannte; »das soll ihm sein Blankett einbringen.«

»Seid Ihr entschlossen, mir das Blankett zu geben?« – »Ich muß wohl.«

»Ich nötige Euch nicht, wohlverstanden. Es ist ein Tausch, den ich Euch vorschlage. Behaltet Euer Papier, und ich behalte das meinige.«

»Den Brief!« – »Das Blankett!«

Und er streckte mit einer Hand den Brief aus, während er mit der andern eine Pistole spannte.

»Laßt Eure Pistole in Ruhe,« sagte der Fremde und öffnete seinen Mantel, »denn ich habe auch Pistolen, und zwar ebenfalls gespannte.«

»Hier ist Euer Brief.«

Der Austausch der Papiere wurde nun vorgenommen, und jede der beiden Parteien prüfte stillschweigend, mit Muße und Aufmerksamkeit, was man ihr zugestellt habe.

Da beide nach dem entgegengesetzten Ufer als das, von dem sie gekommen waren, zu gelangen wünschten, machte der Fremde dem Fährmann ein Zeichen, seine Barke loszubinden und ihn auf das andere Ufer in der Richtung eines Gebüsches zu führen, das sich bis an die Straße ausdehnte.

Der junge Mann erwartete vielleicht irgendeinen Verrat und erhob sich halb, um ihm mit den Augen zu folgen, die Hand stets an seine Pistole gelegt und bereit, bei der geringsten verdächtigen Bewegung Feuer auf den Fremden zu geben. Aber dieser ließ sich nicht einmal herbei, das Mißtrauen, dessen Gegenstand er war, zu bemerken, sondern kehrte dem jungen Manne den Rücken zu, begann den Brief zu lesen und war bald gänzlich in die Lektüre versunken.

»Erinnert Euch wohl des Augenblicks,« rief Cauvignac, »es ist heute abend um acht Uhr.«

Der Fremde antwortete nicht und schien nicht einmal gehört zu haben.

»Ah,« sagte Cauvignac leise und mit sich selbst sprechend, während er beständig den Kolben seiner Pistole streichelte, »bedenkt man, daß ich jetzt die Erbfolge des Gouverneurs von Guienne eröffnen und dem Bürgerkrieg Einhalt tun könnte! Aber ist der Herzog von Epernon tot, wozu soll mir dann sein Blankett nützen, und ist der Bürgerkrieg geendigt, wovon soll ich leben? In der Tat, es gibt Augenblicke, wo ich glaube, daß ich ein Narr werde! Es lebe der Herzog von Epernon! Es lebe der Bürgerkrieg! Vorwärts, Schiffer, an deine Ruder, wir wollen rasch nach dem rechten Ufer steuern und diesen würdigen Herrn nicht lange auf seine Eskorte warten lassen.«

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