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Alexandre Dumas (der Ältere): Der Frauenkrieg - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDer Frauenkrieg
publisherStuttgart Franckh'sche Verlagshandlung
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7b262676
created20061227
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Neuntes Kapitel.

Während Canolles am andern Tage seine Morgenrunde machte, näherte sich ihm Vibrac und übergab ihm ein Billett nebst einem Schlüssel; beides hatte in der Nacht ein Unbekannter gebracht und dem Leutnant von der Wache mit der Bemerkung, es bedürfe keiner Antwort, eingehändigt.

Canolles bebte, als er die Handschrift der Frau von Cambes erkannte, und vermochte nur zitternd das Billett zu öffnen.

Es enthielt folgende Worte: »In meinem letzten Schreiben benachrichtigte ich Euch, daß das Fort Saint-George in der Nacht angegriffen werden würde; in diesem sage ich Euch, daß das Fort Saint-George morgen genommen sein wird; als Mann, als Soldat des Königs seid Ihr keiner andern Gefahr preisgegeben, als der, Gefangener zu werden: Fräulein von Lartigues aber befindet sich in einer ganz andern Lage; der Haß, den man gegen sie hegt, ist so groß, daß ich nicht für ihr Leben stehen würde, wenn sie in die Hände der Bordolesen fiele. Bestimmt sie, zu fliehen, ich gebe Euch die Mittel dazu. »Oben an Eurem Bette, hinter einer Tapete mit dem Wappen der Herren von Cambes, denen einst die Insel Saint-George gehörte, findet Ihr eine Tür, zu der ich Euch hiermit den Schlüssel schicke. Diese Tür ist eine von den Öffnungen eines unterirdischen Ganges, der sich unter dem Flusse durchzieht und in dem Herrenhause von Cambes ausmündet. Laßt Fräulein Nanon von Lartigues durch diesen Gang fliehen, und wenn Ihr sie liebt. .. flieht mit ihr.

»Ich stehe mit meiner Ehre für ihr Leben.

»Gott befohlen. Wir sind quitt.

Vicomtesse von Cambes.«

Canolles las dieses Billett wieder und wieder, schauerte vor Schrecken bei jeder Zeile, erbleichte bei jedesmaligem Lesen; er fühlte, ohne dieses Geheimnis ergründen zu können, daß eine fremde Macht ihn umhüllte und über ihn verfügte. Der unterirdische Gang, der von seinem Bette aus mit dem Schlosse Cambes zusammenhing, hätte er nicht dazu dienen können, Saint-George in die Hände des Feindes zu liefern?

Vibrac folgte auf dem Gesichte des Gouverneurs den letzten Bewegungen, die sich darauf abspiegelten, und fragte: »Schlimme Nachrichten, Kommandant?« – »Ja, es scheint, man wird uns in der nächsten Nacht angreifen.«

»Die Starrköpfe!« rief Vibrac; »ich hätte geglaubt, sie könnten sich für gehörig gestriegelt halten, und wir würden auf mindestens acht Tage nicht mehr von ihnen sprechen hören.«

»Ich brauche Euch nicht die strengste Wachsamkeit zu empfehlen,« sagte Canolles.

»Seid unbesorgt, Kommandant. Ohne Zweifel werden sie uns zu überrumpeln suchen, wie das letzte Mal.«

Canolles kehrte in seine Wohnung zurück und ging mit aller möglichen Behutsamkeit zu Werk, um von Nanon nicht gesehen zu werden; nachdem er sich versichert hatte, daß er allein war, schloß er sich ein.

Oben an seinem Bette erblickte er das Wappen der Herren von Cambes auf einem von einem goldenen Band umgebenen Stück Tapete.

Canolles hob das Band auf, das, sich von der Tapete losmachend, den Rand einer Tür zeigte.

Diese Tür öffnete sich mit dem Schlüssel, den die Vicomtesse dem jungen Mann zugleich mit dem Billett hatte zustellen lassen, und die Mündung eines unterirdischen Ganges bot sich, gähnend und in der Richtung des Schlosses Cambes verlaufend, Canolles' Augen. Einen Augenblick blieb er stumm, und der Schweiß lief von seiner Stirn. Dieser geheimnisvolle Gang, der nicht der einzige sein konnte, erschreckte ihn unwillkürlich. Er zündete eine Kerze an, um ihn zu untersuchen.

Zuerst stieg er zwanzig steile Stufen hinab, dann drang er mit geringerer Neigung in die Tiefe der Erde ein. Bald hörte er ein dumpfes Geräusch, das ihm Anfangs Besorgnis erregte, das er aber bald als das Tosen der Gewässer des Flusses erkannte.

Beinahe zehn Minuten lang Härte Canolles das Rollen des Wassers über seinem Kopfe; dann verminderte sich das Geräusch allmählich und bald war es nur noch ein Gemurmel. Endlich gelangte er zu einer Treppe, der ähnlich, auf der er herabgestiegen war; diese Treppe schloß auf ihrer letzten Stufe eine massive, durch eine eiserne Platte feuerfeste Tür, die zehn Mann mit vereinigten Kräften nicht zu erschüttern imstande gewesen wären.

»Nun begreife ich,« sagte Canolles; »man wird Nanon an dieser Tür erwarten und sie retten.«

Canolles kehrte um, ging unter dem Wasser durch, fand seine Treppe wieder, stieg in sein Zimmer hinauf, befestigte das Band und begab sich äußerst nachdenklich zu Nanon.

Nanon war, wie gewöhnlich, umgeben von Karten, Briefen und Büchern, denn sie führte auf ihre Weise den Bürgerkrieg für den König. Sobald sie Canolles gewahrte, reichte sie ihm entzückt die Hand und sagte: »Der König kommt, und in acht Tagen sind wir außer Gefahr.«

»Er kommt immer,« erwiderte Canolles, »doch leider trifft er nie ein.«

»Oh! diesmal bin ich gut unterrichtet, lieber Baron, und er wird vor acht Tagen hier sein.«

»So sehr er sich auch beeilen mag, Nanon, so wird er doch für uns zu spät kommen.«

»Was sagt Ihr?« – »Ich sage, daß Ihr, statt Euch mit diesen Karten und Papieren beschäftigen, besser tun würdet, an Mittel zur Flucht zu denken.«

»Fliehen! und warum?« – »Weil ich schlimme Kunde habe, Nanon. Eine neue Expedition bereitet sich vor; diesmal kann ich unterliegen.«

»Wohl, mein Freund, ist es nicht abgemacht, daß Euer Geschick das meinige, daß Euer Glück das meine ist?« – »Nein, das kann nicht sein; ich wäre zu schwach, wenn ich für Euch zu fürchten hätte. Wollten sie Euch nicht in Agen im Feuer sterben lassen? Wollten sie Euch nicht in den Fluß stürzen? Hört, Nanon, aus Mitleid für mich besteht nicht darauf, hier zu bleiben, Eure Gegenwart würde mich irgend eine Feigheit begehen lassen.«

»Mein Gott, Canolles, Ihr erschreckt mich.«

»Nanon, ich flehe Euch an, schwört mir, wenn man mich angreift, das zu tun, was ich befehlen werde.«

»Oh! mein Gott, wozu soll dieser Eid nützen?« – »Um mir die Kraft zum Leben zu geben. Nanon, wenn Ihr mir nicht blindlings zu gehorchen gelobt, so schwöre ich Euch, daß ich mich bei der nächsten Gelegenheit töten lasse.«

»Ah! ich schwöre Euch bei unserer Liebe, ich werde alles tun, was Ihr wollt.«

»Gott sei Dank! teure Nanon, nun bin ich ruhig. Packt Eure kostbarsten Juwelen zusammen. Wo ist Euer Gold?« – »In einem in Eisen gebundenen Faß.« »Haltet alles bereit, damit man es mit Euch fortnehmen kann.«

»Oh! Canolles, Ihr wißt wohl, daß der wahre Schatz meines Herzens weder in meinem Gold, noch in meinen Juwelen besteht. Canolles soll dies alles nicht dazu dienen, mich von Euch zu entfernen?« – »Nanon, nicht wahr, Ihr haltet mich für einen Mann von Ehre? Wohl, bei meiner Ehre, was ich tue, wird mir einzig und allein von der Furcht vor der Gefahr, der Ihr preisgegeben seid, eingegeben.«

»Und Ihr glaubt im Ernste an diese Gefahr?« – »Ich glaube, daß die Insel Saint-George morgen genommen sein wird.« »Aber wie?« – »Ich weiß nicht, aber ich glaube es.«

»Und wenn ich in die Flucht willige?« – »So werde ich alles tun, um zu leben, Nanon, das schwöre ich Euch.« »Ihr befehlt, Freund, und ich gehorche,« sagte Nanon, ihm die Hand reichend, und sie vergaß in ihrem Eifer, ihn anzuschauen, die zwei schweren Tränen, die an ihren Wangen herabliefen.

Canolles drückte Nanon die Hand und ging hinaus. Wäre er noch einen Augenblick geblieben, so würde er diese zwei Perlen mit seinen Lippen aufgefaßt haben, aber er legte die Hand auf den Brief der Vicomtesse, und dieser Brief verlieh ihm, einem Talisman ähnlich, die Kraft, sich zu entfernen.

Der Tag war grausam. Die so bestimmte Drohung: »Morgen wird die Insel Saint-George genommen sein,« toste unablässig in Canolles' Ohren. Wie? Durch welches Mittel? Welche Gewißheit hatte die Vicomtesse, um so zu ihm zu sprechen? Würde er zu Wasser, würde er zu Lande angegriffen werden? Von welchem Punkte aus sollte dieses unsichtbare und doch gewisse Unglück über ihn hereinbrechen? Es war, um verrückt zu werden.

Den ganzen Tag spähte er nach allen Richtungen, konnte aber nichts entdecken; und als es völlig Nacht geworden war, erleuchtete sich ein Flügel des Schlosses Cambes; es war das erste Mal, daß Canolles daselbst Licht erblickte, seitdem er sich auf der Insel Saint-George befand.

»Ah!« sagte er, »Nanons Retter sind an ihrem Posten.«

Und ein tiefer Seufzer entstieg seiner Brust.

Welch ein seltsames, geheimnisvolles Rätsel umschließt das menschliche Herz! Canolles liebte Nanon nicht mehr, Canolles betete Frau von Cambes an, und dennoch fühlte er seine Seele in dem Augenblick brechen, wo er sich von der, die er nicht mehr liebte, trennen sollte; nur fern von ihr und wenn er sie zu verlassen im Begriffe war, fühlte er die wahre Kraft der sonderbaren Zuneigung, die er für dieses reizende Geschöpf hegte.

Die ganze Garnison war auf den Wällen, um zu wachen. Des Spähens müde, befragte Canolles die nächtliche Stille. Nie war eine Finsternis stummer gewesen, kein Geräusch störte diese Ruhe, welche die einer Wüste zu sein schien.

Plötzlich kam Canolles der Gedanke, der Feind dringe vielleicht durch den von ihm durchforschten unterirdischen Gang in das Fort. Es war dies nicht sehr wahrscheinlich, denn in diesem Falle wurde man ihn nicht zum voraus darauf aufmerksam gemacht haben; nichtsdestoweniger beschloß er, diesen Gang zu bewachen. Er ließ ein Pulverfaß mit einer Lunte bereithalten, wählte den Tapfersten von seinen Sergeanten, wälzte das Faß auf die letzte Stufe des unterirdischen Gewölbes, zündete eine Fackel an und gab sie dem Sergeanten in die Hand. Zwei Soldaten standen in seiner Nähe.

»Wenn sich mehr als sechs Menschen in diesem Gange zeigen,« sagte er zu dem Sergeanten, »so fordere sie zuerst auf, sich zurückzuziehen; weigern sie sich, so zünde die Lunte an und wälze das Faß fort; da der Gang abhängig ist, so wird es mitten unter ihnen zerspringen,«

Der Sergeant nahm die Fackel; die beiden Soldaten blieben, von dein rötlichen Schimmer beleuchtet, hinter ihm stehen, während zu ihren Füßen das Pulverfaß lag.

Canolles stieg, wenigstens von dieser Seite beruhigt, wieder hinauf; aber als er in sein Zimmer zurückkehren wollte, erblickte er Nanon, die ihm, da sie ihn hatte vom Walle herabsteigen und in seine Wohnung gehen sehen, gefolgt war. Erschrocken schaute sie die gähnende Öffnung an.

»Ah! mein Gott,« fragte sie, »was bedeutet diese Tür?« – »Es ist die des Ganges, durch den du fliehen sollst, teure Nanon.«

»Du hast mir versprochen, ich würde dich, nur im Falle eines Angriffs zu verlassen haben.«

»Und ich verspreche es dir abermals.«

»Alles scheint ruhig um die Insel her, mein Freund.«

»Auch innerhalb des Forts scheint alles ruhig, nicht wahr? Dennoch sind zwanzig Schritte von uns ein Pulverfaß, ein Mann und eine Fackel. Nähert der Mann die Fackel dem Pulverfaß, so bleibt in einer Sekunde in diesem ganzen Schloß kein Stein mehr auf dem andern. So ist alles ruhig, Nanon!«

Die junge Frau erbleichte.

»Ah! Ihr macht mich beben,« rief sie.

»Nanon,« sagte Canolles, »ruft Eure Frauen, und Euern Kammerdiener, daß sie Eueren Schmuck und Euer Gold hierher bringen. Vielleicht habe ich mich getäuscht, vielleicht wird diese Nacht nichts vorfallen; aber gleichviel, wir wollen uns bereit halten.«

»Wer da?« rief die Stimme des Sergeanten in dem unterirdischen Gewölbe.

Eine andere Stimme antwortete, aber ohne einen feindlichen Ton.

»Hört,« sagte Canolles, »man kommt, um Euch zu holen.«

»Man greift noch nicht an, mein Freund, alles ist ruhig;, laßt mich bei Euch bleiben, sie werden nicht kommen.«

Als Nanon diese Worte vollendete, erscholl der Ruf: »Wer da?« dreimal in dem innern Hof, und das dritte Mal folgte darauf der Knall einer Muskete.

Canolles eilte an das Fenster und öffnete es.

»Zu den Waffen!« rief die Schildwache, »zu den Waffen!«

Canolles sah in einer Ecke eine schwarze, bewegliche Masse; es war ein Feind, der aus einer niedrigen, gewölbten Pforte hervorströmte, die sich nach einem Keller öffnete, der als Holzkammer benützt wurde; ohne Zweifel war in diesem Keller eine geheime Öffnung, wie oben an Canolles' Bette.

»Hier sind sie!« rief Canolles: »beeilt Euch, hier sind sie.«

In demselben Augenblick erwiderte das Feuer von etwa zwanzig Musketen den Schuß der Schildwache. Ein paar Kugeln zerschmetterten die Scheiben des Fensters, das Canolles rasch wieder schloß.

Er wandte sich um, Nanon lag auf den Knien. Durch die innere Tür liefen die Frauen und ihr Lakai herbei,

»Es ist kein Augenblick zu verlieren, Nanon,« rief Canolles; »kommt! kommt!«

Und er zog die junge Frau in seine Arme empor, wie er es mit einer Feder getan hätte, drang in den unterirdischen Gang und rief Nanons Leuten zu, sie sollten ihm folgen.

Der Sergeant war, die Fackel in der Hand, an seinem Posten; die zwei Soldaten hielten sich, mit angezündeter Lunte bereit, Feuer auf eine Gruppe zu geben, in deren Mitte bleich und mit vielen Freundschaftsversicherungen unser alter Bekannter, Meister Pompée, erschien.

»Oh! Herr von Canolles,« rief er, »sagt ihnen doch, wir seien die Leute, die Ihr erwartet; zum Teufel, man macht keine solche Späße mit Freunden.«

»Pompée,« sagte Canolles, »ich empfehle Euch diese Dame; es hat mir jemand, den Ihr kennt, bei seiner Ehre für sie gebürgt. Ihr haftet mir für sie mit Eurem Kopfe. »Ja, ja, ich hafte für alles,« erwiderte Pompée.

»Canolles, Canolles,« ich verlasse Euch nicht,« rief Nanon, sich an den Hals des jungen Mannes anklammernd: »Canolles, Ihr habt mir versprochen, mir zu folgen.«

»Ich habe gelobt, das Fort Saint-George zu verteidigen, solange ein Stein auf dem andern steht, und ich werde mein Versprechen halten.«

Und trotz des Geschreis, des Flehens, der Bitten Nanons übergab er sie Pompée, der sie, von zwei oder drei Lakaien unterstützt, in die Tiefe des unterirdischen Ganges fortzog.

Canolles folgte mit den Augen einige Sekunden dem zarten, weißen Phantome, das sich, die Arme nach ihm ausstreckend, entfernte. Plötzlich aber erinnerte er sich, daß er anderswo erwartet wurde, und eilte mit dem Sergeanten und den zwei Soldaten nach der Treppe.

Vibrac war in seinem Zimmer, ohne Hut, bleich und den Degen in der Hand.

»Kommandant,« rief er, als er Canolles erblickte, »der Feind... der Feind!«

»Ich weiß es.«

»Was ist zu tun?« – »Bei Gott! eine schöne Frage; wir müssen uns töten lassen.«

Canolles eilte nach dem Hofe. Unterwegs bemerkte er eine Schanzgräberaxt und ergriff sie.

Der Hof war voll von Feinden; sechzig Soldaten der Garnison versuchten, in eine Gruppe vereinigt, die Tür von Canolles' Wohnung zu verteidigen. Geschrei und Flintenschüsse von der Seite des Walles verkündigten, daß man überall handgemein war.

»Wer Kommandant! der Kommandant!« riefen die Soldaten, sobald sie Canolles gewahr wurden.

»Ja! ja!« antwortete dieser, »der Kommandant kommt, um mit Euch zu sterben. Mut! Freunde! Mut! Man hat Euch durch Verrat gefaßt da man Euch nicht besiegen konnte.« »Alles ist gut im Kriege,« sagte die spöttische Stimme Ravaillys, der, den Arm in der Binde, seine Leute anfeuerte, Canolles zu ergreifen. »Ergib dich, Canolles, ergib dich, und du sollst eine gute Kapitulation bekommen.«

»Ah, du bist es, Ravailly,« rief Canolles. »Ich glaubte doch die Schuld der Freundschaft an dich abgetragen zu haben? Du bist nicht zufrieden, warte...«

Und Canolles sprang fünf bis sechs Schritte vor, und schleuderte die Axt, die er in der Hand hielt, mit solcher Gewalt nach Ravailly, daß sie neben dem Kapitän den Helm eines Bürgeroffiziers spaltete, der tot niederstürzte.

»Pest!« sagte Ravailly, »so erwiderst du die Höflichkeiten, die man dir erzeigt? Ich sollte übrigens an deine Manieren gewöhnt sein. Freunde, er ist rasend, Feuer auf ihn! Feuer!«

Auf diesen Befehl brach ein kräftiges Gewehrfeuer aus den feindlichen Reihen hervor, und fünf bis sechs Mann fielen neben Canolles.

»Feuer!« rief dieser ebenfalls, »Feuer!«

Aber es antworteten kaum ein paar Musketenschüsse. In dem Augenblick überrumpelt, wo sie es am wenigsten erwarteten, halte die Garnison den Mut verloren.

Canolles sah, daß nichts mehr zu tun war.

»Geht herein,« sagte er zu Vibrac, »geht herein und laßt Eure Leute ebenfalls hereingehen; wir verrammeln uns und ergeben uns nur, wenn sie unsere Stellung im Sturme erobert haben.«

»Zurück!« rief Vibrac, »zurück!«

»Frisch auf!« schrie Ravailly: »vorwärts! Freunde, vorwärts!«

Die Feinde rückten vor: Canolles hielt mit höchstens zehn Mann den Angriff aus; er hatte die Flinte eines toten Soldaten aufgehoben und bediente sich ihrer als Keule.

Seine Gefährten zogen sich in das Innere zurück, und er selbst folgte zuletzt mit Vibrac.

Beide stemmten sich nun gegen die Tür; es gelang ihnen, sie, trotz der Anstrengungen des Feindes, zuzudrücken und mittels einer ungeheuren eisernen Stange zu befestigen. Die Fenster waren vergittert.

»Äxte, Hebeisen, Kanonen, wenn es sein muß!« rief die Stimme des Herzogs von Larochefoucault; »wir müssen sie alle haben, tot oder lebendig.«

Ein furchtbares Feuer folgte auf diese Worte; mehrere Kugeln durchlöcherten die Tür, eine zerschmetterte Vibrac den Schenkel.

»Wahrhaftig, Kommandant,« sagte dieser, »ich habe meine Rechnung, sucht nun die Eure in Ordnung zu bringen; das geht mich nichts mehr an.«

Und er sank an der Mauer hin, da er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte.

Canolles schaute umher; ein Dutzend Soldaten war noch im Verteidigungsstande; der Sergeant, den er in dem unterirdischen Gewölbe als Wache aufgestellt hatte, befand sich unter ihnen.

»Die Fackel,« sagte er zu ihm, »was hast du mit der Fackel gemacht?«

»Bei Gott, Kommandant, ich habe sie neben das Faß geworfen.«

»Brennt sie noch?« – »Wahrscheinlich.«

»Gut. Laß« alle diese Leute durch die Türen, durch die hinteren Fenster hinaus. Erlange für sie und für dich die beste Kapitulation, die du zu erzielen vermagst; das übrige geht mich an.«

»Aber mein Kommandant...«

»Gehorche.«

Der Sergeant beugte das Haupt und machte seinen Soldaten ein Zeichen, ihm zu folgen. Sogleich verschwanden alle durch die inneren Gemächer; sie hatten Canolles' Absicht begriffen und verspürten keine große Lust, mit ihm in die Luft gesprengt zu werden.

Canolles horchte einen Augenblick; man bearbeitete die Tür mit Axtstreichen, ohne daß das Gewehrfeuer deshalb aufhörte; plötzlich verkündigte ein gewaltiges Geräusch, daß die Türe nachgegeben hatte und Canolles hörte, wie die Menge mit Freudengeschrei in das Schloß stürzte.

»Gut, gut,« murmelte er, »in fünf Minuten wird dieses Freudengeschrei in ein Geheul der Verzweiflung verwandelt sein.« Und er eilte in den unterirdischen Gang. Aber auf dem Fasse saß ein junger Mann, die Fackel zu seinen Füßen, den Kopf auf seine beiden Hände gestützt. Bei dem Geräusche erhob er das Haupt, und Canolles erkannte Frau von Cambes.

»Ah!« rief sie aufstehend, »da ist er endlich!«

»Claire,« murmelte Canolles, »was wollt Ihr hier?« »Mit Euch sterben, wenn Ihr sterben wollt.«

»Ich bin entehrt, verloren, ich muß wohl sterben.«

»Ihr seid gerettet und glorreich, gerettet durch mich!«

»Verloren durch Euch! Hört Ihr sie? Sie kommen, hier sind sie! Flieht, Claire, flieht durch diesen unterirdischen Gang; Ihr habt fünf Minuten, das ist mehr, als Ihr braucht.«

»Ich fliehe nicht, ich bleibe.«

»Aber wißt Ihr, warum ich hier herabgestiegen bin? Wißt Ihr, was ich tun will?«

Frau von Cambes hob die Fackel auf, näherte sich dem Pulverfaß und erwiderte: »Ich vermute es.«

»Claire,« rief Canolles erschrocken, »Claire!«

»Wiederholt noch einmal, daß Ihr sterben wollt, und wir sterben miteinander.«

Das bleiche Antlitz der Vicomtesse deutete eine solche Entschlossenheit an, daß Canolles begriff, sie würde tun, was sie sagte; er hielt inne.

»Aber, was wollt Ihr denn?« – »Daß Ihr Euch ergebet.«

»Nie!« rief Canolles.

»Die Zeit ist kostbar,« sagte die Vicomtesse, »ergebt Euch. Ich biete Euch das Leben, ich biete Euch die Ehre an, indem ich Euch die Entschuldigung des Verrates gebe.« »So laßt mich fliehen, ich lege mein Schwert vor die Füße des Königs und verlange Gelegenheit, mir Genugtuung zu verschaffen.«

»Ihr werdet nicht fliehen.« – »Warum?« – »Weil ich nicht so leben kann; weil ich nicht von Euch getrennt leben kann; weil ich Euch liebe.«

»Ich ergebe mich, ich ergebe mich,« rief Canolles, vor Frau von Cambes auf die Knie stürzend und die Fackel, die er in der Hand hielt, weit von sich schleudernd. »Ah!« murmelte die Vicomtesse, »diesmal halte ich ihn, und man wird ihn mir nicht mehr nehmen.«

Es war seltsam und doch erklärlich; die Liebe wirkte so ganz entgegengesetzt auf diese zwei Frauen.

Sacht zurückhaltend, sanft, schüchtern, war Frau von Cambes entschieden, kühn und stark geworden.

Launenhaft, eigensinnig, glühend, war Nanon dagegen schüchtern, sanft und zurückhaltend geworden.

Der Grund war, daß Frau von Cambes sich immer mehr von Canolles geliebt fühlte, Nanon aber empfand, daß Canolles' Liebe jeden Tag mehr abnahm.

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