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Alexandre Dumas (der Ältere): Der Frauenkrieg - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDer Frauenkrieg
publisherStuttgart Franckh'sche Verlagshandlung
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7b262676
created20061227
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Sechstes Kapitel.

Als Canolles Frau von Cambes verließ, kehrte er in seine Wohnung zurück. Nanon stand bleich und unbeweglich mitten im Zimmer. Canolles ging mit einem traurigen Lächeln auf sie zu; je näher er zu ihr kam, desto mehr bog Nanon das Knie; er reichte ihr die Hand, sie fiel ihm zu Füßen.

»Verzeiht mir,« sagte sie, »verzeiht mir, Canolles! Ich habe Euch hierher gebracht, ich habe Euch diesen schwierigen und gefährlichen Posten übergeben lassen; werdet Ihr getötet, so bin ich die Ursache Eures Todes. Ich bin eine Selbstsüchtige und dachte nur an mein Glück. Verlaßt mich, geht!«

Canolles hob sie sacht auf und erwiderte: »Ich Euch verlassen! Nie, Nanon, nie, Ihr seid mir heilig; ich habe geschworen, Euch zu beschützen, zu verteidigen, zu retten; und ich werde Euch verteidigen, oder ich sterbe.«

»Sprichst du dies aus dem Grunde deines Herzens, Canolles, ohne Zögern, ohne Bedauern?«

»Ja,« antwortete Canolles lächelnd.

»Ich danke, mein würdiger, mein edler Freund, ich danke. Siehst du, dieses Leben, an das ich mich anklammerte, ich würde es dir heute ohne eine Klage opfern; denn seit heute erst weiß ich, was du für mich getan hast. Man bot dir Geld; gehören meine Schätze nicht dir? Man bot dir Liebe; kann es in der Welt eine Frau geben, die dich lieben wird, wie ich dich liebe? Sie werden dich also angreifen. Gut, wir wollen Soldaten anwerben, Waffen und Munition aufhäufen, unsere Kräfte verdoppeln, uns verteidigen. Ich werde für meine Liebe kämpfen, du kämpfst für dein Glück. Du wirst sie schlagen, mein tapferer Canolles; du wirst dafür sorgen, daß die Königin sagt, sie habe keinen tapfereren Kapitän, als du bist; deine Beförderung übernehme ich, und wenn du reich, mit Ruhm und Ehre beladen bist, magst du mich verlassen; ich werde meine Erinnerungen zum Troste haben.«

Dabei schaute Nanon Canolles an und erwartete die Antwort, welche die Frauen immer auf überspannte Reden erwarten, das heißt, eine Antwort so toll und überspannt wie diese Reden. Aber Canolles senkte traurig den Kopf und erwiderte: »Nanon, nie werdet Ihr einen Schaden erleiden, nie werdet Ihr eine Schmach erdulden, solange ich auf der Insel Saint-George lebe. Beruhigt Euch also, denn Ihr habt nichts zu befürchten.«

»Ich danke,« sagte Nanon, »obgleich dies nicht alles ist, was ich fordere.«

Ganz leise fügte sie hinzu: »Ach! ich bin verloren, er liebt mich nicht mehr.«

Canolles erhaschte jenen Flammenblick, der wie ein Blitz schimmert, jene furchtbare Blässe einer Sekunde, die so viel Schmerz enthüllt.

»Wir wollen ganz und gar edelmütig sein,« sagte er zu sich selbst, »sonst wären wir ehrlos! Komm, Nanon,« fuhr er fort, »komm, meine Freundin; wirf deinen Mantel über deine Schultern, nimm deinen Männerhut, die Nachtluft wird dir wohltun. Ich kann jeden Augenblick angegriffen werden und will meine Runde machen.«

Zitternd vor Freude kleidete sich Nanon, wie ihr Geliebter es ihr sagte, und folgte ihm.

Canolles war ein wahrer Kapitän, wie er ein wahrer Soldat war, und erfüllte durch seine sachverständige, eifrige und teilnehmende Art der Pflichterfüllung und Kontrolle alle mit gleicher Hingebung und Begeisterung.

Während aber seine Augen mechanisch prüften, verweilte sein Geist nicht allein bei den Ereignissen des Tages, sondern bei all den seltsamen Abenteuern, deren Held er seit dem Tage gewesen war, wo er Frau von Cambes zum ersten Male gesehen hatte. Doch seltsamerweise ging sein Geist nicht darüber hinaus; es kam ihm vor, als hätte er erst von dieser Stunde zu leben angefangen; als hätte er bis dahin in einer andern Welt mit niedrigeren Instinkten, mit unvollständigen Empfindungen gelebt. Von dieser Stunde war in seinem Leben ein Licht, das allem einen neuen Schein verlieh, und von diesem neuen Tage an wurde Nanon, die arme Nanon unbarmherzig einer andern Liebe geopfert, einer Liebe, die von ihrem Anfang an übermächtig sein ganzes Leben beherrschte.

Nach schmerzhaften Betrachtungen, in die sich himmlisches Entzücken mischte, bei dem Gedanken, daß er von Frau von Cambes geliebt sei, gestand sich Canolles, nur die Pflicht allein schreibe ihm vor, ein Mann von Ehre zu sein, und die Freundschaft, die er für Nanon hege, lege kein Gewicht in die Wagschale bei seiner Entschließung.

Arme Nanon! Canolles nannte sein Gefühl für sie Freundschaft. Die Freundschaft kommt aber in der Liebe der Gleichgültigkeit sehr nahe.

Der Tag brach an; Canolles kehrte jetzt erst in sein Zimmer zurück; Nanon war wieder in das ihrige gegangen, und er wußte also nicht, daß sie die Nacht hindurch gewacht hatte; er kleidete sich nun sorgfältig an, versammelte abermals die Garnison, besuchte bei Tage die verschiedenen Batterien und besonders die, welche das linke Ufer der Garonne beherrschte, ließ den kleinen Hafen durch Ketten schließen, richtete mit Falkonetten beladene Schaluppen her, ließ seine Mannschaft Revue passieren, belebte sie mit seinen bilderreichen hochherzigen Worten und kehrte erst gegen zehn Uhr zurück.

Nanon erwartete ihn, ein Lächeln auf den Lippen; es war nicht mehr die stolze, gebieterische Nanon, deren Launen selbst Herrn von Epernon zittern ließen, es war eine schüchtern Liebende, eine furchtsame Sklavin, die nicht einmal mehr darauf Anspruch machte, daß man sie liebe, sondern nur verlangte, daß man ihr zu lieben erlaube.

Der Tag verging ohne ein anderes Ereignis, als die Entwicklung des innern Dramas, das im Herzen jedes der beiden jungen Leute spielte. Die von Canolles abgesandten Läufer kamen einer nach dem andern zurück. Keiner brachte eine bestimmte Nachricht; es herrschte nur große Aufregung in Bordeaux, und offenbar bereitete sich daselbst irgend etwas vor.

Frau von Cambes hatte bei ihrer Rückkehr in die Stadt, während sie die einzelnen Umstände ihrer Unterredung in den geheimsten Falten ihres Herzens verbarg, Lenet den Erfolg ihrer Sendung mitgeteilt. Die Bordolesen verlangten mit lauter Stimme, man sollte sich der Insel Saint-George bemächtigen. Das Volk erbot sich in Masse, an der Expedition teilzunehmen. Die Häupter hielten es nur unter dem Vorwande zurück, es fehle noch an einem Kriegsmanne, um die Expedition zu leiten, und an regelmäßigen Soldaten, die sie unterstützen könnten. Lenet benutzte diesen Augenblick, um den Namen der Herzöge laut werden zu lassen und ihr Heer anzubieten: diese Eröffnung wurde mit der größten Begeisterung aufgenommen, und selbst die, welche am Tage zuvor dafür gestimmt hatten, daß man ihnen die Tore verschließe, riefen sie nun mit gewaltigem Geschrei herbei.

Lenet überbrachte eiligst die gute Nachricht der Prinzessin, die sogleich ihren Rat versammelte.

Claire schützte Müdigkeit vor, weil sie an keiner Entschließung gegen Canolles teilnehmen wollte, und zog sich in ihr Zimmer zurück, um nach Belieben weinen zu können. Von diesem Zimmer aus hörte sie das Geschrei und die Drohungen des Volkes. All dieses Geschrei, all diese Drohungen waren gegen Canolles gerichtet.

Bald erscholl die Trommel; die Kompanien versammelten sich, die Schöffen ließen das Volk bewaffnen; man zog die Kanonen aus dem Arsenal, man teilte Pulver aus, und zweihundert Schiffe hielten sich bereit, mit Hilfe der Nachtflut die Garonne hinaufzufahren, während dreitausend Mann, am linken Ufer marschierend, zu Land angreifen sollten.

Die Seearmee sollte von d'Espagnet, Rat im Parlament, einem tapferen und verständigen Mann, und die Landarmee von Herrn Larochefoucault befehligt werden, der soeben mit beinahe zweitausend Edelleuten in die Stadt eingezogen war. Der Herzog von Bouillon sollte erst zwei Tage nachher mit zweitausend weiteren Streitern eintreffen. Der Herzog von Larochefoucault betrieb den Angriff, so sehr als er konnte, damit der Schlag ohne Mitwirkung seines Kollegen erfolge.

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