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Alexandre Dumas (der Ältere): Der Frauenkrieg - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDer Frauenkrieg
publisherStuttgart Franckh'sche Verlagshandlung
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7b262676
created20061227
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Viertes Kapitel.

Am Tage nach der Ankunft der Frau Prinzessin in Bordeaux fand ein großes Mittagsmahl auf der Insel Saint-George statt, wozu Canolles die vornehmsten Offiziere der Garnison und die anderen Festungs-Gouverneure der Provinz eingeladen hatte.

Um zwei Uhr nachmittags, zu der für das Mahl festgesetzten Stunde, war Canolles von einem Dutzend Herren umgeben, die er der Mehrzahl nach zum ersten Male sah; sie erzählten von dem großen Ereignis des vorhergehenden Tages, belustigten sich auf Rechnung der Damen, welche die Prinzessin begleiteten, und glichen nur sehr wenig Leuten, die im Begriff sind, ins Feld zu rücken, und die wichtigsten Interessen des Königreichs in ihren Händen haben.

Ganz strahlend und prachtvoll in seiner mit Gold überzogenen Uniform belebte Canolles noch diese Heiterkeit durch sein Beispiel. Man sollte auftragen, aber Canolles bat, noch eine halbe Stunde zu verzichten, da er noch einen Gast, den neuen ihm bisher unbekannten Gouverneur von Bayres, erwarte.

Mit unterhaltendem Geplauder über den beginnenden Frauenkrieg, in dem man doch ohne Damen zu Mittag speisen sollte, und mit Andeutungen über die gütige Fee, die über dem Wohl ihres Gouverneurs wache, verging die halbe Stunde schnell.

Schon öffnete sich die Tür des Speisesaales, und Canolles lud seine Gäste ein, ihm zu folgen, als im Vorzimmer die Meldung erscholl: »Der Herr Gouverneur von Vayres.«

»Ah! ah!« sagte Canolles, »das ist sehr liebenswürdig von ihm.«

Und er machte einen Schritt, um dem ihm unbekannten Kollegen entgegenzugehen; plötzlich aber wich er voll Erstaunen zurück und rief: »Richon! Richon, Gouverneur von Vayres!«

»Ich selbst, mein lieber Baron,« antwortete Richon, trotz seiner Leutseligkeit die ihm eigentümliche ernste Miene beibehaltend.

»Ah! desto besser, tausendmal besser!« sagte Canolles, ihm herzlich die Hand drückend. »Meine Herren,« fügte er hinzu, »Ihr kennt diesen Ehrenmann nicht, aber ich kenne ihn und sage laut, man konnte ein so wichtiges Amt keinem rechtschaffeneren Manne anvertrauen.«

Richon ließ einen Blick so stolz wie der eines Adlers umhergehen, und als er in allen Augen nur ein leichtes mit Wohlwollen gemischtes Erstaunen wahrnahm, sagte er: »Mein lieber Baron, nun, da Ihr so offen für mich gebürgt habt, wollt mich gütigst den Herren vorstellen, denen ich bekannt zu sein nicht die Ehre habe.«

Nach einer Viertelstunde war Richon bereits der Freund aller dieser jungen Offiziere und hätte von jedem seinen Degen oder seine Börse verlangen können. Seine Gewährschaft waren sein wohlbekannter Mut, sein fleckenloser Ruf und sein in seine Augen geschriebener Adel.

»Bei Gott! Meine Herren,« sagte der Kommandant von Brannes, »man muß zugeben, daß Herr von Mazarin, obgleich ein Mann der Kirche, sich auf die Kriegsleute versteht und seit einiger Zeit die Sachen gut macht. Er wittert den Krieg und wählt seine Gouverneure: Canolles hier, Richon in Bayres.«

»Wird man sich schlagen?« fragte Richon leichthin.

»Ob man sich schlagen wird?« antwortete ein junger Mann, der unmittelbar vom Hof kam. »Ihr fragt, ob man sich schlagen werde, Herr Richon?« – »Ja.«

»Wohl, ich frage Euch, in welchem Zustand sind Euere Basteien?« – »Sie sind beinahe neu, denn seit den drei Tagen, die ich auf diesem Platze bin, habe ich mehr Ausbesserungen vornehmen lassen, als man seit drei Jahren gemacht hat.«

»Nun, sie werden bald eingeweiht werden.«

»Desto besser; was können Kriegsleute besseres verlangen als den Krieg?«

»Gut,« rief Canolles, »der König mag jetzt auf beiden Ohren schlafen, denn er hält die Bordolesen mit seinen zwei Flüssen wie an beiden Ohren.«

»Der mich auf meinen Posten gesetzt hat, kann allerdings auf mich zählen,« sagte Richon.

»Seit wann seid Ihr in Bayres, mein Herr?« – »Seit drei Tagen; und Ihr, Canolles, seit wann seid Ihr auf Saint-George?«

»Seit acht; hat man Euch auch einen Einzug bereitet, wie mir, Richon? Mein Einzug war glänzend, und ich habe diesen Herren in der Tat noch nicht genug gedankt; ich hatte Wocken, Trommeln, Vivats; es fehlte nur die Kanone, aber man verspricht sie mir in wenigen Tagen, und das tröstet mich.«

»Wohl, das ist der Unterschied, der zwischen uns stattfand,« erwiderte Richon; »mein Einzug ist ebenso bescheiden gewesen, wie der Eurige glänzend; ich hatte Befehl, hundert Mann in die Festung zu führen, hundert Mann vom Regiment Turenne, und ich wußte nicht, wie ich sie einführen sollte, als mir in Saint-Pierre, wo ich mich aufhielt, mein Patent, unterzeichnet von Herrn von Epernon, zukam. Ich brach sogleich auf, übergab meinen Brief dem Leutnant und nahm ohne Trommeln und Trompeten Besitz vom Platz. Nun bin ich aber dort.«

Canolles, der anfangs lachte, fühlte, wie sich bei dem Tone, mit dem die letzten Worte gesprochen wurden, sein Herz unter dem Drucke einer düsteren Ahnung zusammenschnürte.

»Und Ihr seid zu Hause?« fragte er Richon.

»Ich niste mich ein,« sagte Richon ruhig.

»Wieviel Mann habt Ihr?« fragte Canolles.

»Zuerst die hundert Mann vom Regiment Turenne, alte Soldaten von Rocroy, auf die man zählen kann; sodann eine Kompanie, die ich in der Stadt bilde, und die ich einübe, sobald die Angeworbenen mir zukommen, Bürger, junge Leute, Arbeiter, ungefähr zweihundert Mann; endlich erwarte ich eine letzte Verstärkung von hundert bis hundertundfünfzig Mann, die ein Kapitän auf dem Lande anwirbt.«

»Der Kapitän Ramblay« fragte einer von den Gästen.

»Nein, der Kapitän Cauvignac,« antwortete Richon.

»Ich kenne ihn nicht,« riefen mehrere Stimmen.

»Ich kenne ihn,« sagte Canolles.

»Ist er ein erprobter Königstreuer?«

»Ich kann es nicht bestimmt sagen; doch habe ich alle Ursache zu glauben, daß der Kapitän Cauvignac ein Geschöpf des Herrn von Epernon und dem Herzog sehr ergeben ist.«

»Das entscheidet die Frage; wer dem Herzog ergeben ist, ist es auch Seiner Majestät.«

»Er gehört zur Vorhut des Königs,« sagte ein alter Offizier. »So habe ich wenigstens sagen hören.«

»Ist Seine Majestät unterwegs?« fragte Richon mit seiner gewöhnlichen Ruhe.

»Zu dieser Stunde muß der König mindestens in Blois sein,« antwortete der junge Mann, der vom Hof kam.

»Wißt Ihr das gewiß?«

»Ganz gewiß. Das Heer wird vom Marschall de La Meilleraye befehligt, der sich hier in der Gegend mit dem Herzog von Epernon in Verbindung setzen soll.«

»Vielleicht in Saint-George?« sagte Canolles.

»Oder vielmehr in Vayres,« sagte Richon. »Der Marschall de La Meilleraye kommt von der Bretagne, und Vayres liegt auf seinem Wege.«

»Wer das Zusammenstoßen der beiden Armeen auszuhalten hat, riskiert viel für seine Basteien,« sagte der Gouverneur von Brannes. »Herr de La Meilleraye hat dreißig Kanonen bei sich und Herr von Epernon fünfundzwanzig.«

»Das wird ein schönes Feuer geben,« sagte Canolles; »leider werden wir es nicht sehen.«

»Oh!« versetzte Richon, »wenn sich nicht einer von uns für die Herren Prinzen erklärt.«

»Ja, aber Canolles ist stets sicher, irgend ein Feuer zu sehen. Erklärt er sich für die Prinzen, so sieht er das Feuer von Herrn de La Meilleraye und Herrn von Epernon; bleibt er Seiner Majestät anhänglich, so sieht er das Feuer der Bordolesen.«

»Oh! was die letzteren betrifft,« versetzte Canolles, »ich halte sie nicht für sehr furchtbar und schäme mich gewissermaßen, daß ich es nur mit ihnen zu tun habe. Leider gehöre ich mit Leib und Seele Seiner Majestät und muß mich am Ende mit einem Kampf mit Bürgern begnügen.«

»Den sie mit Euch anfangen werden, seid unbesorgt,« sagte Richon.

»Habt Ihr einige Wahrscheinlichkeit in dieser Beziehung?« fragte Canolles.

»Ich habe mehr, ich habe Gewißheit,« antwortete Richon. »Der Rat der Bürger hat beschlossen, vor allem die Insel Saint-George zu nehmen.«

»Gut,« rief Canolles, »sie mögen kommen, ich erwarte sie.«

So weit war man in der Unterhaltung, und man machte sich eben an den Nachtisch, als man plötzlich vor den Toren der Festung die Trommel rasseln hörte.

»Was soll das bedeuten?« fragte Canolles.

Da trat ein Offizier mit entblößtem Degen ein und meldete: »Herr Gouverneur, ein Parlamentär.«

»Ein Parlamentär?« fragte Canolles, »und von wem?« – »Von den Prinzen.«

»Woher kommt er?« – »Von Bordeaux.« »Von Bordeaux!«

»Von Bordeaux!« wiederholten alle Gäste, Richon ausgenommen.

»Ah! der Krieg ist also im Ernste erklärt, da man Parlamentäre schickt?« sagte der alte Offizier.

Canolles entließ sofort seine Gäste, die sich eilends nach allen Richtungen zerstreuten. Richon blieb bis zuletzt.

»Baron,« sagte er zu Canolles, »ich wollte Euch nicht ganz wie die anderen verlassen, da wir uns länger kennen, als Ihr die andern kennt. Nun aber lebt. Wohl; gebt mir die Hand und gut Glück.«

Canolles reichte Richon die Hand und erwiderte, ihn fest anschauend: »Richon, ich kenne Euch, es geht etwas in Euch vor; Ihr sagt es mir nicht, denn wahrscheinlich ist es nicht Euer Geheimnis. Ihr seid jedoch bewegt, und ist ein Mann Eures Schlags bewegt, so rührt dies nicht von einer Kleinigkeit her.«

»Sind wir nicht im Begriff uns zu verlassen?« – »Wir schickten uns auch zur Trennung an, als wir im Gasthause von Biscarros voneinander Abschied, nahmen, und dennoch wart Ihr ruhig.«

Richon lächelte traurig und sagte: »Baron, ich habe das Vorgefühl, daß wir uns nicht mehr sehen werden.«

Canolles schauerte, so viel tiefe Schwermut lag in der gewöhnlich so festen Stimme des kühnen Parteigängers.

»Wohl,« sagte er, »sehen wir uns nicht wieder, wenn schon, so ist dies der Fall, weil einer von uns gestorben ist... den Tod der Tapfern gestorben, und in diesem Fall ist der, den es trifft, wenigstens sterbend sicher, daß er in dem Herzen eines Freundes fortlebt. Umarmen wir uns, Richon! Ihr habt mir gesagt: Viel Glück! ich sage Euch: Guten Mut!«

Sie umarmten einander und hielten sich eine Weile umfangen.

Als sie sich trennten, trocknete Richon eine Träne, vielleicht die einzige, die je seinen stolzen Blick verdunkelt hatte; dann stürzte er, als befürchtete er, Canolles könnte diese Träne wahrnehmen, aus dem Zimmer, denn er schämte sich ohne Zweifel, einem Manne, dessen Mut er kannte, ein solches Zeichen von Schwäche gegeben zu haben.

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