Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Alexandre Dumas (der Ältere): Der Frauenkrieg - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDer Frauenkrieg
publisherStuttgart Franckh'sche Verlagshandlung
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7b262676
created20061227
Schließen

Navigation:

Dreizehntes Kapitel.

Das Ende dieses berauschenden Tages kam, wie das Ende eines Traumes immer kommt; die Stunden waren wie Sekunden für den seligen Edelmann vorübergegangen, und dennoch kam es ihm vor, als hätte er an diesem einzigen Tage Erinnerungen genug gesammelt, um dreimal ein ganzes Leben füllen zu können.

Canolles sollte die Vicomtesse den Tag hindurch nicht verlassen; beim Frühstück lud sie ihn zum Mittagessen, beim Mittagessen zum Abendbrot ein.

Mitten unter allem Glanze, den die falsche Prinzessin entwickeln mußte, um den Gesandten des Königs zu empfangen, empfand Canolles die süßen Aufmerksamkeiten der verliebten Frau. Er vergaß sogar sein Versprechen, sich zu entfernen, und wähnte sich für die Ewigkeit in dieses irdische Paradies verpflanzt, dessen Adam er wäre, während Frau von Cambes die Eva sein sollte.

Als aber die Nacht gekommen war, als man das Abendessen beendet hatte, als beim Nachtisch eine Ehrendame den falschen Herzog von Enghien einführte und die Glocke der Pendeluhr zu schlagen anfing, sagte Frau von Cambes, nachdem sie sich versichert hatte, daß es zehnmal schlagen wollte: »Nun ist die Stunde eingetreten.«

»Welche Stunde?« fragte Canolles, der zu lächeln und einem großen Unglück durch einen Scherz zu begegnen suchte.

»Die Stunde, das Wort zu halten, das Ihr mir gegeben habt.«

»Ei, Madame,« versetzte Canolles traurig, »Ihr vergeßt also nichts?« – »Vielleicht hätte ich vergessen wie Ihr, aber das hier stärkt mir das Gedächtnis.«

Und sie zog aus ihrer Tasche einen Brief, den sie in dem Augenblick, wo sie sich zu Tische setzte, empfangen hatte.

»Von wem ist dieser Brief?« – »Von der Frau Prinzessin, die mich ruft.«

»Das ist wenigstens ein Vorwand! Ich danke Euch, daß Ihr diese Schonung für mich gehabt habt.«

»Täuscht Euch nicht, Herr von Canolles,« erwiderte die Vicomtesse mit einer Traurigkeit, die sie nicht zu verbergen suchte. Selbst wenn ich diesen Brief nicht empfangen hätte, würde ich Euch zur verabredeten Stunde an Eure Abreise erinnert haben. Glaubt Ihr, die Leute, von denen wir umgeben sind, müßten nicht früher oder später unser Einverständnis wahrnehmen? Unsere Beziehungen sind, Ihr müßt es gestehen, nicht die einer verfolgten Prinzessin zu ihrem Verfolger. Nun aber, wenn Euch diese Trennung so schmerzlich ist, wie Ihr vorgebt, laßt Euch sagen, Herr Baron, daß es nur von Euch abhängt, wenn wir uns nicht trennen sollen.«

»Sprecht! oh sprecht!« rief Canolles.

»Erratet Ihr nicht?«

»Oh gewiß, Madame! ich errate und zwar vollkommen. Ihr wollt davon sprechen, daß ich der Frau Prinzessin folgen solle? ...«

»Sie selbst spricht hiervon in diesem Briefe,« sagte lebhaft Frau von Cambes.

»Ich freue mich, daß dieser Gedanke nicht von Euch kommt, ich freue mich über die Verlegenheit, mit der Ihr mir diesen Vorschlag macht; nicht als ob sich mein Gewissen über die Idee empörte, dieser oder jener Partei zu dienen; nein, ich habe keine Überzeugung. Wer hat die denn bei diesem Kriege? Ich kenne weder den Hof noch die Prinzen; unabhängig durch mein Vermögen, ohne Ehrgeiz, erwarte ich weder hier noch dort etwas. Ich bin Offizier, sonst nichts.«

»Ihr willigt also ein, mir zu folgen?« – »Nein.«

»Warum nicht, wenn die Dinge sind, wie Ihr sagt?« – »Weil Ihr mich weniger schätzen würdet.«

»Ist dies das einzige Hindernis, das Euch zurückhält?« – »Ich schwöre es Euch.«

»Oh, dann fürchtet nichts.«

»Ihr glaubt selbst nicht an das, was Ihr in diesem Augenblick sagt,« versetzte Canolles lächelnd und den Finger aufhebend; »ein Überläufer ist ein Verräter. Das erste Wort klingt besser, aber beides ist gleichbedeutend.«

»Wohl, Ihr habt recht,« sagte Frau von Cambes, »und ich werde nicht weiter darauf bestehen. Wärt Ihr in einer gewöhnlichen Lage, so hätte ich Euch für die Sache der Prinzen zu gewinnen gesucht. Aber abgesandt vom König, beauftragt mit einer Vertrauenssendung von Ihrer Majestät der Königin Regentin und dem ersten Minister, geehrt durch das Wohlwollen des Herzogs von Epernon, der trotz des Verdachts, den ich anfangs geschöpft hatte, Euch, wie man mir versichert, auf eine ganz besondere Weise begünstigt...«

Canolles errötete.

»Werde ich mit der größten Diskretion zu Werke gehen. Doch hört mich, Baron; seid versichert, wir verlassen uns nicht auf immer; wir sehen uns wieder, das sagen mir meine Ahnungen.«

»Wo dies?« – »Ich weiß es nicht, aber wir sehen uns gewiß wieder.«

Canolles schüttelte traurig den Kopf und erwiderte: »Ich zähle nicht darauf; es besteht Krieg unter uns, das ist zu viel, besonders wenn nicht zugleich Liebe obwaltet.«

»Und dieser Tag?« fragte mit einer bezaubernden Betonung die Vicomtesse, »rechnet Ihr ihn für nichts?« – »Es ist der einzige, an dem ich gelebt zu haben glaube, seitdem ich auf der Welt bin.«

»Ihr seht also, daß Ihr undankbar seid?« – »Gewährt mir einen zweiten Tag, wie diesen.«

»Ich kann nicht, ich muß heute abend reisen.«

»Ich verlange ihn nicht für morgen, nicht für übermorgen; ich bitte darum in der Zukunft. Nehmt die Zeit, die Ihr wollt, wählt den Ort, der Euch beliebt, aber laßt mich mit einer Gewißheit leben; ich würde zu sehr leiden, hätte ich nicht eine Hoffnung.«

»Wohin geht Ihr, wenn Ihr mich verlaßt?« – »Nach Paris, um von meiner Sendung Rechenschaft abzulegen.«

»Und sodann?« – »In die Bastille vielleicht.«

»Aber vorausgesetzt, Ihr geht nicht dahin?« – »Dann kehre ich nach Libourne zurück, wo mein Regiment sein muß.«

»Und ich nach Bordeaux, wo ohne Zweifel die Prinzessin verweilt. Kennt Ihr ein einsam liegendes Dorf auf der Straße von Bordeaux nach Libourne?« – »Ich kenne eines, dessen Andenken mir beinahe so teuer ist als Chantilly.«

»Jaulnay,« sagte lächelnd die Vicomtesse.

»Jaulnay,« wiederholte Canolles.

»Wohl, man braucht vier Tage, um nach Jaulnay zu gelangen; wir haben heute Dienstag; ich werde mich den ganzen Sonntag dort aufhalten.«

»Oh Dank! Dank!« rief Canolles, eine Hand an seine Lippen drückend, die ihm zu entziehen Frau von Cambes nicht den Mut hatte.

Doch nach einem Augenblick sagte sie: »Nun bleibt uns noch übrig, unsere kleine Komödie zu Ende zu spielen.«

»Ah! ja, das ist wahr, Madame. Die Komödie, die mich in den Augen von ganz Frankreich vollkommen lächerlich machen muß. Aber ich habe nichts dagegen zu sagen, ich wollte es so, ich habe die Rolle, die ich spiele, nicht gewählt, aber die Entwickelung veranlaßt, die sie krönt.«

Frau von Cambes schlug die Augen nieder.

»Nun lehrt mich, was ich noch zu tun habe,« sagte Canolles gelassen. »Ich erwarte Eure Befehle und bin zu allem bereit.«

Claire war so bewegt, daß Canolles sehen konnte, wie der Samt ihres Kleides unter den ungleichen, hastigen Schlägen ihres Busens sich hob.

»Ihr bringt mir ein ungeheures Opfer, ich weiß es; aber beim Himmel, glaubt mir, ich bewahre Euch eine ewige Dankbarkeit. Ja, Ihr setzt Euch für mich der Ungnade des Hofes aus; ja, man wird Euch streng beurteilen. Ich bitte Euch, achtet das alles für nichts, wenn Euch der Gedanke, Ihr habt mich glücklich gemacht, ein gewisses Vergnügen bereitet.«

»Ich werde danach trachten, Madame.«

»Glaubt mir, Baron,« fuhr Frau von Cambes fort, »der kalte Schmerz, dem ich Euch preisgegeben sehe, ist eine furchtbare Gewissenspein für mich. Andere würden Euch vielleicht reicher belohnen, als ich es tue; aber, mein Herr, eine Belohnung, die man so leicht bewilligte, würde Euer Opfer nicht würdig bezahlen.«

Bei diesen Worten schlug Claire die Augen mit einem Seufzer schamhafter Betrübnis nieder.

»Ist das alles, was Ihr mir zu sagen habt?« fragte Canolles.

»Nehmt,« sagte die Vicomtesse, aus ihrer Brust ein Porträt ziehend, das sie Canolles überreichte; »nehmt dieses Porträt, und bei jedem Schmerz, der für Euch aus dieser unglücklichen Angelegenheit hervorgehen wird, schaut es an, sagt Euch, daß Ihr für die leidet, deren Bildnis Ihr vor Euch habt, und daß sie für jedes von Euren Leiden Bedauern empfindet.«

»Ist dies alles, was sie empfindet?« – »Achtung.«

»Ist das alles?« – »Sympathie.«

»Oh, Madame, noch ein Wort!« rief Canolles, »was kostet es Euch, mich vollkommen glücklich zu machen?«

Claire machte eine rasche Bewegung auf den jungen Mann zu, reichte ihm die Hand und öffnete den Mund, um hinzuzufügen: »Liebe.«

Aber im selben Augenblick öffneten sich die Türen, und der vorgebliche Kapitän der Garden erschien, begleitet von Pompée.

»In Faulnay werde ich vollenden,« sagte die Vicomtesse.

»Euren Satz oder Euren Gedanken?« – »Beides; der eine drückt immer den andern aus.«

»Madame,« sagte der Kapitän der Garden, »die Pferde Eurer Hoheit sind angespannt.«

Damit begann die Schlußszene der Komödie von Chantilly, die Canolles kaum zu Ende zu spielen vermochte, so hatten die letzten Worte der Frau von Cambes seine tiefsten Gefühle erregt; er beeilte sich nach Paris zurückzukehren.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.