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Alexandre Dumas (der Ältere): Der Frauenkrieg - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDer Frauenkrieg
publisherStuttgart Franckh'sche Verlagshandlung
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7b262676
created20061227
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Neuntes Kapitel.

Der für die Ausführung der wichtigsten Pläne Pierre Lenets bestimmte Tag war einer von den düstersten jenes Frühjahrs. Der Regen fiel zart und dicht auf die Rasenstücke von Chantilly, einen grauen Nebel durchstreifend, der die Gebüsche des Gartens und das Gehölz des Parkes umhüllte. In den weiten Höfen warteten fünfzig gesattelte Pferde, mit hängenden Ohren und ungeduldigem Scharren; Meuten von gekoppelten Hunden ließen sich nur schwer mit der Peitsche in Ruhe halten.

Jeder Offizier im Dienste des Prinzen, jeder Klient dieses Hauses Condé war auf das Rundschreiben Pierre Lenets nach Chantilly geeilt. Die durch den Gesundheitszustand der Prinzessin-Witwe veranlaßte Unruhe war überdies durch ein günstiges Bulletin von Bourdelot zerstreut worden.

Um zehn Uhr waren alle persönlichen Gäste der Frau von Condé eingetroffen. Jeder wurde nach Überreichung seines Briefes eingeführt, und die, welche diesen zufällig vergessen hatten, erhielten, von Lenet erkannt, Einlaß auf ein Zeichen des letzteren gegen den Pförtner. Diese Eingeladenen mochten, mit den Dienern des Hauses, achtzig bis neunzig Personen ausmachen, von denen die Mehrzahl um den prachtvollen Schimmel versammelt war, der mit einem gewissen Stolze vor seinem großen französischen Sattel einen kleinen samtnen Lehnsitz für den Herzog von Enghien trug, worauf dieser seinen Platz bekommen sollte, wenn Vialas, sein Stallmeister, sich auf den Hauptsattel gesetzt haben würde.

Man sprach jedoch nicht davon, zur Jagd aufzubrechen, und schien noch andere Gäste zu erwarten.

Gegen halb elf Uhr kamen drei Edelleute, mit sechs Dienern, die bis unter die Zähne bewaffnet waren und so volle Felleisen bei sich führten, daß man hätte glauben sollen, sie wollten eine Reise durch ganz Europa machen.

Sogleich erschien ein blaugekleideter Mann mit einem silbernen Wehrgehänge und nähert sich, die Hellebarde in der Hand, den Ankömmlingen, die, wie man an ihrem vom Regen durchnäßten Gepäck und an den von Kot beschmutzten Stiefeln sah, einen langen Weg zurückgelegt hatten.

»Woher kommt Ihr, meine Herren?« fragte der Schweizer, seine Hellebarde vorhaltend.

»Vom Norden,« antwortete einer der Reiter.

»Und wohin geht Ihr?« – »Zum Leichenbegängnisse.«

»Der Beweis?« – »Seht unsern Trauerflor.«

Die drei Herren hatten wirklich Trauerflore an ihren Degen.

»Entschuldigt mich, meine Herren,« sagte nun der Schweizer, »das Schloß steht zu Eurer Verfügung; es ist eine Tafel bereit, eine Halle geheizt, die Lakaien harren Eurer Befehle; Eure Leute wird man im Gesindesaal bewirten.«

Kaum saßen diese drei Edelleute bei Tische, als sechs weitere Reiter mit sechs, ebenso ausgestatteten und bewaffneten Lakaien einherkamen und wie ihre Vorgänger befragt und nach Erteilung der gleichen Antwort, in gleicher Weise aufgenommen wurden.

Nach ihnen zeigten sich vier andere, und dieselbe Szene erneuerte sich, und so ging es fort, bis mittags hundert Reiter eingeritten waren.

Als alle gespeist und miteinander Bekanntschaft gemacht hatten, während sich ihre Leute erquickten und ihre Pferde ausruhten, trat Lenet in den Saal, wo sie sich versammelt fanden, und sprach zu ihnen: »Meine Herren, die Frau Prinzessin dankt Euch durch mich, daß Ihr sie mit Eurem Besuche beehrt, während Ihr auf dem Wege zum Herrn Herzog von Larochefoucault begriffen seid, der Euch bei dem Leichenbegängnisse seines Vaters erwartet. Betrachtet diese Wohnung als die Eurige und habt die Güte, an einer Hetzjagd teilzunehmen, die der Herr Herzog von Enghien befohlen hat, der heute seine erste Hose anlegt.«

Ein schmeichelhaftes Gemurmel des Beifalls und des Dankes beantwortete diesen ersten Teil der Rede Lenets, der, als ein geschickter Redner, seine Worte bei einer Stelle von sicherer Wirkung unterbrach.

»Nach der Jagd,« fuhr er fort, »werdet Ihr an der Abendtafel der Frau Prinzessin Platz nehmen, die Euch selbst zu danken wünscht, wonach es Euch vollkommen frei steht, Eure Reise fortzusetzen.«

Die Edelleute gaben einmütig ihre bereitwillige Zustimmung kund und genossen mit Behagen die Gastfreundschaft der Prinzessin.

Nach Tisch erklang Hörnerschall in den Höfen und drang bis ins Innere der Gemächer. Jeder lief zu seinem frischen, ausgeruhten Pferde und schwang sich in den Sattel. Der Hetzmeister mit seinen Leithunden und die Piqueurs mit ihren Meuten zogen voraus. Dann stellten sich die Edelleute im Spalier auf, und der Herzog von Enghien, auf seinem Schimmel reitend, erschien, unterstützt von Vialas, seinem Stallmeister, umgeben von Ehrendamen, Stallmeistern, Edelleuten, und gefolgt von seiner Mutter, die, glänzend von Schmuck, auf einem rabenschwarzen Pferde ritt. Neben ihr auf einem Pferde, das sie mit unendlicher Anmut lenkte, war die Vicomtesse von Cambes, anbetungswürdig in ihren Frauengewändern, die sie endlich zu ihrer großen Freude wieder angelegt hatte.

Frau von Tourville suchte man vergebens, sie war seit zwei Tagen verschwunden und hatte sich wie ein grollender Achill unter ihr Zelt zurückgezogen.

Diese glänzende Kavalkade wurde mit einstimmigem Beifallsrufe aufgenommen. Man zeigte sich, auf den Steigbügeln aufstehend, die Prinzessin und den Herzog von Enghien, welche die Mehrzahl dieser Edelleute nicht kannte, denn sie hatten nie den Hof besucht und waren all diesem königlichen Gepränge fremd geblieben. Das Kind grüßte mit einem reizenden Lächeln, die Prinzessin mit holder Majestät; sie waren die Gattin und der Sohn dessen, den sogar seine Feinde den ersten Feldherrn Europas nannten. Dieser erste Feldherr Europas wurde von denselben Menschen, die er bei Lens vor dem Feinde gerettet und in Saint-Germain vor den Rebellen beschützt hatte, verfolgt und eingekerkert. Das war mehr, als es bedurfte, um die Begeisterung zu erregen, und so erreichte der Enthusiasmus den höchsten Grad.

Die Prinzessin schlürfte mit langen Zügen alle diese Beweise ihrer Volkstümlichkeit ein. Auf einige Worte, die ihr Lenet zuflüsterte, gab sie sodann Befehl zum Aufbruch, und bald zog man in den Park, dessen Tore insgesamt durch die Soldaten des Regiments Condé bewacht waren. Hinter den Jägern wurden die Gitter wieder verschlossen, und als wäre diese Vorsichtsmaßregel noch unzulänglich, blieben die Soldaten als Schildwachen hinter den Gittern, und an jedem stand ein Schweizer, gekleidet wie der des Hofes und mit einer Hellebarde bewaffnet wie er, mit dem Befehl, nur denen zu öffnen, welche die drei Fragen zu beantworten vermöchten, aus denen die Parole bestand.

Einen Augenblick, nachdem man die Gitter wieder geschlossen hatte, kündigten der Schall des Hornes und das wütende Gebell der Hunde an, daß der Hirsch aufgejagt war.

Auf der andern Seite des Parkes, auf der Rückseite der Straße, hielten indessen, auf den Hörnerklang und das Hundegebell horchend, sechs Reiter an, streichelten ihre Pferde und schienen Rat zu halten.

Sah man ihre neuen Gewänder, das glänzende Zeug ihrer Pferde, die prachtvollen Mäntel, die von ihren Schultern auf den Rücken ihrer Pferde herabfielen, den Luxus der Waffen, so wunderte man sich, daß diese funkelnden Herren nicht innerhalb des Parkes waren, wo sich der ganze Adel der Umgegend versammelt fand.

»Bei Gott,« sagte der Führer dieser kleinen Schar, der durch sein vergoldetes Wehrgehänge, seine goldenen Sporen und den kostbaren blauen Mantel die andern fünf weit überstrahlte, »wie gelangt man in einen Park, durch das Tor oder durch das Gitter? Zeigen wir uns vor dem ersten Tore oder vor dem ersten Gitter, und wir werden Eintritt finden. Reiter von unserem Ansehen läßt man nicht außen, wenn Menschen geöffnet wird, die aussehen, wie die Leute, denen wir seit diesem Morgen begegnen.«

»Ich wiederhole Euch, Cauvignac,« erwiderte einer von den fünf Reitern, »daß diese schlecht gekleideten Leute, die trotz ihrer Tracht zu dieser Stunde sich im Park befinden, einen Vorzug vor uns haben, nämlich, daß sie die Parole wissen. Wir haben sie nicht und werden nicht hineinkommen.«

»Ihr glaubt, Ferguzon?« sagte mit einer gewissen Achtung vor der Ansicht seines Leutnants der, welcher zuerst gesprochen hatte, und in dem unsere Leser den Abenteurer wiedererkennen, den sie auf den ersten Seiten dieser Geschichte kennen gelernt haben.

»Ob ich es glaube? Ich bin dessen gewiß. Meint Ihr denn, diese Leute jagen, um zu jagen? Larifari! sie konspirieren, das ist unzweifelhaft.«

»Ferguzon hat recht,« sagte ein Dritter, »sie konspirieren, und wir kommen nicht hinein.«

»Eine Hirschjagd ist indessen auch gut mitzumachen, wenn man sie auf seinem Wege trifft.«

»Ich denke doch, daß wir hinein können,« rief Ferguzon.

»Wie sollen wir hinein, da die für die andern offenstehenden Tore und Gitter deiner Ansicht nach für uns geschlossen sind?«

»Warum sollten wir nicht an dieser kleinen Mauer und für uns allein eine Bresche machen, durch die wir und unsere Pferde durch könnten, und hinter der wir gewiß niemand finden würden, um Entschädigung von uns zu verlangen?«

»Hurra!« rief Cauvignac, freudig seinen Hut schwenkend, »ich gebe dir volle Genugtuung, Ferguzon. Du bist der Mann der großen Mittel unter uns, und wenn ich den König Frankreichs von seinem Trone gestürzt habe, um den Prinzen darauf zu setzen, so verlange ich für dich die Stelle Mazarins. Ans Werk, Gefährten, ans Werk!«

In einem Augenblick war in die an sich nicht feste Mauer Bresche gelegt. Sofort stiegen die Reiter wieder auf und ritten hinter Cauvignac her in den Park.

»Nun,« sagte dieser, sich nach der Gegend wendend, wo er den Klang der Hörner hörte, »nun seid artig und benehmt Euch, wie's der Brauch ist, dann verspreche ich Euch ein Abendessen bei dem Herrn Herzog von Enghien.«

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