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Der Frauen Natur und Recht

Hedwig Dohm: Der Frauen Natur und Recht - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
authorHedwig Dohm
titleDer Frauen Natur und Recht
publisherWedekind & Schwieger
isbn3-85509-029-7
year1876
copyright1986 by Berta Rahm, Ala Verlag
senderhelga.luebcke@t-online.de
created20030308
firstpub1876
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Die Eigenschaften der Frau.

Bücher oder Aufsätze, welche Ideen propagiren, die ihren tour du monde noch nicht gemacht haben, laufen stets Gefahr (ich spreche aus eigenster Erfahrung), die willkürlichsten Oktroyirungen, Fälschungen und Entstellungen von böswilligen Kritikern zu erfahren.

Um mich vor solchen Falschmünzereien des Geistes zu schützen, stelle ich an den Anfang meiner Abhandlung einen Satz, der eigentlich an den Schluß derselben gehörte. Ich erkläre nämlich, daß ich in dem folgenden Aufsatz durchaus nicht behaupte, daß die Eigenschaften des Weibes identisch seien mit denen des Mannes. Im Gegentheil, ich spreche meine Ueberzeugung ausdrücklich dahin aus, daß ich an eine Verschiedenheit der männlichen und weiblichen Seele glaube.

Weil meine subjectiven Anschauungen aber auf diesem Gebiet nichts sind und nichts sein können, als Hypothesen oder Inspirationen, die einer genügend wissenschaftlichen oder empirischen Grundlage entbehren, so hüte ich mich, sie dem Publikum aufzudrängen.

Als ich den nachfolgenden Aufsatz beendet hatte, war ich einen Augenblick nahe daran, ihn in’s Feuer zu werfen. Was wird durch solches Geschreibsel gefördert, fragte ich mich, wen bekehrst du damit? Wahrscheinlich Niemand. Wenn ich ihn trotzdem nicht verbrannte, so hielt mich folgende Reflexion davon zurück: Ist diese Abhandlung, sagte ich mir, auch nur ein kleines Detailgefecht, ein unbedeutendes Geplänkel, so gilt es doch, wie meine früheren Schriften, dem Todfeinde des heutigen Menschengeschlechts, der Heuchelei. Der Heuchelei, die entweder die servile Magd einer Parademoral ist, die das Wort setzt an Stelle der That und die Zunge anstatt des Herzens, oder sie ist eine eiserne Maske, hinter der straflos alle Todsünden incognito begangen werden. Und ich sagte mir: wer auch nur die Haut dieser modernen Sündenschlange ritzt, der sollte stets, wenn er eines Buchhändlers oder eines Redakteurs habhaft werden kann, seine That drucken lassen. Kleine Vorpostengefechte müssen den großen Schlachten vorausgehen.


Mann und Weib besitzen verschiedene moralische und geistige Eigenschaften, ihrer verschiedenen körperlichen Organisation entsprechend, auf Grund deren die Beziehungen der Geschlechter von der Zeit Eva’s bis zur Gegenwart bestimmt worden sind.

Diesen oder ähnlichen Aussprüchen und Phrasen ist die Ehre zu Theil geworden, als Wahrheit und Grundprinzip seit unvordenklichen Zeiten in Aller Munde zu leben und in den Geistern Aller zu wirken.

Zu untersuchen ob und inwieweit obiger Ausspruch auf Wahrheit beruhe, zu erforschen, ob die Eigenart des weiblichen Geschlechts, seine charakteristischen Eigenthümlichkeiten sich auf Grund wissenschaftlicher Erkenntnisse heut schon bestimmen lassen, ist der Zweck dieses Aufsatzes.

Eine vorurtheilsfreie und erfolgreiche Untersuchung auf diesem Gebiete kann aber nur unternommen werden, indem wir den Nimbus des Alterthums an obiger Phrase völlig mißachten, und indem wir unsere Vorstellungen der schleppenden Gewänder der Tradition entkleiden. Erst wenn die Vernunft sich aller vergilbten Flittern kindischer Phantasien, alles morschen geistigen Gerümpels entledigt hat, erst dann vermag sie ihre Fittige frei zu entfalten, entgegen dem Lichte der Wahrheit.


Die Völker unterscheiden sich von einander durch bestimmte charakteristische Eigenschaften. Jede Nation hat ihr eigenthümliches Gepräge, sie hat eine Volksseele. Sind nun diese Völkereigenthümlichkeiten zu betrachten als Eigenschaften, die in der Natur des betreffenden Volkes organisch wurzeln? Sind sie in den Schooß des Volkes gesenkt als ein Keim, der, gleichviel unter welchem Himmelsstrich und unter welchen Verhältnissen, sich nach unumstößlichen Gesetzen, mit eherner Nothwendigkeit entwickeln mußte, so wie er sich entwickelt hat?

Keineswegs.

Der Glaube an die uranfänglich eingeborne Volksseele ist ein metaphysischer Aberglaube. Die Wissenschaft lehrt, daß die Eigenart eines Volkes erzeugt und bedingt wird durch Boden, Klima und Geschichte, durch die politischen und ökonomischen Zustände eines Landes.

Wer einen klaren Einblick in die allmähliche Entwickelung einer solchen Volksseele gewinnen will, der lese die Geschichte Spaniens und er wird ohne große Schwierigkeit den Bedingungen folgen können, unter denen sich die Bigotterie und der Hochmuth, die Trägheit, die Sinnlichkeit und die Tapferkeit der Spanier entwickeln mußten. Die Spanier, ohne den Einfall der Saracenen und ihren achthundertjährigen Maurenkrieg, ohne die Inquisition, ohne die rauhen und unwegsamen Berge ihres Landes, ohne ihre verabscheuenswerthen Dynastien, wären nimmermehr die Spanier geworden, wie sie heut sich uns darstellen.

Die nationalen Eigenthümlichkeiten eines Volkes finden wir gleichmäßig unter seinen verschiedenen Klassen und Ständen verbreitet. An der Eitelkeit und Ruhmsucht des Franzosen participiren alle Bürger Frankreichs; dasselbe gilt von der Bedächtigkeit und dem Phlegma des Holländers, von der Selbstständigkeit, dem gesunden Menschenverstand und dem Freiheitssinn des Engländers u.s.w.

 

Bei gründlicherer und schärferer Beobachtung eines Volkes aber erkennen wir, daß außer diesen, allen Schichten der Bevölkerung gemeinsamen Eigenthümlichkeiten sich Stände und Klassen im Lauf der Zeit innere und äußere Eigenschaften erwerben, die sie von einander unterscheiden. Ja, der Satz wird aufgestellt, daß jede einzelne Berufsart die zu ihr gehörenden Individuen mit einem bestimmten Charaktergepräge versieht.

Von so detaillirten Eigenschaftstheilungen wollen wir hier absehen und uns nur mit allgemeineren Kategorien beschäftigen.

So wären z.B. als kennzeichnende Eigenschaften des Aristokraten anzuführen: Stolz, reizbares Ehrgefühl, hohes Selbstbewußtsein, Uebermuth, Genußsucht u.s.w., während Züge von naturwüchsiger Kraft, von Rohheit und Maßlosigkeit charakterisirend für den Proletarier sind.

Haben wir nun derartige Eigenthümlichkeiten bestimmter Klassen und Stände als ein Charaktergepräge von Gottes Gnaden oder Ungnaden aufzufassen?

Durchaus nicht.

Der Mann aus dem indischen Volk, der demüthig den Fuß seines Herrn und Kaisers auf seinen Nacken setzt – laßt ihn, in Folge irgend eines wunderbaren Schicksals, als Fürst erzogen werden und umgekehrt den Fürsten als Sudra (Mann aus dem Volke) so würde eine Vertauschung der Füße und Nacken stattfinden, ohne irgend einen inneren oder äußeren Widerspruch von Seiten des Treters oder des Getretenen.

Doch bleiben wir mit unsern Beispielen in Europa. Setzen wir den Fall, daß eine Aristokratin und eine Proletarierfrau ihre Säuglinge miteinander vertauschten. Der kleine Proletarier, in die Wiege des Fürsten gelegt und als Fürst auferzogen, wird nicht weniger hochmüthig, genußsüchtig, übermüthig und conservativ sich geberden als der geborne Fürst.

Der Fürst aber, in der Proletarierhütte groß geworden und lebenslang zu harter Arbeit verdammt, wird die Anschauungen seiner Berufsgenossen, er wird ihre Sitten, Denkweise und Wünsche theilen. Und schwerlich würde es jemals geschehen, daß der vertauschte Fürst, mit der Maurerkelle, dem Kehrbesen oder der Mistgabel in der Hand, sich vom göttlich aristokratischen Instinct getrieben, heimlich auf die Kreuzzeitung abonnirte, oder daß er bei Kümmel und Schwarzbrot auf das Wohl des Adels toastete und auf Rennpferde wettete. Es ist vielmehr wahrscheinlich, daß er, unbeirrt durch irgend eine Stimme des Bluts, für Gleichheit der Genüsse und Rechte aller Menschen schwärmen und socialdemokratischen Zuflüsterungen sein Ohr nicht verschließen würde.

Ebensowenig ist anzunehmen, daß der Proletarier, der in aristokratischer Umgebung erwachsen ist, zu einem demokratischen Flammenbrand entarte. Viel eher wird er auf seine Standesbrüder da unten als auf eine Schwefelbande schimpfen und seine kräftige Stülp-, Stumpf- oder Kartoffelnase mit der Funktion eines Petroleumriechers betrauen. Und der Duft von Schnaps und Kartoffeln, den Fütterungsgegenständen seiner Geburtsgenossen wird nicht, wie der Kuhreigen in der Seele des Schweizers, sehnsüchtige Heimathsgefühle in ihm wachrufen nach der Proletarierhütte seiner Väter.

Brüder des Bluts werden nur Brüder im Geiste sein, wenn sie in derselben geistigen und physischen Atmosphäre großgezogen sind. "Macht denn das Blut den Vater?" sagt der weise Nathan. Viel weniger macht das Blut, außer in Novellen und Balladen, den Aristokraten oder den Proletarier. Nicht die Geburt, die Lebensatmosphäre ist es fast allein, die den Individuen ihr unvertilgbares Gepräge aufdrückt.

Wohlverstanden – ich spreche hier nur von Standes- oder Klasseneigenthümlichkeiten, nicht von individuellen Eigenschaften, wie Verstand und Dummheit, Gemeinheit und Edelsinn, Melancholie und Lustigkeit, die zum Theil auf Vererbung beruhen, und die wir auf der Höhe und in der Tiefe der menschlichen Gesellschaft so ziemlich gleichmäßig vertheilt finden, unter Geheimräthen und Kutschern, unter Tugendspiegeln und Dirnen, unter Gottesfürchtigen und Atheisten u.s.w.

Wie nun die Volksseele, wie die charakteristische Eigenart der verschiedenen Klassen und Stände, der sogenannte Klassen- und Standesgeist, ein Resultat äußerer Bedingungen, gewisser socialer und geschichtlicher Zustände und Entwickelungen sind, so sind es auch sociale und historische Entwickelungen und Zustände, denen wesentliche Züge in der Eigenart der Frau ihren Ursprung verdanken. Stellen wir uns zur Klarlegung unserer Aufgabe folgende Fragen:

  1. Welche Eigenschaften haben die Frauen nach dem Dafürhalten der Majorität der Menschen?
  2. Aus welchen Eigenschaften sollte oder müßte der Geschlechtscharakter des Weibes bestehen nach dem Verdikt der Männer?
  3. Warum verlangen die Männer gerade diese Eigenschaften von den Frauen?
  4. Welche Eigenschaften haben die Frauen wirklich?
  5. Bilden diese Eigenschaften den Geschlechtscharakter des Weibes?

1) Beschäftigen wir uns zuvörderst mit denjenigen Eigenschaften, welche die Frauen einem "on dit" zufolge haben sollen.

Wenn wir uns die Urtheile und Aussprüche vergegenwärtigen, die von Dichtern und Prosaikern, von Narren und Weisen, von Dummköpfen und erhabenen Denkern, von den ältesten Zeiten bis zum heutigen Tage über Frauen gefällt worden sind und gefällt werden, so können wir uns eines tiefen Staunens nicht erwehren, eines Staunens über die unfaßlichen Widersprüche, die uns allerorten entgegentreten und verwirren.

Nach allen diesen Auslassungen erscheint das Weib als ein Potpourri der allerentgegengesetztesten Eigenschaften, als ein Kaleidoscop, das, je nachdem man es schüttelt, jede beliebige Charakternüance in Form und Farbe zu Tage fördert. Der Grundstoff dieser weiblichen Seelen scheint nach dem Dafürhalten der kritisirenden Menge ein chaotischer Nebel, aus dem willkürlich der Schöpfermund des Mannes jeder von ihm beliebten Eigenschaft sein "Werde" zuruft.

Wenn eine statistische Controlle darüber zu führen wäre, wie oft z. B. einerseits die Frau als sanftes, keusches, schüchternes Wesen gepriesen, und andrerseits als zanksüchtig, impertinent und in Sinnlichkeit befangen getadelt worden ist, so würden sich diese entgegengesetzten Urtheile der Zahl nach wahrscheinlich die Waage halten.

Das Weib ziehe den Mann in eine niedere Sphäre des Lebens herab – heißt es hier – und dort: sie umschwebe mit poetischem Hauch den häuslichen Heerd und den Gatten. Hier plaidirt eine Gruppe rechtschaffener Männer dafür, daß die Frau nur für die körperliche Nachwelt geschaffen sei, eine Anschauung, aus der man folgern sollte, daß das mit einer robusten Körperlichkeit ausgestattete Weib die Incarnation des Frauenthums darstelle. Dagegen aber protestiren alle jene Herren poetischen Kalibers, die uns die wahre Frau als ein äthergleiches Wesen schildern, das sie am liebsten mit Mondstrahlen, Aeolsharfen, Musik, Blüthenstaub, Lilienblättern u.s.w. vergleichen. Der einen Partei scheint das passendste Lokal zur Conservirung echter Weiblichkeit – ein Piedestal, der andern – Küche und Kinderstube. Wie also und was, meine Herren, lebendige und verstorbene, sind die Frauen nach Ihrer Meinung?

Sie sind Sphynxe, Undinen, Märchen, Räthsel, Mysterien.

Sie sind flach, trivial, hausbacken.

Sie sind Elfen, Feen, Pucks, Engel.

Sie sind Drachen, böse Sieben, Xantippen, Dämonen, Vampyre.

Sie sind schüchtern, sanft, zart.

Sie sind dreist, geschwätzig, klatschsüchtig.

Sie sind harmlos, einfach, sinnig, naiv.

Sie sind von raffinirter Berechnung, listig, intrigant.

Sie sind keusch, sparsam, schamhaft.

Sie sind leichtfertig, putzsüchtig, üppig.

Diese Blumenlese von Widersprüchen könnte leicht bis in’s Unendliche fortgeführt werden.

Wie die Meinungen über die Frauen entstehen und was sie bedingt, darüber gibt uns ein französischer Schriftsteller einen Fingerzeig, indem er uns folgende kleine Rede hält: "Einer meiner Freunde", so erzählt er, "berauscht vom Duft der ersten Jugendblüthe, hatte in seinem Debütanten-Enthusiasmus folgenden Gedanken, dessen geringster Fehler der Mangel an Neuheit ist, niedergeschrieben: ‚Niemals wird man von den Frauen so viel Gutes sagen können, als sie verdienen.’" – Der Gedanke eines glücklichen Mannes.

Einige Jahre später hatte dieser originelle Denker Grund, oder glaubte ihn zu haben, sich über die Frauen zu beklagen. Voll Zorn strich er ein Wort seines Satzes aus, ersetzte es durch ein anderes und die Fassung seiner Sentenz lautete: "Niemals wird man von den Frauen so viel Böses sagen können, als sie verdienen." – Der Gedanke eines unglücklichen Mannes.

Viel später, als seine Seele alle die Stadien, die im Leben der meisten Männer unausbleiblich sind, durchlaufen hatte, nahm er seinen Satz wieder auf, um abermals einige Worte auszulöschen und andere hinzuzufügen, und sein Gedanke erhielt folgende Prägung: "Man wird niemals von den Frauen so viel Gutes und so viel Schlechtes sagen können, als sie verdienen."

Die Männer, indem sie von den Eigenschaften der Frauen sprechen, haben gewiß alle Recht. Ganz gewiß gibt es Frauen, die nur für die körperliche Nachwelt da sind, es gibt geschwätzige, sanfte, intrigante, blutgierige, grausame Weiber, es gibt unter den Frauen: Aeolsharfen, Engel, Teufel, Sphynxe, Tugendspiegel und Drachen. Unsere männlichen Psychologen begehen nur den Irrthum, daß sie entweder individuelle Eigenschaften, wie sie ihnen an den einzelnen Exemplaren ihrer weiblichen Bekanntschaften aufgefallen sind, für den Geschlechtscharakter des Weibes halten, oder daß sie wenigstens den Charakter einzelner Frauenklassen auf das ganze Geschlecht übertragen.

In der That unterscheiden sich die Frauen in gewissen Grundzügen ihres Charakters, gerade wie die Männer, je nach ihrer Lebenslage, ihrer Klasse und ihrer Erziehung.

Eigenthümlichkeiten aber, die einer speziellen Lage ihren Ursprung verdanken, bilden mitnichten den weiblichen Geschlechtscharakter.

Wenn man Neigung zum Dulden, Sanftmuth, Passivität, Unterwürfigkeit, Gehorsam und ähnliche Charakterzüge als weibliche Eigenart bezeichnet, so schreibt sich diese Charakteristik möglicherweise aus dem barbarischen Mittelalter her, wo allerdings die Frau dieser Eigenschaften zu ihrer Existenz bedurfte; denn in den Zeiten, als das Faustrecht herrschte, hatte die Frau, die nicht zu Kreuze kroch, die angenehme Aussicht, ersäuft, gestäupt, zu Boden geschlagen oder in Burgverließen zu Tode gehungert zu werden. Wenn mir einer sagte: Gehorche oder ich breche dir das Genick! o wie geschwind würde ich gehorchen.

Wenn die Frau, und wäre sie die verwegenste ihres Geschlechtes in ihrer Rebellion gegen den Mann, einige Male seine schwere Hand gefühlt hat, so bleibt ihr nur eine Wahl: Märtyrer- oder Duckmäuserthum. Das Dienstmädchen, das in großen Städten von früher Jugend an in der Welt herumgestoßen ward, und zwischen Ostern und Michaeli in steter Wanderschaft von einer Herrschaft zur anderen begriffen ist, hat seinen Charakter im Strom der Welt gebildet und ist meist höchst impertinent, dreist und anspruchsvoll. Schüchterne und sanfte Köchinnen sind so selten wie schüchterne Lieutenants. Dagegen besteht der Geschlechtscharakter eines Mädchens aus dem Bürgerstande (in Deutschland) allerdings, wie es die herkömmliche conventionelle Erziehung mit sich bringt, vorzugsweise in Schüchternheit, Unbeholfenheit, Zurückhaltung und Passivität.

Das Salonleben producirt träge, intrigante, graciöse, putzsüchtige und nervöse Individuen, die "demi monde" üppige, herzlose, verschwenderische und raffinirte Exemplare der Weiblichkeit. –

Dieser Einfluß der socialen Stellung der Frau auf ihre Charakterbildung wird meistens ignorirt und man führt die Art und Weise ihres Denkens, Handelns und Fühlens auf einen angebornen Geschlechtscharakter zurück.

So sagt z. B. ein Schriftsteller (wenn ich nicht irre, Klemm in seiner "Geschichte der Frauen") "Auch beim Selbstmord zeigt sich der Unterschied der Geschlechter. Die Männer gebrauchten zu allen Zeiten vornehmlich ihre Waffen, Schwert, Dolch; sie erstechen sich, schneiden sich die Gurgel ab und nach Erfindung des Pulvers die Feuerwaffe. Die Frauen dagegen hängen sich auf oder springen in’s Wasser."

Der Schriftsteller sieht in diesen verschiedenen Formen der Selbstmorde ein Hervorbrechen männlicher und weiblicher Eigenart.

Dagegen steigt in meiner Seele ein kühner Gedanke auf. Sollte es nicht einige Berechtigung haben, die von den Männern vorzugsweise gewählten Todesarten auf den Umstand zurückzuführen, daß dieses Geschlecht von jeher in der Führung der Waffen geübt ward und Waffen besitzt, während das sich ersäufende und sich hängende Geschlecht der Frauen mit der Handhabung dieser Mordinstrumente nicht vertraut ist?

Wir haben gehört, welchen Charakter die Frauen nach der Meinung der Männer besitzen, das heißt, wir haben in Erfahrung gebracht, daß, wo es sich um weibliche Eigenschaften handelt, die Männer ein unentwirrbares Knäuel widerspruchsvoller Meinungen produciren.

Ganz anders aber verhalten sie sich, wenn sie von denjenigen Eigenschaften sprechen, die Frauen haben sollen und haben müßten, und die, ihrer Meinung nach, den von der Natur gewollten Frauen-Typus veranschaulichen. Hier begegnen wir einer überraschenden Uebereinstimmung der Männer aller Zeiten, aller Völker, Klassen und Stände.

2) Die Frau soll sein nach dem Verdikt der Männer: Sanft, liebevoll, weich, fügsam, bescheiden, receptiv, passiv, keusch, sittsam, aufopferungsvoll, schüchtern, unschuldig u.s.w.

Die Männer sind, wie wir gesehen haben, weit entfernt zu behaupten, daß die Frauen diese Eigenschaften besitzen.

Die Wirklichkeit ist zu handgreiflich, um sie wegzuleugnen, und am Ende lassen sich doch alle energischen, heftigen, selbstständigen, leidenschaftlichen, klugen Frauen nicht ohne weiteres unserm Gesichtskreis entrücken.

Was bestimmt nun also die Männer, jene angeführten Eigenschaften, die ihrer empirischen Wahrnehmung nicht entsprechen, für den eigentlichen Charakter des Weibes zu halten?

Am nächsten liegt folgender Gedanke: Weil diese Eigenschaften ihnen am meisten an den Frauen gefallen, darum möchten sie dieselben als universelle Eigenschaften des ganzen Geschlechts anerkannt wissen.

Kein Gedanke, keine Annahme ist falscher als diese.

Der naivste der Männer blicke um sich! Er blicke empor zur Höhe der Gesellschaft, er blicke hinab in ihre Tiefe und versuche, offenen Auges selbst zu schauen. Sind es wirklich die bescheidenen, weichen, fügsamen, passiven, schüchternen, aufopferungsvollen, unschuldigen, weiblichen Individuen, die von jeher die Herzen der Männer am ehesten gewonnen haben und noch heut gewinnen?

Nein – es sind die koketten, die pikanten und amüsanten, die leidenschaftlichen, dreisten und entgegenkommenden, die lustigen, die parfümirten und intriganten Frauen. Die stärkste Waffe der Frauen, den Männern gegenüber, ist die Zunge. Selbst Schönheit steht in zweiter Linie. Spricht die Frau Bosheit, so findet der Mann sie pikant, plaudert sie triviales Zeug, so erscheint sie ihm gemüthlich und behaglich; spricht sie Dummheiten so ist sie naiv, Heftigkeit nennt er Temperament. (Das alles natürlich nur so lange sie jung ist.) Ja, ich glaube, der Wahrheit nicht zu nahe zu treten, wenn ich sage, daß im allgemeinen die Frauen in dem Maße den Männern mehr gefallen, als sie weniger mit den sogenannten weiblichen Eigenschaften ausgestattet sind.

Ich will aber widerrufen und mich sofort bekehren von dem Augenblicke an, wo ich gewahr werde, daß in unsern Gesellschaften, auf unsern Bällen und in Familienkreisen die Herrenwelt sich um die einfachen, bescheidenen, zurückhaltenden, passiven, schlicht gekleideten jungen Mädchen drängt, während die koketten, medisanten, pikanten, leidenschaftlichen, eleganten, dreisten jungen Damen verlassen in den Ecken umherstehen. Bis jetzt bin ich stets Zeuge vom Gegentheil gewesen. Oftmals kommen Fälle vor, wo sich die Männer sogar ihrer Vorliebe für unwissende Frauen und für solche, die zäh an der weiblichen Sphäre kleben, entäußern.

Unwissenheit gilt im allgemeinen für einen Reiz des weiblichen Geschlechts. "Wenn sich die Frauen," sagt unter anderen Bogumil Goltz, "durch Literatur, durch populäre Naturwissenschaften und allerlei andere Schulkünste den göttlichen Instinkt beirren (d.h. wenn sie etwas lernen) so wird die Corruption der menschlichen Geschichte vollzählig sein. (S. 4. Naturgeschichte der Frauen.)

Nun denken Sie sich, Sie sehr berühmter Herr G., oder Sie ebenso berühmter Herr S., Sie träfen mit einem schönen, jungen Mädchen zusammen und fragten sie: "Mein Fräulein, wie hat Ihnen mein neuster Roman gefallen?"

Und das Fräulein sähe Sie groß an und lieblich verwirrt, und wüßte nichts, absolut nichts von Ihnen und Ihren Romanen. Würden Sie ihr eine solche Tiefe reizender Unwissenheit nicht mit einem mitleidigen Achselzucken oder gar verächtlichen Kopfschütteln lohnen? Würden Sie nicht?

Oder stellen Sie sich vor, Sie wären ein politischer Verbrecher und zum Tode verurtheilt. Wenn aber Ihre Gattin, die holde, zarte, die Energie besäße, sich beim Könige eine Audienz zu erzwingen, so ginge der bittere Kelch an Ihnen vorüber. Aber ach, sie ist ein Weib, behaftet mit jener holden Schwäche, die Sie stets als unwiderstehlich an ihr gepriesen, als ihre größte Stärke und ihren höchsten Reiz, und um dieser weiblichen Tugend willen müssen Sie in’s Gras beißen, vielleicht mit einem Fluchwort für sie auf den Lippen und einem Widerruf Ihrer Loblieder auf die Schwäche des Weibes, was aber nichts an der Sache ändern würde.

Oder denken Sie sich, Sie lägen im Grabe und hätten auf Erden sieben Kinder und kein Geld hinterlassen. Und denken Sie sich, Ihrer Wittwe würde eine Stellung angeboten, die das Loos der Kinder sicherte, sie selbst aber in directe Berührung mit dem Publikum brächte (als Sängerin etwa, oder als Vorsteherin eines großen Geschäfts). Ihre einstige Gattin aber, durchdrungen von dem Princip ihres weiblichen Berufs, und des Geschmackes ihres Seligen eingedenk, zöge das Verbleiben innerhalb der weiblichen Sphäre mit sieben verhungernden Kindern dem Heraustreten aus dieser Sphäre mit sieben wohlgenährten Kindern vor! Ob Sie, Herr Verstorbener, wenn Sie wüßten, was da oben geschieht, sich nicht noch im Grabe umdrehen würden vor Zorn über eine so kostspielige Conservirung der zarten weiblichen Würde Ihrer Wittwe!

Muth und Kühnheit wird als eine specifisch männliche Eigenschaft gepriesen, Furchtsamkeit gehört zu den Attributen der Weiblichkeit. So müßten folgerichtig die furchtsamen Frauen den Männern besser gefallen, als die muthigen. Ist dem so?

Ich stelle Ihnen zwei Damen vor, meine Herren. Welche gefällt Ihnen besser (natürlich angenommen, daß beide gleich hübsch und gleich jung sind) diejenige, die z. B. auf einer Gebirgsreise entschlossen, elastischen Schrittes Ihnen zur Seite schreitet, muthig, unermüdlich, der Abgründe und der Steilheit nicht achtend, oder diejenige, die auf einem Eselchen hinterherreitet, und bei jedem kleinen Stolperversuch ihres Grauchens verzweiflungsvoll aufquitscht?

Gegen eine kühne Amazone zu Pferde tragen nur etwa diejenigen Männer Groll im Herzen, die selber des Reitens unkundig sind, oder in einzelnen Fällen derjenige Mann, der als Gatte der Dame das Reitpferd nebst Zubehör zu leisten hat. Alle andern pflegen sie zu bewundern.

Kommt Zeit und Gelegenheit, wo ein thatkräftiges Eingreifen der Frau, wo ihr Muth, ihre Entschlossenheit, ihr scharfer Verstand ihnen, den Männern, Vortheil zu bringen verspricht, so tadeln sie den Mangel dieser Eigenschaften ebenso bitter, als sie ihn vorher enthusiastisch lobten.

Niemals können Eigenschaften, die man im Allgemeinen für menschliche Schwächen hält, wie Furchtsamkeit, Mangel an That- und Denkkraft u.s.w. Vorzüge des weiblichen Geschlechts sein.

Die zurückhaltende, bescheidene, schüchterne und einfache Frau muß schon viel Schönheit oder viel Geld in die Waageschale zu legen haben, um ihre weiblichen Tugenden zu neutralisiren und den "Mann" zu bewegen, ihr Herz und Hand anzubieten.

Ein bescheidenes, häusliches, passives, anspruchsloses Mädchen gefällt schon um dessentwillen den Männern nicht allzu sehr, weil sie ihrer Eitelkeit nicht schmeichelt, und Eitelkeit und Ehrgeiz sind bei den Männern die Haupttriebfedern der Liebe. Darum werden Prinzessinnen, Tänzerinnen, Schauspielerinnen u.s.w. so viel geliebt. Welch ein Triumph, ein Weib erobert zu haben, das von aller Welt bewundert und begehrt wird.

Das stille Veilchen, die sanfte Taube, das harmlose Gänseblümchen, das niedliche Vergissmeinnicht, nach ihnen ist auf dem Markte des Lebens wenig Nachfrage, denn der Mann lebt und liebt nicht gern ruhmlos.

Manche arme junge Frau zwingt sich zur Koketterie, um die Gleichgültigkeit des Gatten zu erschüttern. Die Kokette ist stets sicher, eine Anzahl von Anbetern anzulocken, und der Beifall, den eine Frau findet, die Bewunderung, die sie erregt, ist dem Manne der Maßstab ihres Werthes. "La femme," sagt eine vielerfahrne Französin, "se perd par la sensibilité, elle se sauve par la coquetterie." Ich kannte einen Mann, der eine häßliche Frau liebte, aber er umgab diese Liebe mit dem Schleier des tiefsten Geheimnisses, weil er ohne weiteres annahm, daß ihn die Enthüllung seiner Neigung wie eine Lächerlichkeit treffen müßte.

Dieser Zug unbändiger Eitelkeit der Männer auf dem Gebiet der Liebe geht durch fast alle Völker und findet seinen rohsten und brutalsten Ausdruck, seine greulichste Carricatur in einem Volksstamme Ostafrika’s, daß die Männer dort die Frauen nur auf ein Certifikat ihrer Schwangerschaft hin lieben. "Nach Dir haben schon andere verlangt" u.s.w. "Du musst also begehrenwerth sein."

Thackeray, der große Menschenkenner, meint freilich, die sanfte, lächelnde, kunstlose, zarte, kleine Hausgöttin sei es, welche die Männer zu verehren und zu bewundern geneigt seien. Das sagt der Mann Thackeray, ganz anders spricht der Schriftsteller. Das Ideal, das er bei seinem Ausspruch im Sinne hat, ist die Amalie, die jeder aus seinem "Markt des Lebens" kennt. Diese Amalie, sein Ideal der Weiblichkeit, wird aber von Niemand geliebt, als von dem allerdings trefflichen, aber blöden und etwas ungeschlachten Major Dobbin, und auch dieser fühlt sich zuletzt über Amalie enttäuscht. Der eigene, von ihr angebetete Gatte verläßt sie, nachdem er kaum 14 Tage mit ihr vermählt gewesen, um der herzlosen und koketten Rebecca willen. Rebecca, der Personifikation des gemeinen, raffinirten, heuchlerischen Weibes, ihr liegt alles zu Füßen. Thackeray ist ein zu feiner Beobachter, um der Wirkung des menschlichen Wesens auf dem Markt des Lebens nicht gerecht zu werden.

Ein witziger Franzose sagt einmal, ihm wäre, als stände über der Thür einer strengtugendhaften Frau die Inschrift zu Dante’s Hölle: "Voi che entrate, lasciate ogui speranza." Solche Blasphemien würden deutsche Männer allerdings niemals aussprechen, im Gegentheil, sie bewundern stets an den Frauen pflichtschuldigst die Tugend, freilich vorzugsweise schriftlich und gedruckt; die Triumphe aber, die eine Frau im geselligen Leben und in den Herzen der Männer feiert, pflegen in einem intimeren Zusammenhang mit der Abnahme als mit der Zunahme ihrer Tugenden zu stehen.

Was wollen die Männer überhaupt von den Frauen? mit welchen Ansprüchen treten sie in der Gesellschaft an sie heran? (abgesehen von der eigentlichen Liebe, die sich ja immer nur auf ein einziges weibliches Wesen beziehen kann und bei verheiratheten Männern also gar nicht in Betracht kommen dürfte.) Augenscheinlich nur zweierlei: Entweder sich erfreuen des Neigens von Herzen zu Herzen oder sich von den Frauen amüsiren lassen.

Diese Ansprüche der Männer an die Frauen haben nun sehr geringe Aussicht auf Befriedigung bei demjenigen Theil der Frauenwelt, der mit den sogenannten weiblichen Eigenschaften behaftet ist. Eine einfache, bescheidene, häusliche, zurückhaltende Frau ist selten amüsant, und eine solche kleine passive Hausgöttin pflegt, wenn sie in den Hafen der Ehe eingelaufen ist, das Bild des Gatten als Schildwache vor ihr Herz zu stellen, das jedem Interesse, jeder Bewunderung für andre Männer als Contrebande den Eingang wehrt. Von diesem Gesichtspunkte aus erscheint der Ausspruch des Franzosen minder frivol.

Von irgend einem ernsten Austausch der Gedanken, von gemeinsamen Interessen an Kunst, Wissenschaft und Literatur, von einer gegenseitigen Förderung auf irgend einem intellektuellen oder materiellen Gebiet ist bei der jetzigen socialen Lage der Frau entweder gar nicht oder nur ausnahmsweise (wenigstens in Deutschland) die Rede. Und ganz diesen thatsächlichen Zuständen gemäß, habe ich verschiedentlich aussprechen hören, daß Frauen, die jenseits der Grenze der Jugend und Schönheit angelangt sind, überhaupt gar nicht mehr in die Gesellschaft gehören, es sei denn als Hüterin der Tochter oder Repräsentantin bei der Tafel. In Italien machte mir einmal ein Künstler die vertrauliche Mittheilung, daß ihm der Anblick älterer Damen in diesem Lande fatal sei, ältere Frauen gehörten nicht nach Italien. Ob er die Eingebornen als Ausnahme toleriren wolle, darüber ließ er mich im Unklaren. Ein ander Mal erzählte mir ein gescheuter, ernster Mann von einem tiefsinnigen, das Gebiet des Uebersinnlichen berührenden Gespräch, das er mit einer ihres originellen Geistes wegen berühmten Damen gehabt (keine Deutsche). "Das muß eine wundersam interessante Unterhaltung gewesen sein," warf ich als Gemeinplatz hin.

"Wie so interessant?" lautete die Antwort des Herrn. "Ich bitte Sie, die Gräfin M. ist eine alte Schachtel, 50 Jahre mindestens."

Diese Anschauungsweise ist vollkommen männlich und durchaus allgemein, obgleich es bisweilen vorkommt, daß hoher Rang, großer Reichthum oder pikante Bosheit einer Frau auch noch über das canonische Alter hinaus Berücksichtigung verschaffen.

Diese Anschauungsweise findet ihren consequentesten Ausdruck in dem Ausspruch Schopenhauers: "Das alte Weib ist ein Abscheu," eine cynische Raserei, die im Weibe den Menschen mit Füßen tritt und das Geschlecht nur so lange in ihr achtet, als sich der Mann Genuß oder Vortheil davon verspricht.

Natürlich gibt es nun auch unter den Männern eine große Anzahl von Individuen, die sich dem perversen Geschmacke der Mehrzahl nicht anschließen, besonders wenn sie unter den vielbegehrten und umworbenen Schönen keine gefunden haben, die bereit gewesen wäre, die Werthschätzung, von der diese Herren für ihre eigene Person durchdrungen sind, zu theilen. Wie garstiges Aeußere ein Schutz der Tugend für Frauen ist, so sind auch oft Ungeschick, Unbedeutendheit, ein Stockschnupfen, stupide Gelehrsamkeit und ähnliche Eigenschaften Schutzmittel des Mannes gegen jenen verderblichen Hang, den glänzenden weiblichen Sternen des Salons zu huldigen. Daß auch vielfach Fälle vorkommen, wo edle junge Männer eine an Gesinnung und Verständniß ihnen ebenbürtige Lebensgefährtin erstreben, versteht sich von selbst.

Wenn nun aber die Männer, wie wir gesehen haben, nicht vorzugsweise angezogen werden durch solche Eigenschaften, die sie als weiblich preisen, warum in aller Welt behaupten sie denn, die Frauen müßten gerade diese Eigenschaften haben und warum bezeichnen sie dieselben als ihren Geschlechtscharakter?

Mancherlei Gründe lassen sich für ein solches Verhalten anführen. Fassen wir einige der hervorragenden derselben näher in’s Auge.

Erstens ist es die ehrwürdige Alterthümlichkeit der Anschauung von den angeführten weiblichen Eigenschaften, die der Majorität der Menschen imponirt.

Zweitens denken die Männer bei der betreffenden Charakteristik nicht an die Weiber im Allgemeinen, sondern nur an ein Weib – ihre künftige Gattin – für deren häusliche Unterthänigkeit jene Eigenschaften allerdings die sicherste Garantie bieten.

Drittens denken sie, die Eigenschaften, die sie den Frauen absprechen, haben sie selber.

Und viertens ließe sich, wenn auch nicht als Grund, so doch als Entschuldigung ihrer willkürlichen Behauptung anführen, daß sie in ihrer Naivetät und ihrem Tugendstolz wirklich glauben, daß alle Frauen, die ihre Herzen bezwungen, solche Siege nur mit den Waffen der weiblichen Eigenschaften errungen haben.

a. Die ehrwürdige Alterthümlichkeit der Anschauung.

Wenn man des seligen Olim’s Meinung über die Eigenschaften der Frauen wüßte, so würde sie möglicherweise ebenso lauten, wie die Schiller’s oder Jean Paul’s, der Bibel und Heinrich Heine’s. Sie alle stimmen auf diesem Gebiete überein. Daß eine solche Uebereinstimmung auf Wahrheit beruhen müsse, bezweifeln wenige.

Und doch – hat man nicht Sonnen und Sternen seit Jahrtausenden manches nachgesagt, was sich in späteren Zeiten als ein Irrthum erwiesen hat. Sind nicht viele Jahrtausende hingegangen, ehe man die Naturnothwendigkeit der Sklaverei anzuzweifeln wagte? Warum sollte nicht auch das Dogma von den Eigenschaften, die bisher als direkt von Gott bezogene weibliche Attribute gegolten haben, auf einer Verkennung der Natur beruhen, um so mehr, da Vernunft und unsre eigenen Wahrnehmungen mit diesem Dogma nicht übereinstimmen.

Der englische Denker Boyle sagt: "Ich habe mich daran gewöhnt, Ansichten, wie umlaufendes Geld zu beurtheilen: ich sehe viel weniger darauf, wenn ich eine annehme, wessen Inschrift sie trägt, als aus welchem Metall sie gemacht ist; es ist mir einerlei, ob sie vor vielen Jahren oder Jahrhunderten geprägt ist, oder ob sie erst gestern die Münze verlassen hat."

Die theils poetische, theils rohe Ehrfurcht vor dem Alterthum scheint unausrottbar. Das Leben in der Tradition, die Glorification der Phrase, die die Gewohnheit auf den Thron der Welt setzt, ist ein Fluch der Menschheit. Dieser Wortdienst schläfert den menschlichen Verstand ein, bis er nichts mehr vermag über Leichtgläubigkeit, Trägheit und Stumpfheit, er höhlt ihn aus, bis er aufhört, todte Worte von lebendigen Gedanken zu unterscheiden und ein schwadronirender Hanswurst ihm ebenso viel oder mehr gilt als der wahre Denker.

Erworbene falsche Vorstellungen, Vorurtheile, wenn sie Jahrhunderte oder gar Jahrtausende überdauert haben, versteinern gleichsam und werden dann von den Menschen Gesetzen gleich geachtet, die Gott selber auf eherne Tafeln geschrieben. Und doch ist diese scheinbar so unauslöschliche Schrift oft nichts als eine poetische Fiktion aus den Kindheitstagen der Völker. Sie erlischt vor dem Hauch eines kühnen Wortes, sie wird Staub vor dem Lichtschimmer eines wirklichen Gedankens.

Glauben aber sollen wir nimmermehr an Dinge, (und sollte dieser Glauben auf einer sogenannten Ewigkeit fußen) die zu einem Mittel der Unterdrückung werden können. Der Glaube aber an die angeführten weiblichen Eigenschaften bietet ein solches Mittel dar.

Wer der Denk-, That- und Willenskraft bis zu einem gewissen Grade entbehrt, wer nach Gottes Rathschluß als ein unselbständiges Geschöpf geschaffen ward, der bedarf der Leitung und Bevormundung – lebenslang. Die Consequenz ist klar und einfach.

Sonderbarerweise wünschen die Männer dem vereinzelten weiblichen Exemplar, mit dem das Verhängniß sie auf dem Wege der Verheirathung zusammenführt, eine ganz andere Beschaffenheit als der übrigen Frauenwelt.

Und doch auch eigentlich nicht sonderbar, denn die Motive dieser Inconsequenz sind unschwer zu durchschauen, sie liegen zu Tage.

Die Reflexion, der Verstand, oder sagen wir einfacher und richtiger, der Egoismus spricht zu dem Manne. Die Frau, die an Deinem Heerde lebt, darf nicht allzu klug sein, der Verstand muß bei ihr unter der Herrschaft des Gefühls stehen, sie muß sein: passiv, receptiv, naiv. In keinem Falle darf sie klüger sein als Du. (Glücklicherweise hat die Vorsehung es so eingerichtet, daß die Männer selten die geistige Superiorität ihrer Frauen, wenn solche vorhanden ist, gewahr werden, sonst würde es noch mehr unglückliche Ehen geben, als es ohnedies schon gibt.) Jeder echte Mann schaudert bei der Vorstellung, daß seine Frau klüger sein könnte, als er. Eine solche Situation scheint ihm eine durchaus lächerliche und er sieht sich dabei im Lichte des unschuldigen Opfers einer Abnormität, einer Naturverwirrung. Ist er, der Gatte, auch als Mann etwas dummerlich, er tröstet sich damit, daß er wenigstens ein Mann ist, und als solcher ein Riese an Intelligenz diesen Frauen gegenüber.

Zwar möchte er gern kluge Söhne haben. Als Vater aber denkt er: Die Söhne werden schon Deine geistige Superiorität erben und die Töchter die stille Art der Mutter. Die Natur läßt sich aber von den Männern keine Lexionen geben und der Sohn des klügsten Vaters erbt oft die Eigenschaft, die dem Vater an der Mutter so schätzenswerth war: die Dummheit. Ein ideales Weib, sagt der Mann, ist für mich dasjenige, das mich Carl Müller oder Wilhelm Schulz anbetet, ohne sich über die Gründe dieser Verehrung Rechenschaft zu geben; denn er ahnt, daß diese Anbetung nur da sicher von Statten gehen wird, wo keine kritische Ader die Milch frommer Denkungsart in der Frauenseele vergiftet hat, wo keine Faser ihres Gehirns angekränkelt ist vom Geiste der Skepsis.

Eine Frau, die eigener Gedanken mächtig ist, raunt ihm eine innere Stimme zu, könnte eines Tages dahinter kommen, daß dein immenser Geist nichts ist, als hohler Schematismus und wohlfeile Gelehrsamkeit, oder daß Dein literarischer Ruhm ein Kind der Reklame ist, oder daß Deine männliche Energie und Dein zuverlässiger Charakter als Politiker vor dem Stirnrunzeln eines Ministers leicht in ein freundliches Katzenbuckeln umschlägt. Nur der dürftige Frauenverstand nimmt den geschliffenen Glasstein für einen Diamanten, Tombach für echtes Gold. Und darum ein Hoch den simplen, naiven und gefühlsseligen Frauen, ein Pereat den kritischen Weibern!

In seiner "Naturgeschichte der Frauen" (S. 291) bekennt Bogumil Goltz ganz naiv: "Die Schriftstellerinnen sind schon um deswillen unerträglich, weil sie zu viel Selbstgefühl haben, weil sie die Schwächen des Mannes durchblicken."

Die Frau sei fügsam und nachgiebig, damit das Gehorchen in der Ehe, was doch ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit ist, nicht auf Hindernisse stoße, und die Autorität des Mannes nicht gefährdet werde.

Die Frau sei bescheiden, einfach und anspruchslos, damit sie mit dem Loose, das der Mann ihr bereitet, sich gern bescheide und nicht einer ungemessenen Sehnsucht nach Sammet und Seide, nach Equipagen und Silbergeschirr, nach vornehmen Visitenkarten, Theaterlogen und Reitpferden sich hingebe, oder gar auf den absurden Einfall gerathe, einen Theil ihres Vermögens, dessen Verfügung dem Manne allein zusteht, für ihre menus plaisirs in Anspruch nehmen zu wollen.

Die Frau sei häuslich, das heißt, sie gehe auf in Mann und Kind, in Küche und Speisekammer. Heine läßt einmal einen Nützlichkeitsapostel den tiefsinnigen Ausspruch thun, die Bäume seien grün, weil grün gut für die Augen sei. So scheint es, denken die Männer im Allgemeinen, die Frauen seien expreß von der Vorsehung zum Kochen bestimmt, damit sie, die Herren der Schöpfung, gut zu essen bekommen.

Da nun die Männer aus der Häuslichkeit, Stille und Einfachheit aller derjenigen Frauen, die nicht das Glück haben, ihre Frau zu sein, nicht nur keinen Vortheil ziehen, sondern im Gegentheil, bei dieser universell gedachten Beschaffenheit des weiblichen Geschlechts Gefahr liefen, bei geselligen Zusammenkünften vor Langerweile von den Stühlen zu fallen, so erlauben sie sich, außerhalb der Ehe, alle diejenigen Frauen, die sich durch den Mangel der angeführten Eigenschaften auszeichnen, vorzuziehen.

Die Frau soll sein schüchtern und zurückhaltend. Die Türkin muß verschleiert einhergehn, damit kein andrer Mann als der Gatte ihr Angesicht erblicke. Der civilisirte Europäer verlangt, daß sie wenigstens ihre Seele verschleiere und diese eine terra incognita bleibe für jedes männliche Auge, das des Gatten abgerechnet. Und so diskret sind zum Theil diese Ehemänner, daß sie oft nicht einmal von ihrem eigenen Recht, ihren Gattinnen auf den Grund der Seele zu blicken, Gebrauch machen. Auch soll die Gattin um deswillen schüchtern und zurückhaltend sein, weil diese Eigenschaften eine Schutzwehr der Tugend bilden: wissen doch die Männer aus Erfahrung, daß sie auf ihren Eroberungszügen in der Frauenwelt die Tugend der kleinen Blumen, die in Küchen, Speisekammern und Kinderstuben still dahinblühen, gerne schonen.

Besitzt nun aber Frau Schulz oder Frau Müller alle die genannten weiblichen Eigenschaften, die ihre Gatten als so begehrenswerth preisen und als das wesentliche Erforderniß einer glücklichen Ehe, - werden um dessentwillen Herr Schulz und Müller ihren gehorsamen Hausfrauen mehr Treue und Liebe bewahren, als wenn sie dieser Eigenschaften ledig wären?

Schwerlich. Der Verstand, der Egoismus des Mannes hat gut reflectiren. Sein Geschmack und seine sinnliche Natur geht meistens mit seiner Reflexion durch, und im allgemeinen wird er wahrscheinlich auch als Gatte mehr Treue und Liebe aufbringen für das capriciöse Weltkind, die kokette, muntere Salondame, die kecke Amazone, als für das stille, harmlose, bescheidene Frauchen, das in stillen Winkeln für ihn schmort, backt, wäscht und flickt.

Uebrigens ließe sich auch annehmen, daß dem Verlangen der Männer, in ihren Gattinnen eine solide Composition der vielgerühmten weiblichen Eigenschaften zu besitzen, eine gewisse heimliche Bescheidenheit zu Grunde liege, ein unwillkürliches Zugeständniß ihrer schwachen und sündhaften Natur. Dieser Gatte ahnt vielleicht, daß er sich einiger Excentricitäten in der Ehe schuldig machen wird. Die Verführung ist so groß für einen Mann, man hat Blut, Temperament – und wenn er Lust hat, in die Netze einer Circe zu gerathen, soll ihn das Argusauge einer klugen, aktionsfähigen Frau nicht belästigen. Will er einmal – man ist kein Philister – in die Unterwelt eines geheimnißvollen Kellers schlüpfen, so soll die Frau nicht als Cerberus ihm den Eingang wehren.

Eine Frau an seiner Seite, mit Willen, Energie und scharfem Verstande ausgestattet, müßte ihm ja wie ein zweites Gewissen gegenüber stehen. Er will eine Frau, nicht einen Richter – Gott, man hat an seinem eignen Gewissen schon genug.

Kurz und gut: Ein Tag und eine Stunde könnten kommen, wo alle Welt ihn als Mensch verdammt und verurtheilt, da will er wenigstens als Gatte noch Autorität üben. Wenn Jedermann ihn in die Kategorie der "Lumpe" verweist, dann will er wenigstens in ihrer Vorstellung fortleben, als Held und Charakter. Wie das indische Gesetzbuch diesen männlichen Gedanken so schön in Worte faßt: "Sollte ein Ehemann auch die eingeführten Gebräuche nicht beobachten, in eine andere Frau verliebt sein oder keine guten Eigenschaften haben, so muß ein tugendhaftes Weib ihn doch immer als einen Gott verehren."

Die thörichten Männer! Sie wissen nicht, daß im allgemeinen ein beschränkter Frauenverstand und eine dürftige Frauenseele selbst geringe Fehler des Mannes schwer verzeihen und lange nachtragen würde, und daß Vergeben und Vergessen viel eher Attribute sind einer hohen Intelligenz und einer starken Seele.

Ich erinnere hier an das so verpönte und doch so tief philosophisch gedachte französische Wort: "tout comprendre est tout pardonner."

Möglicherweise besteht auch ein Zusammenhang zwischen dem Verlangen der Männer nach gehorsamen, sanften Hausfrauen und ihrer Freiheitsliebe. Und diesen Zug begreife ich vollkommen. Sie lieben in diesen stillen Frauenseelen ihre Freiheit. Nur der starke vollbeseelte Mann wird gern eine gleichberechtigte Frau an seiner Seite dulden. Die meisten Männer haben nun aber allen Grund mit ihrem bischen Menschenwürde, Freiheit und Willen haushälterisch umzugehen; hier zwackt ihnen der Staat etwas davon ab, dort die Familie, hier ist es Rücksicht auf die Carriere, dort sind es finanzielle Verhältnisse, die ihrer innern und äußern Selbständigkeit Fallstricke legen, und so mag es geschehen, daß der Mann von der Gleichberechtigung des Weibes nichts wissen will aus Furcht vor der Reducirung seiner Souveränität als Mensch.

c. Die Männer meinen, die Eigenschaften, die sie den Frauen absprechen, haben sie selber.

Wenn der Mann sagt: "Die Frau hat keine Logik", so fragt er zu gleicher Zeit: "Wer hat sie denn?" Natürlich ich. Sie hat keine originelle Kraft, ergo triefe ich von Originalität. "Wie gut", meint er, "daß Gott die Frauen geschaffen hat – als Folie für mich, es würde sonst am Ende Niemand merken, wie produktiv, originell und logisch denkkräftig ich bin."

Ehrlich und wirklich sind den Männern diejenigen Frauen zuwider, die an Geistes- oder Charaktergröße laboriren. Sie halten diese Größe nämlich für ein Plagiat an sich selber.

Gern aber überlassen sie dem weiblichen Geschlecht alle diejenigen Tugenden, von denen sie sich keinen Profit versprechen, Sanftmuth, Passivität, Furchtsamkeit, Schüchternheit, Keuschheit, größere moralische Vortrefflichkeit, Naivetät u.s.w., aber alle Eigenschaften, die ihrem eigenen Fortkommen im Leben förderlich sind, behalten sie für sich.

Sie sehen sich wie Schauspieler auf der Bühne des Lebens stehen, und der Director, der liebe Gott, hat sie für das Heldenfach engagirt, für das Thatkräftige, für das Dämonische, Gewaltige und Starkgeistige – den Frauen aber sind die naiven und sentimentalen Fächer zugefallen. Und nun wollen diese Weiber contraktbrüchig ihnen ihre Rollen und ihre Gage verkürzen. Pfeift sie aus, diese Närrinnen, herunter mit ihnen von der Bühne!

d. Eine weitere Erklärung und Entschuldigung zugleich für den Widerspruch der Männer zwischen ihrem wirklichen und ihrem affichirten Geschmack finden wir in ihrer Naivetät.

Des deutschen Mannes ganze Frauenkenntniß beschränkt sich im allgemeinen darauf, anzunehmen, daß Schönheit, Jugend, Anmuth, Munterkeit und pikantes Geplauder hinreichende Gewähr sind für den Besitz aller weiblichen Vorzüge. Ein rosa Hut über einem blonden Lockenköpfchen ist ihm stets eine Aureole der Tugend, und eine graziöse Gestalt der Aufenthalt einer edlen Seele.

Dagegen ist er sehr geneigt, vermagerten alten Jungfern oder corpulenten älteren Frauen den Besitz eines bissigen Charakters und eine gemeine Denkungsart zuzutrauen. Von würdigen, gescheuten Männern habe ich oft genug hübsche, junge Damen als Muster von Unschuld und Herzensgüte preisen hören, die ich als vollkommen corrumpirte Individuen kannte, und die sich nicht einmal besondere Mühe gaben, ihre eigentliche Natur zu maskiren. Mögen die deutschen Männer, wie man es seit 1871 anzunehmen pflegt, die Männer aller andern Nationen an Intelligenz überragen, - in Bezug auf Frauenkenntniß stehen sie denen der übrigen civilisirten Welt nach. Ihre naive Unkenntniß geht so weit, daß, wenn man ihnen dieselben Frauen, die ihnen im wirklichen Leben bezaubernd erscheinen, die pikanten, koketten und etwas leicht gesinnten, gedruckt, etwa in Romanen oder Lustspielen vorführt, ihr Busen von sittlicher Entrüstung schwillt und sie drei Kreuze vor diesen Töchtern Belials machen.

Nach ihrer Meinung unterscheiden sich die deutschen Frauen höchst vortheilhaft von den Frauen aller anderen Nationen, indem sie – ein weibliches Extrageschlecht – fast ausschließlich vom Aether zarter Empfindungen, vom Besorgen gewaschner und ungewaschner Wäsche, von Liebe, Schmoren, Flicken und von Tugendgefühlen leben.

Wenn nicht mitunter die Frauen selbst das Urtheil der Männer über Frauen ein wenig modificirten und corrigirten, so würde die Urtheilslosigkeit der deutschen Männer auf diesem Gebiete eine absolute sein.

Nein, die Beschaffenheit einer Frau, die ihr in den Augen der Männer Reiz verleiht, hat nichts zu thun mit weiblichen oder männlichen Eigenschaften.

In einem als sehr fein belobten Stück eines unsrer beliebtesten dramatischen Dichter erscheint die Heldin allen Männern ihrer Umgebung als ein höchst unweibliches Wesen, als ein Neutrum, so lange sie ein schlechtsitzendes Kleid, glattgescheiteltes Haar und eine Brille trägt. Da kommt ein Tag, an dem sie sich frisiren läßt, eine elegante Robe an- und die Brille ablegt, und siehe da – alle die Männer, die sie bis dahin für ein Neutrum erklärten, verlieben sich auf der Stelle in sie, ohne daß im Wesen, im Reden oder Thun der jungen Dame auch nur die geringste Veränderung vorgegangen wäre.

Selbst sogenannte männliche Eigenschaften schaden nur unter gewissen Voraussetzungen den Frauen in den Augen der Männer.

Ich möchte darauf schwören, kein Mann nimmt Anstoß an dem Muth einer Frau, und wäre es ein Löwenmuth, wenn sie diese Scharte auszuwetzen weiß durch die Wellenlinien einer schönen Gestalt oder durch eine sammtne Haut.

Selbst eiserne Energie trägt kein Mann einem Weibe nach, wenn daneben ein reizendes Lächeln und strahlende Liebesblicke ihren Fond solider Eigenschaften verdecken.

Und ist ihr Verstand scharf wie Lauge oder Stahl, so entgeht diese Naturwidrigkeit dem Scharfsinn des Mannes, wenn andre seiner Sinne durch schöne Schultern und pikante Munterkeit desselben Individuums angenehm afficirt werden.

Nein, die weiblichen Eigenschaften haben Nichts mit dem weiblichen Reiz zu thun. Wären in einem einzigen Weibe alle weiblichen Eigenschaften der Welt vereinigt, Sanftmuth, rührendste Bescheidenheit, orientalische Passivität, anhaltende Aufopferungslust, unvertilgbare Freude am Gehorsam, und hätte sie dazu zwei schielende Augen, was sag ich – nur ein einziges, so wäre sie in den Augen der Männer der Weiblichkeit baar. Gliche sie in ihrem Gemüth einer Griseldis und Desdemona, einem Lamm oder einer Taube, und sie hätte nur einen ganz kleinen, winzigen, unverschuldeten Buckel, so wäre sie in den Augen der Männer kein Weib, sondern ein Neutrum.

Ganz unverfroren sagt ein recht renommirter französischer Schriftsteller E. de Neufoille: "Schönheit ist die Mission des Weibes, unter andern Bedingungen existirt es nicht. Ohne diese kostbare Gabe verschwindet es aus der Welt, wo man liebt." Ich weiß nicht, ob der Gedanke von mir herrührt, oder ob ich ihn irgendwo gelesen habe, daß man abwarten muß, bis eine Frau aufgehört hat, hübsch zu sein, um über ihr Verdienst und ihre Talente urtheilen zu können.

Diesen Gedanken muß ich, selbst wenn ich ihn gefaßt haben sollte, als einseitig und falsch verwerfen.

Richtig ist nur, daß, so lange eine Frau hübsch ist, kein Mann im Stande ist, sie zu beurtheilen; hat sie aber aufgehört, es zu sein, so urtheilen die Männer überhaupt gar nicht mehr über sie, weil es ihnen ungeheuer egal ist, was für Talente oder was für einen Charakter, oder ob sie überhaupt einen Charakter hat, sie müßten denn als Schwiegersöhne oder Gatten persönliche Conflicte mit diesem Charakter auszustehen haben.

4) Welche Eigenschaften haben die Frauen wirklich?

Offenbar diejenigen, die eine nothwendige Folge ihrer socialen Stellung, ihrer Lebensweise, ihrer Erziehung sein werden, alle diejenigen Eigenschaften, welche die natürliche Vertheidigung des Schwachen bilden.

Welches ist ihre sociale Stellung?

Absolute, das ganze Leben währende Abhängigkeit.

Welche Eigenschaften erzeugt in der Regel absolute Abhängigkeit? Heuchelei, List, Verstellung, Lüge, Intrigue, Mangel an Thatkraft. Manche dieser Eigenschaften sind für denjenigen, der in sklavischer Abhängigkeit lebt, was die Hörner für den Büffel sind, was der Stachel für die Biene ist, das nothwendige Mittel zu einer erträglichen Lebensgestaltung. Eine Frau, die nicht zu heucheln gelernt hat, und die das Geschick nicht in eine Umgebung ungewöhnlich edler Menschen versetzt hat, wird fast immer in ihrem Leben kläglich scheitern.

"Die besten Weiber", sagt Thackeray, "sind Heuchlerinnen und dabei meine ich nicht blos die Koketten, sondern unsre Muster von Hausfrauen und Tugendvorbilder ... Eine gute Hausfrau ist nothwendig eine Nasendreherin und Corneliens Gemahl wurde betrogen wie Potiphar, nur in andrer Weise."

Von den Japanern, bei denen der unumschränkteste Absolutismus herrscht, sagt ein bewährter Reisender: "Sie sind wie Kinder von einem tyrannischen Vater artig und sittsam erzogen, sie stehlen nicht, sie naschen nicht, sie beschmutzen ihre Kleider nicht, sie wagen niemals eine Bitte, sind stets zufrieden mit dem, was sie erhalten und geben Fremden artig die Hand; sie sind dem Anschein nach durchaus wohlerzogene Kinder. Sie können kaum etwas Böses thun, denn sie sind stets sorgsam überwacht und wohin sie immer blicken, fällt ihr Auge auf eine Gesetzestafel, welche unabänderlich Tod verkündet. Darum ziehen sie es vor, sich um ihre Kohlenbecken zu setzen, aus kleinen Pfeifen mit Köpfen so groß wie Kinderfingerhütchen Taback zu rauchen, aus kleinen Täßchen Thee zu trinken, in kleinen Büchern ihre Buchstaben zu malen und glücklich und zufrieden auszusehen – es fehlt der freie Wille."

Und an einer andern Stelle: "Die Japaner sind durchgängig hohe Meister in der Kunst der Lüge. Verstellung und Heuchelei sind ihnen zur zweiten Natur geworden."

Ja, Lüge ist das Erbtheil der Frauen. Wahrhaftigkeit wohnt nur in den Seelen freier Menschen. Die Sitte zwängt die Frauen in ein geistiges Modecostüm. Sie muß die einmal acceptirten Attribute ihres Geschlechts zur Schau stellen, ob die Natur sie damit ausgerüstet hat oder nicht. "Scheine," ruft die Gesellschaft ihr zu, "wie du bist, ist gleichgültig". Und so krümmt und verzerrt die Frau, dieser arme moralische Clown, ihre Seele nach Möglichkeit.

Und dieses chronische Heuchlerthum, zu dem die Frauen verdammt sind, das ist die Hieroglyphenschrift des weiblichen Herzens, über die so viel gefabelt worden ist, darauf lassen sich zurückführen alle die dichterischen Anspielungen auf die Sphynxnatur des Weibes. Nein, die Frau ist keine Sphynx, kein Mysterium, keine Hieroglyphe, kein Chamäleon – (wenigstens nicht mehr, als der Mensch es im allgemeinen ist) sie lügt blos und heuchelt, und sie lügt, weil sie lügen muß. Man könnte es auch höflicher ausdrücken und sagen: sie paßt sich den Verhältnissen an, sie arrangirt sich; es arrangirt sich aber niemand, es sei denn auf Kosten der Wahrheit und Menschenwürde.

Und das schlimmste bei diesen landläufigen Lügen ist, daß es nur zu oft in Verlogenheit ausartet. Verlogenheit aber ist ein Seelenzustand, in dem Wahrheit und Dichtung, Kunst und Natur, Aufrichtigkeit und Falschheit so ineinander verwoben sind, daß selbst die Inhaber dieses Zustandes diese Elemente nicht mehr von einander unterscheiden können. Verlogenheit ist ein moralischer Weichselzopf.

Ich bekenne, daß, trotzdem ich mir einige Menschenkenntniß zutraue und einen ausgebreiteten Kreis von weiblichen Bekannten habe, ich mir kaum von einer einzigen Frau aus dem Kreise der gebildeten Gesellschaft zu sagen getraue, daß ich sie kenne, daß ich weiß, wie und was sie denkt und fühlt. Diese Frauen lassen nie in ihre Karten sehen. Sie sind von unglaublicher Diskretion über sich selbst, sie verschleiern stets ihre Seele.

Unter den Frauen aus dem Volke findet man viel eher ab und zu wirkliche Natur und Aufrichtigkeit, hier ist es oft genug auch nur zu gleichgültig, ob sie heucheln oder ob sie wahr sind. Ist der Mann roh, so entgeht sie in keinem Fall seiner Mißhandlung.

Wenn in dem Kampf der Frau zwischen Natur und Convenienz die Natur zu Grunde geht, wie es nur allzu häufig geschieht, so ist das Resultat: die Salonpuppe oder die sentimentale Pagode, die Nachtwandlerin, die schlafend lebt und nur mitunter von einem großen Schicksal geweckt wird, die Marionette, die an Drähten gezogen wird, oder das Weib, als eine Abstraktion von Regeln und Sitten, eine Automatenexistenz. Die Folge der Abhängigkeit und Erziehung der Frauen wird ferner sein bei der Temperamentlosen: Passivität, Liebe zum dolce far niente, Verkümmerung der Verstandesfunktionen. Bei vollblütigen, sanguinischen Naturen aber Intrigue, Leichtfertigkeit, Liebesabenteuer.

Wo Verstand und Phantasie der Frauen keinen genügenden Spielraum, ihre edleren Kräfte keine Anwendung finden, da degradiren sie diese Kräfte, schrauben sie um einige Grad tiefer und Thorheit, Sinnlichkeit und Bosheit nehmen sie in ihre Dienste. Ferner: Die Frauen werden bestrebt sein, diejenigen Eigenschaften zu erwerben (soweit ihre individuelle Natur es zuläßt), die den Männern gefallen, denn von den Männern sind sie abhängig, von ihnen müssen sie geheirathet werden, um ihren Beruf zu erfüllen. Rousseau sagt im fünften Theil seines "Emil": "La femme est faite spécialement pour plaire à l’homme." Wir haben aber gesehen, welche Eigenschaften den Männern am meisten gefallen.

Die Männer meinen, wenn man den Frauen weitere Berufskreise eröffnete, so würde ihnen der Besitz der weiblichen Eigenschaften abhanden kommen, sie würden aufhören, Weiber zu sein. Geben die Herren damit nicht zu, wenn meine Logik mich nicht täuscht, daß die sogenannten weiblichen Eigenschaften keineswegs ihnen ursprüngliche, angeborne Geschlechtsattribute seien, sondern lediglich eine von ihrer Lebensweise und Stellung bedingte und abhängige Eigenart? In der Londoner Pall Mall Gazette von 4. März 1874 heißt es, gelegentlich einer Polemik gegen das Frauen-Stimmrecht: "Turn women into politicians and they become at once violent and passionate." (Macht Frauen zu Politikerinnen und sofort werden sie einen heftigen und leidenschaftlichen Charakter annehmen.) Wohl kann man die Entwickelung von Fähigkeiten und Eigenschaften durch den Mangel geeigneter Thätigkeit unterdrücken. Wie aber ist es möglich, daß sich die Natur eines Menschen dadurch, daß man seinen Kräften freien Spielraum lässt, in Unnatur verkehre?

Freien Spielraum hat der Fisch für die Entfaltung seiner Kräfte, wird er sich deshalb in die Lüfte schwingen? Selbst, wenn er wollte, er kann ja nicht.

Frei ist der Vogel in der Luft, und doch wird sich schwerlich die Ambition seiner bemächtigen, in’s Wasser zu gehen. Ebensowenig wie der Vogel freiwillig in den Käfig, der seine Sphäre nicht ist, kriechen wird, ebenso wenig wird die Frau freiwillig ihren Käfig, die vier Wände ihres Hauses, mit der Welt vertauschen, wenn das Leben im Hause ihr von der Natur bestimmt ist.

Kein organisches Wesen, also auch keine Frau, wird auf die Dauer in einer Sphäre leben können, die seiner Natur entgegen ist.

Und dränge ab und zu ein tollkühnes Weib in eine Region, wo für sie keine Lebensluft mehr ist, so wird das Schicksal des Ikarus sie treffen, zur Warnung für ihre Mitschwestern, ein Schicksal, dem bisweilen auch der Mann verfällt.

Müssen nun die Frauen so sein, wie sie sind, und könnten sie nicht ganz anders sein?

Gewiß, sie könnten es.

Der Einfluß der Erziehung und Lebenslage auf jeden Einzelnen wie auf ganze Gesellschaftsgruppen ist von unermeßlicher Wichtigkeit. Was kann der Mensch nicht aus den Menschen machen – im Guten und im Schlimmen!

Ebenso wie Energie, Freude an der Arbeit, Ehrgeiz, Rohheit und Genußsucht Resultate der männlichen Erziehung sind, so sind Sentimentalität, Furchtsamkeit, Mangel an Denk- und Körperkraft Resultate der weiblichen Lage und Erziehung.

Die Neger, die als Sclaven sich so dumm, tückisch und unzuverlässig erwiesen haben, sie werden nach der völligen Umgestaltung ihrer socialen Stellung und Erziehung auch ihre Gefühls- und Denkweise allmälich umwandeln.

Auch die menschliche Seele ist ein Feld, auf dem man das Unkraut ausjäten und edlen Samen einstreuen muß, damit es gute Früchte trage.

Die Frauen sind nicht oberflächlich und trivial von Natur, sondern die Erziehung behaftet sie mit diesem Makel, indem sie ihnen diejenigen Beschäftigungen, diejenigen Studien und Gebiete der Thätigkeit vorenthält, an denen selbständiges Denken sich entwickelt. Wenn sie Vorurtheile den Gründen der Vernunft vorziehen, so geschieht das in Folge ihrer Erziehung.

Die Frau ist kleinlich, weil die ausschließliche Besorgung der häuslichen Geschäfte ihren Character in’s Kleinliche zersplittert. Der ideale Zug wird ihrem Wesen zumeist fehlen, weil nur in dem kräftigen Ringen nach größeren Zielen oder in dem reinen Streben nach Erkenntniß – beides ist ihr versagt – eine ideale Richtung des Geistes erblüht.

Was scheltet Ihr jene Mädchen, die an nichts Freude haben, als an Bällen, Festen, Putz und Theater?

Haben sie nicht recht? Bieten nicht in der That Tanz, Theater und die Toilettenfrage immer noch mehr Anregung für Geist, Herz und Phantasie als Clavierklimpern, Staub wischen, Tapisserie sticken, Wasser auf Thee gießen und die Ueberwachung des Schlüsselkörbchens? Denn das sind die Beschäftigungen, die jungen Mädchen aus wohlhabenden Familien zufallen.

Was schüttelt Ihr die Köpfe über jene Bosheit destillirenden, Ränke spinnenden, bissigen alten Jungfern?

Wie kommt Ihr dazu, von ihnen liebliche Gefühle, zärtliches Wohlwollen und lächelnde Gesichter zu verlangen, für eine Gesellschaft, die sie schuldlos zu einem unfruchtbaren Elend verdammt, zum Sterben im Leben!

Ihr zuckt mitleidig die Achseln über jene allzugefühlvollen jungen Frauen, die über den Tod ihres kleinen Kindes sich in jahrelanger Trübsal verzehren? Was können sie anders thun? Zucht der Gedanken und Empfindungen hat die Erziehung ihnen vorenthalten und die Gesellschaft hält sie von denjenigen Thätigkeiten zurück, an denen ein krankes Herz sich aufrichten und gesunden kann.

Ich wiederhole am Schluß, was ich am Anfange dieses Aufsatzes gesagt habe: Ich glaube an die seelischen Unterschiede der männlichen und weiblichen Eigenart. Die Feststellung aber, das heißt die wissenschaftliche Begründung dieser Unterschiede geht über die Fassungs- und Erkennnißkraft unsers Zeitalters hinaus, und wer nicht zauberkundig ist, gleich jenen Sonntagskindern, die im Schooß der Erde ihre verborgensten Schätze erblicken, der wird nimmermehr die tiefsten Geheimnisse der Menschenbrust schauen, ehe Wissenschaft, Erfahrung und geläuterte Vernunft sie erschlossen haben. Ueberzeugungen, deren Quellen Glauben und Gefühl sind, mögen subjectiv für den Inhaber derselben entscheidend sein, für die Erkenntniß sind sie werthlos.

Ich weiß, daß Männer, die unsere höchste Achtung und Verehrung erheischen, wie Virchow und andere, meine Meinung nicht theilen, sondern unmittelbar von der körperlichen Organisation der Frau ganz bestimmte Eigenschaften des Charakters ableiten. So spricht es Virchow in seiner Schrift: "Die Zelle und das Weib" entschieden aus, daß als Folge eines bestimmten körperlichen Organs, einer Drüse, das Weib ausgestattet sei mit "Tiefe des Gefühls, der Wahrheit der unmittelbaren Anschauung, Sanftmuth, Hingebung, Treue." Virchow spricht diese Ansicht in der Form eines wissenschaftlichen Resultats aus.

Ehe ich aber einer solchen Ansicht als einer bewiesenen wissenschaftlichen Wahrheit beizupflichten mich entschließen kann, möchte ich fragen, zu welcher Kategorie von Wesen die Anhänger obiger Meinung diejenigen Frauen rechnen, die keiner Tiefe des Gefühls, keine Wahrheit der unmittelbaren Anschauung, keiner Sanftmuth, Hingebung und Treue fähig sind? Frauen, deren Existenz doch nicht abzuleugnen ist. Es müßten entweder diese weiblichen Geschöpfe in die Klasse der Abnormitäten, der Ungeheuer, die gegen den Willen der Natur in’s Dasein getreten sind, verwiesen werden, oder der Beweis, daß eine Drüse des Weibes Ursache und Quelle der angeführten Eigenschaften ist, wäre nicht geführt.

Daß unser Auge zum Sehen bestimmt ist, läßt sich aus seiner Construktion wissenschaftlich, mit mathematischer Gewißheit beweisen. Die Erfahrung bestätigt die Wissenschaft – wir sehen, und nur bei Verletzung oder Störung des Sehapparates tritt Erblindung ein. Wenn nun das weibliche Organ der Frau in voller Gesundheit funktionirt und sie zeigt dennoch keine Spur von Tiefe des Gemüths, Sanftmuth u.s.w., so würde ich das für einen Beweis halten, daß ein absolut nothwendiger Zusammenhang zwischen dieser körperlichen Bildung und den angeführten Eigenschaften nicht vorhanden ist.

Die Unterschiede aber der männlichen und weiblichen Seele mögen sein, welche sie wollen, sie dürfen und sollen die Frauen nicht hindern, nach höchster Vervollkommnung zu ringen. Vervollkommnung aber heißt die schrankenlose Erweiterung der geistigen Erkenntniß und Thätigkeit, und bis zu einem gewissen Grade auch der körperlichen.

Wer aber dieser Vervollkommnung willkürlich eine Grenze setzen will, der vertritt das Princip des Bösen, er gehört zu den culturfeindlichen Elementen der Gesellschaft.

Dieses innere Drängen des Weibes nach Entwickelung ihrer Kräfte ist nicht eine Corruption der Natur, sondern die inbrünstige Sehnsucht, zu ihr zurückzukehren.

Wir suchen noch heut das Ideal des Weibes in einer Richtung, die dem Fortschritt feindlich entgegensteht, und streben darnach, die Dressur zu vervollkommnen.

Idealität aber hat nichts zu schaffen mit einer solchen sittlichen Galvanisirung, sondern sie geht Hand in Hand mit der Natur. Und das ist der Kampf, der sich in der Seele des Weibes vollzieht – der Kampf zwischen Natur und Dressur.

Wer in diesem Kampfe siegen wird?

Nicht die Dressur; denn sie ist das Werk abgestorbener Generationen.

Aus der Zukunft aber, einer fernen vielleicht, wenn der freien Entwickelung des Weibes keine Schranke mehr gesetzt ist, wird ein Geschlecht emporblühen, dessen Herrlichkeit wir heut kaum ahnen, ein Geschlecht voll Schönheit und Grazie, voll Kraft und Intelligenz, denn schließlich bleibt die Natur immer Siegerin, weil sie eins ist mit der Wahrheit und unzerstörbar.

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