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Der Flurschütz

Alfred Bock: Der Flurschütz - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Flurschütz
authorAlfred Bock
year1916
firstpub1901
publisherEgon Fleischel & Co.
addressBerlin
titleDer Flurschütz
pages108
created20130601
sendergerd.bouillon@t-online.de
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8

Das Jahr, das sich so kläglich angelassen, bescherte den Eschenrödern eine reiche Ernte. Nach der Hitze und Last des Sommers, der alle in Atem gehalten hatte, gönnte sich das Alter Rast, unter dem jungen Volk aber regte sich unbändige Freude, denn das Fest der Kirmes stand vor der Tür. In Erwartung der Lustbarkeit vereinigte die Burschen allabendlich der obligate Soff. Die Mädchen brachten ihre Staatsangelegenheiten in Ordnung. In den Häusern machte man die Fensterscheiben blank, rieb Tische, Stühle und Bänke ab und bestreute die 72 Fußböden mit weißem Sand. Das Scheuern erstreckte sich sogar auf die Ställe, so daß überall Ordnung und Sauberkeit herrschte. Mächtige Kuchen wurden gebacken und Viktualien herbeigeschafft. Selbst die minder Begüterten sorgten für Küche und Keller, um sich bei der Kirmes ein Bene zu tun.

So ging die Schanzwoche vorüber. Samstag Abend wurde die Kirmes angespielt und dem Pfarrer und Bürgermeister ein Ständchen gebracht. Darauf bei Bier und Branntwein ein fröhliches Gelage. Sonntag in aller Frühe strömten die Armen aus den umliegenden Ortschaften herbei und gingen bei den Bauern um. Da taten sich alle Hände auf. Wo die Freude eine allgemeine war, wollte man keine verschmorrten Gesichter sehen.

Zum Kirchgang ordnete sich der Kirmeszug, Mädchen und Burschen im größten Staat. Die Mädchen trugen ein blaues Mieder und Schnürröcke, ein Dutzend übereinander, mit fingerbreitem Damast gesäumt. Die Burschen erschienen in blauer Jacke, weißen Hosen und langen Stiefeln. Die Tanzmagd hatte eines jeden Hut aufs Schönste mit dem Luststrauch geschmückt.

Der Fahnenträger gab das Zeichen zum Aufbruch, die Musik spielte einen kriegerischen Marsch und vorwärts gings der Kirche zu.

Erst nachmittags begann der Tanz. Aus der Schleifwiese hinter der Krone war der Kirmesbaum gerichtet. Um diesen wirbelten die Paare. Frauen und alte Jungfern bildeten die Zuschauerschaft und klatschten wie die vornehmen Damen in der Stadt. Die Männer saßen derweil abseits und vergnügten 73 sich beim Kartenspiel. Bier und Branntwein flossen in Strömen und des Juchzens war kein Ende.

Gegen Abend nahm jegliche Tanzmagd ihren Tanzburschen mit nach Haus und bewirtete ihn mit einem lukullischen Mahl. Da gab's Wecksuppe, steifgekochten Reis mit Rosinen, Krautsalat mit Bockwurst und gesottenes Obst.

Nachdem es vollends dunkel geworden, begaben sich alle in den Saal der Krone, das eigentliche Tanzlokal. Hier empfing sie die Musik mit einem schmetternden Tusch. Burschen und Mädchen schlangen die Arme ineinander, und das Tanzvergnügen begann von neuem. Die Saalfenster waren fest verschlossen, über dem Menschenknäuel brütete eine unermeßliche Hitze. Bei dem engen Tanzkreis war an regelrechte »Dreher« nicht zu denken. Wer es nicht vorzog, auf derselben Stelle zu hopsen, und in die trappelnde Menge geriet, der wurde geschoben, gezerrt und gestoßen. Dessenungeachtet waren alle bei bester Laune, und der reichliche Biergenuß erhöhte die Stimmung. Bald faßten die Burschen die Mädchen kühner, Kopf preßte sich glühend an Kopf. Und das »Pläsir« währte die Nacht hindurch, bis bei beginnendem Morgengrauen Pärchen um Pärchen von dannen schlich.

In der blitzblanken Stube saß Christine im Feiertagskleid. Die ganze Woche hatte sie unmenschlich geschafft und das Unterste im Haus zu oberst gekehrt. Man konnte nicht wissen, es kam Besuch. Da sollte niemand die Nase rümpfen.

Der Flurschütz hatte dieser Generalreinigung 74 stillvergnügt zugeschaut. In ihrer Putzwut glich die Christine seiner Marie selig. Die saß hier freilich in ihrem Eigentum und wußte, für wen sie sich abrackern tat. Ja wußt's dann die Christine etzern nicht? Er lachte behaglich vor sich hin. Sie war nun bald ein Jahr in seinem Dienst und galt ihm längst nicht mehr als Magd. Sie führte das Regiment wie die leibhafte Frau. Nur daß sie für sich in ihrer Kammer schlief. In ihrer Gescheidigkeit hatte sie ihn rein ausgeeckt, brauchte ihn bloß anzugucken, um auf die Sekunde anzusagen, was die Uhr bei ihm geschlagen hatte. Du Racker, dachte er oft bei sich, du bist mit allen Salben geschmiert! Und ihre Art gefiel ihm so wohl, daß er danach Verlangen trug, alles vor ihr abzuladen was ihm auf dem Herzen lag. Als Flurschütz stand man gesondert von den Bauern. Mischte man sich unter die Kleie, fraßen einen die Säue. Alleritt Respekt vor der Feldpolizei! Das Amt brachte Ärgerniß und Verdruß. Da lief einem manchmal die Galle über. Und alles so in sich hineinzufressen, das hätte ihn ganz verzwerbelt gemacht. Er mußte seine Aussprache haben. Sie hatte eine feine Manier, ihn geruhig zu machen, wann's bei ihm überkochte. Das Hitzköpfige riß ihn leicht mit fort. Betrachtete er's von allen Seiten, so war's gottseben für ihn ein Glück, so ein umgänglich Frauenbild um sich zu haben.

Auf der Schleifwiese jubelierte das junge Volk. Verhalten klang die Tanzmusik herüber. Den Kopf zurückgebogen lauschte Christine und ihre Augen leuchteten auf. Einer wunderlichen Vorstellung gab 75 sie Raum: Der Jakob war zurückgekommen und sah gar hübsch und stattlich aus. Sie gingen mitsammen in die Krone und führten einen Schwälmer auf. Die ganze Bauernschaft guckte zu. Potztausend! Was die zwei hopsen konnten. Und die Burschen sangen im Chor dazu:

»Seng der da die Hosebängel
Länger bi die Strempe,
Es der da des rechte Ben
Kärtzer bi des lenkte.«

Jetzt tanzte jedes ein Weilchen allein, dann wieder rechtsum, linksum als Paar, dingel ringel hopsasa! Das Herz hüpfte ihr vor Freude im Leibe. Jakob, Jakob, bist wieder da!

Sie fuhr zusammen.

Liebes Gottchen! Was waren das für Hirngespinste. Für sie gab's keinen Jakob mehr, für sie waren Kirmes und Tanz vorbei.

Der Flurschütz saß, seine Pfeife schmauchend, am offenen Fenster und sah verstohlen zur Christine hinüber. Die bunte Tracht stand ihr gut zu Gesicht. Für wen hatte sie sich so herausgeputzt? Ob sie heut auf die Wiese ging? Tanzburschen fanden sich genug. Ein bitteres Gefühl stieg in ihm auf. Es hätte ihm den Tag verdorben, sie um den Kirmesbaum fliegen zu sehen. Ei, ei, war er gar eifersüchtig? Narrenpossen! Wer sprach von Eifersucht? Nur, weil sie sonst nicht gelüstrig war und mit ihrer Gesetztheit in den Spektakel nicht paßte. Übrigens hatte sie ihren freien Willen. Mochte sie immer zum Tanzen gehen. Er war der letzte, ihr's zu verwehren.

76 Jemand kam die Straße herauf und schwenkte von fern schon lustig den Hut. Es war des Sägmüllers Oberknecht, der schöne Konrad, in vollem Wichs. Nun stolzierte er in die Stube herein: einer von den hochgewachsenen, sehnigen Burschen, wie sie im Hessenland häufig sind. Dem Brauch gemäß setzte ihm Christine Kuchen vor und schenkte ihm ein Glas Apfelwein ein.

Der schöne Konrad hatte ein Auge auf die Christine und brachte gleich sein Anliegen vor. Sie solle seine Tanzmagd sein, jetzt komme man gerade recht.

»Ich hab' dir's vorgest' schon gesagt,« beschied ihn die Christine freundlich, »ich mach' hau' keine Kirmes mit.«

Der Konrad wollte keine Ausflucht gelten lassen.

»Etz sperr dich doch nicht, Christine, und komm.«

»Nein Konrad, ich geh'n nicht aus dem Haus.«

»No guck eins so eine Hartköpfigkeit.«

Sie lächelte.

»'s muß halt auch Hartköpf geben.«

Er ließ nicht nach, sie blieb bei ihrer Weigerung. Da zog er endlich traurig ab, die Kirmesfreude war ihm verdorben.

Der Flurschütz hatte unterdessen mächtig gepafft und nicht das Mindeste dreingeredet, doch konnte man in seinem Gesicht lesen, wie angenehm ihn des Mädchens entschiedene Haltung berührte. Kaum war der schöne Konrad gegangen, wurde er mit einem Male redsprächig und erging sich in heiteren Erinnerungen an die Kirmesfeste während seiner Burschenzeit. Selbigmal war's gemütlicher wie jetzt, wo alles 77 einen neumodischen Anstrich hatte. Aus der Mitte der Dorfjugend heraus wurden neun Platzburschen gewählt, die den Wirtschaftsbetrieb auf eigne Faust übernahmen und auch für die Musik aufkommen mußten. Ein Hauptspaß war, wenn die Platzburschen auf einem mit vier Pferden bespannten Wagen in der Stadt das Kirmesbier holten. Ein Vorreiter mit Stulpenstiefeln ritt voran. In der Stadt wurden die Pferde ausgeschirrt. Der Bierbrauer lud zu einem Fäßchen ein und setzte ein zweites und drittes darauf. Die Ausgelassenheit war unbeschreiblich. Zuweilen gab's auch eine Prügelei. Spät Abends trat man die Rückfahrt an. Das ganze Dorf war aufgeblieben und begrüßte die Heimkehrenden mit lautem Hallo. Den sonntäglichen Kirmeszug eröffnete der Hammelleiter mit einem feisten Hammel. Auf dem Hammel ruhten begehrlich aller Augen, denn der wurde später herausgespielt und dem glücklichen Gewinner mit Musik ins Haus geführt. Während der Kirmeszeit war es den Platzburschen verboten, ihr Bett zu berühren. In einer Stube wurde Stroh gestreut, darauf sich Platzburschen und Musikanten lagerten. Aber wehe dem, der sich heimlich in sein Quartier entfernte, er wurde in aller Frühe mit derben Schlägen aus den Federn getrieben und angeseilt von Zweien fortgeführt. Ein schöner Brauch war auch verschwunden, die Kirmes am Dienstag zu begraben. Die Burschenschaft zog vor das Dorf, ein alter Kochtopf wurde in die Erde verscharrt, wobei ein Schalk die Grabrede hielt. Die Musik spielte einen Trauermarsch, und friedlich ging man auseinander.

78 So erzählte der Flurschütz in breitem Erguß. Christine lauschte mit halbem Ohr, denn ihre Gedanken waren ganz wo anders. Der Nachmittag dünkte ihr endlos lang.

Gegen Abend richtete sie das Essen, heute lauter Leckerbissen. Der Flurschütz ließ sich wohl sein dabei und schmauste wie gewöhnlich für zwei.

Nun wischte er sich übersatt den Mund und setzte die Pfeife wieder in Brand. Die Christine saß ihm gegenüber. So geschnatzig hatte sie nie ausgeschaut. Und die schwarzen Guckelchen und das feine Gesicht: da wurde einem ganz artlich zu Mut. Auf der Schleifwiese hätte sie das Geriß gehabt. Dagegen verzichtete sie auf Trubel und Tanz und leistete lieber ihm Gesellschaft. Sie spürte, daß sie zu ihm gehörte. Das Herz schlockerte ihm wie vor dreißig Jahren. Ja, auf was wartete er noch? Er hätte sie doch nimmer fortgelassen. Die Gelegenheit mußte man beim Schopf erwischen. Er war wahrhaftig doch Manns genug. Wozu das Gezäppel? Jetzt frei heraus.

Da legte er die Pfeife beiseite, räusperte sich und sprach:

»Wie sie gest' Abend die Kirmes angespielt haben, sein ich droben auf dem Ribbacherweg gestanden. Guck, wann ich als Musig hör'n und 's drückt mich was, dadebei werd' ich ganz griebelig. No hab' ich an vielerlei denken müssen und hab' so vor mich hin simeliert: Da sitzt du einzling in deinem Gehöft, hast Gott sei Dank dein bißchen Brot. Was tust du dir hier als Maulwurfsfänger weh, wo du für keins zu sorgen hast? Geb' in Gottes Namen den Flurschütz 79 ab. Gönn' die paar Penning einem armen Schlucker. So hab' ich in mich hineingesprochen. Etz mein' ich, 's hätt' mir eins zugepispert: Ei, Daniel, hast du das Zählen verlernt? Wer spricht dann von einzling? Ich schätz', da sein zwei – die Christine und du. Wann die Christine allegar bleibt, dernacher überleg' dir's noch einmal und schmeiß' den Flurschütz nicht so fort.«

Er hemmte seinen Redefluß und sah Christine forschend an. Die Christine hatte Grütze im Kopf. Die merkte doch, wohinaus er wollte. Vielleicht, daß sie ihm entgegenkam und ihm das letzte Wort ersparte. Doch tat sie's nicht, sah regungslos vor sich hin.

Da brachte er seinen Antrag heraus.

»Das Gemummel, mein' ich, hat weiter kein' Wert. Hau' sein ich mit mir einig worden. Ich setz' dich hier als Bäurin ein. Heißt, wenn du dein Jawort von dir gibst.«

Ein Blutstrom schoß ihr ins Gesicht, und sie vermeinte umzusinken.

»Herr Jesses im Himmel!« stammelte sie.

Er weidete sich an ihrer Verwirrung. Ja freilich, als Bäuerin aufzusteigen, darauf war sie nicht gefaßt. Gestern blutarm, heut in der Wolle: der Glücksfall konnt' eins dusselig machen.

Was war dann das? Jetzt stand sie auf und schauperte sich, als überlief sie ein Frost, und kehrte ihm den Rücken zu. Da sollte sich eins einen Vers drauf machen! Hatte sie das Sprechen verlernt?

Ein Gedanke durchblitzte sein Gehirn: ihr Kind!

Er näherte sich ihr zutraulich. »Christine, brauchst 80 nicht so verstabert zu sein. Gelt, glaubst, ich hätt' nicht an das Kind gedenkt? O ja. Laß nur die Hochzeit verstrichen sein, dernacher gehört das Bubchen mir. Das Geschwätz von den Leut' inscheniert mich nicht.«

Sie stand noch immer abgekehrt. Er sah, daß ihr Körper krampfhaft zuckte und dachte: kurios, wie eins vor Freud' verschrocken sein kann!

»Wer wird dann so vergeistert sein?« sprach er ihr freundlich zu. »Verzimpern willst du dich doch nicht? Guck', ich sein auch kein Heimlicher, ich sein gradaus. Das schwör ich dir zu: ich halt' dich wie meine Marie selig.«

Da wandte sie sich nach ihm um, ihr Gesicht war angstverzerrt und bleich wie der Tod.

»No gilt's?« streckte er ihr die Hand entgegen.

Sie sah mit irrem Blick zu ihm auf.

»Nehmt's nicht für ungut, es kann nicht sein.«

Er ließ betroffen die dargebotene Rechte sinken.

»Das sprichst du ungedanksen hin.«

Sie schüttelte wehmütig den Kopf und wiederholte:

»Es kann nicht sein.«

Er zog die buschigen Brauen zusammen, in seinen Pupillen loderten Flammen. Den Korb hatte er bei Gott nicht erwartet. Sie wußte doch, wie gut er ihr war. Nun wies sie seine Werbung ab. Ein wütender Schmerz durchdrang seine Brust. Was war ihr in den Sinn gekommen, daß sie den Einsatz im Haus verschmähte? Hoffte sie auf einen jungen Dachs? Er stellte auch noch seinen Mann. Nein, mannsüchtig war sie nicht. War ihr Tun und Reden Spitzfindigkeit? Fast schien's, als wollte sie was vertuckeln! Ja, 81 wer studierte die Weibsleute aus? Wenn er in sie drang, bekannte sie's wohl. Nein, fragen würde er sie nie und nimmer. Der Stolz des Bauern regte sich. Um alles in der Welt durfte sie nicht merken, wie nahe ihm die Abweisung ging. So zwang er seine Bewegung gewaltsam nieder und sagte:

»Ja, wie man einmal über so was schwätzt. 's ist als gut, wann man weiß, wodran man ist.«

Und griff zur Mütze und schritt hinaus.


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