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Der Flurschütz

Alfred Bock: Der Flurschütz - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Flurschütz
authorAlfred Bock
year1916
firstpub1901
publisherEgon Fleischel & Co.
addressBerlin
titleDer Flurschütz
pages108
created20130601
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7

»Zehn, ihr Leut'!« rief mit schnarrender Stimme der lange Schorsch, der Nachtwächter zu Eschenrod. Darauf tutete er zehnmal in sein Horn. Ein fernes Echo gab die langgezogenen Töne zurück. Alles lag in tiefstem Schlaf, nach harter Arbeit brauchte der Körper Ruhe.

Zur selbigen Stunde verließ der Flurschütz seine Behausung und trat seinen nächtlichen Rundgang an. Während der guten Jahreszeit hatte er mindestens einmal in der Woche sein Revier zu begehen, und er befolgte genau seine Instruktion.

Unweit der Kirche kam ihm der lange Schorsch entgehen.

»Daniel, weißt schon?«

,.Was?«

»Der Hobach ist aus dem Kästchen kommen.«

»Sind dann dem seine drei Monat' schon um?«

»Freilich.«

»Die Zeit vergeht, man weiß nicht wie.«

»He sieht gottserbärmlich aus.«

»Ja, das macht die Stockhausluft.«

Der Wächter trat nah' an den Flurschütz heran.

»Was ich sagen wollt', Daniel, nehm' dich in Acht. Der Justus hat's auf dich gepackt.«

64 Der Flurschütz faßte den Knotenstock fester und sprach gelassen:

»Ich fürcht' mich nicht.«

Er bot dem langen Schorsch die Zeit und schritt der freien Feldmark zu.

Ueber den Geiersberg stieg der Mond empor und streute sein Silber auf das Gelände. Rings Blütenschnee und Wohlgeruch. Da atmete man noch einmal so tief und fühlte innerst die Kräftigkeit, die aus Millionen Keimen drang.

Wenn man jung war, sah man nur obenhin, wie schön unser Herrgott die Welt gemacht und dachte, das bleibt dir ewig lang. Ja fehlgeschossen, lieber Kumpan! Jahr um Jahr flog pfeilschnell dahin, und guckte man rechts und links sich um, war schon die halbe Kameradschaft fort. Und was noch am Leben, war meistenteils mürb. Kurios! Man hatte doch auch was auf dem Buckel und merkte noch nichts von Hinfälligkeit.

Er reckte sich unwillkürlich empor. Er kam halt von einer gesunden Art. Die trotzte stämmig Prall und Stoß.

Was konnte am Ende das Quengeln helfen? Man tat sein Mannwerk ohne Scheu und war zufrieden mit seinem Brot.

Er hatte sich auch über nichts zu beschweren, seit ihm die Christine die Wirtschaft führte. Die war eine Schanzern, nicht zu beschreiben. In aller Herrgottsfrühe auf den Beinen, schurgelte sie bis in die Nacht. 's war eine Freude, ihr zuzugucken. Nur blickte sie manchmal so trübetrostig drein. Ja, ja 65 das Kind! Sie hatte eben auch ihr Herzgespann. Das war unter den Mäderchen ganz verschieden, die eine nahm so was auf die leichte Achsel, die andre kam nicht darüber hinweg.

Die Stadtleut' wollten was Besseres sein und schämten sich nicht ihrer Schuftigkeit, ein armes Mädchen zu Fall zu bringen und hernach in Kümmernis sitzen zu lassen. Da ging's auf dem Land doch sittiger zu. War ein Bursche über das Schwabenalter hinaus, hatte er wie recht und billig seinen Schatz. »Passierte« etwas, so hielt man zueinander. Allenfalls wurde die Hochzeit verschoben, bis man im eignen Haus zusammenzog.

Die Christine hatte halt Unglück gehabt. Darum achtete er sie gewiß nicht gering. Die brauchte sich vor niemand zu verstecken. Dahingegen stach sie gar manche aus und trug sie erst ihren Sonntagsstaat, konnte sie sich weitum mit den Frauenbildern messen.

Putzig, daß er dafür noch Augen hatte, wo er doch schon in gesetzten Jahren war. Ein Lächeln flog über sein Gesicht. Die Alten wurden mit einem Mal giferich. Der Katzenhannes voran. Was war dem Hannebambel dann eingefallen? Die Christine hatt' es ihm angetan. Zum Heiraten gehörten freilich zwei. Sie hatte ihn fix ablaufen lassen. Wie mochte wohl ihr Gusto sein? Der Katzenhannes war abgeblitzt, aber morgen konnte ein andrer kommen, und eh' man sich umsah, war sie fort.

Er zog die Stirne mächtig kraus. Sie hätte ihm jetzt doch gefehlt. Er hatte sich an sie gewöhnt. Schon wieder ein andres Gesicht im Haus? O Jemine! 66 Und dann wußte man nicht, wen man bekam. Wenn er ihr monatlich zwei Mark zulegen würde? Jawohl, das konnte gleich geschehen. Aber lag ihr dann wirklich an dem Lohn? Sie hob nur das Kostgeld für ihr Bubchen ab, das andre, meinte sie, stünd' gut bei ihm. Das war klar, am Geld hing sie nicht. Ja, wer ihre Gedanken ausknicheln könnte! Vielleicht war ihr gerad' seine Art kommod. Er schob ihr keinen Riegel vor, sie durfte hinlangen, wo sie wollte, just als ob sie die Bäuerin wäre. Und freundlichen Zuspruch hatte sie auch. Das verstand sich am Rand, wann eins sich so plagte. Obendrein war sie nicht auf den Kopf gefallen, konnt' manchmal reden wie ein Buch. Wann war's dann gewesen? Ja, letzt am Sonntag. Er hatte sich einen Schliwwer in den Finger gerannt. Da war sie allein in die Kirche gegangen. Wie sie heimkam, tat sie die ganze Predigt verzählen. 's war die Geschichte vom verlorenen Sohn. Der Pfarrer hatte mancherlei zugesetzt und seiner Gemeinde ans Herz gelegt. Die Christine hatte kein Wörtchen vergessen. Das floß ihr nur so aus dem Mund. Er mußte alsfort an den Jakob denken, dann der war ja auch ein verlorener Sohn, aber keiner, wie er in der Bibel stand. Der kam nicht reumütig nach Hans, strunzte lieber in der Welt herum. Ob die Christine auf den Jakob hatte anspielen wollen, weil sie alles so hübsch nachsprechen tat? Schon möglich, sie war seelengut. Ihm war sell viel auf der Zunge gelegen, er hatte es aber hinuntergeschluckt. Was sollt' er dem Mädchen vorlamentieren? Das verschloß man gottseben am besten in 67 sich. Sie kannte den Jakob nur vom Hörensagen, wußt' nicht, wie grundverdorben er war. An dem war alle Predigt verloren. Die Sünde nahm er auf sein Gewissen: Der Bub war bei ihm ausgetan!

Vom Dorf her drangen abgerissene Klänge, der Wächter hörnte Mitternacht. Der Flurschütz schlug einen Feldweg ein und näherte sich dem Hollerbach. Auf dem Wasser lag ein Nebelstreif, darüber goß der Mond sein Licht. Ein Lüftchen hatte sich aufgemacht und trieb das Silbergespinnst hin und her. Da formten sich seltsame Gestalten, Alraune und Wichtel, ein ganzes Heer. Ja wer an den Spuk noch glauben mochte. Bei Gott! Dort drüben regte sich was. Kein Heinzelmännchen, ein leibhafter Mensch!

Mit einem Satz sprang der Flurschütz über den Bach, ging einer schmalen Furche nach und sah den Wolfsacker vor sich liegen.

Über den Grenzstein bückte sich ein Mann.

»Wer da?« rief ihn der Flurschütz an.

»Ich sein's,« gab eine heisere Stimme zurück.

Der Flurschütz war auf Schrittlänge herangekommen.

»Hobach? du?«

»Ja ich.«

»Was schaffst du hier?«

»Kümmert's dich? Ich denk', ich steh'n auf meinem Grund.«

»Nächts?«

»Jawohl, nächts.«

»Und lawerierst wieder da am Grenzstein herum?«

»Was fällt dir ein?«

68 »Hobach, fass' ich dich noch einmal, kommst du unter drei Jahr' nicht weg.«

»Ich hab' den Grenzstein nicht angerührt.«

»Ich sag' dir's in Gutem, Hobach, geh' heim.«

Der Mann machte keine Miene zu gehen.

»Ich bleib! du hast mir nix zu kommandier'n.«

Jetzt donnerte der Flurschütz ihn an:

»Galgenstrick, gleich gehst du mit!«

Da zuckte der Justus Hobach zusammen, zog blitzschnell etwas aus der Tasche hervor und drang auf sein Gegenüber ein.

Des Flurschützen Adlerblick war ihm gefolgt. Im Nu sauste sein Knotenstock nieder und traf mit Wucht des Gegners Kopf. Ein Messer fiel auf die Ackerscholle. Der Hobach aber schlug rücklings zu Boden, von seiner Stirn rieselte Blut.

Fernher rauschte der Hollerbach. Eine Eule flatterte über die Stätte und erhob ihr häßliches Geschrei. Es war so hell wie am lichten Tag.

Der Flurschütz richtete den Getroffenen auf und band ihm sein Schnupftuch um den blutenden Kopf.

Der Justus hatte ihm ans Leben gewollt, er hatte sich bloß seiner Haut gewehrt. So weit war's jetzt mit dem gekommen. Gestern aus dem Stockhaus entlassen, heut ein wüster Mordgesell. Wie ein Mensch sich sein Leben so verschütten konnte! Er kannte den Hobach von Kindsbeinen an. Der trübte vordem kein Wässerchen, ging still und friedsam seiner Wege. Nun fiel ihm aus Erbschaft der Wolfsacker zu, der lange brach gelegen hatte. Und es passierte, daß er Sonntags seine Gewann beschritt und vermeinte, ein 69 Streifen sei ihm abgezackert. Herrgott, wer hatte das pexiert? Das mußte vor Tag geschehen sein. Daneben lag dem Schmalbach sein Acker. Der schien auf einmal so merkwürdig breit. Schmalbach, Nimmersatt, daß dich die Pest! Der Schmalbach leugnete alles ab. Die Sache kam ans Feldgericht. Das sprach den Friedrich Schmalbach frei und ließ alsbald einen Markstein setzen. Der Hobach war selbigmal ganz aus dem Häuschen und schlich wie verpicht um den Stein herum. Die Leute sprachen: Der schnappt noch über. Der Grenzstein ging ihm nicht aus dem Kopf. Und er griff wahrhaftig zu Hacke und Spaten und verrückte im Dusterlicht den Stein. Dabei hatte der Flurschütz ihn gefaßt und stracks dem Strafgericht überliefert. Drei Monate hatten sie ihn eingesteckt. Drei Monat Gefängnis, das war hart. Unter den »Kochemern« war er völlig verwildert. Das sah man, wie er zum Messer griff.

Der Flurschütz hob das Beweisstück auf und steckte es behutsam ein.

Der Justus hatte einen Haß auf ihn, weil er der Angeber gewesen war. Er hatte getan, was sein Amt ihm gebot. Da gab's bei Leibe kein Vertutschen. Und wenn's der eigene Bruder war.

Selbigmal hatte er freilich seine besonderen Gedanken gehabt. Der Schmalbach war ein durchtriebener Kunde. Dem war eine Büberei schon zuzutrauen. Nun tat das Feldgericht seinen Spruch. Dernacher hieß es: das Maul gehalten.

Der Hobach wollte sein gutes Recht und hatte sich schrecklich hineingerannt. Der Schmalbach, der 70 Kujon, rieb sich die Hände. Wie's zuging unter dem Menschenvolk! Es war zum Lachen und Flennen zugleich!

Vor ihm lag der blutrünstige Mann. Da beschlich das Mitleid sacht sein Herz. Der da war gewiß der Schlimmste noch nicht. Die Menschen hatten ihn rabiat gemacht. Und es liefen ihrer im Dorf herum, die schlechter waren wie der. Auf dem armen Teufel herumzutrampeln, war Skandal und Niedertracht. Wenn er sich sonst nur wieder aufrappeln tat – was diese Nacht geschehen war, gelobte der Flurschütz sich, schwieg er tot.

Der Verwundete stöhnte leise.

»Wie ist's dann? fragte der Flurschütz besorgt.

Der Mann war leicht verletzt, aber völlig zerknirscht.

»'s hat mir nix getan,« sprach er dumpf vor sich hin.

Der Flurschütz atmete erleichtert auf.

»Du mußt einen harten Schädel haben. Wann ich einem eins auf den Grind geb', hat's geschellt.«

Der Justus brachte sich mühsam aus die Beine und ächzte:

»Hättst du mich doch kaput gemacht.«

»O ha!«

»Guck, Daniel, ich sein wie bedäumelt gewest. Gest' Mittag sein ich losgekommen. Drei Monat haben meine Leut' nicht nach mir geguckt! Etz tret' ich ins Haus. Und rührt sich keins. Und mein Frau hat ein Gift auf mich und hat die Kinder verhetzt, der Vater wär' zu nix mehr nutz. Da sein ich fort in einer Wut und wollt' vermordessern, was vor mich kam. Daniel, was hab' ich ausgestanden!«

Die helle Verzweiflung sprach aus dem Mann. 71 Da der Flurschütz schwieg, sah er ihn flehentlich an.

»Daniel, ich bitt' dich, führ' mich etz ab. Nur nicht am Tag, wo die Leut ein' neipeln.«

»Wer spricht dann von abführen?« tat der Flurschütz erstaunt. »Ich schätz', du bist ein freier Mann.«

»Daniel!« schrie der Hobach auf und suchte zitternd des Flurschützen Hand.

Der aber sagte mit leisem Schüttern:

»Justus, wann du sonst nix mehr verkerben willst, von mir aus geschieht dir gewißlich nix. Was du sell getan hast, ist alleweil glatt. Dadrüber hat dir keins nix mehr vorzuwerfen. Kopf hoch, Justus. Und etz geh heim!«

Der Justus blieb erst wie versteinert stehen, dann wankte er dem Dorfe zu. Der Flurschütz nahm seinen Marsch wieder auf und schritt durch das nächtliche Revier.


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