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Der Flurschütz

Alfred Bock: Der Flurschütz - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Flurschütz
authorAlfred Bock
year1916
firstpub1901
publisherEgon Fleischel & Co.
addressBerlin
titleDer Flurschütz
pages108
created20130601
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6

Ein harter Nachwinter hatte die Hoffnung der Bauern auf ein gutes Frühjahr zu nichte gemacht. Wer, durch ein paar warme Tage verleitet, mit dem Säen der Feldfrüchte begonnen, mußte befürchten, daß die Aussaat im kalten Erdreich zu Grunde ging. Noch am Gertraudentag, da die Maus den Faden am Spinnrocken abbeißt und in der Regel die Feldarbeit ihren Anfang nimmt, schüttete Frau Holle die Federn aus. Grämlich hockte man in den Stuben und hörte draußen den Nordwind pfeifen. Die einen haderten laut mit dem Himmel, die anderen sprachen gottergeben:

»Duckt euch, laßt vorübergahn,
Das Wetter will sein' Fortgang han.«

Endlich am Palmsonntag wich die rauhe Witterung, und ein linder Südwest brachte Wärme und Regen. Nun kam auf einmal Leben und Bewegung in die Gassen und Gäßchen von Eschenrod. Die verspätete Arbeit forderte doppelten Fleiß; wer irgend konnte, ging mit aufs Feld.

Auf dem Geiersberg stand der Flurschütz und überflog mit scharfem Auge sein Revier. Sein Amt war ihm heilig. Hatte er doch einen leiblichen Eid 55 geschworen, mit allen Kräften zu schützen, was seiner Obhut anvertraut war. Er hatte den Bauern gegenüber keinen leichten Stand, denn da sie ihn wie ihresgleichen betrachteten, kostete es sie Überwindung, die Obrigkeit in ihm zu respektieren. Er ließ sich das nicht anfechten und hielt auf Ordnung und Recht in seinem Bezirk. Kannte er sich doch unter den Eschenrödern aus. Bei denen traf auch das Sprüchlein zu: alte Leute, alte Ränke, junge Leute, neue Schwänke. Wunderliches Volk! Nicht genug, daß der Boden fruchtbar war – wenn man den Finger hineinsteckte, ward er speckig – nicht genug, daß jeder das Seine hatte, sie taten wahrhaftig und Gott wie Hunde, die allesamt an einem Knochen nagten. Und belugsten sich mit scheelen Blicken und machten sich kein Gewissen daraus, einander die Feldfrüchte zu stehlen, ja, hehlings die Flursteine zu versetzen. Es stak wie eine Krankheit in ihnen, daß sie rappschen und immer rappschen mußten.

Da hatte der Kolportierer Melchior letzthin erzählt, in der Stadt habe einer aus dem Sächsischen vor vielen Leuten gesprochen. Der habe hoch und heilig versichert, der Gottesfriede sei nah'. Dann werde alles redlich geteilt, auch die Ländereien in gleiche Parzellen. Und arm und reich, das sei vorbei. Der eine stehe sich wie der andre und alle Menschen seien gleich. Das habe den Leuten mächtig gefallen und ein Geschrei sei gewesen wie in der Nacht vor Neujahr.

Sollte man's für möglich halten, daß es in der Stadt so Hämmel gab? Ja freilich, wo die Häuser 56 aneinander klebten und die Luft verdorben und stickig war, kam's auf ein bißchen blauen Dunst nicht an. Der Sachsenländer hätte nur einmal hier herauf kommen sollen, er hätt' ihm die Finessen ausgetrieben: »Ei, schau dir das Feld an und die Frucht. Da sind nicht zwei Äcker, zwei Halme gleich. Das Vieh ist allegar unterschiedlich. Wie willst du die Menschen gleichmachen können? Guck, der liegt auf der faulen Haut, der rackert sich sein Lebenlang ab. Der ist stockdumm, der erzgescheit. Der ist gutartig, der hat den Satan im Leib. Probiers nur einmal mit der Gleichmacherei. Dernach mußt du auch die Gescheidigkeit verteilen. Sonst sind die Dummen allemal geuzt und gehen den Klüglingen zornwütig aus Wams. Und Mord und Totschlag ist das End' vom Lied. Nein, Sachsenländer, das ist nicht Fisch, nicht Fleisch. Wann einer immer im Saufhaus liegt, kann er sich so was vormachen lassen. Der nüchterne Mann lacht über die Späß'. Solang man als nix besseres weiß, läßt man das Ding laufen wie's läuft und schickt sich geruhig in die Welt.«

Sinnend schritt er den Berg hinunter. Da er dem Flachland näher kam, unterschied er die Bauern auf jeder Gewann. Da zogen sie die Furchen mit scharfem Pflug, streuten bedächtig den Samen aus und betrieben so friedlich ihr Geschäft, als ob sie kein Wässerchen trüben könnten. Ja, konnten sie nicht zufrieden sein? Sie schafften nicht um Tageslohn wie die Städter in den Werkstätten und Fabriken. Was sie in die Erde legten, das gab die tausendmalig zurück. Sie durften sich herzhaft schmecken lassen, was 57 ihnen auf eignem Grund erwuchs. Freilich, das Ackern kostete Schweiß, aber so ein Mannwerk gab auch Kraft. Das hatte der Mensch vor dem Vieh voraus, daß er das Mark in den Knochen spürte. Eine starke Natur, das war doch alles!

Er schwang gelenk seinen Knotenstock, als wollt' er die eigne Kraft erproben.

Nun schritt er längs dem Hollerbach. Das Tal lag in leuchtender Frühlingspracht. Ein Wohlgefühl hob seine Brust und wär's ihm nicht zu kurios gewesen, er hätte laut übers Feld gerufen:

»Horcht her, ihr Leut, seid einig und froh!«

Auf dem Nibbacherweg gesellte sich der Sägmüller zu ihm. Der hatte in Weißenborn Geschäfte gehabt. Dort hatte die Gemeinde in ihren Waldungen Bestände abgetrieben und an einen Holzhändler in der Stadt verkauft. Die Stämme sollten zuvor vierkantig beschnitten werden, und der Sägmüller hatte die Arbeit auf dem Submissionsweg übernommen. Er berichtete mancherlei aus dem Nachbardorf. Offenbar war es den Weißenbörnern darum zu tun, mit den Eschenrödern, die sie bei dem Grenzstreit übers Ohr gehauen hatten, wieder auf gutem Fuß zu stehen.

Der Adlerwirt, der im Gemeinderat saß, hatte den Sägmüller auf den »Reinhardsfels« geführt. Da war ein stattliches Wirtshaus im Bau, für Sommergäste aus der Stadt bestimmt. Der Saal sollte von einem Maler ausgeschmückt werden. Dabei dachte man an den Jakob Schwalb von Eschenrod, den sein Lehrherr warm empfohlen hatte. Nun sollte zunächst der Flurschütz sich äußern, ob sein Sohn wohl ein 58 paar Wochen abkommen könne. Dann wollte man gleich nach Düsseldorf schreiben.

Der Flurschütz blickte finster drein und sagte barsch:

»Die können sich das Schreiben sparen. Ich weiß gar nicht, wo der Jakob steckt.«

»Wieso dann?« fragte der Sägmüller erstaunt.

»Ei, auf Fastnacht hat er zuletzt geschrieben. Dann ist noch was von seinem Direktor gekommen, sie hätten ihn kurzer Hand fortgejagt, weil er sich um den Unterricht nix mehr kümmern tat. Etz hab' ich ihm dadrüber Vorstellungen gemacht, aber die Post hat den Brief retour geschickt. Der Jakob wär' fort, kein Mensch wüßt' wohin.«

Der Sägmüller war ganz verblüfft.

»Das ist ja das erste Wort, was ich hör'.«

Der Flurschütz hob ein wenig die Schultern.

»Ja meinst du dann, daß ich's ausschellen lass'.«

»Bei Leib nicht, Daniel, aber du tust mir leid, wo dich der Bub doch schon soviel kost'.«

»Ich schätz, er ist übers Wasser gemacht.«

»Was das betrifft, der schlägt sich durch.«

Der Flurschütz lüftete die Mütze und trocknete sich den Schweiß von der Stirn.

»Ja, ja, man erlebt was an so einem Bub.«

»Ein Schlippchen ist er sein Lebtag gewest. Ich weiß, wie er noch ein Rotzjung war, ist er einmal in die Sägmühl' gekommen und hat mit dem Lieschen seine Sparrgitzchen gemacht. Etz krag er von mir den Buckel voll. Ich denk', dem sind die Sputzen vergangen. Was meinst du? den andern Tag war 59 er wieder da und spricht, he wär' dem Lieschen sein Bräuem und Pfingsten sollt' die Hochzit sein.«

Der Flurschütz lachte bitter.

»Was ein Haken werden will, krümmt sich bei Zeiten. 's ist ja 'ne Sünd' gegen mein eigen Fleisch, aber ich hab' den Bub nie ausstehen können.«

Mittlerweile hatten sie das Dorf erreicht. Der Sägmüller blieb bei der »Krone« stehen und sagte, er habe einen mordmäßigen Durst, auch gebe er ein Dippchen zum besten. Der Flurschütz lehnte ab, er dürfe die Zeit jetzt nicht verpassen, denn der Bürgermeister habe ihn bestellt. Mit einem »Mach's gut!« gingen sie auseinander.

Der Bettelkaspar schnupperte um des Flurschützen Gehöft herum. Sobald er ausspioniert hatte, daß der Hausherr abwesend war und die Christine in der Küche schaffte, machte er sich an das Mädchen heran.

»Christine, mein Schätzchen, willst du für einen armen Hungerleider was tun?«

Christine mochte den Strunzer nicht abweisen und gab ihm Speck und Brot. Kaspar setzte sofort seine Kauwerkzeuge in Bewegung und quatschte dabei mit vollen Backen:

»Kein besser Leben ist
Auf dieser Welt zu denken,
Als wenn man ißt und trinkt
Und läßt sich gar nichts kränken.«

Den Muffel hinunterschluckend bat er um ein Gläschen Apfelwein.

Christine lachte.

»Heut wird nix verzapft.«

60 »Schad',« sagte der Kaspar, sich auf einen Küchenschemel niederlassend, »hätt' gern was zum Reden eingenommen.«

»Zum Reden? Du Schelm! Du brauchst dein Mundstück nicht zu schmieren.«

»'s könnt doch der Fall sein, wo ich als Freiersmann komm'.«

»Als Freiersmann?«

»Akrat zu dir.«

Sie dachte: der will sich ein Späßchen machen und setzte sich lächelnd in Positur.

Er aber nahm die Mütze ab und sprach:

»Geschrieben steht: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Dadrüber hab' ich die Tag' mit dem Katzenhannes gesprochen. Der hat seine achtzehn Morgen Land, könnt' Mädchen haben, so viel er wollt'. Letzt ist ihm eine angetragen worden aus Klingenrod – mit zehn Stück Vieh. Wann einer was hat, spielt die Ält' keine Roll'. No ist der Hannes ein putziger Mensch. Der sitzt bei seinen Kätzerchen und denkt: kommt Zeit, kommt Rat. Etz bin ich aber doch einmal hinter ihn gangen und hab' ihn geherigd ausgehorcht. Ja, spricht er, wann dann geheirat' werden soll, die Christine beim Flurschütz, die wär' mir recht. No, sprech' ich, soviel ich das Mädchen kenn', die schlägt eine gute Versorgung nicht aus. Wann dir's recht ist, gehn ich als Freiersmann. He sagt ja. Etz bin ich da und sprech': Der Johannes Schäfer hält um dich an und steht bei dir in Kreuz und Leid. Bist du's zufrieden, gilt der Verspruch.«

Selbstgefällig setzte er seine Mütze wieder auf und 61 vermeinte, die Christine springe deckenhoch. Doch hatte er sich stark verrechnet.

»Kaspar,« sagte sie völlig gelassen, »du hast gered't so schön wie einer, und der Katzenhannes hat's gut im Sinn, aber es batt' nix, dann ich nehm' ihn nicht.«

Der Kaspar sprang auf wie von der Tarantel gestochen.

»Feuerjo! Bist du bei Trost? Du in deiner Ärmlichkeit und dadegegen der wohlhäbige Mann?«

»Ich nehm' ihn nicht,« beharrte sie.

Nun ließ er alle Minen springen wie ein echter und rechter Freiersmann, es nützte nichts, das Mädchen blieb fest.

Daß Bauer und Magd in die Ehe traten, hatte er etliche Male in der Dorfschaft erlebt. Dem Dienstvolk galt das als großes Glück. Daß der Bauer von der Magd einen Abweis erhielt, sprach allem ländlichen Herkommen Hohn.

Und der Kaspar schwätzte sich in die Wut, ohne auf das Mädchen Eindruck zu machen. Wie er mitten im Randalieren war, kam justement der Flurschütz herein und sagte verdutzt:

»Was geht dann hier vor?«

Christine schwieg, der Freiersmann aber sprach zungenfertig:

»Ich bring' der Christine ein Malter Glück. Der Katzenhannes hält um sie an. Etz red' ich mir die Lung' aus dem Leib, das Mädchen ist köppisch und will ihn nicht.«

»Wie ist das, Christine?« fragte der Flurschütz.

Sie sah mit vollem Blick zu ihm auf.

62 »Ich nehm' den Katzenhannes nicht. Mir geht ja in meinem Dienst nix ab. Wann Ihr mich nicht fortschickt, bleib' ich bei Euch.«

Der Flurschütz wandte sich an den Kaspar.

»No weißt du's und kannst dein Gebabbel sparen.«

Der Freiersmann schlug eine Lache auf.

»Etz geht mir ein Licht auf. Daniel hab' acht. Die Christine ist geckig, die spitzt sich auf dich!«

Kaum, daß dem Hämischen das Wort entschlüpft, so faßte ihn der Flurschütz unsanft beim Kragen und setzte ihn vor die Tür.

Christine nahm ihre Arbeit wieder auf, sie zitterte wie Espenlaub. Ihr war's, als müsse die Last herunter, die ihr so schwer auf dem Herzen lag. Ein paar winzige Wörtchen, und es war heraus. Herrgott, nur einmal frei atmen können. Wie wohl wär' einem da, wie leicht! Es hämmerte in ihren Schläfen. Nur ein paar Wörtchen, und es war heraus. Ja war's denn wirklich schon an der Zeit? Der Jakob trieb sich draußen herum, niemand wußte, wo er verblieben war. Ob er wiederkam, das stand dahin. Und wenn sie dem Flurschütz jetzt alles gestand? Gewiß, er war ein grundguter Mann, aber der Jähzorn steckte in seinem Geblüt. Ja, wenn man so durch einen durchgucken könnte. Er hatte so viel verschlucken müssen. Würde er auch den neuen Schlag verwinden? Vielleicht, daß er versöhnlich war. Vielleicht, daß er sie von sich stieß. Nur ein paar Wörtchen, und alles war hin.

Jetzt trat der Flurschütz auf sie zu.

»Was der Kaspar, der Faxenmacher, dir anhängen 63 will, das braucht dich gottseben nicht zu schenieren. Bis dahin sein ich gut mit dir ausgekommen. Dernacher mag trätschen, wer trätschen will.«

Sie hantierte emsig weiter – und schwieg.


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