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Der Flurschütz

Alfred Bock: Der Flurschütz - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Flurschütz
authorAlfred Bock
year1916
firstpub1901
publisherEgon Fleischel & Co.
addressBerlin
titleDer Flurschütz
pages108
created20130601
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5

Der bankerotte Kolonialwarenhändler Damian Scheuer hatte in der Hubertusstraße zu Düsseldorf eine Wirtschaft eröffnet, die von Kleinbürgern, hauptsächlich aber von Schülern der Kunstgewerbeschule besucht wurde. Ein guter Freund hatte dem Falliten unter die Arme gegriffen, so daß er in wohleingerichtetem Lokale ein gutes Bier und eine reichhaltige Speisekarte bot. Unter den Gästen raunte es einer dem andern zu, daß Scheuer mit doppelter Kreide schrieb, doch sah man duldsam darüber hinweg, weil der Mann ein lustiger Vogel und im Borgen nicht bedenklich war, vor allem, weil seine bildhübsche Tochter die Aufwartung hatte. »'s Nettche« war eine kokette Blondine, die das Liebäugeln aus dem FF verstand. Heut rühmte sich der ihrer Gunst, morgen jener. Kam ihr begehrlich jemand zu nahe, wich sie aalglatt aus. So nahm sie den Gästen die Zehrung ab und führte alle am Narrenseil.

Einer ihrer glühendsten Verehrer war der Kunstgewerbeschüler Jakob Schwalb. Als Hofmacher den 46 gewandteren Kameraden gegenüber seine Plumpheit herausfühlend, suchte er dergestalt auf das Mädchen Eindruck zu machen, daß er sich als Sohn eines begüterten hessischen Ökonomen aufspielte und Taler um Taler springen ließ. Dafür erhaschte er manch feurigen Blick. Und Tag für Tag in der Kneipe verkehrend, paßte er die Gelegenheit ab, mit dem Nettchen ein Stündchen allein zu verplaudern.

Er war jetzt in die Fachklasse für Dekorationsmaler aufgerückt, malte nach plastischen Vorbildern, entwarf auch schon selbständig Wand- und Deckengemälde. Daß der Professor Wahrmund sich fortgemacht, hatte ihn besonders hart getroffen, denn der hielt große Stücke auf ihn. Mit dem Assistenten, dem Herrn Fliegenschmidt, war nicht viel los. Das war ein eingebildeter Mensch, sah gar in der Klasse auf militärische Zucht. Das ließ man sich wohl beim Kommiß gefallen, in der Kunstgewerbeschule pfiff man darauf. Und weil der Assistent ihn immerfort ketzerte, hatte er sich's in den Kopf gesetzt, dem Menschen Widerpart zu halten. Er schwänzte einfach den Unterricht. Nun kam die Sache vor den Direktor. Der fuhr mit groberem Geschütz an und sagte: »Sie müssen sich aber nicht einbilden, daß hier eine Extrawurst für Sie gebraten wird. Sie sind ihrem Klassenlehrer Gehorsam schuldig. Versäumen Sie weiter den Unterricht, so mach' ich kurzen Prozeß mit Ihnen und weise Sie aus der Anstalt aus.« Das war klar und deutlich gesprochen. Er, der Jakob, ließ fünf gerade sein und ging zu dem Fliegenschmidt zurück. Doch hatte er sich vorgenommen, 47 wenn der Krippenbisser ihn wieder hudelte, sollten ihn keine zehn Pferde mehr in die Fachklasse bringen. Was der Schafskopf zeichnete und kleckste, hatte er wahrhaftig und Gott schon vergessen. War er Johanni des Unterrichts ledig, konnte es ihm daheim nicht fehlen. Zwar blieb er in Eschenrod nicht hängen. Unter das Bauernvolk paßte er nicht mehr. In Frankfurt wollte er seßhaft werden. Das war eine wunderschöne Stadt, und Geld war da, o je! wie Heu. Da lebte man wie im Schlaraffenland.

Er hatte große Rosinen im Sack und baute Luftschlösser, ein wahrer Staat! 's Nettchen hörte aufmerksam zu. Der Protz, das wußte sie, war in sie verschossen. Sie dachte nun, wie man ihn ausbeuteln könne, um ihm hinterdrein eine Nase zu drehen. Der Gimpel ging ihr schnell auf den Leim. Sie vertraute ihm, wie elend sie sei. Sie müsse den Leuten freundlich tun und bis in die Nacht die Kellnerin spielen. Sie habe bessere Tage gesehen. Jetzt halte der Vater sie furchtbar knapp und gönne ihr kaum das bißchen Putz. Ja, wenn man so glücklich sei wie der Herr Schwalb und auf des Vaters Geldsack poche!

Seufzend ließ sie sich neben ihm nieder und duldete, daß er den Arm um sie schlang. Ihm rieselte es glühendheiß durch die Adern.

»Herzig Mädchen,« wisperte er »ich tu' alles für dich.«

Er zog sie näher an sich heran. »Schätzi, Sonntag geh'n wir zusammen aus.«

Sie willigte ein. Er war ganz toll. Das schöne Mädchen, um das sie alle herumschwänzelten, war sein Schatz. Gleich kaufte er ihr eine 48 Korallenbrosche, ein paar Tage später ein Ohrgehänge. Kaum, daß er den Sonntag erwarten konnte. Sie wollten sich in der Kommunikationsstraße treffen. Er wartete und wartete, sie blieb aus. Der Vater hatte sie festgehalten. Sie vertröstete ihn auf nächsten Sonntag. Da kam denn wieder etwas dazwischen. Sie lockte ihm allerlei Geschenke heraus und hielt ihn Woche für Woche hin. Unterdessen lief er in seiner Liebesglut wie behext herum, versäumte Arbeit und Unterricht und ließ sich mit feilen Dirnen ein.

Aschermittwoch war's, um die Frühstückszeit, daß Jakob mit katzenjämmerlichem Gesicht in die Wirtschaft zu seinem »Schätzi« kam. Vorn im Lokal saßen ein paar Professionisten, knapperten ihren Limburger und tranken Bier dazu. Ein fein gekleideter Herr, den glänzenden Cylinder im Nacken, hatte sich über den Schenktisch gebeugt und wisperte dem dahinter sitzenden Nettchen ins Ohr. Das war offenbar so interessant, daß sie den eintretenden Jakob gar nicht bemerkte.

Dieser wandte sich unruhig an die Handwerksleute.

»Wer ist dann der Herr dahinten?«

»Dat is der Nettche seiner, de Potthoff,« flüsterten sie ihm zu. »Sie wissen et doch, der dem Scheuer jeholfe hat wie er im Dreck saß.«

Von einer großen Wut erfaßt, schlug Jakob mit seinem Rohrstock auf den Tisch und schrie:

»Ein Glas Bier!«

Das Pärchen am Schenktisch fuhr auseinander. Herr Potthoff drückte den goldenen Kneifer auf den Nasensattel und sagte, den Ankömmling musternd:

49 »De Lümmel hat noch de Fasselabend im Kopp!«

Jakob ging herausfordernd auf ihn zu.

»Wen meinen Sie dann mit dem Lümmel!«

»Wer frägt,« fuhr ihn der Geschniegelte an. »Sie haben sich hier anständig zu benemme.«

Jakob trat das Blut ins Gesicht.

»Seit wann haben Sie mich Anstand zu lernen?«

Der Herr wies nach der Tür.

»Enus mit Sie! Sie sind ja besoffe.«

»Was sagen Sie, Sie Affegunkes!«

Jakob packte den Nebenbuhler am Rock. Dieser entschlüpfte ihm und flüchtete hinter den Schenktisch.

Jetzt legte sich das Nettchen ins Mittel.

»Herr Schwalb, ich verbitten mer hier die rohe Späss'.«

Jakob schwang sich mit einem Satz auf den Tisch.

»Halt du doch dein Maul, du falsche Krott. Dem Lapps da tränk ich den Lümmel ein.«

Klatsch! traf den Stutzer ein Schlag ins Gesicht, daß ihm das Blut gleich aus der Nase schoß.

Der Getroffene schrie Zeter und Mordio. Da eilten die Haudwerksleute herbei, rissen den Jakob vom Schenktisch herunter und traktierten ihn mit den Fäusten.

»Waart, Luskirl, de kommst ins Kachöttke. Enus, enus.«

Er flog in Wahrheit zur Tür hinaus und schlug der Länge nach auf den Bürgersteig. Passanten halfen ihm auf die Beine. Zuerst war er willens, in die Kneipe zurückzukehren, dann besann er sich eines andern und rannte fort.

Als er zehn Minuten danach sein Quartier in 50 der Kasernenstraße erreichte, fand er zwei Briefe vor; der eine kam vom Direktor der Kunstgewerbeschule, der ihn wegen fortgesetzter Versäumnis des Unterrichts aus der Anstalt wies, der andere war von seinem Vater, der Geld zu schicken versprach, aber jede fernere Unterstützung verweigerte.

Jakob warf sich auf sein Bett. Noch kochte die Wut in ihm über die eben erlittene Schmach. All die Zeit her hatte das Nettchen seinen Uz mit ihm getrieben, hatte ihm die Markstücke abgelugst. Daß er so ein Dummerjan gewesen war! Dazu noch der Schimpf, sich von ihrem Buhlen anranzen zu lassen. Zwar hatte er dem Zieraff eine ins Gesicht geflatscht, aber was machte sich die Scherbel daraus. Die lachte sich ins Fäustchen, wie er den Handwerkern in die Kluppen fiel und seine Prügel krag. Er zerknüllte die Bettdecke. Die Hinterlistige hätte er abmurksen können. So übel hatte ihm noch keine mitgespielt. Alles Unglück kam zusammen. Der Direktor schloß ihn vom Unterricht aus, der Vater zog die Hand von ihm ab. Was jetzt? Er wälzte sich beunruhigt hin und her. Ja, wenn die Mutter noch lebte. Da hätte er eine Fürsprecherin gehabt. Daheim am letzten Michelstag war's, daß sie ihn aufs Gewissen fragte: »Jakob, was bist du deinen Hausleut schuldig und sonst etwan in Düsseldorf?« »Ei hundert Mark,« schwindelte er ihr selbigmal vor, denn alles in allem macht' es nur sechzig aus. Jetzt zog sie aus dem Bettsack einen schweren Strumpf hervor und zählte dreiunddreißig blanke Taler und ein Markstück auf den Tisch. Wie er das Geld einstrich, liefen ihr die 51 Tränen über die Backen. »Jakob,« sprach sie, »ich geb's ja gern, wann's auch nicht recht ist, daß dein Vater nix davon weiß. Die Sünd' muß ich halt auf mich nehmen. No bitt' ich dich um alles in der Welt, bleib doch von den Weibsleut weg. Du machst dich unglücklich dein Leben lang.« Ja freilich hatte sie recht. Als halbwüchsiger Bursch lief er in Eschenrod schon hinter jeder Schürze her. Dazumal hatte er's ernsthaft mit dem Justus Hobach seinem Kathrinchen, aber es hatte weiter nichts zu bedeuten gehabt. Das Kathrinchen heiratete später den Hufschmied Kümmel. Der Teufel hatte sein Spiel dabei, daß er das Karessieren nicht lassen konnte. In der Stadt als Weißbinder trieb er's flott und war bei den Mädchen Hahn im Korb. Heidi, heida! alle paar Wochen eine andre; Abwechslung mußte sein. Dann zog er den Soldatenrock an. Die Leut' von seiner Kompagnie kneipten in der »Goldenen Gans«. Da kam er und die Christine beidsander. Das Mädchen hatte ein paar Augen im Kopf, die gingen einem durch und durch. Mit den vielerlei Liebschaften schnappt's jetzt ab. Sein Trachten ging nach der Christine. Die ließ ihn aber ordentlich zappeln, denn sie war nicht so wie die andern und nahm seine Freite ernsthaft auf. No war er rein verpicht auf das Mädel und konnt sein Klappermaul nicht halten und tat gleich von der Hochzeit schwätzen. Da machte sie keine Sperenzchen mehr. Und sie waren zusammen wie verheiratete Leut und lebten in den Tag hinein. Auf einmal war das Unglück da: die Christine ging mit einem Kind. Er war sell verstabert und schwitzte Blut. Zum Glück kam's Manöver. Da zog er ab. 52 Die paar Wochen gingen schnell herum. Wie er zurückkam als Reservemann, hielt sie ihn gleich auf der Straße an und fragte, wann die Hochzeit wär'. Er drückte sich um die Antwort herum. Sie las ihm die Gedanken aus dem Kopf, sah aus, als hätt' sie im Grab gelegen. Den Tag darauf machte er nach Düsseldorf. Jetzt schrieb sie sich die Finger wund. Er schwieg fein still, aber er quälte sich doch mit der Sache herum. Nun war ein Kamerad aus der Gewerbeschule, der schrieb sich Heyer und stammte von Alzey. Ein grundgescheiter, feiner Kerl. Bei dem lud er seine Sorgenlast ab. Der Heyer ließ sich alles haarklein verzählen und sagte drauf: »Horch einmal, Schwalb. Der Napoleon war ein großartiger Mann. Der hat akkurat über deinen Fall ein Gesetz geschrieben. Danach geht's noch heut bei uns vor Gericht. Dadrin heißt's, wann der Vater nicht will, braucht er so ein Kind nicht anzuerkennen. Der Napoleon hat sich seinen Kopf für viel Leut zerbrochen, hat gemeint, zuletzt sind die Weibsleut dran schuld. Jetzt sei kein Narr, schlag dir's aus dem Sinn. Da sitzt manch eine mit ihrem Paketchen und flennt und trägt's am End' allein.« Wie der Heyer ihm so zureden tat, war's ihm auf einmal leicht zu Mut. Zum Teuxel, weg mit der Sauertöpfigkeit! Alsfort fidel! Wozu war man jung? Und ein Jahr verstrich in Lustigkeit. Jetzt starb die Mutter, er mußte heim. Unterwegs packt ihn eine barbarische Angst, daß er auf die Christine stoßen könnt'. Er wußte, sie diente als Magd in der Stadt. Am besten, er ließ sich dort gar nicht blicken und ging vom Bahnhof den Feldweg nach 53 Eschenrod. Herrgott von Dachsbach, wann sie ihm doch in die Quere kam! Ritzefeuerrot wär' er geworden. Vor ihren schwarzen Guckeln gab's kein Verdeffendieren. Wahrhaftig und Gott, sie hätte ihn festgehalten, und mit dem Herumflankieren war's vorbei. Es lief aber alles wundergut ab. Auf dem Rückweg von Eschenrod ritt ihn der Teufel, daß er doch durch die Stadt und über den Marktplatz ging. Von der Christine war keine Spur zu sehen. So kam er ungewaschen davon.

Im Grund genommen war's ihm recht, daß der Vater so scharf jetzt ins Zeug mit ihm ging. Nun mied er künftig Eschenrod und die Stadt, wo's doch wegen der Christine nicht geheuer war. Aber zum Geier! wohin? Hier brannte der Boden ihm auch unter den Füßen. Beim Scheuer vorhin hatten sie ihm nachgerufen: »Waart, Luskirl, de kommst ins Kachöttche.« Spaß beiseit! Das konnt' ihn ein paar Wochen kosten, daß er dem Gischpel eine ausgewischt. Ein Gedanke schoß ihm durch den Kopf. Da war auf der Kunstschule ein junger Holländer gewesen, Gröning mit Namen. Mit dem hatte er gute Freundschaft gehalten. Der schaffte jetzt in Amsterdam und, wie er schrieb, in einem großen Geschäft. Vielleicht, daß er dort ein Unterkommen fand. Die Arbeit ging ihm ja leicht von der Hand, er hatt' es von der Natur in den Fingern. Topp! das war ein Plan, nach Amsterdam!

Rasch sprang er auf. Just trat der Geldbriefträger herein und brachte vom Vater zweihundertzwanzig Mark. Der hatte es mit dem Abschicken 54 eilig gehabt. Er gab dem Postboten eine Mark Trinkgeld und sackte großtuerisch die Goldfüchse ein. Dann klingelte er seine Wirtin herbei, bezahlte die schuldige Miete und sagte, daß er ziehen müsse. Gegen Abend war er reisefertig. Mit dem Nachtzug fuhr er nach Amsterdam. –


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