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Der Flurschütz

Alfred Bock: Der Flurschütz - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Flurschütz
authorAlfred Bock
year1916
firstpub1901
publisherEgon Fleischel & Co.
addressBerlin
titleDer Flurschütz
pages108
created20130601
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3

Seit Urväterzeiten stand der steinerne Neptun auf dem Marktplatz der Stadt und gebot, den Dreizack erhoben, dem feuchten Element, das zu seinen Füßen aus Drachenmäulern in ein geräumiges Becken rann. Hier füllten Städter und Städterinnen, Knechte und Mägde ihre Eimer und wetzten ihre scharfen Schnäbel dabei.

Sonntags in aller Frühe war es, daß Christine, die Magd ans Freienstein, ihre Kameradinnen, die Fränz und die Lene am Brunnen traf. Selbdritt waren sie vom Lande in die Stadt gekommen, hatten mancherlei Unbill in hartem Dienst erfahren und auch in Liebeshändeln ihr Herz erprobt. Die Lene hielt einem Fuhrknecht die Treue, der Fränz gefiel die Abwechslung. Mit der Christine hatte ein Wicht sein Spiel getrieben; aus ihrem Gesicht sprach ihre Leidensgeschichte. Sie war mittelgroß, von schlankem Wuchs. Das kastanienbraune Haar hatte sie hoch aufgesteckt. Aus ihren tiefen, dunklen Augen leuchtete verhaltene Leidenschaft. Um ihren Mund hatte sich eine Kummerfalte eingegraben. Wenn sie sprach, sah man ihre schönen weißen Zähne. Ihre Hände waren klein, aber von harter Arbeit rot und gequollen. Obgleich man ihrem wohlgebauten Körper 23 Kraft und Frische zutrauen konnte, trug ihre ganze Erscheinung etwas Schlaffes, Müdes zur Schau.

»Du wirst dich verstaunen, Christine,« sagte die Fränz und setzte den gefüllten Eimer auf das Pflaster.

»Ei, weißt du's dann nicht?« fragte die Lene.

»Nix weiß ich,« versetzte Christine ahnungslos.

»Dein Schatz ist vorgest' hier durchgemacht.«

»Der Lumpsack!« fügte die Fränz hinzu.

Der Christine glitt der Zuber aus der Hand.

»Wer hat ihn gesehn?«

»Ei, der Schneider Kleemann.«

»Und mein Hannes. Der hat ihn gesprochen. Er ist mit dem Neunuhrzug fort.«

Aus dem Gesicht Christines war jeder Blutstropfen gewichen. Mit zitternder Hand strich sie das Haar zurück und sagte unter der Wucht eines gewaltigen Schmerzes:

»Bei mir ist er nicht gewest.«

Die Fränz und die Lene fielen über den Treulosen her.

»Verramischieren müßt man den schlechten Kerl.«

»Der hat kein Herz und keine Ehr' im Leib.«

»Pfui! Wann man drei Jahr' mit einem Mädchen gegangen ist.«

»Und so 'n teuer Andenken dagelassen hat.«

»Ich sein sell alsfort an dir gewest, du sollst dich mit dem Musketier nicht einlassen.«

»Soldatenlieb' und Lindenblüh
blüht nur und zeitigt nie.«

»Mordsapperment! Ich an deiner Stell' tät etz an ihn gehn. Der muß doch blechen, Gott weiß, wieviel.«

24 »Man sollt's nicht glauben, aber du hängst alleweil noch an dem Schmaguckes.«

»Treusinnig bist du, das muß man dir lassen,« spöttelte die Fränz.

»Und dein Bubchen muttert sich,« sagte die Lene, »das hat auch schon so vernätterte Guckerchen.«

Der Christine stieg die Röte ins Gesicht, aus ihren Augen sprühten Funken.

»Halt' doch euer Mäuler! Was geht euch dann mein Bubchen an?«

»Nix,« tat die Lene beleidigt.

»Das sollst du alleins für dich behalten,« stichelte die Fränz.

Die Christine setzte mit einer kraftvollen Bewegung den gefüllten Zuber auf den Kopf und schritt ohne Abschiedsgruß über den Platz dem Haus des Bäckers zu.

Die Fränz rief ihr nach:

»Herzallerliebstes Schätzche,
Ach wart' doch noch ein Jahr,
Wann auf der Weinreb' Kirsche wachse,
Da frei' ich dich fürwahr.«

»Die ist noch hochnäsig obendrein,« rasaunerte die Lene.

»Und steifköpfig, sonst tät' sie ans Gericht gehn und den Mensch verklagen.«

Die Lene lachte auf.

»Da kennst du die schlecht. Ehnder die ein' Fuß ans Gericht setzt, verhungert sie lieber mitsamt ihrem Kind.«

Christine trat in das Bäckerhaus. In der Küche nahm sie den Zuber vom Kopf und ließ sich auf der 25 Herdbank nieder. Das Herz schlug ihr zum Zerspringen, und die Tränen schossen ihr aus den Augen. Gab's denn auf der Gotteswelt noch einen Menschen, der so grundschlecht war wie der Jakob? Schwerlich. Drei Jahre hatte er sie abgeschmatzt, hatte wie verrückt mit ihr getan und das Blaue vom Himmel herunter versprochen. Sie war so blind, so vernarrt gewesen und hatte auf sein Wort gebaut. Jetzt saß sie da mit ihrem Kind und greinte sich die Augen aus. Ja, war's denn nicht auch sein leiblich Kind? Und scherte sich den Teufel drum. Einen Brief über den anderen hatte sie an ihn geschrieben, es war keine Zeile von ihm gekommen. Nun war er gar in seiner Heimat gewesen und hatte sich nicht nach ihr umgetan. So eine Schuftigkeit! Drunten in der großen Stadt hatte er sicher mit anderen Mädchen angebändelt. Das Scharwenzeln verstand er. War ihm die erste ungemächlich, führte er die zweite bei der Nase herum. Das Schlangenfreundliche machte die Weibsleute kirre. War's ihr selbst doch nicht besser ergangen.

Sie trocknete sich mit der umgekehrten Faust die Augen und starrte vor sich hin. Was lag an dem elendig schlechten Leben? Wenn sie's der Soldatenkarline nachtat und ins Wasser ging? Es krähte ja doch kein Hahn nach ihr. Aber das Kind? Wer sorgte für das arme Wurm? Der Rabenvater verleugnete es. Und bekam die Mandlern keine Markstücker mehr, behielt sie den Pflegling nicht im Haus. Wo traf man denn noch guttätige Menschen? In Nimmerstadt und Nirgendheim. Es war nichts mit den Sterbensgedanken. Aufrecht mußte sie bleiben. Sie hing an dem Bub, 26 gab jeden Nickel für ihn hin. Zwar war er seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Aber konnte er dafür? Und wenn er lachte, sah er so wunderlieb aus. Da bobbelte einem das Herz im Leib.

Ein heller Schein flog über ihr Gesicht. Nur einen Augenblick. Gleich übermannte sie wieder die Traurigkeit. Ein Weg stand ihr noch offen – der Weg ans Gericht. Nein, dreimal nein, den ging sie nicht. Sollte sie vor den Leuten ihre Schande erzählen? Das war ihr doch zu schamerig. Und peinigen taten einen die studierten Herren mit ihrer Fragerei bis aufs Blut. Da ließ sich nichts vertuckeln.

»Christine Wallbott, wie heißt dein Vater?«

»Ei nichts für ungut, ich weiß es nicht.«

Jetzt steckten sie die Köpfe zusammen.

»Wie der Acker, so die Rüben!«

Nun trat auch noch der Jakob auf. Herr Jesus im Himmel! Ihr Herz stand still. Und sollte doch gegen ihn sprechen und klagen.

»Mit Verlaub, ihr Herren, das kann ich nicht. Der Jakob weiß schon, wie's zugegangen ist.«

Und der Jakob leugnete rundweg ab. Ja freilich, es war kein Mensch dabei gewesen. Sie brachte vor Schrecken kein Wort mehr heraus. Und zog mit Schimpf und Schande ab.

Akkurat so wärs gekommen. Sie atmete auf. Gott sei Dank, daß sie keins beschwätzt hatte, ans Gericht zu laufen. Armut macht mutarm, sprach das alte Fräulein aus der Mühlgasse, das als Sonntags bei der Klemmrathen den Kaffee trank. Wer gab einer bettelarmen Dienstmagd recht, die nichts zu brechen und zu beißen hatte?

27 In Elend und Dürftigkeit war sie aufgewachsen. Die Mutter gab ihr kärgliche Kost und knuffte sie mit der geballten Faust. Die Prügelsuppe hätte sie verwunden, aber daß die Mutter kalt und warm aus einem Munde blies, das konnte sie nicht ertragen. Mit sechzehn Jahren kam sie auf den Heibertshäuser Hof, zuerst als Stallmagd, dann ins Haus. Des Bauern Ältester strich um sie herum, sie hatte den Frechen abzuwehren. Doch hielt sie's dritthalb Jahre aus. Dann trat sie beim Lehrer zu Velda in Dienst. Da hatte sie lauter gute Tage. Bei freundlichem Zuspruch schaffte man gern. Am Sonntag gab ihr der Lehrer Bücher. Da standen kuriose Sachen drin. Verstand man auch nicht viel davon, so hatte man doch was Gescheites in der Hand und dosselte nicht ungedanksen hin wie das Vieh. Bei dem Lehrer wär' sie ihr Lebtag geblieben. Der krag aber eine Stelle in Starkenburg, und mit dem guten Dienst war's vorbei. Nun vermietete sie sich in die Stadt, als Spülmagd in die »Goldene Gans«. Da machte sie mit dem Jakob Bekanntschaft. Der stand sell in der Leibkompagnie und war soweit ein manierlicher Bursch. Zuerst kam er ans Küchenfenster und erzählte Späße vom Militär. Das konnt' man sich schon gefallen lassen. Dernacher sagt' er:

»Horch zu, Christine. Du stehst da in der barbarischen Hitz', du mußt dich draußen verkühlen. Wir wollen ein bißchen spazieren gehn.«

Das war ihr recht. So gingen sie in der Abendzeit. Sie dachte sich weiter nichts dabei. Nur daß die Leute sprachen: »Das ist dein Schatz.« Jetzt war 28 Königs Geburtstagfeier. Da wurde in der Kaserne mächtig getanzt. Er drangsalierte, sie sollte doch auch mitmachen. Sie schlug's ihm kurzweg ab. Um alles in der Welt hätte sie da nicht mitgehopst. Da ging's ja zu als wie in der Türkei. Da traute kein besser Mädchen sich hin. Nun hatte er auch die Lust verloren, blieb bei ihr in der Küche sitzen. Das Anhängliche tat ihr wohl, sie hatte noch nicht viel Liebe erfahren. Und sie schwätzten und schwätzten bis in die Nacht. Ihr war so eigen und so wohlig zu Mut, und sie meinte nun selber: er ist dein Schatz. Sie hätte ihm sell gern was Gutes gekocht, er nahm aber keinen Bissen an. Er wollte partu nur bei ihr sein. Auf einmal hatte er sie auf dem Schoß und herzte sie, daß ihr der Atem verging.

Das hätt' sie selbigmal nie gedacht, daß man einem Menschen so gut sein könnt'. Dazumal sang sie:

»Mein Schatz ist kein Zucker,
Was bin ich so froh,
Sonst hätt' ich ihn gessen,
Jetzt hab ich ihn no!«

Hei! war das ein Gepisper und ein Gedutschel, der Abend hätt' dreimal so lang sein dürfen. Und was der Jakob für Anschläg' hatte. Erst wollt' er von den Studierten was profitieren, daß er vornehme Häuser ausmalen könnt', dann wollt' er sich in Frankfurt niedersetzen mit seinem eigenen Geschäft. Und die Bestellungen regneten herein. Vor lauter Arbeit tat er verzwatzeln. Und Geld war da wie Heu. Seine Sprach' war, sie sollt' nur ihre Gedanken drauf richten, was sie später für ein schönes Leben hätten.

29 Wenn man jetzt darüber simelierte, wie schnell die Zeit vergangen war, man wurde, weiß Gott, ganz durmelig. Eh' man sich's versah, kam der Jakob von den Soldaten los und machte fort ins Rheinische. Sie hatte den ganzen Sommer geweint. Nicht bloß, weil sie von einander gehen sollten. Sie mußte ohnehin ihren Dienst verlassen. Es war hohe Zeit, daß sie bei der Mutter Unterkunft suchte. Die ließ sie aber schön anlaufen, schwur Stein und Bein, sie leide so kein verliederlicht Weibsstück im Haus. Und das war grausam schlecht von ihr, wo sie's doch selber durchgemacht hatte, in so einem Stand allein zu sein. Der Hartherzigen gab sie keine guten Worte, ging stracks wieder in die Stadt zurück und kam mit der Mandlern überein, daß sie bei der ein ruhiges Plätzchen fand. Martini war das Bubchen da, ein schnegelfetter hübscher Kerl. Jetzt war das Kostgeld aufzubringen, und sie verdingte sich als Amme beim Hauptmann von Effenberg. Da schenkte sie einem armseligen Kindchen die Milch. Die gnädige Frau kränkelte so hin. Der Hauptmann war ein halber Sparrekaspar! Der dätschelte sie und sagte, sie sollt' ihm zu Willen sein, der Maßmann, sein Bursch, der tät' für alles aufkommen. Sie ließ sich aber nichts gefallen. Über'n Jahr krag das Hauptmannskindchen die Krämpfe und starb. Gerad' suchte die Klemmrathen eine Magd, da nahm sie von der den Mietpfennig an. Bei den Bäckersleuten gefiel's ihr ganz gut, sie hatte für sich und ihr Bubchen genug. Manchmal vergaß sie den nagenden Kummer, denn man konnte nicht immer den Kopf hängen lassen, die Menschen wollten kein 30 Motzgesicht. – Wie der Blitz hatte sie die Nachricht getroffen, daß der Jakob vorgestern durchpassiert war. Insgeheim hatte sie doch noch auf ihn gehofft. Jetzt wußte sie's, er war ewig hin.

Draußen hörte man jemand über die Steinfliesen schlurfen. Das konnte wohl die Klemmrathen sein. Christine stand auf und stellte ihre Töpfe zurecht. Die Tür ging auf und die Schnappersgritt trat herein.

Christine schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

»Herr Jesses, die Wäs!«

»Ja, gelte, du guckst.«

»Nu sag' ich nix mehr. Wo kommst du dann her?«

»Ei, diesen Morgen von Eschenrod.«

»Wie geht dir's dann, Wäs?«

»Wie soll's gehn! Wann man alt ist, hat man alsfort zu krecksen.«

»No, Wäs, du trinkst doch ein Schälchen Kaffee?«

»Jawohl, ich sein dir halbverfroren.«

Christine bediente flink die Tante. Die Alte schlappte begierig den wärmenden Trank und tunkte drei mürbe Weck darin ein. Währenddessen sprach sie bei Leib und Leben kein Wort. Erst als sie Hunger und Durst gestillt, stand sie ihrem Schwesterkind wieder Rede.

»Was giebt's dann Neues in Eschenrod!«

»Nix daß ich wüßt'.«

»'s ist eine Ewigkeit, daß ich keins aus euerm Ort gesehn hab'.«

»Wir liegen halt abseit.«

»Ja, ja.«

31 Die Alte wischte sich die Nase mit der Schürze.

»Was ich sagen wollt!? Es sterben etz viel Leut' bei uns.«

»Akrat wie in der Stadt. Das macht die Infallenza.«

»Die vorige Woch hat der Knochenmann unserm Flurschütz seine Frau geholt. Und war erst sechsundvierzig«

»So, so, dem Flurschütz seine Frau,« sagte Christine scheinbar gleichgültig.

»Und dessentwegen wollt' ich einmal mit dir schwätzen,« packte die Gritt nun aus.

Christinens Augen hefteten sich starr auf die Alte.

»Dessentwegen willst du mit mir schwätzen?«

»Ja freilich. Als Witmann ist der Flurschütz übel dran. Sein Bub ist auf der Wanderschaft und stößt sich die Hörner ab. No will er seine Sach' in Ordnung haben. Die Äcker hat er zwar verlehnt. Derweil gibt's im Haus und im Garten noch genug zu schanzen. Von Vieh stellt er nix ein, höchstens ein paar Ferkel. Den Tag über geht er in die Gemarkung. Etz sucht er eins, wo Verlaß drauf ist. Und wie ich mit ihm dadrüber red', fährt mir's durch den Kopf, das wär' justement ein Platz für dich.«

»Und hast ihm das vorgestellt?« fragte Christine mit vor Erregung heiserer Stimme.

»Das versteht sich,« schmunzelte die Alte. »He hat erst gemeint, wann eins in der Stadt ist, geht's nicht mehr aufs Land. Das kommt drauf an, hab' ich gesagt, für Geld und gute Wort' kann man alles haben. No, spricht er, hundertfufzig Mark und ein Christkindchen tät' er ausgeben. Etz überleg dir's, 32 Christine. Kriegst du den Dienst in Eschenrod, sitzst du wie die Katz' auf dem Speck. Der Flurschütz ist noch in guten Jahren und gilt im Ort als vermöglicher Mann. Ja, du bist doch auch nicht von Dummbach.«

Christine bastelte an ihren Schürzenbändern herum und sagte die Augen niederschlagend:

»Du hast keine Gedanken dadrauf gehabt, Wäs, ich gehör' doch bei mein Kind.«

Die Schnappersgritt erhob sich behebt.

»Christine, du mußt wissen, was du tust. Ich mein', du machst nach Eschenrod und das Kind bleibt wo's ist. Und wann du Sonntags als nach dem Schnuckeschen guckst, legt dir der Flurschütz nix in den Weg.«

Die Alte humpelte hinaus, in der Stadt ihre Geschäfte zu besorgen, versprach aber gegen Mittag wiederzukommen. Christine lief mit hochrotem Gesicht in ihre Kammer, aus der Kammer in die Küche und hatte schier den Kopf verloren.

Draußen läuteten die Glocken den Gottesdienst ein. Unwillkürlich holte sie ihr Gesangbuch herbei. Darin stak das Buchzeichen, das ihr der Lehrer zu Velda geschenkt hatte.

«Ich lag in schweren Banden,
Du kommst und machst mich los,
Ich stund in Spott und Schanden,
Du kommst und machst mich groß.«

Seitdem sie der Jakob im Stich gelassen, hatte sie einen wahren Zorn auf den Herrgott gehabt, weil er ihr das angetan. Offenbar sah er die Sache jetzt mit anderen Augen an, denn er hatte ihr in ihrer 33 Herzensangst die Schnappersgritt geschickt. Das war gar tröstlich. Da wurd' es einem leicht, wieder fromm zu werden. Und dankerfüllt faltete sie die Hände um ihr Gesangbuch und sprach wie betend vor sich hin:

»Lieber Vater im Himmel, ich sein dir ganz verzwerbelt gewest, dieweil du dich gar nicht mehr um mich gekümmert hast. Du mußt, scheint's, gedacht haben: was die Christine sich eingebrockt hat, soll sie auch ausessen. Mein! ich sein zu dem Kind gekommen und weiß nicht wie. Sonst hast du mir doch gar nix vorwerfen können. Und ich hab' als gelurt und gelurt, du sollt'st einmal dreinschlagen und dem Jakob den Kopf zurechtsetzen. An was soll man dann glauben, wann einer einem armen Mädchen so mitspielen darf und dernacher nix mehr von sich hören läßt? Ja und dessentwegen sein ich in keine Kirch' mehr gegangen. Etz seh'n ich aber doch, daß der Lehrer zu Velda recht behält. Der hat als gesagt: »Gott grüßt manchen, der ihm nicht dankt.« Das hätt' ich mir nicht träumen lassen, daß ich noch einmal als Magd zum Jakob seinem Vater kommen tät'. Lieber Gott, das hast du so eingericht'. No, ich werd' dir keine Schand' machen. Und arbeiten will ich, wann's sein muß, für zwei. Etz möcht' ich nur für mein Leben gern wissen, wie du dir das alles ausgeklugt hast, wo der Flurschütz doch kein Arg von nix hat und ich nicht als Heimducksern dasteh'n will. Stät, stät! sprichst du, wer fällt dann gleich mit der Tür ins Haus? Ich denk' akrat, wie du, lieber Gott. Ich mein' so: ich tu'n ebenst meine Arbeit und sein murrestill. Der Jakob strunzt nicht ewig herum. Auf 34 einmal kommt er wieder heim und macht Augen so groß wie zwei Teller. Etz hol' ich flink das Bubchen herbei. Und wie das »Babbe, Babbe!« ruft, da geht's dem Schlechtkopp doch an die Nieren. No hört sein Vater, wie's zugangen ist. Ja, so verschmäh kann he nicht sein, daß er gegen dein' heiligen Willen ist. Wann er auch erst ein wink unschier tut, dernacher gibt er sein' Segen und richt' die Hochzit. Gelle, lieber Gott, so hast du's vor? Etz merk' ich erst, wie gut du bist. Alleweil bringt mich auch nix von der Kirch' mehr ab, und die ander' Woch' nehm ich das Abendmahl. Amen!«


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