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Der Flurschütz

Alfred Bock: Der Flurschütz - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Flurschütz
authorAlfred Bock
year1916
firstpub1901
publisherEgon Fleischel & Co.
addressBerlin
titleDer Flurschütz
pages108
created20130601
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10

Sobald der Bäckermeister Klemmrath in der Frühstunde sich zu Bett begeben hatte, wie es das mühselige aber einträgliche Gewerbe mit sich brachte, übernahm seine Frau das Kommando im Haus. Im Ladenlokal lagen Butterweck, Wasserdatscher und Zwiebäck gehäuft, und der Duft der frischen Backware erfüllte den Raum. Die Lehrbuben erschienen mit ihren Körben. Jeglichem teilte die Meisterin sein Quantum zu und befahl, die Kundschaft rasch zu bedienen. Eben hatten sich die Jungen entfernt, die Klemmrathen trank, sich verschnaufend, ein Schälchen Kaffee, als ein gut gekleideter, hübscher junger Mensch in den Laden trat. Höflich den Hut lüftend, begehrte er einen Butterweck, den ihm die Meisterin gab. Indes er die Pfennige hinlegte, sagte er sichtbar befangen:

»Ist die Christine Wallbott wohl hier?«

86 »Die Christine? Ei, die ist lang schon fort.«

»So hat sie einen andern Dienst in der Stadt?«

»Bewahr'! Die ist alleweil in Eschenrod. Beim Flurschütz. Der schreibt sich Daniel Schwalb.«

Der junge Mann entfärbte sich und hielt sich wie von einem Schwindel befallen mit beiden Händen am Ladentisch fest.

Sein Gebahren machte die Klemmrathen stutzig. Ganz Aug' und Ohr, fragte sie:

»Sie sein wohl mit der Christine bekannt?«

»Ja,« sagte der Fremde, sich mühsam fassend.

»Ein bescheidentlich Mädchen,« plapperte die Bäckersfrau, »und risch. Ja wie die schafft, das ist heutzutag bei den Dienstboten keine Mode mehr. Mein Lebtag hätt' ich ihr nicht aufgesagt. Nu ist die Christtag eine Frau gekommen und hat sie mir ausgemiet'. 's war mir leid genug. Jetzt treffen Sie sie in Eschenrod. Drei Stund' von hier, aber ein schöner Weg.«

Ohne sich auf ein Gespräch einzulassen, dankte der junge Mensch für den Bescheid und ging. Die neugierigen Blicke der Klemmrathen folgten ihm.

Draußen taumelte er ein paar Schritte vorwärts, als habe ihn von neuem ein Schwindel erfaßt, dann wandte er sich der nächsten Gasse zu, die in die Eschenroder Landstraße mündete.

Bald hatte er die Stadt im Rücken. In vielfachen Windungen führte die Chaussee hinan. Zu beiden Seiten weite Triften, von Herbstzeitlosen übersät, fernab gelbe Stoppelfelder. Am äußersten Horizont ragten die Waldberge wie schwarze Ungetüme aus dem Nebelgewölk. Geisterhaft schwebten die langen 87 weißen Fäden der Wanderspinne vorbei. Aus dem Erdreich stieg ein dumpfer Moderduft auf und gemahnte an Tod und Verwesung.

Mächtig ausschreitend, langte der Wanderbursch auf dem höchsten Punkt der Straße an und sah Eschenrod in der Talsenkung liegen.

Die Glocken hoben an zu läuten. Hörnerklänge schwammen herauf. Jetzt spielten sie drunten den Morgensegen. Herrgott, es war ja Kirmeszeit!

Und er beflügelte seine Schritte. Ein kurzer Abstieg durch Tannengehölz. Schon hörte er den Hollerbach rauschen, da lugte die Sägmühle hervor. Vorwärts, vorwärts! Wer saß denn dort am Wittgeborn? Wahrhaftig, es war der Bettelkaspar. Der hatte den Ankömmling gleich erkannt.

»Heilig Gewitter, der Schwalbejakob! Ei wo kommst du dann hergeschneit?«

»Aus Holland,« versetzte der Angeredete und gab dem Bettelkaspar die Hand.

Dieser hatte sich von seinem Erstaunen noch nicht erholt.

»Donnerkil, der Schwalbejakob! Etz kommst du gerad' noch zur Kirmes recht.

Heut sein die Bauern lustig,
Heut sein sie toll und voll.«

»Ich weiß.«

»Herentgegen ist dein Vater diesen Morgen ins Feld.«

»So?«

»Und hatt' die Donnerbüchs' auf dem Buckel. Von wegen der Rabenplag'. Elf Pfennig gibt's vom Stück. Da verdient he noch ein' Haufen Geld.«

88 »Ich muß weiter,« sagte Jakob ungeduldig.

»Da kommst noch früh genug nach heim,« hielt ihn der Bettelkaspar zurück. »Tu' was für einen armen Hungerleider und geb' in der ›Kron'‹ ein paar Dippchen aus.«

»Nachmittag,« versprach ihm Jakob und machte sich in Eile davon.

Der Vater im Feld. Desto besser. So fand er die Christine allein. Fast lief er die lange Gasse hinunter. Noch hundert Schritt zu seines Vaters Haus. Da lag's und funkelneu gestrichen. Vom Donbalken grüßte der alte Spruch:

Sieh vor dich und sieh hinter dich!
Die Welt ist gar zu wunderlich.

Jetzt schritt er über den Hof, trat in den Flur. Just kam die Christine aus der Küche.

»Jakob!«

Ein markerschütternder Schrei, und sie brach ohnmächtig zusammen.

Schreckensbleich kniete er neben ihr, er rief sie beim Namen: sie regte sich nicht. Da richtete er sie sanft in die Höhe und trug sie in die nahe Stube. Er stürzte ans Fenster, Hilfe zu holen. Die Straße war völlig menschenleer. Ratlos kehrte er zu der Besinnungslosen zurück. Heiliger Gott war sie denn tot? Er rang verzweifelt die Hände.

»Christine, Christine!«

Sie hörte ihn nicht. Er warf sich jammernd über sie.

»Gott sei gelobt!«

Sie bewegte sich. Ihre Brust hob und senkte sich. Sie lebte. Jetzt schlug sie die Augen auf.

89 Zärtlich schlang er die Arme um sie.

»Christine, lieber, lieber Schatz!«

Da traf ihn ihr düster flackernder Blick.

»Rühr' mich nicht an,« stieß sie hervor.

Bestürzt ließ er sie frei. Herrgott, war sie denn irr geworden?

Jetzt erhob sie sich. Ihr Gesicht war totenblaß. Ihre Augen funkelten in fiebrischem Glanz. Die Erschütterung war zu gewaltig gewesen. Die Kräfte wollten sie wieder verlassen, sie schwankte. Doch schleppte sie sich zur Ofenbank.

Er ließ sich schweigend neben ihr nieder. Wenn sie erst wieder bei sich sein würde, daß er seinem Herzen Luft machen konnte. Sacht, nur sacht! Minutenlang verharrte er still. Dann begann er mit bebender Stimme:

»Christine, ich bitt' dich, guck mich doch an. Ich bin der alte Jakob nicht mehr. Der ist drunten in Holland geblieben.«

»Der alte Jakob ist tot,« sprach sie dumpf, »ich will von keinem neuen nix wissen.«

»Christine,« flehte er, »hör' mich an.«

»Ich will nix hören!« fuhr sie auf.

»Christine,« drang er aufs neue in sie, »tu mir das Herzeleid nicht an!« Tränen erstickten seine Stimme.

Sie hielt sich mit beiden Händen die Schläfen, als wollte ihr die Hirnschale springen.

Er aber demütigte sich vor ihr.

»Ich bin ein Schuft gegen dich gewest. Das gestehn ich zu. Habs bitter bereut. Seit ich vom Militär fortkommen bin, hab' ich Gott weiß was all 90 pexiert. Etz kann ich dir's ja sagen: 's konnt' sein, wo's wollt', 's hat mich alsfort eins gezoppelt. Und das warst du. Hab' während an dich denken müssen. Ja – und uns' Kind! Was macht dann das?«

Da hatte er das Wort gefunden, das den Weg zu ihrem Herzen bahnte.

Uns' Kind! Ihre Augen blickten mit einem Mal sanft, das Blut kehrte in ihre Wangen zurück, und ein Lächeln spielte um ihren Mund.

Und als ob nichts geschehen sei, erzählte sie ganz zutraulich, vor acht Tagen sei sie in der Stadt gewesen und habe nach dem Bubchen gesehen. Das sei ein goldiges Kerlchen und wunderdrollig. Und fange es erst zu babbeln an, könne man sich gerad' wälzen vor Lachen.

Glückselig sah sie vor sich hin. Zaghaft ergriff er ihre Hand.

Diesen Morgen, sprach er, sei er mit dem Fünfuhrzug gekommen und direkt zu den Bäckersleuten gegangen, nicht anders denkend, sie diene noch dort. Wie er gehört habe, sie sei bei seinem Vater in Eschenrod, habe er gemeint, ihn treffe der Schlag. In einer Hatz sei er hergerannt. Und nun das Glück, daß der Vater außerhalb sei. So könne er gleich sein Herz ausschütten. Jetzt sei ihm auf einmal ganz glühnig zu Mut. Greinen möcht' er vor lauter Freud'.

Sie lehnte sich an die Wand zurück, und ihr hübsches Gesicht war wie verklärt. Was sie erlebte, war kein Traum, war offenbare Wirklichkeit. Der Jakob, der verlorene Schatz, saß leibhaft neben ihr. Sie schaute ihn von der Seite an. Das war der 91 alte Krollenkopf, und das Schnurrbärtchen gar stolz gedreht. Jakob, Jakob! O du Heiland, er war's. Hielt ihre Hand und tat so lieb. Selig vergaß sie Groll und Harm und genoß die Wonne des Wiedersehens.

Was in ihr vorging, verriet der Druck ihrer Hand. Wie ein warmer Strom ging's von ihr aus.

»Etz kann passieren, was will,« sagte er gerührt, »uns zwei bringt nix mehr auseinander. Guck, wo mir's in Holland so schlecht gegangen ist, da bin ich erst zu Verstand gekommen. Tag und Nacht könnt' ich verzählen.«

Die Erinnerung an überstandene Leiden wurde in ihm wach, und er sprach sich in bewegten Worten aus.

»Von Düsseldorf bin ich herunter nach Amsterdam. Da war ein Kamerad von mir. Der sollt' einen Platz für mich ausfindig machen. Mit der Malerei war's aber nix. Sie hatten überall Leut' genug. Die Holländer haben was los. Es muß einer schon ein Meisterstück liefern, wer denen etwas vormalen will. Dessentwegen hätt' ich ihnen doch was zeigen können! Nu tat ich hier und dort mich um, krag dir aber ums Leben nix. So mußt' ich in den sauren Apfel beißen und bei einem Weißbinder in Arbeit gehn. Da hab ich ein schön Stück Geld verdient. Der Weißbinder schrieb sich Paddenburg und hat auch ganz gut deutsch geschwätzt. Etz mußt du wissen, das Amsterdam steht im Wasser, die Häuser sind auf Holzwerk gebaut. Man sollt's gar nicht für möglich halten. Über dem Wasser liegt als ein dicker Schwadem. Was die Holländer sind, die sind dran gewöhnt. Mir ist der Dunst auf die Nerven gefallen. Ich tat 92 mich ganz barbarisch wehren. 's half nix. Ich krag das Fieber so hitzig, daß sie mich ins Spital getragen haben. Da hab' ich acht Tag lang nix von mir gewußt. Dernacher bin ich so matt gewest, daß sie für mein Leben nix mehr gegeben haben. Die barmherzige Schwester hat alsfort mit mir gebet'. Ein' Sonntag hab' ich selber gedacht, heut ist's vorbei. Nu liegt man da und kann sich nicht rühren, aber im Kopf rumort's in einem zu. Und da sieht man alles genau bis zurück, wo man so'n kleiner Knibbes war. Und was man auf dem Gewissen hat, das sticht ein' akrat wie glühende Nadeln. Den Schmerz hätt' ich zur Not verbissen, aber daß ich dich hab' sitzen lassen, dadrüber kam ich nicht hinaus. Und hab' in mich hinein gegreint und hätt' Gott weiß was drum gegeben, wann du sell bei mir gewesen wärst. Dernacher bin ich eingeschlafen. Und die Schwester hat gemeint: der wacht nimmer auf. Die Nacht und den Tag drauf lag ich wie tot. Ich muß aber doch noch Kraft gehabt haben, dann Montag gegen Abend bin ich lebig worden. Von der Stund an, kann man sagen, war ich kuriert. Nu haben sie mich noch ein paar Wochen aufgefüttert, dernach haben sie mich gesund geschrieben. Der Paddenburg wollt' mich gleich wieder nehmen. Ich hatt' aber keine Ruh' im Leib, bin stante pe auf die Eisenbahn und bin durchs Rheinische heimgefahren.«

Sie war seiner Erzählung mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt. Da er von seiner schweren Erkrankung sprach, flossen ihre heißen Tränen. Er hatte schrecklich viel ausgehalten, hatte gewißlich all' seine 93 Sünden gebüßt. Und ein guter Mensch war er doch! Denn als er mit dem Tode rang, hatte er noch an seine Christine gedacht.

Mit dem Blick besorglicher Liebe sah sie ihn an.

»Etz merk' ich erst, wie blaß du bist. 's hat dich geherigd mitgenommen.«

Er meinte, er habe sich völlig erholt und spüre die alte Kräftigkeit. Sie brauche sich keine Gedanken zu machen. Jetzt sei die Reihe an ihr zu erzählen. Er könne es noch gar nicht fassen, daß sie hier bei seinem Vater diene, da müsse ein Wunder geschehen sein.

Nun gab sie ihm getreulich Bericht, wie sich alles zugetragen, wie sie die Zeit her sündlich geschwiegen und stündlich auf seine Rückkehr gehofft. Seit Fastnacht habe er nicht mehr geschrieben. Da habe sein Vater geglaubt, er sei übers Wasser und habe ihn gänzlich aufgegeben. Indes habe sie still ihre Arbeit getan und nicht nach rechts und nach links geguckt. Der Flurschütz sei aber gar liebreich gewesen, und was sie voll Schrecken vorausgesehen, das habe sich gestern Abend erfüllt: er habe um sie angehalten. Dieweil sie's ihm nun verreden mußte, habe er's mühsam hinuntergewürgt und sei in Erbitterung fortgegangen. Seit gestern habe sie ihn nicht mehr gesprochen, doch sei's ihr ernstlicher Vorsatz gewesen, heute Abbitte bei ihm zu tun, daß sie verheimlicht, wer sie sei – und alsogleich Adjes zu sagen.

Mit weitaufgerissenen Augen hatte Jakob zugehört. Nun sprang er von Sorge und Furcht ergriffen auf. Ein Reumütiger war er heimgekehrt, begangene 94 Schuld zu sühnen. Christine hatte ihm verziehen, hatte ihm die Treue gewahrt. Würde sein Vater sich versöhnen, da er als Nebenbuhler vor ihn trat? Er kannte des Mannes Sinnesart. Erfuhr der die Wahrheit, geriet er in Flammen. Er würde sich bei Gott nicht getrauen, den Wütenden zu besänftigen. Vielleicht, daß es der Christine gelang. Auf der Heimfahrt hatte er sich vorgeredet, sobald er mit seinem Mädchen einig, wollten sie hurtig Hochzeit halten. Bei seinem Lehrherrn, dem Weißbinder Möhl, hatte er einen Stein im Brett. Der Alte war wohlhabend und kinderlos. Gern möglich, daß der ihm sein Geschäft verkaufte, dafern der Flurschütz den Beutel zog. Dann trieb man die Weißbinderei nur nebenher, die Hauptsache war die Dekorationsmalerei. Ein reicher Mann würde sich auch wohl finden, der sich eine feine Villa bauen ließ. Da wollte er Wände und Decken bemalen, daß die ganze Stadt zusammenlief. Und die Rede ging von Mund zu Mund: Das ist das Werk des Jakob Schwalb, so leicht macht ihm das keiner nach. Und die Leute kamen von außerhalb, die Arbeit des jungen Meisters zu sehen, und waren alle des Lobes voll. Er aber gelangte zu hohen Ehren und erfüllte das Land mit seinem Ruhm.

An diesen Phantastereien hatte er sich förmlich berauscht und Luftschlösser über Luftschlösser gebaut. Jetzt war er aus allen Himmeln gefallen und den Tatsachen gegenüber mutlos und schwach.

Insgeheim freute sich Christine seiner Niedergeschlagenheit, diese galt ihr als untrügliches Zeichen, daß er, seines Leichtsinns ledig, ein andrer Mensch 95 geworden war. Ihr weiches Herz wollte überwallen, doch hielt sie an sich und sprach zur rechten Zeit ein verständiges Wort.

»Guck Jakob, man muß alles von zwei Seiten betrachten. Dein Vater tut nix unversonnen und hat sich das gründlich überlegt. He steht in voller Mannhaftigkeit und braucht sein Leben nicht zu verfetzen. Auf dich hat er keine Gedanken mehr gehabt, und wann er sich wieder verheiraten will, kann's ihm, weiß Gott, keins übel nehmen. Etz kann er meine Absag' gar nicht bekappen. He sagt sich, er braucht bloß die Hand auszustrecken und hat an jedem Finger eine. Und's ist auch so. Dann die Mannsleut, die's mit den Mäderchen ehrlich meinen, die sein barbarisch rar heutzutag.«

Sie hielt inne und sah ihn bedeutungsvoll an. Er trat ans Fenster, seine Verlegenheit zu verbergen.

»Weil wir gerad' davon schwätzen,« fuhr sie fort, »ich müßt' ja falsch sein, wann ich dir's nicht ins Gesicht sagen tät', wie du dich an mir versündigt hast. Etz sein's bald zwei Jahr, daß du fortgemacht bist. Sell hab' ich gedenkt, du müßt' mich kennen, daß ich mich vor dir nur aufgenesselt hab' und sonst vor keinem mehr auf der Welt. Ja, sein dann die Weibsleut allegar liederlich, daß kein Mannsbild so was glauben darf? Guck, wärst du nicht so treulos gewest, das Bubchen hätt' mir nix gemacht. So hoch hätt' ich mein' Kopf getragen!«

Sie stand auf, und eine entschiedene Haltung hob ihre schlanke Gestalt. Unwillkürlich wandte er sich um, und ihre Blicke begegneten sich.

96 »Christine,« bekannte er offenherzig, »ich bin kriminalisch schlecht gewest.«

»Du hast keine Ahnung,« sprach sie weiter und ihre Stimme dämpfte ein schmerzlicher Klang, »wie mir's gewest ist in den zwei Jahr'. Guck, wann eins ein Metzgermesser nimmt und stößt mir's akrat in die Brust, 's kann nicht so weh tun, wie mein Brast. Und daß du's nur weißt, ich hab' dich verflammt und verflucht und« – setzte sie schamhaft errötend hinzu – »hab' mich während dabei erwischt, daß ich dich doch noch lieb haben tat.«

Er zog sie beseligt an seine Brust und beteuerte:

»So wahr unser Herrgott im Himmel ist, ich mach's wieder gut!«

»Das hoff' ich,« sprach sie vertrauensvoll.

Eine Weile genossen sie stumm ihr Glück, dann sagte er:

»Ich hab' mir das so ausgedenkt, du solltst zuerst mit dem Vater reden.«

»Jakob, ich denk' wir reden beidsammen.«

Er runzelte die Stirn.

»Ich fürcht' halt, er wird kollerig.«

»Dein Vater ist kein unguter Mann.«

»Ja schon, aber wo ich so jähling komm'. Und auf den Stutzer noch unser Sach'.«

»Ich kenn' dein' Vater,« ermutigte sie ihn. »Der schäumt gleich auf und donnert los. Etz wann er's verworgt hat, gibt er nach.«

Er hegte doch noch mancherlei Zweifel, ob alles gut verlaufen werde. Sie meinte, er sei so lang draußen gewesen, daß ihm der Vater fremd geworden.

97 Sie erzählte, wie sie's angefangen, daß der Flurschütz sie niemals angeschnauzt habe. Wer ihn nur recht zu nehmen wisse, der könne ihn um den kleinen Finger wickeln, denn im Grund habe er ein treues Herz und mute niemand unbilliges zu. Das verdeutlichte sie an allerlei Zügen, die sie bei ihm beobachtet hatte.

Jakob wunderte sich ein über das andre Mal, wie erzgescheit die Christine war. Wenn die's darauf anlegte, seinen Vater herumzukriegen, da mußte er die Segel streichen. Das Bild des Flurschützen, das er sich in düsteren Farben ausgemalt, erschien ihm gemach in freundlicherem Licht. Seine Besorglichkeit wich einer beruhigten Stimmung. Nach seiner Art entwarf er Zukunftspläne, setzte sich aufs hohe Pferd und überließ sich einer großen Fröhlichkeit.

»Juchhe! Martini muß Hochzeit sein!«

Jubelnd hob er die Christine in die Höhe, setzte sie auf seinen Schoß und herzte sie, daß ihr der Atem verging.

»Jakob, du bist nicht recht klug,« wehrte sie.

Ihre Zurückhaltung steigerte seine Leidenschaft.

Er preßte sie an sich und bedeckte ihren Mund mit brennenden Küssen.

Sie stemmte die Arme gegen seine Brust und stammelte angstvoll:

»Jakob, lass' ab!«

Seine wilde Sinnlichkeit riß ihn mit fort. – –

Sie widerstrebte ihm mit aller Kraft. –

So kämpften sie einen heißen Kampf –. 98


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