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Der Flüchtling

Adolf Pichler: Der Flüchtling - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenovelette
authorAdolf Pichler
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik - Sechster Band
titleDer Flüchtling
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeSechster Band
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senderwww.gaga.net
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Adolf Pichler – Einleitung von Karl Bienenstein

Am 4. September 1819 wurde dem österreichischen Zollamtsschreiber Josef Anton Pichler, der das kleine Zollhäuschen bei dem Dorfe Erl nächst Kufstein bewohnte, ein Sohn, der nachmalige Dichter und Naturforscher Adolf Pichler, geboren. Obwohl infolge des geringen Gehaltes, das der Vater bezog, Schmalhans Küchenmeister war, wuchs der Knabe doch kräftig heran und das freie Herumstreifen in der schönen Gegend mag noch ein Weiteres dazu beigetragen haben, ihn abzuhärten und seinen Körper wetterfest zu machen. Die landschaftliche Schönheit und die Sagen, die er aus dem Munde des Volkes vernahm, waren wohl die ersten poetischen Eindrücke, die der geweckte Knabe empfing, und zugleich die einzigen schönen Erinnerungen an seine Jugendzeit. Das Vaterhaus hat ihm solche nicht gegeben, wie deutlich aus seinen Worten hervorgeht, daß er sich letheische Wasser wünsche, um manche Szene aus seinem Gedächtnisse zu tilgen. Von einem geordneten Schulunterricht war nicht die Rede. Ein solcher ward ihm erst zu Reutte zuteil, wohin der von Ort zu Ort versetzte Vater auch endlich kam. Und als sich dieser im Jahre 1832, des ewigen Wanderns müde, pensionieren ließ und Innsbruck zu seinem Ruheort erkor, trat sein Sohn in das dortige Gymnasium ein. Mit dem ersten Preise ausgezeichnet verließ er dasselbe im Jahre 1838 und widmete sich nun an der Universität der Jurisprudenz, trieb daneben aber auch fleißig literarische und kunsthistorische Studien, die ihn mit einer Reihe gleichgesinnter Freunde verbanden. Aber die Aussicht, als Jurist sein Leben in dumpfen, staubigen Kanzleien versitzen zu müssen, verleidete ihm das Studium der Rechte sehr bald und als er die notwendigen Mittel in der Tasche hatte, fuhr er mit einem Freunde auf einem Floße, abwechselnd selbst rudernd oder den Flößern den Homer vorlesend, nach Wien, um hier Medizin zu studieren. Schlecht und recht brachte er sich hier durch Stundengeben durch und die spartanische Einfachheit seiner Lebensweise ermöglichte es sogar, daß er jedes Jahr so viel ersparte, um in den Ferien nach Tirol zurückkehren zu können, wo er ein freies Wanderleben führte. Eben wollte Pichler mit dem Doktordiplom in der Tasche der schönen Kaiserstadt an der Donau, die ihm durch einen unglücklich verlaufenen Herzensroman gänzlich verleidet war, den Rücken kehren, um sich in Tirol eine Praxis zu erwerben, da brach die Revolution des Jahres 1848 aus. Sogleich ließ er sich in die Studentenlegion einschreiben. Bevor diese aber noch Gelegenheit hatte, in den Kampf für die Freiheit zu treten, kam die Kunde von der Bedrohung der südtirolischen Grenze durch die Italiener. Das schlug in die Herzen der in Wien lebenden Tiroler Studenten wie Wetterstrahl. Die geliebte Heimat, die Südmark Germaniens bedroht! Kein Fußbreit des alten deutschen Reichsbodens sollte den Welschen abgetreten werden, dafür wollten sie kämpfen.

Eine Schützenkompagnie von 181 Mann wurde gebildet, Pichler zum Hauptmann und der greise Kampfesgenosse Andreas Hofers, der Kapuziner Joachim Haspinger, zum Feldpater gewählt. Mit der schwarz-rot-goldenen, in der Stephanskirche feierlich geweihten Fahne an der Spitze zog die kleine Schar nach Süden und zeichnete sich in zwei Gefechten und zwar bei ponte tedesco und Cassaro so aus, daß sie von den Militärbehörden öffentlich belobt wurde. Pichler selbst erhielt später für seine Verdienste den Orden der eisernen Krone und wurde auf Grund dieser Auszeichnung mit dem Prädikate »Ritter von Rautenkar« geadelt. Nach zweimonatlichem Felddienste löste sich die Kompagnie auf und die Fahne wurde auf dem Schlosse Tirol hinterlegt. Pichler hielt sich eine Zeit in Tirol auf, kehrte dann nach Wien zurück und ließ als passiver Zuseher den Wirbel der blutigen Oktobertage an sich vorüberziehen. Es galt nun für ihn, sich eine Lebensstellung zu schaffen. Im Jahre 1849 erhielt er eine Lehrstelle am Gymnasium in Innsbruck und erteilte zugleich an der Universität den Unterricht in Naturgeschichte. Doch schon das nächste Jahr trieb ihn aufs neue in den Kampf für bedrohte deutsche Erde. Er wollte dem Führer der schleswig-holsteinischen Armee, General Willisen, eine Abteilung Tiroler Schützen zuführen, doch wurde ihm dieser Plan durch die österreichische Regierung vereitelt, die ihm jeden weiteren Schritt in dieser Sache strengstens untersagte. Grollend zog sich Pichler zurück, um sich nun ganz der Poesie und seinen naturwissenschaftlichen Studien zu widmen. Es erschienen nun seine ersten Gedichtbücher und nach und nach begann er auch seine Wanderungen durch Tirol und andere Teile Österreichs, um diese Gebiete geologisch zu erforschen. Diese wissenschaftliche, mit schönen Erfolgen gekrönte Tätigkeit trug ihm im Jahre 1867 die Bestallung zum ordentlichen Professor der Mineralogie und Geologie an der Universität in Innsbruck ein, in welcher Stellung er bis zum Jahre 1890 verblieb. Nun kam auch in sein äußeres Leben mehr Ruhe. War er bis zum Anbruch der konstitutionellen Ära in Österreich als früherer »Achtundvierziger« ein Gegenstand argwöhnischer Beobachtung gewesen, so konnte er nun mit seinen politischen, durchaus freiheitlichen Anschauungen ungescheuter hervortreten und die letzte Zeit nationaler Bedrängnis der Deutschen in Österreich sah ihn wieder mit jugendlicher Kraft und Begeisterung an der Seite der Jungen für die deutsche Sache in Österreich kämpfen. Sein achtzigster Geburtstag gestaltete sich aus diesem Grunde auch zu einem nationalen Festtage, an dem nicht nur das ganze Land Tirol, sondern das ganze deutschbewußte Österreich teilnahm. Die alte schwarz-rot-goldene Fahne, unter der Pichler einst ausgezogen war, um deutschen Boden zu schirmen, ward hervorgeholt und aufs tiefste bewegt drückte der Greis seine feuchten Augen in ihre Falten. Es war eine Art Abschied von der Welt. Mit der Vorbereitung der Gesamtausgabe seiner Dichtungen (erschienen bei Georg Müller in München) beschäftigt, vergingen noch ein Paar Jahre, bis ihn am 15. November 1900 sein altes Herzleiden von hinnen raffte.

Mit Pichler ist nicht nur der bedeutendste Dichter, den Tirol seit den Tagen des Minnesanges besessen hat, nicht nur einer der besten österreichischen und deutschen Dichter überhaupt zu Grabe getragen worden, sondern vor allem auch eine Charaktergestalt, wie sie unsere Zeit nur ganz vereinzelt aufweist. Er verkörpert, wie ein Kritiker sehr treffend sagt, die geistige Entwicklung Tirols im 19. Jahrhundert und er hat auch auf die nachwachsende Generation so tief und bestimmend eingewirkt, daß wir mit vollem Rechte behaupten können, Pichler ist nicht gestorben, er lebt heute noch, er lebt im Geiste der tirolischen Jugend, der jungen deutschnationalen Streitkraft Österreichs.

Pichler war eine Kraftnatur. Es rollte in ihm von den Ahnen her heißes, trotziges Tiroler Bauernblut, dasselbe Blut, das sich im Jahre 1809 als Opfer für die Freiheit der geliebten Heimat darbot. Obwohl er auf eine traurige Jugend zurückblicken mußte und obwohl ihm auch sein späteres Leben ein vollgerüttelt Maß schmerzlicher und sehr bitterer Erfahrungen brachte, so daß uns manche Äußerungen eines tiefen Pessimismus nur zu begreiflich erscheinen, so trug Pichler doch zeitlebens keine Verbissenheit, keine Griesgrämigkeit zur Schau, sondern war stets ein stolzer Bekenner alles Idealen, ja noch mehr, ein mutiger Kämpfer für das Ideale. Jedes Hindernis, das sich ihm entgegenstellte, erhöhte nur seine Kraft und er ruhte nicht eher, bis er es überwunden hatte. So hat er einem verknöcherten Bureaukratismus, einer allmächtigen Klerisei gegenüber den Gedanken der Freiheit und des Deutschtums in Tirol großgezogen, so hat er von Lebenssorgen hart bedrängt in unablässiger geistiger Arbeit seinen Gesichtskreis erweitert und vertieft und sich eine so vielseitige Bildung erworben, wie sie in unserer Zeit des Spezialistentums nur selten zu finden ist. Mit freiem Blick übersah er die Welt und er hat viel Fremdes in sich verarbeitet, ohne dabei auch nur das geringste von seiner Eigenart einzubüßen. Diese blieb immer echt tirolerisch und es ist vollkommen richtig, wenn Karl Berger sagt: »Wer Pichler als Dichter ganz verstehen und würdigen will, der muß ihn als Tiroler Kind, von der Geschichte und Umgebung seiner Alpenheimat aus betrachten. Sein menschlicher und dichterischer Charakter konnte sich in seiner besonderen Art nur in einem Lande entwickeln, wo seine Kraftnatur sich tagtäglich gegen Hemmungen und feindliche Strömungen zu bewähren hatte. Nur aus den Verhältnissen heraus, in die er durch seine Geburt gestellt wurde, verstehen wir diese eigenartige Mischung von Gegensätzen: urwüchsige, naive Natur und höchste Bildung, trotzig-stolzes Kraftbewußtsein und demütig-milde Frömmigkeit, schlichtes Empfinden und kühnes Denken, herbe Satire und versöhnenden Humor, derbes Erfassen des Lebens und beschauliches Sichversenken in seine Rätsel.« Ein Realist im Kopfe und ein Idealist im Herzen, dem weder Schmerz, noch Bosheit, noch Alter die Schwungkraft nehmen konnten, das ist Pichler.

Pichlers menschlicher Charakter prägt sich auch in seiner Dichtung aus. Er hat in einer Reihe von Liedern die Schönheit seiner Heimat besungen; er hat gesungen von dem Frieden der Bergeinsamkeit, von den Stürmen, die um die Felsschrofen tosen und donnern, von den zarten, leuchtenden Blumen der Höhen, aus den Bergen klingt ihm der Widerhall seines eigenen Denkens und Empfindens entgegen und in die Klüfte und auf die ragenden Gipfel trägt er sein eigenes Herz, sein starkes, stolzes Herz. Markig, wie seine ganze Natur ist, so schallen auch seine Lieder, markig stehen auch die Gestalten seiner epischen Dichtungen vor uns, und wo er in Epigrammen gegen das Faule, Verderbliche, Gemeine und Hohle loszieht, da wettern auch Streiche nieder, die mit vernichtender Schärfe treffen. Rein, klar, frisch und kräftig wie Alpenluft ist seine Lyrik, sie fegt den Dunst aus den Seelen und leitet sie empor zu einer höheren und edleren Auffassung des Lebens, sie trägt aufwärts wie Adlerschwingen. Und wenn sie auch nichts von der weichen Musik und dem Farbenreichtum der modernen Stimmungslyrik in sich hat, so hat sie doch einen vollen Klang und kräftige Farben und trägt das Gepräge feinster Kunst an sich. Denn Pichler ist durchaus Kunstpoet. Wie aus seinen Tagebüchern hervorgeht, beschäftigte er sich eingehend mit dem Studium der alten Dichter und Schriftsteller und durch dieses Studium gewann er die Freude an der schönen Form, durch welche sich auch seine Dichtungen in hervorragendem Maße auszeichnen. Aber die Form ist bei ihm jederzeit ganz von eigenem Geiste erfüllt, er ist nie bei bloßer Nachahmung stehen geblieben. Schon in seinen ersten Büchern, den »Gedichten« (1852), den »Legenden« (1853) offenbart sich eine Kraft der poetischen Empfindung und des selbständigen Ausdruckes, die gerade zu jener Zeit, da Verschwommenheit und seichtes Epigonentum die deutsche Lyrik charakterisierten, ganz einzig dastanden und einen Alexander von Humboldt zu Worten ehrlicher Anerkennung veranlaßten. Noch mehr tritt das Urkräftige hervor in den »Hymnen« (1855), Pichlers bedeutendstem Werke auf lyrischem Gebiete. Tadellose klassische Form verbindet sich hier mit glühender Empfindung und Tiefe des Gedankens. War in den früheren Gedichten noch manches enthalten, was aus dem Geiste der Romantik entsprungen ist, dem Pichler hauptsächlich durch das Studium der Hegelschen Philosophie nahegetreten ist, so kommt in den Hymnen der Naturforscher zu Worte, so daß Professor Dr. Prem mit vollem Rechte sagen kann: »Die Hymnen offenbaren sein wahres Verhältnis zur Natur, die er trotz allem Wechsel der Formen als einzige große Erscheinung auffaßt, die durch innere Harmonie regiert wird. Ein ewig waltender Geist, der aus allem spricht, zieht durch die Natur und er selbst fühlt sich in pantheistischem Sinne als ein Teil derselben. Auch hier wieder stolze Kraft, die sich den Dingen nicht unterwirft, sondern Herr über sie sein will, kein weinerliches Geleier, und kein weichliches Hinschmelzen der Gefühle,«

Nach vierzehn Jahren folgten die Epigramme »In Lieb und Haß«, in denen sich der Dichter mit den verschiedenen Erscheinungen in Zeit und Leben, die ihm aufstießen, auseinandersetzt. Sie zeigen aufs deutlichste, wie alles, was Pichler schrieb, aus innerem Erlebnis eruptiv emporquoll, wie Wahrheit der Grundzug seines ganzen Schaffens ist. Die Sammlungen: »Marksteine« und »Neue Marksteine«, sowie die 1896 erschienenen »Spätfrüchte« runden das Bild des Versdichters Pichler ab, indem sie auch die größeren erzählenden Dichtungen wie: »Der Hexenmeister«, »Fra Serafico«, »Der Zaggler Franz« enthalten, in denen sich Pichler auch als vorzüglicher Epiker bewährt, der es ausgezeichnet versteht, eigenes Fühlen in prächtigen Gestalten zu objektivieren. Pichlers Gedichte sind keine Kost für den Durchschnitt des lesenden Publikums. Sie verlangen von dem Leser nicht nur ein feines Verständnis für die Schönheit der künstlerischen Form, sondern auch ein nicht alltägliches Maß von allgemeiner Bildung, denn bei aller poetischen Sinnlichkeit und Lebendigkeit enthalten sie so manchen Ausspruch profunder Lebensweisheit, manch tiefversteckten Gedankenkern, der nur auf dem Wege treuen Versenkens in die Dichtung und geschulten Denkens herausgeschält werden kann.

Auch als Dramatiker hat sich Pichler versucht, ohne aber einen Erfolg erringen zu können, denn seinen beiden Dramen: »Die Tarquinier« und »Rodrigo« mangelt es an der dramatischen Anlage und Durchführung, obwohl sie im einzelnen manche Schönheit enthalten. Das Effektvolle, ohne das ein Drama nun einmal nicht existieren kann, lag eben nicht in Pichlers schlichter, jeder Pose abgeneigter Natur.

Den meisten Beifall fanden Pichlers Erzählungen aus dem Tiroler Volksleben, die in ihrer Mehrzahl in den sechziger Jahren entstanden und in fünf Bänden: »Allerlei Geschichten aus Tirol« (2 Bde.), »Jochrauten«, »Letzte Alpenrosen« (2 Bde.) erschienen sind. Die Stoffe dieser Erzählungen sind nicht, wie viele, und selbst Tiroler, vermuten, von dem Dichter auf seinen vielen Wanderfahrten, die er als Geologe unternahm, gesammelt worden, sondern sie sind alle seiner Phantasie entsprungen. »Alle diese Gestalten,« sagt er selbst, »gehören mir, oder vielmehr, sie sind mir aus dem Boden Tirols gewachsen; nur zum ›Veteranen‹ gab mir Peternader den Stoff. Bloß manche Nebenfiguren, wie Scholastiker, Lena, Moidl, Burgl, die jedoch nirgends in die Handlung eingreifen, wurden nach der Natur gezeichnet, wie manche Landschaften in großer Linie, aber nicht als Veduten.« Mit diesen Worten hat Pichler die ganze Art seines Schaffens in Prosa klar gekennzeichnet. Sie ist die jedes großen Künstlers, der nicht am Stofflichen hängen bleibt, und wenn man ein Analogon aus der Malerei heranziehen wollte, so müßte man in erster Linie an Böcklin denken. Wie sich in der Phantasie dieses Meisters der Farbe das Schweigen des mittägigen Waldes in die schreckhafte Gestalt des Einhorns mit dem lieblichen Mädchen auf seinem Rücken verdichtet, oder die Unheimlichkeit finsterer Gebirgsklüfte in die Gestalt des greulichen Tatzelwurms, der auf den einsamen Wanderer lauert, so hat sich auch in Pichler die Eigenart tirolischer Landschaft in Gestalten verkörpert, die eben gerade deswegen so wahr sind, weil sie organisch mit dem Boden verwachsen sind. Wer z. B. die nachfolgende Erzählung »Der Flüchtling« liest, der wird unschwer ihre Entstehungsgeschichte erraten können. Auf einer seiner Klettereien im Gebirge hat der Dichter die Trümmer einer verlassenen Hütte gefunden. Die Öde des Ortes, die Schwierigkeit des Zuganges legten ihm die Vermutung nahe, daß sich hier ein Geächteter eine Zufluchtsstätte geschaffen hatte. Wann konnte das gewesen sein? Wahrscheinlich zu einer Zeit, da nach dem Aufstande von 1809 Bayern und Franzosen nach den Führern des Aufstandes suchten und ihnen bis in die verborgensten Winkel der Berge nachspähten. Die Hauptgestalt der Erzählung war somit in ihren Grundzügen geschaffen. Mancherlei, was der Dichter aus dem Jahre 1809 erzählen gehört hatte von Bedrängnissen und Verfolgungen der Landsleute durch die Feinde, von geheimen Zusammenkünften der Männer, von Liebeswirren und anderen Dingen, rankte sich nun um die Hauptgestalt, Personen, welche ihrem Charakter nach in den Stimmungsrahmen der Erzählung paßten, traten dem Dichter vor das Auge und gliederten sich ein und die Erzählung war fertig.

Auf ähnliche Weise werden wohl auch alle übrigen Geschichten entstanden sein. Sie haben mit den landläufigen Dorfgeschichten nichts gemein, denn es handelt sich in ihnen nicht um die Wiedergabe einer mehr oder weniger platten Fabel, um Liebes- und Heiratsgeschichten, um den »Buam« und das »Diandl«, sondern um die Herausarbeitung historisch und landschaftlich bedingter Charaktere, Der Charakterzeichnung wendet Pichler deshalb auch sein ganzes Augenmerk zu. Er zeigt uns den innigen Zusammenhang zwischen Seelenleben und der umgebenden Natur, er hat als einer der ersten die Milieutheorie und zwar bevor sie noch Schlagwort wurde, in seiner Kunst angewendet, ohne daß man aber davon etwas gewahr wurde. Seine Erzählweise ist vielmehr so schlicht und einfach, daß sie fast kunstlos erscheint. Der Dichter fängt von irgend einer Wanderung, die er unternommen hat, oder von einer Landschaft zu erzählen an, führt dann einmal eine der handelnden Personen ein, beginnt langsam und bedächtig den Faden der Handlung anzuspinnen, und auf einmal sieht man sich mitten in der Geschichte. Es sind meist arme, von des Lebens Not und Sorge bedrückte Menschen, die er uns vorführt, häufig auch solche, denen gleich ihm Neid und Bosheit der Mitmenschen die schönsten Freuden vergällt haben; aber sie schreiten stark und mutig durch alles Ungemach, denn sie tragen in ihrer eigenen Brust die Kraft, sich über alles Leid erheben zu können und manche wachsen dadurch in die Sphäre bewundernswerten Heroismus hinein. Solche Gestalten konnte nur ein Dichter schaffen, der sein Volk aus ganzem Herzen liebt, der es bis in die geheimsten Fasern seines Herzens kennt und der den Glauben an die idealen Kräfte, die im menschlichen Leben walten, nie verloren hat. In ihrer durchaus naturwahren Charakteristik gewinnen die Erzählungen Pichlers aber auch kulturhistorischen Wert, und wer das Tiroler Volk gründlich kennen lernen will, der wird an den Gestalten, die Pichlers Dichtergeist geschaffen hat, nicht vorübergehen können, ohne die Gelegenheit tiefster Einblicke in die Geisteswelt des trotzigen Bergvolkes zu versäumen.

Die vornehme Abgeschlossenheit des Dichters Adolf Pichler, die Herbheit und sittliche Schwere seiner Muse haben lange Zeit verhindert, daß ihm das deutsche Volk die Stellung neben den ersten Dichtern der Nation anwies, die er nach dem Werte seiner Schöpfungen verdient. Die letzten Jahre erst haben das Versäumte nachgeholt und die schöne von dem Dichter selbst vorbereitete Gesamtausgabe seiner Werke, die im Verlage von Georg Müller in München erscheint, wird sicher vollends dazu beitragen, daß dem Dichternamen Adolf Pichler die gebührende Ehrung werden wird.

Marburg in Steiermark, im Juli 1905.

Karl Bienenstein.

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