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Der fliegende Händler und mehrere andere nützliche Erzählungen

Anatole France: Der fliegende Händler und mehrere andere nützliche Erzählungen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorAnatole France
titleDer fliegende Händler und mehrere andere nützliche Erzählungen
publisherKurt Wolff Verlag
printrun1. - 10. Tausend
translatorGertrud van Grootheest
year1921
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectidabfbc829
created20070412
modified20140408
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Crainquebille.

Die Majestät der Justiz herrscht in ihrer ganzen Größe in jedem einzelnen Urteil, welches der Richter im Namen des souveränen Volkes verkündet. Jeremias Crainquebille, ein herumziehender Gemüsekrämer, sollte erfahren, wie erhaben das Gesetz ist, als er wegen Beleidigung eines öffentlichen Staatsbeamten vor Gericht geführt wurde.

Nachdem er in dem prächtigen und düsteren Saale auf der Anklagebank Platz genommen hatte, sah er voll staunender Bewunderung auf die Richter und Advokaten in ihren Roben, auf den Gerichtsdiener mit der Kette, auf die Polizisten und auf die Zuschauer, die bloßen Hauptes schweigend hinter einer Scheidewand saßen.

Er sah sich selbst auf einem erhöhten Sitz und empfand es als eine hohe Ehre, als Angeklagter vor dem Tribunal erscheinen zu dürfen.

Im Hintergrund des Saales zwischen den beiden beigeordneten Richtern thronte der Präsident Bourriche, auf dessen Brust die Ehrenabzeichen der Akademie prangten.

Eine Büste der Republik und ein Christus am Kreuze schmückten die Rückwand des Saales, so daß alle göttlichen und menschlichen Gesetze über Crainquebilles Haupt schwebten.

Er empfand es mit wahrem Schrecken. Denn da er durchaus nicht philosophisch veranlagt war, fragte er sich nicht, was diese Büste und dieses Kruzifix hier bedeuten sollten und in welcher Beziehung eigentlich wohl Jesus und Marianne zu dem Gericht stehen konnten.

Dennoch gab es einem zu denken, denn die päpstliche Lehre und das kanonische Recht stehen in vielen Punkten im Widerspruch zu der Verfassung der Republik und dem Zivilrecht.

So viel man weiß, sind die Dekretalen nicht aufgehoben worden.

Die Kirche Christi lehrt wie früher, daß nur solche Mächte eine legitime Gültigkeit haben, die sie selbst eingesetzt hat. Aber die französische Republik erhebt den Anspruch, keineswegs von der päpstlichen Macht abhängig zu sein.

Füglich hätte Crainquebille mit einigem Recht sagen können:

Meine Herren Richter, da der Präsident Loubet nicht gesalbt ist, so verwirft dieser Christus, der zu euren Häuptern hängt, kraft des Konzils und der päpstlichen Gewalt eure Macht.

Entweder ist er hier, um euch an die Macht der Kirche zu erinnern, die eure Macht vermindert, oder seine Gegenwart hier hat absolut keinen vernünftigen Sinn.

Daraufhin hätte der Präsident Bourriche vielleicht geantwortet:

Angeklagter Crainquebille, Frankreichs Könige haben immer in Unfrieden mit dem Papst gelebt.

Wilhelm von Nogaret wurde exkommuniziert, aber um solcher Kleinigkeit willen dankte er nicht ab.

Der Christ hier im Gerichtssaal ist nicht der Christ Gregors VII. und Bonifacius VIII. Er ist, sozusagen, der Christ des Evangeliums, der nichts vom kanonischen Recht wußte und niemals etwas von den verwünschten Dekretalen gehört hat.

Dann lag es bei Crainquebille, ihm zu antworten:

Der Christ des Evangeliums war ein Menschenfreund.

Und außerdem erlitt er eine Verurteilung, die alle christlichen Völker seit neunzehn Jahrhunderten als einen großen Irrtum der Justiz anerkannt haben. Ich rate Ihnen daher, mein Herr Präsident, mich in seinem Namen nicht einmal zu vierundzwanzig Stunden Gefängnis zu verurteilen.

Aber Crainquebille machte weder historische oder politische, noch soziale Betrachtungen. Er verharrte in stummem Staunen. Der Apparat, der ihn umgab, flößte ihm eine hohe Bewunderung für die Justiz ein.

Er war so von Ehrerbietung durchdrungen, so überwältigt von Angst und Schrecken, daß er die Entscheidung über seine Schuld ganz den Richtern anheim stellte.

In seinem innersten Gewissen zwar fühlte er sich unschuldig, aber was war das Gewissen eines einfachen Gemüsekrämers gegenüber dem Gesetz und den Verwaltern der öffentlichen Strafgewalt. Schon sein Advokat hatte ihn halbwegs davon überzeugt, daß er nicht unschuldig sei. Eine kurze summarische Untersuchung hatte die ihn belastenden Anklagen ergeben.

 

Crainquebilles Abenteuer.

Jeremias Crainquebille, seines Zeichens ein herumziehender Gemüsehändler, zog tagaus tagein durch die Straßen von Paris und schob seinen Handwagen vor sich her, indem er rief: »Kohl, Rüben, Wurzel, Salat!«

Und wenn er Porree hatte, rief er: »Spargel, schöne Spargel«, denn Porree sind die Spargel der Armen.

Als er am 20. Oktober um die Mittagsstunde die Straße von Montmartre hinabfuhr, trat Frau Bayard, die Schustersfrau, aus ihrem Laden und an seinen Wagen.

Prüfend wog sie ein Bund Porree in der Hand und sagte wegwerfend:

»Das sind man recht jämmerliche Dinger, was sollen sie denn kosten?«

»Fünfzehn Sous, Frau Meisterin«, erwiderte Crainquebille, »bessere finden Sie nirgends.«

»Was, fünfzehn Sous für drei elende Stangen!« rief die Frau, und entrüstet warf sie das Gemüse auf den Karren zurück.

In diesem Augenblick kam der Schutzmann Nr. 64 vorüber. Er näherte sich Crainquebille und sagte:

»Fahren Sie weiter.«

Seit fünfzig Jahren tat Crainquebille von morgens bis abends nichts als weiterfahren – immer nur weiterfahren.

Gegen diese Ordnung hatte er nichts einzuwenden. Sie schien ihm im Gegenteil ganz gerecht und in der Natur der Sache. Er war darum auch geneigt, zu gehorchen, und drängte die Meisterin, ihren Bedarf an Gemüse zu nehmen.

»Na, ich werde doch wohl noch aussuchen dürfen, was ich brauche«, erwiderte sie spitz und besah und befühlte von neuem die Porreebündel. Dann behielt sie eins, was ihr am größten erschien, und preßte es gegen ihren Busen, wie die Heiligen auf den Kirchenbildern die geweihten Palmenzweige an ihre Brust drücken.

»Vierzehn Sous sollen Sie haben«, sagte sie, »das ist mehr als genug. Aber ich habe kein Geld in der Tasche, ich muß es aus dem Laden holen.«

Ihr Porreebündel im Arm, trat sie in den Schusterladen, wo bereits eine Kundin mit einem kleinen Kinde wartete.

Jetzt ermahnte der Schutzmann Nr. 64 Crainquebille zum zweiten Male:

»Fahren Sie weiter.«

»Ich wart' auf mein Geld«, erwiderte dieser.

»Habe ich Ihnen etwa gesagt. Sie sollen auf Ihr Geld warten? Weiterfahren sollen Sie, verstanden?« wiederholte der Polizist.

Währenddessen probierte die Schusterfrau dem Kinde, dessen Mutter es sehr eilig hatte, ein paar blaue Schuhchen an.

Die grünen Köpfe der Porreestangen ruhten auf dem Ladentisch.

In dem halben Jahrhundert, in welchem Crainquebille seinen Karren durch die Straßen schob, hatte er gelernt, den Vertretern einer hohen Obrigkeit zu gehorchen. Aber diesmal befand er sich in einer schwierigen Lage – zwischen Pflicht und Recht.

Er hatte keinen juristischen Verstand. Er konnte nicht begreifen, daß sein persönliches gutes Recht ihn nicht davon entband, eine gesetzliche Pflicht zu erfüllen.

Er sah in erster Linie nur sein Recht, das darin bestand, seine vierzehn Sous zu bekommen, und nicht die Pflicht, die ihn hieß, seinen Karren weiter zu schieben, immer weiter. Er blieb daher ruhig stehen.

Zum dritten Male befahl ihm der Schutzmann in ruhigem, gelassenen Tone, weiterzufahren. Im Gegensatze zu vielen andern, die immer drohen und nie eingreifen, war der Schutzmann Nr. 64 sehr ruhig bei seinen Ermahnungen, aber sehr prompt dabei, ein Protokoll aufzunehmen. So war nun mal sein Charakter.

Aber obgleich er ein ziemlicher Duckmäuser war, so war er doch ein tüchtiger Beamter und ein rechtschaffener Soldat. Mutig wie ein Löwe und sanft wie ein Kind, handelte er strikt nach seiner Weisung.

»Sagen Sie mal, können Sie nicht hören, Sie sollen weiterfahren.«

Crainquebille hielt den Grund, warum er stehen blieb, für zu wichtig, als daß er ihm nicht stichhaltig genug erschienen wäre. Er erklärte daher kurz und bündig:

»Zum Kuckuck, wenn ich Ihnen doch sage, daß ich auf mein Geld warte.«

Der Schutzmann begnügte sich damit, zu erwidern:

»Ich soll Sie wohl wegen Zuwiderhandlung bestrafen, was? Wenn Sie das wollen, brauchen Sie 's man bloß zu sagen.«

Als Crainquebille das hörte, zuckte er langsam die Achseln und blickte erst auf den Polizisten, dann zum Himmel hinauf, als wollte er sagen:

»Gerechter Gott, als ob ich je die Gesetze verachtet hätte! Mich je gegen die Vorschriften und Dekrete aufgelehnt hätte, die man unserm herumziehenden Stande macht!

Um fünf Uhr morgens bin ich schon in den Markthallen. Von sieben Uhr an reiße ich mir die Hände wund und schwielig an den Griffen meines Schubkarrens und rufe unermüdlich: Kohl, Rüben, Wurzel . . .

Ich bin über 60 Jahre alt und bin so müde. Und Sie fragen, ob ich Lust hätte, die schwarze Fahne der Empörung zu schwingen. Sie wollen sich wohl lustig machen über mich, das ist grausam und schlecht.«

Sei es nun, daß der Polizist diesen Blick nicht erfaßt hatte oder darin keine genügende Entschuldigung für den offenbaren Ungehorsam sah, er sagte nochmals, kurz und rauh, ob Crainquebille ihn verstanden habe.

Zudem erreichte die Aufstauung der Fahrzeuge in diesem Augenblick ihren Höhepunkt in der Rue de Montmartre. Die Droschken, Karren, Möbelwagen, die Omnibusse und Rollwagen waren so eng zusammen gekeilt, daß es schien, als ob sie unentwirrbar ineinander geraten wären.

Und über die unbewegliche Wagenburg erscholl ein wüstes Geschimpf und Geschrei. Die Droschkenkutscher wechselten mit den Schlächterburschen aus sicherer Ferne heroische Beleidigungen, und die Omnibusführer, die in Crainquebille einzig und allein die Ursache der ganzen Verwicklung sahen, nannten ihn einen alten Kohlkopf.

Auf dem Trottoir drängten sich immer mehr Neugierige heran und verfolgten den Vorfall mit Interesse.

Als der Schutzmann sich dieser Art beobachtet sah, dachte er nur noch daran, seine Autorität geltend zu machen.

»Es ist gut«, sagte er kurz, und damit zog er ein schmutziges Notizbuch und einen sehr kurzen Bleistift aus der Tasche.

Crainquebille blieb bei seiner Idee. Er gehorchte einer inneren Macht. Übrigens hätte er in diesem Augenblick weder zurück noch vorwärts fahren können, denn das eine Rad seines Karrens hatte sich in das Rad eines Milchwagens verfangen.

Er riß an seinen spärlichen Haaren und schrie: »Herrgott, wenn ich Ihnen doch sage, daß ich auf mein Geld warte. Schock schwere Not zum Donnerwetter noch mal!«

Durch diese Worte, die dem Alten mehr aus Verzweiflung, als aus Widersetzlichkeit entfuhren, fühlte der Polizist sich beleidigt.

Und da für ihn jede Beleidigung notwendigerweise die traditionelle, regelmäßige, geheiligte, rituelle, sozusagen liturgische Form annahm, nämlich: »Verfluchter Polyp«, so faßte sein Ohr die Worte des Delinquenten so auf.

»So, Sie haben ›Verfluchter Polyp‹ gesagt? Es ist gut, folgen Sie mir.«

Ganz betäubt vor Entsetzen und Bekümmernis starrte Crainquebille den Schutzmann mit seinen armen, alten, sonnen-geblendeten Augen an, und mit vor Angst gebrochener Stimme stammelte er:

»Ich hätte ›Verfluchter Polyp‹ gesagt? Ich? Mein Gott, mein Gott!«

Die Verhaftung des Alten wurde von der gaffenden Menge mit Freuden aufgenommen. Das Volk war befriedigt; wie denn die große Menge immer Gefallen an gewalttätigen unnoblen Schauspielen finden wird.

Nur ein alter Herr mit ernstem, traurigen Gesicht, in einem schwarzen Rocke, einen Zylinder auf dem Kopfe, bahnte sich einen Weg durch die Menge, und indem er sich dem Schutzmann näherte, sagte er sehr sanft und bestimmt:

»Sie irren sich, der Mann hat Sie nicht beleidigt.«

»Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten«, erwiderte der Beamte, jedoch ohne eine weitere Drohung hinzuzufügen, denn er hatte es mit einem gut gekleideten Menschen zu tun.

Der alte Herr beharrte mit großer Ruhe und Hartnäckigkeit bei dem, was er gesagt hatte, und bestand darauf, seine Aussage persönlich bei dem Polizeikommissar zu machen.

Währenddessen jammerte Crainquebille: »Also das soll ich gesagt haben, ›Verfluchter Polyp‹, je, je, je!«

Gerade, als er diese Worte hervorstieß, kam die Schusterfrau auf ihn zu, um ihm die vierzehn Sous zu geben.

Aber der Schutzmann hielt Crainquebille beim Kragen, und als die Meisterin das sah, ließ sie das Geld wieder in ihre Tasche gleiten, in dem guten Glauben, daß man einem Menschen, der zur Polizeiwache abgeführt wird, nichts schuldig sei.

Als Crainquebille so seinen Wagen im Stich lassen mußte und sich seiner Freiheit beraubt sah, war es ihm, als sei die Sonne plötzlich erloschen, und ein Abgrund schien sich vor ihm aufzutun.

Ganz verzweifelt murmelte er:

»Ist es möglich – ist es möglich!«

Vor dem Kommissar erklärte der alte Herr, daß er durch die Verwicklung der Fuhrwerke aufgehalten und dadurch Zeuge der Szene geworden sei. Der Schutzmann habe den Gemüsehändler falsch verstanden, der alte Mann hätte ihn weder beleidigt noch beschimpft. Dann gab er seinen Namen und seine Wohnung an: Doktor David Matthieu, Oberarzt am Krankenhaus von Ambroise Paré, Offizier der Ehrenlegion. Zu andern Zeiten hätte ein solches Zeugnis den Kommissar genügend über die Sachlage aufgeklärt, aber dazumal waren die Gelehrten in Frankreich verdächtig.

Crainquebilles Verhaftung wurde aufrecht erhalten. Er mußte die Nacht auf der Polizeiwache zubringen und wurde am nächsten Morgen im »grünen Wagen« ins Gefängnis befördert.

Das Gefängnis hatte in seinen Augen weder etwas Schmerzliches, noch Erniedrigendes, es erschien ihm als etwas Notwendiges.

Bei seinem Eintritt in die Zelle fiel ihm besonders die große Sauberkeit der Mauern und Dielen auf. Er sagte sich: »Höllisch sauber hier, man könnte schlankweg vom Boden essen.«

Als er allein war, wollte er seinen Schemel von der Wand abrücken, aber der war angeschmiedet.

Crainquebille äußerte ganz laut seine Verwunderung darüber:

»Sonderbar, sonderbar – auf so was wär' ich nie gekommen.« Dann setzte er sich nieder, drehte die Daumen übereinander und staunte vor sich hin. Er hatte Langeweile und dachte mit Sorge und Betrübnis an seinen Karren, den sie mit Beschlag belegt hatten, und der noch ganz mit Kohl und Rüben, Sellerie, Salat und anderen Gemüsen beladen gewesen war.

Voll Unruhe fragte Crainquebille sich:

»Wo können sie nur mit meinem Wagen geblieben sein!«

Am dritten Tage besuchte ihn sein Advokat. Maître Lemerle war einer der jüngsten Gerichtsanwälte von Paris und Präsident einer Sektion der französischen, vaterländischen Liga.

Crainquebille versuchte seinen Fall zu erzählen, was ihm keineswegs leicht fiel, denn er fand nur mühsam seine Worte. Vielleicht hätte er es doch fertig gebracht mit ein wenig Hilfe. Aber sein Anwalt schüttelte nur mißtrauisch den Kopf zu allem, was er sagte, und indem er in den Papieren blätterte, murmelte er:

»Hm, hm, davon sehe ich ja gar nichts in den Akten.« Dann strich er sich mit einer etwas müden Bewegung über den gepflegten blonden Schnurrbart und sagte:

»Ich rate Ihnen in Ihrem eigenen Interesse, ein offenes Geständnis abzulegen. Dies System, alles ableugnen zu wollen, ist sehr ungeschickt.«

Von nun an hätte Crainquebille gern gestanden, wenn er nur gewußt hätte, was er eigentlich gestehen sollte.

Crainquebille vor Gericht.

Der Präsident widmete dem Verhör von Crainquebille ganze sechs Minuten.

Dies Verhör hätte entschieden mehr Licht in den Sachverhalt gebracht, wenn der Angeklagte auf die an ihn gestellten Fragen geantwortet hätte.

Aber Crainquebille war zu unbeholfen im Reden, und außerdem brachte er vor lauter Respekt und Angst kein Wort hervor.

Er schwieg beharrlich, und so gab der Präsident selbst die Antworten, die dann allerdings sehr belastend ausfielen.

Er schloß mit den Worten:

»Also Sie geben zu ›Verfluchter Polyp‹ gesagt zu haben.«

Da drang aus Crainquebilles Kehle ein Ton wie verrostetes Eisen und Klirren von Glasscherben:

»Ich habe ›Verfluchter Polyp‹ gesagt, weil der Herr Schutzmann ›Verfluchter Polyp‹ gesagt hat – da hab ich es gesagt.«

Er wollte zu verstehen geben, daß er bei dieser plötzlichen Anschuldigung in seiner ersten Verblüffung die merkwürdigen Worte wiederholt hatte, die man ihm nun fälschlich in den Mund legte.

Er habe es gesagt, wie er gesagt haben würde: »Ich, ich sollte so etwas wagen, ich? Wie können Sie so etwas glauben?«

Aber der Präsident faßte es nicht so auf.

»Wollen Sie etwa behaupten«, sagte er, »der Beamte hätte diesen Schmähruf zuerst gebraucht?«

Crainquebille verzichtete darauf, sich verständlich zu machen; es war zu schwierig.

»Sie bestehen nicht auf Ihrer Behauptung, da haben Sie recht«, schloß der Präsident.

Dann ließ er die Zeugen rufen.

Der Schutzmann Nr. 64, mit Namen Bastien Matra, schwor, daß er die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen wolle. Dann machte er folgende Aussage:

»Am 20. Oktober hatte ich nachmittags Dienst in der Rue Montmartre und sah, wie ein Individuum, das mir ein herumziehender Gemüsehändler zu sein schien, sich ungebührlich lange vor dem Hause Nr. 328 aufhielt und dadurch eine Verwicklung der Fahrzeuge verursachte.

Ich gab ihm dreimal den Befehl, weiter zu fahren, aber er tat es nicht, und als ich ihm darauf drohte, daß ich ihn aufschreiben müsse, da schimpfte er mich ›Verfluchter Polyp‹, was mir beleidigend erschien.«

Diese gemessene, bestimmte Aussage wurde von den Richtern mit sichtlichem Wohlwollen aufgenommen.

Zur Verteidigung waren Madame Bayard, die Schustersfrau, und Doktor Matthieu als Zeugen geladen worden.

Madame Bayard hatte nichts gesehen und gehört. Der Arzt hatte sich in der Menge befunden, die den Schutzmann umgab, als dieser den Händler ermahnte, weiter zu fahren.

Seine Aussage verursachte einen Zwischenfall. »Ich war Zeuge der Szene«, sagte er. »Der Schutzmann hat sich verhört, der Mann hat ihn nicht beleidigt. Ich habe ihm das damals gleich gesagt, aber er bestand auf der Verhaftung und veranlaßte mich, meine Erklärung vor dem Kommissar abzugeben, was ich auch getan habe.«

»Sie können sich setzen«, sagte der Präsident.

»Gerichtsdiener, rufen Sie mal den Zeugen Matra wieder vor.«

»Matra, als Sie die Verhaftung des Angeklagten vornahmen, hat Sie damals der Doktor Matthieu darauf aufmerksam gemacht, daß Sie sich getäuscht hätten?«

»Ja, nämlich Herr Präsident, er hat mich beleidigt.«

»Was sagte er denn?«

»Er hat ›Verfluchter Polyp‹ gesagt.«

Im Zuschauerraum wurde Lärm und Gelächter laut.

»Sie können zurücktreten«, beeilte sich der Präsident zu sagen, dann wandte er sich ans Publikum und sagte, daß er den Saal räumen lassen würde, wenn noch einmal derartige ungebührliche Kundgebungen laut würden.

Währenddessen fuchtelte der Verteidiger mit dem Rockärmel triumphierend in der Luft herum, und alle glaubten, daß Crainquebille freigesprochen werden würde.

Als die Ruhe im Saal wiederhergestellt war, erhob sich Maître Lemerle.

Er leitete seine Verteidigung mit einem Lob auf die Polizisten ein, auf diese bescheidenen Diener des Gesetzes, die bei einem kläglichen Gehalt den größten Ermüdungen und fortwährenden Gefahren ausgesetzt seien und täglich ihren Heldenmut beweisen müßten.

»Es sind meist alte Soldaten«, sagte er, »die Soldaten geblieben sind, Soldat – das sagt alles!«

Und Maître Lemerle erging sich in den höchsten Betrachtungen über militärische Tugenden. Er gehöre zu jenen, sagte er, die nicht zuließen, daß man die Armee beleidige, denn auch er gehöre ihr an und sei stolz darauf.

Der Präsident nickte billigend mit dem Kopfe.

Maître Lemerle war in der Tat Reserveoffizier. Er fuhr fort:

»Nein, sicherlich, ich verkenne nicht die bescheidenen und doch so unschätzbaren Dienste, die unsere Schutzmannschaft Tag für Tag unserem wackren Volke leistet. Und niemals hätte ich eingewilligt, die Verteidigung zu übernehmen, wenn ich in Crainquebille den Beleidiger eines alten Soldaten gesehen hätte.

Man beschuldigt den Angeklagten, gesagt zu haben ›Verfluchter Polyp‹.

Der Sinn dieser Worte unterliegt keinem Zweifel. Wenn Sie ein Jargon-Wörterbuch zur Hand nehmen, so finden Sie ›Verfluchter Polyp‹: Spitzname für Polizist.

Wie wir alle wissen, ist der Polyp ein amphibisches Ungetüm, das gierig seine Fangarme nach allen Richtungen ausstreckt.

Man gebraucht diesen Spitznamen in gewissen Kreisen.

Aber die Frage ist die: – wie hat Crainquebille es gesagt und vielmehr – hat er es überhaupt gesagt? Meine Herren, erlauben Sie mir, das zu bezweifeln.

Ich will den Schutzmann Matra durchaus nicht einer bösen Absicht bezichtigen, aber er verrichtet, wie wir bereits sagten, ein mühseliges Amt. Er ist zuweilen übermüdet, überbürdet, überanstrengt. Unter solchen Umständen ist es möglich, daß er das Opfer einer Gehörs-Halluzination gewesen ist. Und wenn er soeben behauptet hat, der Herr Doktor David Matthieu, ein Offizier der Ehrenlegion und Oberarzt im Hospital von Ambroise Paré, eine Leuchte der Wissenschaft und ein Weltmann, habe ebenfalls ›Verfluchter Polyp‹ geschrien, so sehen wir uns genötigt anzunehmen, daß Matra damals nicht ganz klar bei Sinnen war, ja ich möchte sagen, obgleich es etwas schroff erscheinen mag: der Mann leidet an Verfolgungswahn.

Und selbst wenn Crainquebille ›Verfluchter Polyp‹ gesagt hätte, so ist es noch die Frage, ob dies Wort in seinem Munde eine Beleidigung, also ein Vergehen ist.

Crainquebille ist das uneheliche Kind einer herumziehenden Händlerin, die eine notorische Trinkerin war, er ist also als Alkoholiker geboren. Sehen Sie sich den Mann an und urteilen Sie selbst, was sechzig Jahre des Elends aus ihm gemacht haben.

Meine Herren, Sie müssen zugeben, daß man ihn nicht verantwortlich machen kann.«

Maître Lemerle setzte sich, und der Präsident verlas nun zwischen den Zähnen das Urteil, wonach Crainquebille zu vierzehn Tagen Gefängnis und 50 Francs Geldstrafe verurteilt wurde.

Das Gericht hatte seine Überzeugung auf die Aussage des Schutzmannes Matra gestützt.

Als Crainquebille durch die langen, düsteren Gänge des Gerichtsgebäudes geführt wurde, fühlte er ein ungeheures Bedürfnis nach Mitgefühl. Er drehte sich nach dem Soldaten um und rief ihn an:

»He, Sie – Sie!. . .« aber der beachtete ihn nicht, und Crainquebille seufzte.

»Ach Gott, wer mir das vor vierzehn Tagen gesagt hätt, daß ich das erleben muß! Die Herren sprechen so schnell« klagte er. »Sie sprechen gewiß sehr schön – aber zu schnell, zu schnell. Ich kann sie nicht verstehen, und sie verstehen mich nicht. . . . Finden Sie nicht auch, Soldat, die Herren sprechen zu schnell?«

Aber der Soldat ging weiter, ohne zu antworten oder auch nur den Kopf zu wenden.

Crainquebille fragte kummervoll:

»Warum geben Sie mir keine Antwort?«

Und als der Soldat immer noch schwieg, rief der alte Mann voll Bitterkeit:

»Mit 'nem Hund hat man Mitleid, und Sie wollen nicht mal mit 'nem armen alten Mann sprechen. Sie machen wohl das Maul nie auf, sind Sie nicht bang, daß es stinken wird?«

Die Apologie des Präsidenten Bourriche.

Einige Neugierige und zwei oder drei Rechtsanwälte verließen den Saal, nachdem das Urteil gefällt war, und der Gerichtsdiener kündete schon eine neue Sache an.

Die Fortgehenden dachten nicht weiter über den Fall Crainquebille nach, der sie kaum interessiert hatte. Nur Herr Jean Lermite, ein Kupferstecher, den der Zufall in die Sitzung geführt hatte, stellte seine eigenen Betrachtungen über das eben Gehörte an.

Er klopfte den Maître Joseph Aubaret auf die Schulter und meinte:

»Es ist bewunderungswürdig, wie der Präsident Bourriche es versieht, sich aller eitlen Neugier zu enthalten und sich vor persönlichem Hochmut, der alles wissen will, zu bewahren.

Wenn der Richter die widersprechenden Aussagen von dem Doktor Matthieu und dem Schutzmann Matra gegenüber gestellt hätte, so wäre er auf einen Weg des Zweifels und der Ungewißheit geraten.

Die Methode, welche darin besteht, einen Fall nach allen Regeln der Kritik zu beleuchten, ist unvereinbar mit einer guten Verwaltung der Justiz.

Wenn das Tribunal so unvorsichtig sein würde, eine derartige Methode zu verfolgen, so müßte ja sein Urteil von seinem eigenen Scharfsinn abhängen, der des öfteren gering ist – oder von der menschlichen Fehlbarkeit, die nie aufhört. Wo bliebe da die Autorität!

Auch kann man nicht leugnen, daß die historische Methode ebenfalls unzulänglich ist, um dem Richter jene Gewißheit zu verschaffen, deren er bedarf.

Man erinnere sich nur an Sir Walter Raleighs Abenteuer. Als Sir Walter Raleigh im Tower of London gefangen saß und eines Tages an dem zweiten Teil seiner »History of the world« arbeitete, entspann sich unter seinen Fenstern ein Streit. Er sah eine Weile zu und ging dann wieder an seine Arbeit mit der Überzeugung, die Streitenden sehr gut beobachtet zu haben.

Als er aber tags darauf mit einem seiner Freunde über die Angelegenheit sprach, der bei dem Vorfall zugegen gewesen war und sich sogar an dem Streite beteiligt hatte, widersprach dieser ihm in allen Punkten.

Da erkannte Raleigh die ungeheure Schwierigkeit, fern liegende Ereignisse in ihrer Richtigkeit zu erfassen, wenn es möglich war, daß er sich über das, was vor seinen Augen geschah, getäuscht hatte, und entmutigt warf er sein Manuskript ins Feuer.

Wenn die Richter ebensolche Bedenken trügen wie Raleigh, so müßten sie wohl ihre ganze Gelehrsamkeit ins Feuer werfen. Aber dazu haben sie kein Recht. Sie würden damit die Justiz verleugnen und ein Verbrechen begehen.

Man kann wohl darauf verzichten, – zu wissen, aber man darf nicht darauf verzichten, – zu richten.

Diejenigen Leute, welche wollen, daß die Gerichtsbeschlüsse auf methodische Nachforschungen gegründet sind, müssen als gefährliche Sophisten und hinterlistige Feinde des Zivil- und Militärgerichtes betrachtet werden.

Der Präsident Bourriche hat einen viel zu juristischen Sinn, als daß er sein Urteil von dem Verstand oder von der Wissenschaft beeinflussen ließe, deren Schlüsse ewigen Streit und Zweifel hervorrufen. Er gründet es auf bestimmte Dogmen und Traditionen, so daß seine Urteile an Autorität den Geboten der Kirche gleichen, sie sind sozusagen kanonisch.

Sie sehen z. B., daß er die Zeugenaussagen nicht nach einer unbestimmten trügerischen Wahrscheinlichkeit ordnet, sondern nach innerlichen, permanenten, handgreiflichen Tatsachen.

Er wägt sie nach dem Gewicht der Waffen. Gibt es ein einfacheres und weiseres Mittel?

Das Zeugnis eines Schutzmannes erscheint ihm als unwiderlegbar. Der Mensch als solcher kommt hier gar nicht in Betracht, nur die Kategorie, der er angehört – die hochwohlöbliche Polizei – die heilige Hermandad.

Bastien Matra, gebürtig aus Cinto-Monte (Korsika), erscheint ihm durchaus nicht als unfehlbar. Er weiß, daß der Mann weder eine besonders scharfe Beobachtungsgabe besitzt, noch daß er bei der Prüfung der Sachlage sehr genau und methodisch verfährt.

In Wahrheit existiert überhaupt Bastian Matra in diesem Fall nicht für ihn, sondern nur der Schutzmann Nr. 64.

Ein Mensch kann sich täuschen, denkt er sich. Peter und Paul können sich irren.

Descartes und Gassendi, Leibniz und Newton, Bichat und Claude Bernard, die alle haben sich irren können. Wir alle irren uns, und zwar sehr häufig.

Die Möglichkeit, sich zu irren, ist sehr groß und mannigfaltig. Die Wahrnehmung unserer Sinne und das Urteil unseres Verstandes sind oft nichts weiter als bloße Einbildungen und die Ursache von Ungewißheit und Zweifel.

Man darf sich nicht auf das Zeugnis eines Menschen verlassen.

Testis unus – testis nullus.

Aber auf eine Zahl kann man sich verlassen.

Bastien Matra von Cinto-Monte ist fehlbar – aber der Schutzmann Nr. 64 – wenn man von seiner Person als Mensch absieht – täuscht sich nicht.

Darum hat das Gericht auch nicht gezögert, das Zeugnis des Doktor David Matthieu zu verwerfen, denn er ist nur ein »Mensch«, und es erkennt die Aussage des Schutzmannes Nr. 64 als richtig an, denn er ist eine »reine Idee«, ein Strahl Gottes, der zu uns herniederstieg.

Wenn er auf diese Weise urteilt, so sichert der Präsident sich eine Unfehlbarkeit zu, und zwar die einzige, worauf ein Richter Anspruch erheben kann.

Trägt ein Mensch, der als Zeuge figuriert, einen Säbel, so soll der Richter auf den Säbel hören, nicht auf den Menschen. Der Mensch ist unvollkommen und kann sich irren – ein Säbel nicht, er hat immer recht.

Der Präsident Bourriche ist vollkommen in den Geist des Gesetzes eingedrungen.

Die Gesellschaft ruht auf der öffentlichen Macht, und die öffentliche Macht muß als eine erhabene Institution der Gesellschaft respektiert werden. Die Justiz aber hat die Verwaltung der öffentlichen Macht.

Der Präsident weiß, daß der Schutzmann Nr. 64 ein Teil des Fürsten ist – der Fürst regiert sozusagen in jedem seiner Offiziere.

Die Autorität des Schutzmannes Nr. 64 zu untergraben, heißt so viel, als den Staat schwächen.

Oder wie Bossuet in seiner göttlichen Sprache sagt: »Wenn man nur ein einziges Blatt der Artischocke ißt, so ißt man die Artischocke.«

Alle Säbel des Staates haben dieselbe Richtung. Wollte man sie gegeneinander richten, so würde man die Republik umstürzen.

Darum wurde auf die Aussage des Schutzmannes Nr. 64 der Angeklagte Crainquebille zu fünfzehn Tagen Gefängnis und fünfzig Francs Geldstrafe verurteilt.

Mir ist, als hörte ich, wie der Präsident die lauteren und großen Beweggründe auseinandersetzt, die ihn zu diesem Urteil veranlaßt haben:

»Ich habe dieses Individuum in Übereinstimmung mit dem Schutzmann Nr. 64 verurteilt, denn der Schutzmann Nr. 64 ist ein Teil der öffentlichen Macht.

Damit Sie klar erkennen, meine Herren, wie klug ich gehandelt habe, so bitte ich, nehmen wir einmal an, ich hätte ein gegenteiliges Urteil gefällt.

Sie werden sofort sehen, wie verrückt das gewesen wäre. Denn, wollte ich gegen die öffentliche Macht urteilen, so würde mein Urteil einfach nicht vollstreckt werden.

Der Spruch eines Richters gilt nur, wenn er mit der öffentlichen Macht geht.

Wohin kämen wir ohne unsere Polizei.

Ich würde meiner Stellung schaden. Und überdies widersetzt der Geist der Gesetze sich solchem Urteil.

Den Starken entwaffnen und dem Schwachen die Macht einräumen, das hieße die menschliche Ordnung auf den Kopf stellen, und meine Mission ist, uns dieselbe zu erhalten.

Die Justiz heiligt bestehende Ungerechtigkeiten. Hat sie sich jemals gegen die Eroberer aufgelehnt oder gegen die Gewalthaber, welche die Macht an sich gerissen haben?

Wenn eine illegitime Macht sich erhebt, so braucht das Gesetz sie nur anzuerkennen, um sie dadurch legitim zu machen.

Alles liegt in der Form. Und zwischen schuldig und nicht schuldig entscheidet ein dünnes Blatt gestempelten Papieres.

Warum waren Sie nicht der Stärkere, Crainquebille? Wenn Sie, nachdem Sie ›verfluchter Polyp‹ gerufen hatten, sich zum Kaiser erklären ließen, zum Diktator, zum Präsidenten der Republik oder auch nur zum Stadtrat, so versichere ich Sie, daß ich Sie weder zu vierzehn Tagen Gefängnis, noch zu einer Geldstrafe von fünfzig Francs verurteilt hätte.

Sie wären jeder Strafe entgangen, das dürfen Sie mir glauben.«

So hätte der Präsident Bourriche ohne Zweifel gesprochen, denn er hat einen juristischen Sinn und weiß, was das Tribunal der Gesellschaft schuldig ist, deren Prinzipien er mit Ordnung und Regelmäßigkeit verteidigt.

Die Justiz ist sozial, und nur böse Geister wollen, daß sie auch menschlich und gefühlvoll sei.

Man verwaltet sie nach feststehenden Regeln, aber doch nicht mit Gefühlsduseleien oder Klarheit und Intelligenz.

Man verlangt vor allen Dingen nicht, daß sie gerecht sei. Das hat sie nicht nötig, denn sie ist die Justiz, und der Gedanke einer gerechten Justiz kann wirklich nur in dem Kopfe eines Anarchisten entstanden sein.

Der Präsident Magnaud fällt allerdings Billigkeitsurteile, aber sie werden kassiert, und das ist die wahre Justiz.

Der wirkliche Richter wiegt die Zeugenaussagen nach dem Gewicht der Waffen. Das hat man in Crainquebilles Sache gesehen und in manchen anderen, viel berühmteren Fällen.«

So sprach Jean Lermite, indem er mit langen Schritten den Vorsaal durchmaß.

Josef Aubaret, der das Gerichtswesen kannte, kratzte sich die Nase und sagte:

»Wenn Sie meine Meinung hören wollen, so bezweifle ich, daß der Präsident Bourriche sich zu einer so hohen Metaphysik aufgeschwungen hat. Wenn er die Aussage von dem Schutzmann Nr. 64 gelten ließ, so tat er das lediglich, weil das nun mal alter Brauch ist. In der Nachahmung müssen wir die Beweggründe der meisten menschlichen Handlungen suchen. Wer den althergebrachten Gewohnheiten und Satzungen folgt, wird immer für einen ehrlichen Menschen gelten. Unter ›brave Leute‹ versteht man solche, die es machen wie die andern.«

Crainquebille ergibt sich in die Gesetze der Republik.

Als Crainquebille ins Gefängnis zurückgeführt worden war, setzte er sich auf den angeschmiedeten Stuhl und verharrte in stummem Staunen und stiller Bewunderung. Er wußte selbst nicht recht, daß die Richter sich getäuscht hatten.

Das Gericht hatte ihm seine inneren Schwächen unter der Majestät der Formen verborgen. Er konnte nicht glauben, daß er Recht hatte gegenüber dem Tribunal, dessen Gründe er nicht verstanden hatte. Er vermochte nicht zu fassen, daß etwas bei dieser schönen Zeremonie hinkte. Denn da er weder in die Messe noch ins Theater ging, hatte er in seinem Leben nie etwas so pompöses gesehen, als diese Verhandlung im Gerichtssaal.

Er wußte wohl, daß er nicht »verfluchter Polyp« gerufen hatte und daß man ihn zu vierzehn Tagen Gefängnis und fünfzig Francs Geldstrafe verurteilt hatte, weil er es gerufen haben sollte, aber allmählich wurde diese Idee zu einem erhabenen Mysterium für ihn, zu einem dieser Glaubensartikel, dem die Frommen anhängen, ohne sie zu verstehen.

Es war wie eine dunkle, plötzliche Offenbarung – herrlich und schrecklich zugleich.

Der alte Mann erkannte sich als schuldig, den Schutzmann Nr. 64 in mystischer Weise beleidigt zu haben, wie ein kleiner Junge in der Katechismusstunde Evas Sünde auf sich nimmt.

Durch seine Verhaftung wurde er belehrt, daß er »verfluchter Polyp« gerufen hatte – also hatte er das in mysteriöser, ihm selbst unbewußter Art getan. Er fühlte sich in eine überirdische Welt versetzt. Seine Verurteilung war für ihn ein geheimnisvolles Wunder.

Wie er schon von seinem Vergehen keine rechte Vorstellung hatte, so machte er sich von der Strafe erst recht keinen klaren Begriff. Seine Aburteilung war ihm als eine sehr feierliche, rituelle und vornehme Sache erschienen, als etwas Erhabenes, was man nicht begreifen kann, worüber sich nicht streiten läßt, als etwas, dessen man sich weder zu rühmen noch zu beklagen hat.

Wenn der Präsident Bourriche in diesem Augenblicke durch die Decke herabgestiegen wäre mit einem Heiligenschein um das Haupt und Flügeln an den Schultern, so wäre Crainquebille von dieser neuen Manifestation der richterlichen Glorie nicht weiter überrascht gewesen.

Er hätte sich einfach gesagt:

»Ach so, meine Angelegenheit nimmt ihren Verlauf.«

Am folgenden Tage besuchte ihn sein Advokat.

»Nun, mein Lieber«, fragte Maître Lemerle, »geht es ziemlich gut? Nur Mut, zwei Wochen sind ja schnell vorüber. Wir dürfen uns übrigens nicht allzu sehr beklagen.«

»Das ist wahr«, gab Crainquebille zu, »die Herren sind sehr freundlich und höflich gewesen. Nicht ein grobes Wort haben sie mir gesagt. Hätt' ich gar nicht gedacht. Und haben Sie wohl gesehen, der Soldat hatte weiße Handschuhe angezogen.«

»Überlegt man sich's«, bemerkte der Advokat, »so war es das beste, daß Sie gestanden.«

»Mag wohl sein«, erwiderte Crainquebille.

»Ich habe eine gute Nachricht für Sie, Crainquebille. Eine mildtätige Person, die ich für Ihre Lage interessiert habe, hat mir fünfzig Francs für Sie übergeben, also gerade die Summe, zu der Sie verurteilt sind.«

»Und wann werde ich das Geld bekommen«, fragte der Alte.

»Das wird direkt der Kanzlei übergeben, darum brauchen Sie sich nicht zu kümmern.«

»Na einerlei; sagen Sie der Person meinen besten Dank.«

Dann wurde Crainquebille nachdenklich. Nach einer Weile meinte er: »Sonderbar, höchst sonderbar ist das, was mir passiert ist.«

»Glauben Sie das nicht, Crainquebille, Ihr Fall ist durchaus nicht selten.«

»So? – und können Sie mir vielleicht auch sagen, was aus meinem Wagen geworden ist?«

Die öffentliche Meinung.

Crainquebille war aus dem Gefängnis entlassen und schob wieder seinen Wagen durch die Rue Montmartre vor sich her und rief: Kohl, Rüben, Wurzeln!

Er empfand weder Stolz noch Scham wegen seines Abenteuers.

Es war keine peinliche Erinnerung für ihn, sondern wie ein Schauspiel, eine Reise, ein Traum.

Nun aber war er froh, wieder im Schmutz herumzugehen über das Pflaster der Straßen und über sich den Himmel zu sehen, grau in grau im strömenden Regen – den lieben Himmel seiner geliebten Stadt.

An allen Straßenecken hielt er an, um ein Glas zu trinken, dann fühlte er sich frei und seelenvergnügt, spuckte in die schwieligen Hände, damit sie geschmeidiger wurden, und faßte von neuem die Griffe seines Handwagens.

Die Sperlinge, die wie er arme Frühaufsteher waren und ihr Futter am Wege suchten, flatterten auf bei seinem Rufe – Kohl, Rüben, Wurzeln – und flogen vor ihm her.

Eine alte Haushälterin kam heran und prüfte das Gemüse.

»Ja, was war denn mit Ihnen los, Vater Crainquebille«, fragte sie, »man hat Sie ja so lange nicht gesehen. Sind Sie krank gewesen? Sie sehen etwas blaß aus.«

»Tje«, erwiderte Crainquebille, »ich will Ihnen was sagen, Frau Mailloche, ich hab' 'n bißchen privatisiert.«

Nichts in seinem Leben ist verändert, höchstens daß er häufiger als sonst ein Gläschen trinkt. Er hat das Gefühl, als sei immer Feiertag, und dann hat er ja auch die Bekanntschaft von mildtätigen Leuten gemacht.

Ein bißchen angeheitert gelangt er abends in seinen Verschlag. Dann streckt er sich zufrieden aus, deckt sich mit den Säcken zu, die ihm sein Freund, der Kastanienverkäufer von der Ecke, geliehen hat und brummt vor sich hin:

»Im Gefängnis ist es gar nicht so übel, man hat da alles, was man braucht, aber einerlei, zu Hause ist es doch besser.«

Seine Zufriedenheit sollte nicht lange dauern. Er bemerkte bald, daß die Kunden ihn schnitten.

»Ich habe heute recht schönen Sellerie, Madame Cointreau«, sagte er freundlich.

»Brauche nichts«, erwiderte die Frau barsch.

»Was, Sie brauchen nichts? Sie leben doch jetzt wohl nicht bloß von der Luft?« fragte Crainquebille erstaunt.

Aber Madame Cointreau würdigte ihn keines Blickes und ging stolz in ihren Schlächterladen. Sonst hatten sich Meisterinnen und Mädchen um seinen Wagen gedrängt, der stets mit reichlicher Auswahl versehen war, jetzt drehten sie ihm alle den Rücken, sobald sie ihn sahen.

Als Crainquebille zu dem Schusterladen kam, wo sein gerichtliches Abenteuer angefangen hatte, rief er:

»Madame Bajard, Madame Bajard, Sie sind mir noch von neulich die fünfzehn Sous schuldig.«

Aber Madame Bajard, welche an der Kasse thronte, hielt es unter ihrer Würde, ihn zu beachten.

Die ganze Straße wußte, daß der alte Crainquebille aus dem Gefängnis kam, und alle taten, als ob sie ihn nicht kannten.

Von hier aus hatte sich das Gerücht in dem ganzen Viertel verbreitet.

Als Crainquebille gegen Mittag in eine andre Straße kam, sah er seine freundliche Kundin Madame Laure an dem Gemüsewagen des kleinen Martin stehen. Sie musterte gerade einen großen Kohlkopf. Ihre Haare glänzten wie eine Unmasse feiner goldener Fäden. Und Martin, der Knirps, dieser schmutzige Lausbub, schwor mit der Hand auf dem Herzen, daß es weit und breit keine bessere Ware gäbe, als die seine.

Das gab Crainquebille einen Stich ins Herz. Er stieß seinen Wagen gegen Martins Karren und sagte mit klagender, gebrochener Stimme:

»Das ist nicht schön von Ihnen, daß Sie mir untreu werden.«

Wie sie selbst eingestand, war Madame Laure durchaus nicht als Herzogin geboren. Und ihre Kenntnisse vom grünen Wagen und Gefängnis hatte sie sich auch nicht gerade in der großen Welt erworben.

Aber man kann in allen Lebenslagen ehrlich sein, nicht wahr? Jeder hat seine Portion Selbstgefühl, und man mag nichts zu tun haben mit einem Individuum, das gerade aus dem Gefängnis kommt.

Daher antwortete sie Crainquebille nur mit einem verächtlichen Achselzucken und wandte sich ab.

Der alte Mann zuckte schmerzlich zusammen, dann aber fuhr er auf und brüllte ihr nach:

»Schanddirne, – liederliches Weibsbild!«

Vor Schreck ließ Madame Laure ihren Kohlkopf fallen.

»Scher' dich weiter, du Lump«, rief sie außer sich vor Entrüstung, »so was kommt gerade aus dem Gefängnis heraus und will andere beleidigen.«

Bei ruhigem Blut hätte Crainquebille Madame Laure niemals ihren Lebenswandel vorgeworfen. Er wußte nur zu gut, daß es in dieser Welt nicht so geht, wie man gern möchte, und daß man sich sein Handwerk nicht immer wählen kann.

Für gewöhnlich kümmerte er sich überhaupt nicht darum, was seine Kunden taten. Aber heute war er außer sich. Er schimpfte hinter der Frau her:

»Gemeine Person, Hurenmensch . . .«

Ein Kreis von Neugierigen sammelte sich um die beiden, die immer ausfälliger wurden. Wahrscheinlich hätte die Schimpfszene noch lange fortgedauert, wenn nicht plötzlich ein Polizist aufgetaucht wäre und sie durch seine schweigende Unbeweglichkeit eingeschüchtert hätte.

Leise murrend gingen die beiden auseinander.

Nach diesem Auftritt aber war Crainquebille in seinem Viertel erst recht unmöglich geworden.

Die Folgen.

Und der alte Mann zog weiter und murmelte für sich hin:

»Ganz sicher, daß sie so eine ist, – ja, sie ist so eine –«

Aber im Grunde seines Herzens machte er ihr keinen Vorwurf daraus. Und deswegen verachtete er sie auch nicht. Im Gegenteil. Er bewunderte Madame Laure, weil sie sparsam war und es verstand, etwas für ihre alten Tage zurück zu legen. Früher hatten beide gern miteinander geschwatzt. Sie hatte ihm dann von ihren Eltern erzählt, die auf dem Lande wohnten; und beide hegten den großen Wunsch, einen kleinen Garten zu besitzen, um Gemüse darin zu ziehen und Geflügelzucht zu treiben.

Madame Laure war eine gute Kundin gewesen, und als Crainquebille nun sehen mußte, daß sie ihren Kohl bei dem kleinen Martin kaufte, bei diesem elenden Knirps, diesem Lausbuben, da war ihm der Schreck in alle Glieder gefahren, und wie sie ihn obendrein noch so verächtlich behandelt hatte, da war ihm die Galle übergelaufen.

Das Schlimmste war, daß Madame Laure nicht die einzige war, die ihn wie einen Aussätzigen behandelte.

Alle taten, als kennten sie ihn nicht mehr.

Die Schusterfrau, die Schlächtermeisterin, alle wandten sich verächtlich von ihm ab. Die ganze Gesellschaft in dem Viertel wollte nichts mehr von ihm wissen.

Also bloß, weil er vierzehn Tage gesessen hatte, war er nun nicht mehr gut genug, Gemüse zu verkaufen! War das wohl gerecht? Hatte es Sinn und Verstand, einen alten braven Mann Hungers sterben zu lassen, einzig und allein, weil er mit einem »Putz« in Konflikt geraten war?

Wenn er sein Gemüse nicht mehr los wurde, so konnte er sich nur hinlegen und krepieren.

Das erbitterte den Alten.

Nach seinem Streit mit Madame Laure hatte er Händel über Händel. Um die geringste Kleinigkeit stritt er. Mit den Kunden war er grob und schimpfte ungeduldig, wenn mal einer ein bißchen lange zwischen seinen Waren suchte.

In der Wirtsstube zankte er mit allen, so daß sein Freund, der Kastanienhändler, ihn nur noch »altes Stachelschwein« nannte. Und wirklich wurde Crainquebille von Tag zu Tag unleidlicher. Er schlief schlecht, war übel gelaunt und hatte immer ein böses Maul.

Das Unglück machte ihn ungerecht. Er rächte sich an denen, die nichts Böses gegen ihn im Sinn hatten und oft auch an Schwächeren. So gab er eines Tages dem kleinen Alphons, dem Sohn eines Weinhändlers, eine Ohrfeige, als das Kind ihn fragte, ob es im Gefängnis schön sei.

»Unverschämter Bengel«, schalt er, »wenn es nach Recht und Gerechtigkeit ginge, so säße dein Vater im Loch, anstatt reich zu werden bei seinen Giftmischereien.«

Wort und Handlung machten ihm keine Ehre, denn wie sein Freund, der Kastanienverkäufer, ihm gerechterweise vorwarf – Kinder soll man nicht schlagen und ihnen ihre Eltern vorwerfen, die sie sich ja nicht selbst gewählt haben.

Er fing an zu trinken. Je weniger er verdiente, desto mehr trank er. Und da er früher sehr sparsam und mäßig gewesen war, wunderte er sich über sich selbst:

»Ich bin doch sonst kein liederlicher Mensch gewesen. Man wird wohl immer unvernünftiger, je älter man wird«, philosophierte er.

Oft ärgerte er sich über seine Bummelei und Faulheit. »Alter Lump«, schalt er sich, »du taugst rein zu gar nichts mehr.«

Manchmal versuchte er sich selbst zu betrügen, dann redete er sich ein:

»Muß doch von Zeit zu Zeit ein Glas trinken, das stärkt die müden Glieder. Da ist sicher etwas nicht in Ordnung in dem alten Magen, und da hilft nichts, als 'n Glas Kirsch.«

Oft verpaßte er nun in den Markthallen frühmorgens die Anfuhr und den Großverkauf der Gemüse, dann mußte er alte, verdorbene Ware nehmen, die man ihm auf Kredit gab.

Einmal fühlte er sich an Leib und Seele so matt und gebrochen, daß er seinen Wagen in der Remise stehen ließ. Den ganzen Tag verbrachte er in den Wirtshäusern bei den Markthallen, und abends saß er zusammengekauert und bedrückt auf einem umgestülpten Korb und grämte sich über seine Verkommenheit.

Er dachte an seine frühere Kraft und Leistungsfähigkeit, an die schweren Mühen, die er ausgestanden hatte und den glücklichen Gewinn, den er heimtrug, an all die zahllosen Tage, die einander so glichen, so ausgefüllt gewesen waren.

Er sah sich wieder, wie er in der Nacht in den Markthallen auf die Anfuhr der Gemüse wartete. Dann wurde der Wagen sorgfältig und kunstgerecht beladen, stehenden Fußes noch ein Schluck schwarzer Kaffee hinunter getrunken bei Mutter Theodora, und dann wurde der Karren mit fester Hand in Bewegung gesetzt.

Kräftig und hell wie ein Hahnenschrei klang sein Ruf durch den frühen Morgen, wenn er durch die Straßen fuhr.

Sein ganzes unschuldiges und hartes Leben, das er während eines halben Jahrhunderts geführt hatte, zog an seinem geistigen Auge vorüber. Wie er tagaus, tagein wie ein Lasttier auf seiner rollenden Auslage den müden Städtern die frische Ernte der Gemüsegärten gebracht hatte.

Und seufzend schüttelte er den Kopf:

»Ne, ne, ich kann nicht mehr, mit mir ist es aus. Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht. Seit meiner Geschichte bei Gericht bin ich ganz verändert. Ich bin gar nicht mehr derselbe Mensch.«

Kurz und gut, Crainquebille war moralisch vernichtet. Wenn einer mal erst soweit ist, so kommt er nicht mehr in die Höhe, und die Menschen verhöhnen ihn, statt ihm zu helfen.

Die letzten Folgen.

Das Elend kam, das schwarze Elend. Der alte Mann, der früher aus der Vorstadt Montmartre die Taschen voll Fünf-Francs-Stücken zurückbrachte, hatte jetzt keinen Pfennig mehr.

Es war Winter. Aus seinem Verschlag war er ausgewiesen, nun schlief er in einer Remise.

Es regnete seit 24 Stunden, die Abzugskanäle waren verstopft, die Gossen liefen über, und die Remise stand unter Wasser.

Crainquebille saß zusammengekauert in seinem Wagen über den stinkenden Pfützen zwischen Spinnen, Ratten und ausgehungerten Katzen und starrte dumpfbrütend vor sich hin.

Ihn fror. Er hatte den ganzen Tag nichts gegessen, und zudecken konnte er sich auch nicht, denn sein Freund, der Kastanienhändler, hatte ihm die Säcke wieder weggenommen, die er ihm geliehen hatte.

Er dachte an die beiden Wochen, wo ihm die Stadt Nahrung und Wohnung gegeben hatte. Er beneidete die Gefangenen, die weder von Hunger noch von Kälte zu leiden hatten, und plötzlich kam ihm ein Einfall:

»Ich kenne ja jetzt den Kniff«, sagte er sich, »warum sollte ich ihn nicht brauchen«.

Er stand auf und ging auf die Straße hinaus. Es mochte eben elf Uhr sein. Die Nacht war dunkel und rauh, ein dichter, durchdringender Nebel fiel hernieder.

Die wenigen Leute auf der Straße drängten sich hart an den schützenden Mauern der Häuser entlang.

Crainquebille ging an der St. Eustache-Kirche vorüber und bog in die Rue Montmartre ein. Sie lag ganz verödet da. Nur ein Schutzmann stand auf dem Trottoir hinter der Kirche an einen Laternenpfahl gelehnt, und der feine rieselnde Regen bildete einen rötlichen Dunst um das Gaslicht. Er fiel auf die Kapuze des Schutzmannes, der ganz durchnäßt schien, aber sei es, daß dieser das Licht der Dunkelheit vorzog, oder des Herumgehens müde war, er blieb an der Laterne stehen, die ihm vielleicht in der einsamen Nacht ein Freund und Gefährte war.

Die zitternde Flamme war seine einzige Unterhaltung in den langen Stunden der Nachtwache.

Seine Unbeweglichkeit hatte etwas Übermenschliches. Der Widerschein seiner Stiefel auf dem nassen Trottoir, das wie ein See aussah, verlängerte ihn nach unten und gab ihm das Aussehen eines amphibischen Ungeheuers, das halb aus den Wassern ragte.

In der Nähe mit seiner Kapuze und den Waffen konnte man ihn für einen Mönch oder für einen Soldaten halten.

Die groben Gesichtszüge, die durch den Schatten der Kapuze noch vergrößert wurden, hatten etwas Friedliches und Trauriges.

Er hatte einen kurzen, dicken, grauen Schnurrbart und war ein ausgedienter Soldat von einigen vierzig Jahren.

Crainquebille näherte sich ihm leise und sagte mit zögernder schwacher Stimme:

»Verfluchter Polyp.«

Dann wartete er auf die Wirkung dieser berüchtigten Worte. Aber die Wirkung blieb aus. Der Schutzmann blieb stumm und unbeweglich mit untergeschlagenen Armen stehen.

Aus seinen großen, weit geöffneten Augen, die im Dunkel leuchteten, blickte er auf Crainquebille voll Traurigkeit, Wachsamkeit und Verachtung.

Crainquebille war ganz verwundert, aber mit einem Rest von Energie stammelte er:

»Verfluchter Polyp – das gilt Ihnen.«

Ein langes Schweigen folgte. Um die Laterne tropfte der rötliche, feine Regen, ringsumher lag ein eisiger tiefer Schatten.

Endlich sprach der alte Soldat:

»Das müssen Sie nicht sagen . . . wahr und gewiß, das müssen Sie nicht sagen. Wenn man so alt ist, wie Sie, sollte man vernünftiger sein. Gehen Sie Ihrer Wege.«

»Warum arretieren Sie mich nicht?« fragte Crainquebille.

Der Schutzmann schüttelte den Kopf unter seiner nassen Kapuze:

»Wenn wir all die Krakehler einstecken wollten,« sagte er, »die sagen, was sie nicht sagen dürfen, dann hätten wir viel zu tun!. . . Und was hätte das wohl für einen Zweck?«

Crainquebille knickte zusammen bei dieser ungeheuren Verachtung. Betäubt und stumm blieb er lange Zeit im Rinnstein stehen. Ehe er weiterging, versuchte er eine Erklärung:

»Es war auch nicht für Sie, daß ich »Verfluchter Polyp« gesagt habe, und auch für keinen andern – es war nur so eine Idee.«

»Das ist ganz einerlei, warum Sie es gesagt haben«, erwiderte der Schutzmann mit herber Sanftmut. »Aber das muß man nicht sagen, denn wenn ein Mensch seine Pflicht tut und viele Strapazen ausstehen muß, so soll man ihn nicht durch müßige Worte beleidigen. Ich wiederhole Ihnen noch einmal, gehen Sie ihrer Wege.«

Crainquebille senkte den Kopf und wankte langsam mit hängenden Armen durch den Regen in die finstere Nacht hinein.

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