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Der flammende Baum

Frida Schanz: Der flammende Baum - Kapitel 8
Quellenangabe
typefairy
authorFrida Schanz
titleDer flammende Baum
publisherVerlag Ullstein & Co
year1916
illustratorSteiner-Prag
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150408
projectida303d2df
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Von der kleinen Meerjungfer, die falsch sang

Ein junger Arzt in alter Stadt hatte seine liebe Frau verloren. Darüber wollte er vor Gram vergehen.

Sie war die schönste und beste Frau der Welt gewesen, sein Liebstes. Keine konnte so lustig lachen. Keine konnte so verständig und ernst reden. Keine war so fleißig und flink und hatte dennoch immer zu allem Zeit.

Des Arztes Mutter war zu früh gestorben. Kein Mensch hatte ihn seitdem lieb gehabt wie nun die Frau. Ueber die Maßen froh waren sie gewesen, daß sie einander hatten. Ein kleines Haus war ihnen eigen. Auch ein liebes Kindchen hatten sie gehabt. Das hatte die sterbende junge Mutter aber gleich mitgenommen. Kaum eine Stunde hatte es gelebt.

Nun sollte der Herr Doktor wieder seinem Beruf nachgehen. Aber das war ihm ganz unmöglich. Er dachte an nichts als an die tote Frau; Tag und Nacht, jede Stunde, jede Minute. Immer war's ihm, als müßte er sie rufen, als müßte sie kommen. Und sie kam doch nicht wieder.

Sein schönes Haus schien ihm ganz verödet.

Er lief von einem Zimmer zum andern. Er saß an ihrem Nähtisch, an ihrem kleinen Schreibtisch, an ihrem Bett.

Nein, so konnte es nicht weiter gehen!

Er mußte doch einmal Ruhe finden!

Schon seiner Kranken wegen mußte er sich doch fassen!

Aber es ging eben nicht. Der Schmerz war zu groß. Unerträglich waren die Stunden.

Da gab ihm sein Verstand den Rat ein, er möge es doch einmal mit einer Reise versuchen. Seit seinen Knabenjahren liebte er leidenschaftlich die See. Nie hatte er sich sattsehen können an ihrem unendlichen Wellenspiel, nie sich satthören am Liede der Wellen, jenem Lied, das wohl einmal sanfter und zarter und das andere Mal milder tönt, aber nie einen Mißklang hat, und das einem so tief zu Herzen spricht.

Seine wichtigsten Entschlüsse hatte er als Knabe und junger Mann an der See gefaßt. Wie oft war er aus seiner Heimatstadt, die nicht zu weit von ihr entfernt war, dahin gewandert. Die See hatte ihn ermutigt und begeistert, zu allem Guten gestärkt, zu allem Rechten gestählt. Er hatte sie genossen in Sturm und Ruhe, im Schwimmen und Segeln und Rudern, in übermütiger Lust.

Nun sollte sie ihn trösten!

Er brauchte so sehr einen starken, tröstenden Freund.

Als der Entschluß einmal gefaßt war, setzte er die Reise schnell ins Werk. Er bat einen Kollegen, ihn bei seinen Kranken zu vertreten, bis er sich selbst ruhig genug fühlte, um wieder ihr Helfer zu sein. Er wählte die rascheste Reisegelegenheit. Im Mittagssonnenschein stand er am Strande. Vom äußersten Punkt der Mole aus blickte er hinaus auf die blitzende, unruhig bewegte Fläche. Mit ganzer Seele lauschte er aus die urewige Sprache der Wellen und Wogen.

Die See sang ein lautes, brausendes Lied.

Aber das Lied brachte dem traurigen Manne keinen Frieden.

Nein, – er wußte nicht woher es kam, nicht woran es lag: die Musik des Meeres schien nicht mehr die herrliche, reine. Er konnte sie kaum hören, so weh tat sie seinem Ohr und seinem Herzen. Ein falscher Ton ging durch, störte alle Harmonie. Irgendwo fehlte es, irgend etwas stimmte nicht. Ein Mißtönen, das nie vorher dagewesen war, klang aus jedem Wellenschlag. Ganz leise war's. Aber die Musik war eben nicht mehr rein. Der Mann litt durch sie, litt noch mehr als zu Haus. Eine quälende Unruhe trieb ihn vom Strand in die Dünen, von den Dünen wieder an den Strand, trieb ihn im Boote weit hinaus auf die hohe See und wiederum uferwärts.

›Vielleicht‹, dachte er jeden Tag, ›geht's morgen besser.‹ Aber es ging immer schlimmer. Der Sang der Wellen war ihm immer unerträglicher. Gerade heraus schreien hätte er können, so weh tat er ihm. Als vernünftiger Mensch biß er aber einfach die Zähne zusammen und beschloß endlich die Heimkehr.

Noch einmal stand er eines Abends am Strand, dann ging er hoffnungslos und müde in die Dünen hinein, dem Dorfe zu. Stumm packte er sein Reisezeug. Trauriger als er gekommen, hoffnungslos traurig, fuhr er heim.

Die See hatte ihm nicht geholfen. Er grübelte viel darüber nach, wie das kam.

 

Es war aber ganz einfach und natürlich zugegangen. Nämlich so: Eine kleine Meerjungfer in einem Königreiche auf dem Grunde der See war daran schuld.

Die sang falsch im Chor der Meeressänger und Meeressängerinnen, dem sie zugehörte.

Zum erstenmal seit Millionen Nixenjahren, deren jedes wieder Millionen Menschenjahre zählt, sang eine Stimme in einem dieser großen Chöre falsch.

Das Jüngferchen war noch sehr jung und so lieblich und fein und durchschimmernd, als wenn man eine Perle zerblasen hätte und ein Mädchen wäre nun daraus geworden. Dazu war sie auch noch eines Meerkönigs letztes, geliebtestes Kind, die berühmteste Schönheit in der ganzen Meereswelt, in der sehr selten noch neue Kinder geboren werden. Es blieb eigentlich immer und immer, wie es war.

Nur die Könige bekamen, wenn sie es sich sehr wünschten, etwa alle Millionen Jahre noch ein Kind. Dafür ging dann einmal eine ganz alte Meergreisin allmählich und unmerklich in Schwamm und ein ganz hutzliger Meergreis in Korallen auf.

Dieses jüngste Meerkönigstöchterlein hatte noch etwa ein Dutzend schöner Schwestern. Sie war aber doch die allerreizendste. Trotzdem war sie der größte Gram und Kummer ihres Vaters, das Entsetzen sämtlicher Lehrer und Kapellmeister der Meereswelt.

Denn was noch nie vorgekommen war, das kam nun vor.

Die entzückende Prinzessin war faul. Die entzückende Prinzessin wollte nicht lernen, richtig zu singen. Das Singen aber war das einzige, was man überhaupt in den Meerbildungsanstalten zu lernen hatte.

Alles andere Wissen kam von selbst, floß einem durch die Wellen überallher zu. Jedermann wußte überall, in jedem Winkel jedes fernsten Königreichs, ohne je dort gewesen zu sein, Bescheid.

Auch das richtige musikalische Gehör war angeboren; Reinsingen war selbstverständlich.

Aber es gab doch Vorschulen und Schulen, Gymnasien, Lyzeen und Universitäten, alles für die Ausbildung im Gesang.

Zum schönen Zusammenklang wurden die Stimmen gebildet. Sie wurden geübt, vom leisesten Piano zum lautesten Fortissimo schwellend überzugehen, die hohen, klaren Stimmen wurden zum Gegengesang zu den tiefen, starken eingeübt, ganze Orchesterwerke, große, schwierige Chöre wurden eingeübt, – es war ein Leben des Sanges und Klanges, wie man sich's gar nicht denken kann, ein Musizieren und halblautes Ueben sogar oft noch nachts im Traum, ein Auf und Ab von Uebungen und Tonleitern, alles im Einklang, so daß das ganze Meer ein einziges harmonisches Singen und Klingen war, sogar noch im wildesten Brüllen, Toben und Brausen.

Und nun in all der ewigen Harmonie auf einmal dieses Kind, diese Prinzessin!

Sie mochte nichts von Singen hören. Sie war die erste, die ganz aus der Art geschlagen war.

Das machte wohl, weil man sie gar zu sehr verzog, gar zu viel Wesens mit ihr machte, seit sie mit den weißen, schwebenden Füßchen den ersten Schritt auf dem silbernen Sande des Meeres getan hatte.

Aber am meisten, nein vielleicht allein und einzig, war die alte Amme schuld.

Die war wohl gar zu alt geworden mit der Zeit, nahe wahrscheinlich am leisen, allmählichen Auflösen.

Da dachte sie viel zurück. Da fielen ihr die uralten Geschichten und Märchen ein, deren Erzählen eigentlich streng verboten war. Am strengsten verboten waren die Menschenmärchen. Es lebte so eine dunkle, eigentümliche Ahnung, als seien sie eigentlich wahr, als befände sich über der Meereswelt noch eine andere, eine Luft- und Sonnenwelt, in der Nelken und Rosen blühten, ganz anders als die Meernelken und Meerrosen, in der das Wasser nur in Rinnen und Becken stünde, über die weiße Segelschiffe die Wesen trüge. Und die Wesen lebten ganz kurz, obgleich es auch ihnen lang schiene. Viele, viele würden täglich geboren, es wimmelte von ganz kleinen. Und die großen liebten die kleinen und die kleinen die großen über die Maßen innig. So etwas könne man sich unter dem Meere gar nicht denken. Am herzinnigsten liebten sich immer je zwei junge Große, Mann und Weib. Wenn so zwei auseinander müßten, das wäre immer ein Schmerz, als wäre die ganze Welt auseinandergerissen. Und doch käme es, ach, gar so oft vor. Denn aus Geburt und Liebe und Tod bestände in der Hauptsache das Menschenreich. Der Tod ende die Menschenleben, wie es ihm einfiele, träfe jung und alt. Täglich müßten viele Menschen sterben, und die, die sie geliebt hatten, blieben an Leib und Seele grausam verwundet zurück.

Aus diesem großen Menschenmärchen erzählte die alte Amme dem Prinzeßchen, die atemlos lauschte, viele einzelne Beispiele und Geschichten. Sie wußte längst selbst nicht mehr, von wem sie die Sachen wußte, alle diese Geschichten von Finden und Sehnen, von Trauer und Seligsein, von Liebe und Tod der Erdenmenschen.

Und dadurch wurde das Prinzeßchen ganz versonnen und versponnen. Am liebsten saß sie irgendwo in einem goldenen Winkel des Schlosses und träumte und sann.

Das war aber genau so, als wenn bei uns Menschen jemand verhungert wäre aus Liebe zu Märchen. Ohne Singen mußte man im Meerreich einfach verwelken, verschwinden, vergehen; und, daß man nicht sang, das gab's einfach deshalb nicht.

Die Prinzessin war in dieser Art die allererste.

Die hätte die Gesangstunden einfach vergessen, hätten die Schwestern sie nicht in ihrem Traumwinkel aufgespürt und mit Gewalt hervorgezogen.

»Schnell, schnell, schnell! Oder wir kommen zu spät zur Singestunde!« drängelten sie immer in des Prinzeßchens stille Gedanken hinein.

Sie faßten sie an der Hand und schwebten mit ihr davon. Die Lakaien, die von etwas schwererem Stoff waren, prusteten luftschnappend hinterher. So ging's immer noch gut. Knapp vorm ersten Aufschlag des Taktstockes war man zur Stelle. Natürlich ganz vorn. Die Aelteren, acht waren es, behielten die Jüngste womöglich in ihrer Mitte.

Nämlich: um das Unerhörte und Schreckliche mit ihren eigenen süßen und vollen Stimmen zu verdecken!

Aber es half nichts. Es war da. Es war wahr. Es war nicht mehr zu verleugnen. Die Kunde davon setzte sich schon fort bis in die fernsten Winkel des Meeralls. Die Prinzessin sang falsch!

Ganz verlegen, mit einem Gesicht, als wollte er sich am liebsten selbst zerreißen, hatte der Kapellmeister sie zuerst auf ihren Fehler aufmerksam gemacht. Ein Flüstern und Starren, ein Aufrauschen des Entsetzens war um sie her.

Sie merkte es kaum. Ihr war's ganz egal.

Sie sang ruhig weiter, Mißtöne und Mißtönchen.

Da wurde sie in einer offenen Ansprache vor dem ganzen Chore ehrlich und mutig getadelt. Der Kapellmeister zitterte und war leichenblaß.

Er müsse sich ja unter den Boden des Meeres schämen. Sie verderbe nicht nur seinen eigenen reinen Chor, sondern überhaupt sämtliche Meereschöre. Denn bis in die fernsten Enden der fernsten Königreiche höre und empfinde man den falschen Ton. Er hätte schon Fernsprechanfragen von allen Kollegen aller Meeresteile bekommen, was denn um Himmels willen los sei.

Das Prinzeßchen hätte eigentlich vor Scham zerfließen müssen. Aber diese Rede focht sie auch weiter nicht an. Die ganze Sache machte ihr nicht den geringsten Eindruck.

Sie war viel zu sehr mit sich beschäftigt, viel zu sehr in ihr Träumen versunken.

Nicht einmal, als ihr Vater sie vor versammeltem Volk vor seinen Thron berief, erzitterte sie. Sie nickte wohl zerstreut bei seiner donnernden Strafrede und machte ein Mäulchen, was Besserungsvorsätze andeuten sollte.

Aber sie sang bodenlos falsch weiter mit ihrem feinen Stimmchen.

Nun wurde schon im Volk erwogen, sie einfach nicht mehr singen, d. h. also sie sterben zu lassen. Murrend und murmelnd forderte dieser und jener alte Gesangsprofessor diesen Beschluß schon erbarmungslos vom allgewaltigen König und Herrn.

Da fiel der alten Amme aber noch ein Ausweg ein in ihrer kolossalen Angst, daß ihre Uebertretung des Märchengebotes, der Grund der prinzeßlichen Zerstreutheit, an den Tag kommen könne.

Nachdem sie sich schon beinahe in einen Schwamm verwandelt hatte vor lauter Grübeln und Sinnen, kam ihr zum Glück noch einmal der rettende scharfe klare Verstand.

 

Man müsse die Prinzessin einmal hellen Blickes einen Augenblick in die Welt der Menschen hineinsehen lassen, fiel ihr ein.

Die Uramme behauptete nämlich vor ein paar verschwiegenen Nixenfreunden steif und fest, das Märchen von den Menschen sei wirklich nicht erfunden, sondern entschieden wahr. Man müsse einfach ein Flugwerkzeug bestellen, eine mächtige Luftblase, in der sie mit Prinzessin Hoheit aufsteigen könne, höher als man bisher gestiegen sei. Sie wolle sich recht gern opfern, um ihren Liebling flugs einmal in die Welt da oben blicken zu lassen.

Sie wußte plötzlich nach vergessener Ueberlieferung mit deutlich und klar erwachter Erinnerungskraft, wie sie alte Leute manchmal haben, die Sache sei so:

Jeder, der da hinaufkäme und den der Schein einer gewissen Leuchtkugel, Sonne benannt, berühre, müsse sofort in Schaum zerfließen und vergehen. (Deshalb sollte eben jenes Märchen durchaus totgeschwiegen werden!)

Nun sei sie selber ja nächstens sowieso am Verschwammen. Ob sie statt dessen in Schaum zerfließe, sei ihr gleich. Sie wolle als Schaumwelle im Moment ihres Zerfließens ihr geliebtes Prinzeßchen einhüllen und eingehüllt in die Höhe halten, daß das teure Kind ohne eigenen Schaden einmal um sich blicken könne im Menschenreich.

Prinzeßchen solle ihr nur versprechen, daß sie sich dann bemühen wolle, richtig zu singen! Weiter nichts. –

Voll Entzücken sagte die Prinzessin »Ja!«, als sie von der Sache hörte. Mitleid mit der Amme war weiter nicht nötig. Es war nicht so im Meeresreich, daß man sich über die Millionenalten härmte, die ganz sanft in einen anderen Naturzustand übergingen. Im allgemeinen wußte man so gut wie gar nichts von Gefühl.

 

Aber doch durchlebte die Prinzessin eine Regung stürmischer Freude, als die Luftfahrt im glasklaren Ballon am anderen Tage vor sich ging.

Es kam alles, wie die gescheite Alte es gesagt hatte.

Im Zerfließen und Zersprühen hielt sie ihren holden Pflegling noch mit festen Armen in die Höhe. Sie hüllte ihn ein in sich selbst, in ihre ganze Liebe, den kühlen, blitzenden, stäubenden Gischt, in den ihr alter Körper sich bei der Berührung mit der Welt auflöste. Und durch den schönen blitzenden Schleier, in den sie zerstob, sprach sie mit ihm!

Sie sprach: »Liebling, nun schnell, schnell! Mir wird so eigen überglücklich in diesem aufopfernden Zerstieben, daß ich fürchte, nicht mehr viel reden zu können. Sieh den Strand entlang, da links, im goldigen Sande, was da wimmelt und kribbelt und tollt und lacht unter wimpelnden Fähnchen in ganzen Haufen, das sind Menschen, groß und klein, jung und alt, – sieh hin, sieh hin – sieh dich satt, sieh dich satt, – nicht nach rechts, – nach links, Prinzeßchen, nach links, nach links – dort sind die Glücklichen, das rechts ist ein Unglücklicher.«

Da hatte die blitzende Schaumwelle aber gut reden! –

Prinzeßchen hatte nur eine Minute nach links gesehen, dann sah sie mit weit aufgerissenen Augen nach rechts, nur nach rechts, extra nach rechts, wie wohl alle Prinzeßchen getan hätten, wenn Kinderfrauen etwas so bestimmt verboten.

Den menschenleeren, einsamen Strand entlang sah sie, unverwandt. Eine einzige einsame Gestalt stand dort weit, weit draußen, unendlich weit entfernt von den Lachenden, unbeweglich, wie sie nie etwas gesehen hatte. Der Prinzessin tat plötzlich im bisher gefühllosen Herzen etwas reißend weh. Sie sah den Einsamen sich dann mit plötzlichem Entschluß vom Strande abkehren, dem Lande zuschreiten, langsam, – müde, – todallein –

»Was ist mit ihm? Und wie wird mir? Warum geht der Mann so, wie beladen?« fragte angstvoll flüsternd die Prinzessin.

Der Meerfrau brachten im Moment ihrer Auflösung alle Wellen, von nah und fern, die des Wassers, die der Luft und noch viele andere, viel feinere, viel wunderbarere, die wir Menschen noch nicht kennen und nicht spüren, jede erwünschte Kunde.

Im letzten Zerrauschen raunte sie es dem Liebling noch flüsternd zu.

Jener Einsame dort sei ein Mann, dem seine junge Frau gestorben sei. Er sei »traurig«. –

Durch einen Tropfenregen erklärte sie ihr rasch noch dieses Wort.

Er habe Tröstung suchen wollen im Rauschen der See. Aber die See habe unrein geklungen! Ihr falscher Gesang sei dran schuld gewesen, der habe ihm vollends die Seele zerrissen.

»Mach's wieder gut, wenn du kannst,« sagte die Alte noch ganz leise.

 

Dann hat sie, schon lauter Schaum, ihr Herzenskind noch – hupp! – in die kugelige Glaskutsche gehoben. Ein Griff und Druck, und die Kugel sank, sanft und zart.

Prinzeßchen träumte nicht mehr. Prinzeßchen war ganz wach. Ihr Herz klopfte. Ihr Gesichtchen war heiß. Sie war erregt, wie noch nie ein Meerwesen.

Hatte sie doch in wenigen Sekunden alles kennen gelernt, alles gesehen oder doch geahnt und erkannt, woraus das Menschenleben besteht und was sie aus dem Märchen vernommen: Lachen und Weinen, Liebe, Sehnsucht, Not und Tod.

Und auch die Schuld.

Ihre eigene schwere Schuld war ihr blitzhell aufgegangen. Ein unglücklicher Mensch war noch unglücklicher geworden durch sie.

Von Beschämung gebeugt, wie eine kleine verregnete Lilie, stand sie eine kleine Weile später vor ihres Vaters Thron.

Sie warf sich ihm zu Füßen und rang die zarten Hände. Sie gestand ihm, daß sie auf der Welt gewesen sei und was sie gesehen habe. Sie habe einen Menschen unglücklich gemacht und müsse das büßen. Sie rief wehklagend, nun könne sie erst recht nicht rein singen. Er solle sie doch aus dem Reiche verstoßen. Dann würde alles gut. Und vielleicht finde sie einmal jenen Aermsten und könne ihm ein wenig helfen und dienen.

Da hat der Monarch wohl ein bißchen Einsprache erhoben, aber doch nur matt.

Dies Klagen und Schreien war ihm höchst widerlich. Er hatte sein Kind ja lieb, aber doch nur etwa ein Milliontel so lieb, wie Menschenväter ihre Töchter haben.

Nach einigen Beratungen mit seiner Gattin und den Ministern ließ er die Entartete ziehen. In geheimer Unterredung hat ihr aber die kühle Frau Mama erst noch etwas mitgeteilt.

Nämlich: Sie müsse, wenn sie zu den Menschen gehe, nach siebzig, höchstens achtzig Menschenjahren sterben, vielleicht noch eher. Sie werde Liebe und Glück kennen lernen, aber hauptsächlich Sorge, Mühe und Arbeit.

Das solle sie sich ja überlegen!

Das Prinzeßchen aber lachte nur.

Sie klatschte in die Hände.

Sie freute sich!!

 

Sechzehn oder siebzehn Jahre später lernte der Arzt, der seine Frau so jung verloren hatte, auf einem Gute bei Freunden ein Mädchen kennen, deren sanftes, heiteres Wesen ihn innig anzog.

Sie war die Pflegetochter reicher Leute, die Waise armer Fischer an der See. Aber ihre Eltern waren so jung gestorben, daß sie so recht eigentlich gar nicht wußte, von wem sie stammte.

Als der Arzt, der damals schon ein berühmter, herrlicher Helfer der Menschheit war, sie sah, strömte ein Gefühl durch sein Herz, als könne er noch einmal ganz glücklich werden.

Ueber des Mädchens Gesicht aber ging bei diesem ersten Sehen ein Strahl wie von ganz seltsamem Wiedererkennen.

Der Arzt war ja der, um dessentwillen sie aus der Meerestiefe auf die Erde gekommen war! Sie war ja die Prinzessin, die falsch gesungen hatte, wenn sie es auch selber nur noch ganz dämmerhaft wußte, als hätte sie es in ganz ferner Zeit einmal geträumt. Es kommt nämlich ein merkwürdiges Vergessen über die Meerleute, wenn sie auf die Erde gehen.

Der Arzt hat das liebe Mädchen geheiratet. Sie wurde die glücklichste Frau und Mutter und hat Glück und Leid treulich mit ihrem Manne geteilt.

Die beiden sind viel gereist, und zwar ging es auf des Mädchens Bitte zuerst an die See, die der Mann in all den Jahren nicht wiedergesehen hatte.

Nun wurde sie aber wieder seine teure Freundin.

Er konnte sich nicht satthören an ihrem Rauschen. Das klang wieder rein, rein, wie seit Erschaffung der Welt!

Natürlich doch! Die kleine Meerjungfer, die falsch sang, war ja zu seinem Glück – ohne daß er dies wußte – für immer da unten hinausgeworfen worden.

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