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Der flammende Baum

Frida Schanz: Der flammende Baum - Kapitel 5
Quellenangabe
typefairy
authorFrida Schanz
titleDer flammende Baum
publisherVerlag Ullstein & Co
year1916
illustratorSteiner-Prag
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150408
projectida303d2df
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Das Wasser der Kraft

Das Dorf war arm. – Es lag mit seinen paar Dutzend zerfallener Häuser, seinen mageren, kleinen Feldern, seinen wenigen Obstbäumen und seiner uralten grauen Kirche zwar in einer breiten Bergmulde, die die freieste Ueberschau bot über eine ganze Welt von Hügeln und Tälern bis in die weiteste blaue Ferne, ja bis zu einem glitzernden Randstreifen des Meeres.

Aber diese schöne Aussicht war auch sein einziger Reichtum. Und vor lauter Arbeit, Sorge und Mühe hatten die Leute selten Zeit, sich ihrer so recht zu erfreuen.

Der einzige, der Zeit hatte, war Carol, des Dorfes unglücklichster Bub.

Carol war einer armen Witwe Sohn.

Im fernen Bergwerk, wohin die Männer wochenweise zur Arbeit gingen, während die Weiber und größeren Kinder daheim die steinigen Felder bestellten oder spannen und woben, war der Vater verschüttet worden.

Carol hatte ihn gar nicht gekannt.

Er war am Tage von des Vaters Tod zur Welt gekommen – ach, ein unseliges Trostgeschenk für die Frau, die den starken, schönen Mann, den Vater ihrer Kinder – nun sieben – dahingegeben hatte!

Ein Jammerkind, in jeder Bedeutung des Wortes ein Jammerkind, war dieser siebente.

Jammer begrüßte ihn. Und er war zum Bejammern.

Es war, als hätte der Schöpfer beim Bau seines Körperchens ganz die Knochen vergessen. Schlapp und schlaff, ohne Halt und Kraft, waren seine Glieder.

Und so blieb es.

Die Nachbarn der Witwe meinten zwar nach dem ersten Jahr, im zweiten werde sich's geben.

Und vom zweiten vertrösteten sie sie auf das dritte.

Aber es gab sich nicht.

Nun war Carol schon acht Jahre alt, und seine armen Hände hatten noch keinen Gegenstand zu erfassen, seine Füße noch nicht die Erde zu berühren vermocht.

Er lag im Bette oder in Kissen gepackt in seinem Holzwägelchen. In dem wurde er von den Geschwistern mit hinausgefahren, wenn sie Steine auf den kleinen Aeckern lasen oder wenn sie jäteten, pflanzten, säten, sichelten oder banden.

Oder wenn sie spielten! – Was aber selten genug geschah. – Leider! –

Denn die riesige, steinige Bergmulde war ein Spielgebiet ohnegleichen.

Eine größere Mannigfaltigkeit der Bodengestaltung, ein größerer Reichtum an Schluchten, Höhlen und Klüften, an verstreutem, großem und kleinem Gestein, an Stufen und Terrassen und Hohlwegen läßt sich gar nicht ausdenken.

Jedes Kind konnte seine eigene weite Bergterrasse als Reich haben, jedes Kind seine ragende Felsklippe als Königsburg, so viel der Terrassen, so viele der verstreuten, steilragenden Klippen gab es im breiten, sonnenheißen Tal.

Das war dann ein Verstecken und Jagen, ein Rufen und Kämpfen voll glühender Lust.

Der Junge im Wägelchen, das sieche Bürschchen ohne Kraft und Beweglichkeit, fühlte den Spielenden ihre Spielwonne voll glühender Sehnsucht, wenn auch gönnend, nach.

Daß es so tief und heiß fühlte, daß es sein Unglück so schwer empfand, das machte dieses Unglück so groß.

Um das Spiel war's ihm nur halb. Um die Arbeit verzehrte er sich fast.

Seine Seele war nicht schlaff und matt, sondern stark, kräftig und gerade.

Er wäre gern der Tüchtigste von allen gewesen, nur um recht viel zu schaffen, zu helfen, die Last der anderen zu mindern.

Nun konnte er nichts tun als höchstens einmal auf ein paar Ziegen und Schafe Obacht geben, die in seiner Nähe magere Weide suchten, während die Geschwister die anderen Tiere höher hinaufführten ins weite und doch so nahrungsarme Steingebiet.

Höchstens einmal die Gefahr erspähen, laut rufen konnte er, wenn etwa ein Raubvogel verdächtig niedrig seine Kreise zog.

An einem Sommertage hatten drei oder vier von den Kindern der Witwe, zu den anderen Dorfkindern gesellt, wieder einmal die Ziegen ins zerklüftete, mit magerem Gebüsch durchsetzte Gestein des oberen Tales zur Weide getrieben.

Und Carol war in seinem Wägelchen auch wieder mitgenommen worden.

Da zog sich, nur von seinem Warnrufe den anderen angekündigt, und ehe es einer der anderen richtig hatte kommen sehen, ein dunkles Unwetter über der Steinwildnis zusammen.

Vom rasenden Sturme gejagt, vom Regen wie mit harten Bandstreifen gepeitscht, ja schließlich wie mit Mulden überschüttet, von Blitz und Donner wild geschreckt, trieben die Dorfkinder, mehr fliegend als laufend, die kleine Herde zu Tal.

Carols Wägelchen hatten die Geschwister zum Schutze gegen die Wetterwut, und weil sie es beim besten Willen im rasenden Laufe nicht mit sich nehmen konnten, in einen kleinen natürlichen Schuppen, eine zum Stehen und Gehen zu niedere, aber für das Fahrzeug gerade genügend hohe Höhle zwischen dem Steingeröll geschoben.

Da lag nun der arme Kerl, hilflos, allein, im tiefen Dunkel, wie ausgestoßen.

Draußen tobte die Wildwetterwut.

Carol hatte keine Ahnung, wie viele Stunden er lag.

Trotz aller Geduld schien es ihm sehr lange.

Eine dumpfe Angst, ob die Geschwister sich die Stelle wohl auch richtig gemerkt haben würden, kam in ihm auf.

Furchtbar wie nie empfand er seine Hilflosigkeit.

Sein ganzes tiefes Elend weinte sich einmal, zum ersten, einzigen Mal in leidenschaftlichem Schluchzen aus.

Und Stunde auf Stunde verging.

Die Angst wuchs. Niemand kam.

Ja, ganz bestimmt hatten sie seinen Zufluchtsort vergessen!

Er fühlte nun auch nagenden Hunger. Und vor allem brennenden Durst!

Ganz dunkel und seltsam kam da plötzlich die Empfindung von irgendetwas Erquickendem, Feuchtem, das in seiner Nähe sein mußte, über ihn. Er hob den Kopf gleich einem witternden Reh. Noch deutlicher empfand er da die Nähe von Nässe.

In diesem Augenblick leuchtete draußen ein so scharfgreller Blitz, daß sich die Höhle für einen Bruchteil eines Augenblicks matt erhellte.

Und er sah –

Wasser, Wasser füllte den Raum –

Ein großes, gefülltes Becken mußte es sein, an dessen Rand sein kleiner Wagen stand – ein Teich – ein See.

Mit äußerster Anstrengung richtete Carol den Oberkörper auf, um zu fühlen und zu tasten. Er ließ den schlaffen rechten Arm über den Wagenrand fallen. In diesem Augenblick tauchte der Zeigefinger seiner herabhängenden rechten Hand in die Flut.

Mit einem furchtbaren Schrei aber zog er ihn zurück.

Schmerz zerriß ihn, wie er ihn nie geahnt, Schmerz, für den es keine Worte gibt. Nicht nur sein Finger, sondern seine ganze Hand brannte, wie in geschmolzenes, glühendes Eisen getaucht.

Sein Bewußtsein schwand.

Zu grauenhaft, zu entsetzlich war der Schmerz.

Todesdunkel neigte sich über ihn und schloß ihm den schreienden Mund.

 

Noch in tiefer Ohnmacht haben die Geschwister nach Stunden den Bruder gefunden.

Er lag wie tot.

Für tot haben sie ihn nach Hause gefahren.

Dort wachte er auf.

Aber er lag wochenlang in heftigem Fieber. Bei der Erinnerung an das Erlebte schüttelte sich sein Körper vor Grausen. In seinen Fieberträumen jammerte er immer wild, wild über seine verbrannte Hand, an der aber in Wirklichkeit nicht das geringste zu sehen war.

Aber das Fieber mit seinen Phantasien ging vorbei. Es kam ein langes, feines Gesunden.

Und – was war nur das?

Ein Gefühl von Frühling, ein Geruch wie der von feuchter, kräftiger Erde und Veilchenduft durchzuckte ihn oft.

Seltsam hoffnungsfroh wachte er früh oft auf! Es war ihm beinahe, als ob er aufstehen könnte. Eines Tages fand die Mutter, die ihn wusch und umbettete, seine Glieder seien fester.

Da kam ein jubelndes Hoffen über ihn. Täglich, stündlich probierte er seine Kraft. Und er spürte richtig, daß sie stündlich wuchs.

Er probierte, Dinge fest anzufassen, sich auf die Füße zu stellen.

Es ging beinah.

Eines Tages ging es wirklich. O Jubel! O Jubel! Ehe ein Vierteljahr vergangen war, konnte er den Löffel selber halten, konnte er den Griffel führen, konnte er ein paar kleine Handreichungen leisten, ein paar Schritte gehen.

Fröhlicher, seliger als Carol in seinem neuen, zarten Kraftgefühl war wohl kein Kind landein, landaus.

 

Er glaubte, nun werde es so weitergehen, er werde immer rüstiger, immer tüchtiger werden, ein brauchbarer, treuer Gehilfe seiner armen Mutter.

Aber so war es doch nicht.

Seine Kraft war unendlich zart. Sein schmales Gesicht mit den leuchtenden Augen blieb sehr weiß und so fein wie Wachs, seine Gestalt sehr zart, seine Hände wurden wohl geschickt, aber Lasten konnten sie niemals heben.

Und das ganze Tagewerk aller Menschen im Tal war eigentlich in der Hauptsache das Tragen schwerer Last. Aus ein paar spärlich rieselnden Brünnchen und aus tiefen Becken, in denen sich das Regenwasser sammelte, mußte in Kesseln und Kübeln das kostbare Naß, an dem das Tal so arm war, in die Häuser getragen werden.

Immer wieder mußte man Steine von den Aeckern lesen. Das bißchen Erdreich mußte man weit herbeiholen. Weither holten die Frauen und großen Kinder die Wolle zum Spinnen. Weithin trugen sie das Gespinst, Brot und Getreide schleppten sie ein – und wieder trugen sie den Männern das sorglich und sparsam zubereitete Essen in die Bergwerkstadt.

All diese Mühsal sah Carol immer schärfer mit immer wacheren Augen – weil sie ihm nämlich in der Gestalt seiner zärtlich geliebten Mutter so greifbar vor Augen stand. Seine einst so schlanke, schöne Mutter war so müd. Jeder ihrer Bewegungen sah man das an. Sie hatte geschafft und getragen, was sie konnte, in all den Jahren. Und konnte nun kaum mehr.

Carol erhaschte oft einen Ausdruck auf ihrem lieben, geduldigen Gesicht – immer in dem Moment, als sie sich anschickte, den schweren Korb mit der versponnenen Wolle und allerlei Essen für Männer im Bergwerk auf den Rücken zu heben, einen Ausdruck, der ihm das Herz im Leibe umdrehte, so weh tat er ihm.

Er beobachtete scharf, wie die Mutter sich beherrschte, wie sie sich zusammennahm, um ihren Kindern ein frohes Gesicht zu zeigen.

Sie empfand es, wie er es nun auch hellsehend empfand: es war zu viel, war immer zu viel gewesen, und sie konnte nun wirklich fast nicht mehr.

Wohl halfen ihr die Großen. Aber die großen Esser brauchten auch so viel. Und noch war keins groß genug, um allein in der weiten Welt sein Brot zu suchen. – Einer war da, der aß, ja aß mit dem heißen Hunger einer starken, drängenden Genesungskraft, die noch immer größere Stärke verlangte. – Und es half nichts. – So wenig doch, daß es gleich war wie nichts. –

Du armer kleiner Carol! Schluchzest du nun wieder die Nächte lang heimlich ins Kissen? Sinnst und grübelst dich müde?

Ja, immer, immer sann er. Wo er ging und stand, zerbrach er sich den Kopf, wie er's machen sollte, daß seine Kräfte noch wüchsen.

Er hatte einst den mit den Wollgebinden vollgehäuften Tragkorb seiner Mutter zu heben versucht.

Da kam er sich vor wie ein kleiner Schmetterling, der einen Stein hätte bewegen wollen, so gering war seine Kraft gegen die Schwere des Korbes!

Und diesen Korb trug die feine, hagere Mutter stundenlang über den steinigen, auf und nieder gehenden Weg am Bergabhange!

Carol lag in der Steinöde zwischen Dornen und Gestrüpp und ballte zornig die Hände und gab sich dem ihn wild schüttelnden, wehen Schmerz rückhaltlos, leidenschaftlich hin.

Und saß dann lange still, ganz still. Und sann und sann. Groß und klar waren seine bergblauen Augen geweitet.

Ein Gedankenweg hatte sich ihm aufgetan.

Nie hatte er einem Menschen von seinem Erlebnis in jener Berghöhle zu sprechen vermocht. Nein, nicht zu denken vermochte er an jenen Augenblick übermenschlicher Schmerzen.

Aber ganz leise hatte es ihn schon manchmal angerührt; ein ahnendes, ganz scheues Empfinden, als sei zwischen jenem unheimlich grausigen Schmerzmoment und seiner darauffolgenden Genesung, der Erlangung jener kleinen zarten Bewegungskraft, die er nun besaß, irgendein geheimnisvoller Zusammenhang vorhanden.

Er hatte nie klar darüber nachdenken wollen. Aber nun hielt er den Gedanken fest, zäher, immer zäher.

Wenn es wirklich so wäre?

Wenn der höllenheiße, nicht auszuhaltende Schmerz von damals ihm durch die Fieberkrankheit hindurch seine nun vorhandene Kraft gebracht hätte? –

Er fing an, sich zu prüfen.

Ob er, um mehr Kraft zu erlangen, wohl imstande sei, noch einmal jene Feuerqual zu erdulden? Ja, noch mehr von ihr? Ein maßloses Entsetzen verbot ihm zunächst, dem Gedanken weiter nachzugehen. Aber tapfer nahm er ihn wieder auf. Immer von neuem faßte er ihn klar ins Auge.

Es galt einen Versuch.

Voll Angst, daß ein anderer jenes Wasser der Qual zufällig finden und berühren könnte, hatte er in der ganzen, seiner Genesung folgenden Zeit Steinchen um Steinchen zusammengetragen und vor dem Eingang jener Höhle aufgehäuft, so hoch, daß niemand mehr den kleinen Schuppen hätte zu finden vermögen.

Er hatte nun seinen Entschluß gefaßt. Er brachte den Eingang der Höhle zutage und kroch gebückt in sie hinein.

Der See war richtig da; Carol hatte sich einen Feuerstein mitgenommen und hatte einen Bund dürrer Zweige entzündet, um genau zu sehen, wo er sich befand.

Scharfblau, azurklar, blau wie ein Blitzlicht, blau wie allerblauestes Edelgestein lag das Wasser zwischen feuchten, kuppelrund gewölbten Felsenwänden. Eine herzhafte Frische und Kälte schien von ihm auszugehen.

Genau so hatte es ihn damals angehaucht.

Aber die Erinnerung an damals, an die Feuerqual, die in dem kühl scheinenden Wasser schlief, überfiel Carol nun wieder mit furchtbarer Gewalt.

Wie eine laute, wilde Warnung drängte es ihn fort zur Flucht, aber sein Mut und Wille überherrschte die Warnungsstimme. Er kniete nieder und tauchte mit klarer Entschlossenheit nicht nur den Finger, sondern die ganze rechte Hand in das funkelnde Becken.

Da fiel der Schmerz aller Schmerzen, der Brand aller Brände wieder mit mark- und beinzerrüttender Gewalt über ihn her. Er hielt die Qual einen Bruchteil einer Sekunde mit Bewußtsein aus. Nicht nur seine Hand, sondern sein ganzer Arm schien in geschmolzenem, glühendem Eisen zu vergehen.

Leblos sank er am Rande des Beckens auf den Boden hin.

 

Niemand kam diesmal auf den Gedanken, am rechten Ort nach Carol zu forschen. Er blieb tagelang verschwunden, mit Angst und Qual von den Seinen gesucht.

In diesen Tagen machte er, in der Höhle liegend, aus starrer Ohnmacht erwacht, einen noch viel schwereren Fieberzustand durch, als jener erste gewesen war. einen Zustand des Halbbewußtseins, der aber, als er sich eines Morgens, noch halb im Traum, schwankend und wankend zum Tal hinuntertappte, in ein sturmstarkes, jauchzendes Gefühl von Kraft und Genesung überging.

Er sank in die Knie vor überströmendem Gefühl. Das Ueberstandene durchzuckte ihn noch mit Entsetzen. Aber sein ganzes Inneres war doch voll von Dank, voll vom Gefühl einer ungeheuer herrlichen Erlösung.

Blaß und leuchtend wie ein Auferstandener trat der Verlorengeglaubte mit der ausgehenden Morgensonne in die Hütte.

Aufrecht und stämmig stand er da. Gewachsen war er, groß war er, schön.

Und er schloß Mutter und Geschwister lachend in die Arme, in kräftige, muskelstarke Arme.

Dann ging er an die Arbeit.

Jauchzend genoß er das Glück des Schaffens, schöner, reicher, als er es nur von fern geahnt. Kein Ueberschuß an Kraft war in ihm, nicht Spiel war ihm das Schwere. Starkes Wollen und äußerstes Können hielten sich gerade das Gleichgewicht.

Die volle, natürliche Kraft eines starken Jungen seines Alters war mit dem Vergnügen eines Kindes gepaart, dem alles dies noch neu und ein himmlisches Geschenk ist.

Und ausdauernder Fleiß hob mehr und mehr die nachgeschenkten Kräfte. »Ich kann!« O Wonne aller Wonnen, die dieses Wort für ihn enthielt. Er konnte die alten schweren Kupferkessel von dem weitentfernten Brunnen und Wasserbecken nach Hause tragen. Er konnte mit den störrischen Ziegen fertig werden, konnte hacken und graben, konnte Holz aus dem Buschwäldchen holen, breite, schwere Traglasten. Er konnte Steine tragen, er konnte, o höchstes Glück, der Mutter Tragkorb tragen, den schmerzhaft schweren Korb.

Die Mutter und er teilten sich nun in die Last.

O diese Gänge mit der Mutter!

Ein heimlicher Festzauber war über ihnen.

Immer schon hatten diese Mutter und dieser Sohn besonders lieb zueinander gehört.

Die Mutter hatte sich die Hände fast zerrungen, die Füße richtig blutig gelaufen nach dem verschwundenen Sohn.

Nun hatte sie ihn wieder! so wieder!

Und eine glückszarte Geheimniskraft zwischen ihnen verbot ihr, viel zu fragen und zu forschen.

In den Augen ihres Jungen war oft, nur für ihren Mutterblick erkennbar, etwas von fremder Hoheit, von erhabenem Ernst, etwas, was sonst nur dem erwachsenen Menschen durch allertiefstes Leiden und den Sieg über das Leiden zu eigen wird. Daneben aber stand so viel traute herzige Munterkeit, so viel Bubenlachen und Bubenlust!

Und daran kann sich eine liebende Mutter, noch dazu eine, von der eben eine ihrer drückendsten Sorgen abgefallen ist, schon halten und laben!

Als seien sie jetzt erst so ganz bekannt und vertraut geworden, plauderten und schwatzten die beiden auf ihren langen, sonnenübergossenen, steinigen Wegen, auf denen bald die Frau, bald der Knabe die größere Last trug; sie hatten den Inhalt des einen Korbes geteilt, aber weil die Mutter jetzt mehr arbeiten konnte, wurden doch beide Körbe wieder überschwer.

Sie, die so selten Zeit gehabt hatten, miteinander zu reden, schwätzten nun gemütlich von den anderen Geschwistern, von kleinen und großen Sorgen und Freuden; sie genossen beim Wandern und Plaudern den zauberhaften Ausblick vom steinigen Bergsteig in die weite, weite Welt.

Sie sprachen vom Nahen und Fernen, und einmal fragte Carol seine Mutter, wie es denn eigentlich käme, daß da draußen, so weit man sähe, die Fluren so üppig grün und rosa und golden lägen von Wieswuchs und blühender Hirse und Mais und Korn. Und ihr Tal dagegen so starr, so leer, so steinern und arm. Und dann weiter: warum denn die paar Menschen trotzdem so treu an diesem Tale hingen, warum sie nicht auswanderten in die grünen und goldenen Felder und zwischen ihnen ihre Häuser bauten?

Die Mutter erzählte darauf lang und viel.

Sie holte die ältesten Kunden und Sagen ihrer Eltern und Voreltern aus der Erinnerung herauf und berichtete folgendes:

Die steinige Talmulde sei einst vor sehr alten Zeiten überreich gesegnet und überaus fruchtbar gewesen. Ein Strom sei breit und voll in silbernen Wasserfällen von der Höhe herniedergerauscht und drunten im ruhigen Bett in schwerer Breite gemächlich durch das hügelige Land dem Meere zugeströmt. Reiche Fülle von Saft und Kraft habe er durch die Landschaft verbreitet; grüne Matten, bunte Wiesen, schwere Felder, Obsthaine und Schattenwald hätten die ganze Talbreite gefüllt. Stattliche Dörfer überall. Stolz wie Schlösser hätten die bäuerischen Anwesen geprangt. Aber das sei alles durch eine Steinlawine, die sich von einem der hohen Gipfel droben losgelöst hatte, überschüttet worden. Häuser, Felder, Vieh, auch viele Menschenleben hätte die im Falle millionenfach zerstückelte Steinmasse begraben.

Das Schlimmste: sie hätte dem Tale den Strom genommen.

Vom Tage des Lawinenfalls an war das Wasser versiegt. Spurlos sei der mächtige Strom verschwunden und mit ihm Fruchtbarkeit und Frische, Reichtum und Kraft.

Die Matten seien, soweit die Steine sie nicht überdeckt hätten, verdorrt und verlechzt, die Bäume abgestorben, die Felder zu Steingeröllen ausgedorrt.

»Und als der Reichtum hin war,« sagte die Mutter, »sind die Menschen fortgezogen. Verkommen ist das ganze Land. Nur die paar, die an die Quelle unterm Stein und an das Wasser der Kraft und der Schmerzen glaubten, die sind geblieben. Von ihnen stammen wir alle ab, und trotz aller Müh und Not können wir uns von der Scholle unserer Väter je länger je unmöglicher trennen.«

 

Das Wasser der Schmerzen! Das Wasser der Kraft!«

Mit heißfragenden Augen hing Carol an der Mutter Gesicht.

»Was ist das? Was sagst du da? Was ist's mit dem Quell unterm Stein, mit dem Wasser der Schmerzen und der Kraft?«

Die Mutter erzählte:

»Das ist eine uralte Weissagung. Nachdem man die Steinwüste Jahr um Jahr vergeblich nach der Stromquelle abgesucht habe, soll ein blinder Seher vor seinem Ende verkündet haben: »Der Quell des Stromes liege tausend Schritte bergauf über dem Quell der Schmerzen unter dem Steine der Unmöglichkeit. Wer aber seinen Körper in dem See der Schmerzen bade, der werde die Unmöglichkeit bezwingen und dem Tale Heil und Fülle wiedergeben.«

 

Als müsse ihm das Herz zerspringen vor stürmender Gewalt, so war es Carol, als er diese Worte vernahm.

Keiner, hatte die Mutter noch gesagt, hätte die Weissagung bisher recht verstehen können.

Er verstand sie!

Tiefstes Zagen, höchstes Wagen kämpften einen verzweifelten Kampf in ihm. Aber bald siegte der gewaltige Mut.

 

Carol ist am nächsten Morgen festen Willens und Wissens ins Steingeröll hinaufgewandert.

Er zählte vom Eingang zum See der Schmerzen, den nur er allein kannte, tausend Schritt und kam an einen Felsblock, der so groß war, daß der hochgewachsene Knabe wie ein Zwerg danebenstand.

Aber der Zwerg hatte den Willen, es mit der Unmöglichkeit aufzunehmen.

 

Und so ist es dann gekommen:

Mit höchstem Menschenmut ist Carol in den See der Schmerzen hineingetaucht.

Es war, als ob nicht nur sein Körper, sondern auch seine Seele verbrenne für alle Ewigkeit, so übermenschlich war die Qual.

Der See hob ihn nach einigen Sekunden leblos ans Ufer.

Dort lag er etwas über ein Stündelein in traumlosem Schlaf.

Dann erhob er sich, ein von den Kräften der tiefsten Wunder dieser Welt Durchtränkter.

Groß und mächtig wie ein junger Recke stieg der zwölfjährige Carol vom See der Schmerzen die tausend Schritte zum Stein der Unmöglichkeit hinan.

Dreimal setzte er an, um den Stein fortzubewegen.

Beim erstenmal erzitterte der Stein leise; beim zweitenmal bewegte sich der Stein; beim drittenmal wankte er und rollte dann etwa tausend Schritte gerade über die nächste Bergstufe hinweg, wo er, den Eingang zum See der Schmerzen fest verschließend, unbeweglich liegen blieb.

 

Das war ein schallendes Jauchzen aus allen Hütten, aus allen Herzen, aus allen Kehlen, als der seit Jahrhunderten versiegte Strom mit Rauschen und Brausen zu Tale in sein altes verlassenes Bett brach.

Es stäubten die Fälle. Es schwoll die schwere, silberne Wassermacht.

Erquickende Frische, erlösender Schwall!

Nicht möglich ist es, den Jubel der armen Enterbten zu schildern. Sie sollen wie toll gewesen sein, sie sollen gejubelt, getanzt, gejodelt, gelacht, geschrillt, gefeiert haben bis in die späte Nacht.

Aber wie der wilde Strom sein altes Bett, fanden sie auch bald ihr Gleichmaß wieder.

Nicht das frühere des müden Ertragens, sondern das eines ruhigen Glücks.

Denn im Tale sproßte und trieb, blühte und gedieh bald alles wieder.

Die Felder trugen reich und voll; Mühlen gingen, schwere Viehherden weideten.

Viel Fleiß und Arbeit forderte diese neue Zeit. Aber die Leute hatten schaffen gelernt, und einer war unter ihnen, der führte und leitete sie.

Ihm strahlte ein höheres Wissen und Einsehen von der hohen Stirn. Er wurde der Führer der Herzen, ein Weiser, eine der seltenen leuchtenden Gestalten, deren Andenken in ihrer stillen Welt nach Jahrhunderten noch nachhallt, wenn auch die große Weltgeschichte sie nicht kennt.

Carol nennen die Eltern ihre erstgeborenen Söhne noch heute gern in jenem Tale.

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