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Der flammende Baum

Frida Schanz: Der flammende Baum - Kapitel 4
Quellenangabe
typefairy
authorFrida Schanz
titleDer flammende Baum
publisherVerlag Ullstein & Co
year1916
illustratorSteiner-Prag
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150408
projectida303d2df
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Das Bild der Mutter

Dem Kupferschmied war seine Frau gestorben, von den zwei Töchterchen weg, die zärtlich an der Mutter hingen.

In ihren dunklen Kleidchen, die eine Nachbarin ihnen rasch zusammengeflickt, gingen die zwei Schwestern nun immer Hand in Hand, scheu aneinandergeschmiegt, ihres Weges, voll bitteren Herzeleids.

Im ganzen Dorf sprach sich's herum: so tief, wie diese Kinder, habe man noch niemals Kinder um ihre tote Mutter trauern gesehen. Die Leute wetteiferten, ihnen etwas Gutes zu tun. Ja, es gab Witwen und etwas ältere Mädchen im Ort, die ernstlich darüber nachdachten, es lohne der Mühe, Kupferschmiedin zu werden, schon um diesen feinen treuen Kindern die verstorbene Mutter zu ersetzen.

Durch Vermittlung von Nachbarinnen bot sich nach einem guten halben Jahr eine stattliche Jungfer dem Witwer vorsichtig an. Elsbette hieß sie, und sie war wirklich so übel nicht. Sie hatte ein kleines Heiratsgut, war fleißig, sauber. Vor allem: sie war berühmt wegen ihres guten Kochens.

Der stille Witwer wies den Wink durchaus nicht von der Hand.

Nur, meinte er: die Hauptsache, ja das allein Ausschlaggebende in diesem Punkte, seien die Kinder.

Die Kinder hätten so zärtlich an ihrer Mutter gehangen und seien noch immer so verhärmt und so untröstlich, daß er ihnen nur dann eine zweite Mutter geben möchte, wenn sie sich selbst herzlichst eine solche wünschten.

Es wurde nun manches hin und her gesprochen, und schließlich wurde abgemacht, Elsbette solle einmal vier Wochen ins Haus des Schmiedes kommen und als Magd für ihn und seine kleinen Mädchen wirtschaften und kochen. Da war Elsbette froh und meinte, sie habe gewonnen. Die Kinder waren weiß wie die Wachslichtchen, so wenig hatte ihnen seit der Mutter Tod irgendein Bissen geschmeckt.

Nun fing die gute Elsbette an, zu backen und zu rühren, und dachte, es könne ihr nicht fehlen. Sie brachte eine Schüssel dampfender Krautklöße auf den ersten Mittagstisch – wirklich ein einziger Duft und Augenschmaus! – ein Bild für einen Maler! Und süße, lockere Heißwecken mit purpurrotem Hagebuttenguß gab es am nächsten Tag. Am Sonntag ein knuspriges, goldiges Schweinebrätchen. Und so fort. Und so fort! Vier Wochen lang jeden Tag etwas andres, eine Mahlzeit immer schöner und leckerer als die andere. Und doch dabei nichts verschwendet, sondern mit den Sachen schön hausgehalten, das mußte der aufmerksame Schmied ehrlich sagen.

Mit verlegenem Schmunzeln fragte er die Kinder nach vier Wochen unter einer väterlich kräftigen Umarmung, ob ihnen Elsbette als Mutter wohl gefiele.

»Sie kocht doch gar zu gut!« meinte er.

»O ja, sie kocht gut.« Das mußten die beiden kleinen stillen Mädchen zugeben. Sinnend sahen sie einander dabei an. Schüchtern erhoben sie dann die Köpfchen.

»Ganz gut.«

»Aber unsre Mutter«, meinten sie, »kochte doch viel besser!«

Da war nichts zu machen! Der Schmied war vielleicht anderer Meinung. Aber er hatte geschworen, er wollte sich nach den Kindern richten. Und die Kinder wollten nun einmal Elsbette nicht gern als zweite Mutter.

Es gab ein gewaltiges Gerede, als die Stattliche unverrichteter Sache aus dem kleinen Schmiedehaus wieder abziehen mußte.

Immer mehr anderen Mädchen und Frauen bewegte die Sache Kopf und Herz. Auf einem Gütchen in der Nähe des Orts wohnte eine schöne, etwas eitle, aber gutherzige Witwe, die bisher alle Freier lachend abgewiesen hatte. Den Kupferschmied und seine wählerischen Kinder zu gewinnen, das schien ihr aber nun auf einmal der Mühe wert. Sie verstand sich so schön und reizend anzuziehen wie keine und sah dann immer wunderhübsch aus. Das wußte sie.

In ihrem feinsten Staat, rauschend und glänzend, begann sie hie und da bei Kupferschmieds einzusehen und seinen Töchterchen mit Worten, Blicken und kleinen Geschenken schön zu tun.

Dem Manne gefiel die Muntere, Reizende, Bunte, Lachende ungemein.

Nach Monaten und Monaten einer immer wachsenden Freundschaft kam es zur Aussprache zwischen Witwer und Witwe.

Und nun fragte der Kupferschmied seine Kinder zum zweitenmal: »Wollt ihr eine zweite Mutter haben? Die Frau, die immer so schön angezogen ist, die will es wohl werden.«

»Die? Hübsch angezogen?« Erstaunt sahen die kleinen Mädchen einander an.

»Nun ja!« gab die eine dann so obenhin zu.

»Nun ja!« meinte auch die andere matt.

»Es ist ja wahr!« Bisher war es ihnen nicht aufgefallen. Aber nun mußten sie's zugestehen.

»Wirklich ganz hübsch!«

»So hübsch, wie unsere Mutter immer angezogen war, aber doch lange nicht,« sagten sie aber sofort höchst lebhaft in erregtem Tone, wie aus einem Munde.

An ihrer Mutter Stelle wollten sie die fremde Frau auf keinen Fall!

Da mußte auch die sich zurückziehen.

Und der Ehrgeiz, den trauernden Kupferschmieds-Kindern eine zweite Mutter zu werden, ergriff nun die Frauen des ganzen Landes.

Eine Gräfin kam und bot sich an, den Kupferschmied zum Manne zu nehmen. Aber den Kindern war sie nicht fein genug.

»Unsre Mutter ist viel feiner gewesen!« sagten sie. Der Kupferschmied wäre wohl ganz gern Graf geworden. Aber er mußte auch der Gräfin in dem zarten Seidenkleid, das von Rosen- und Veilchenduft durchzogen war und bei jedem Schritt lieblich rauschte, den Laufpaß geben.

Andere Frauen kamen. Aber an jeder hatten die verwöhnten Kinder etwas auszusetzen. Die Fromme war ihnen doch nicht fromm genug, die Kluge nicht halb so klug wie ihre Mutter, die Lustige nicht halb so lustig.

Ein Jahr und noch ein Jahr verging. Da hörte schließlich die Frau Königin von der Sache. Der Herr König war vor Jahr und Tag gestorben, und die mächtige, prächtige Frau hätte gern noch einmal ein ganz besonderes Eheglück gehabt.

Den so heiß umworbenen Kupferschmied sich zu erringen, die Herzen seiner Töchterchen sich zu erstürmen, das weckte ihren Ehrgeiz. Erst langsam, dann immer fester und bestimmter gab sie der Sehnsucht ihres Herzens Gewähr.

Und eines Tages hielt eine goldene königliche Karosse, mit zehn Schimmeln bespannt, von Heiducken und Lakaien in goldstrotzenden Livreen bedient, im Gäßchen vor des Kupferschmieds Haus. Ueber die ausgetretene Schwelle trat huldvoll und strahlend die Königin.

Sie saß mit bei Tisch, sie schüttete ihre Gnaden nur so über den Mann und die Kinder aus.

»Ist sie nicht prächtig? Ist sie nicht herrlich? Wollt ihr sie haben zur zweiten Mutter?« fragte der Schmied zitternd und bebend vor Aufregung über das rasende Glück, das ihm widerfahren sollte, seine zwei Töchter. Denn natürlich sollte er durch seine zweite Ehe König werden über das ganze Land. –

Die Kinder mußten bejahen!

»Ungemein herrlich und prächtig!« sagten sie. Aber wenn sie an ihre Mutter dachten – – –?

»Nein, unsre Mutter war doch viel herrlicher, viel prächtiger! Gar nicht zu vergleichen mit dieser Frau Königin.«

»Wir wollen nicht!«

»Nein, nein! Auf keinen Fall!«

Und so leid es dem Kupferschmied tat, so mußte er doch unter tiefen, verlegenen Bücklingen die Frau Königin wieder aus seinem Haus hinaus komplimentieren.

Spät abends war es geworden.

Der Vollmond schien auf das Gold der Karosse und der Pferdegeschirre und Livreen, daß sie nur so von Glanz trieften.

Bleich und groß, fast verschwimmend in Rührung über die Treue der Kinder, sah der Mond die Sache mit an.

Sein ruhiges Herz wachte auf wie nie vorher.

Eine Sehnsucht überkam ihn, so tief, so weit, so seltsam mächtig.

Was der mächtigen Erdenkönigin da nicht gelungen war, ob es nicht vielleicht ihm gelänge?

Ja, er wollte die Mutter der Kinder sein. Als schöne, sanfte, silberglänzende Frau wollte er den Witwer freien und ihm und den Kindern sein ganzes unendliches, silbernes Schimmerreich, in dem nie ein lautes, grobes, heftiges Wort gesprochen wurde, in dem lauter Frieden, lauter Sanftheit und Wonne herrschte, zu Füßen legen.

Und er tat es.

Mit dem leisesten Schritt trat die zarteste, schönste Fee in die Hütte, das sanfteste Angesicht neigte sich über die Bettchen der Kinder. Die weichsten, weißesten Hände boten sich dem Mann. –

Ja, diese Liebe, Leise, diese Zarte, Sanfte, die noch dazu ein silbernes Stück Himmelreich zu verschenken hatte, die sollte aber nun wirklich die Seine werden.

Er fragte die Kinder, gleich noch in derselben Nacht, so dringende Eile hatte er. –

»Na, ist die nun nicht lieb und sanft, die heut abend bei uns eingetreten ist? Sanft, wie sich Sanfteres nicht mehr denken läßt auf der weiten Welt? – – –«

Die Kinder saßen mit gefalteten Händen in ihren Betten, sahen die Mondfee an und sagten andächtig: »O ja! o ja!« –

» Nur unsere Mutter war noch sanfter,« rief plötzlich von einer ergreifenden Erinnerung gepackt, aus sinnendem Schweigen heraus, ganz leise das eine Mädchen.

»O, das ist wahr! Viel, viel sanfter!« stimmte leuchtenden Blickes das zweite bei.

Und es half nichts! Die Mondfrau mußte gehen. Ganz lautlos ging sie aus der Stube, das süße, bleiche Gesicht in die silbernen Schleier tief verhüllt.

Es war über dem ganzen Himmel hin eine einzige Bewegung.

Die Sonne war kaum aus dem Bad gestiegen am nächsten Morgen, so wußte sie auch schon, was in der Nacht los gewesen war.

Glühend wallte ihr Herz auf.

Sehnend, verlangend.

Das war also ein Preis, den niemand weiter errang, dieser Preis, den Kupferschmieds-Kindern, die so hohe Anforderungen stellten, eine zweite Mutter zu werden? – So wollte sie ihn erringen!

Gut wie sie war ja keine!

Keine besaß ein wärmeres Herz!

Keine war freundlicher. Keine konnte segnen, lieben, sorgen und schaffen wie sie.

Keine im ganzen Weltall war so schön, so wunderschön.

Und sie kleidete sich in ihr herrlichstes Gold, in ihren funkelndsten Schmuck, in all ihre Rubinen, Topase, Brillanten, sie setzte ihr leuchtendstes Mutterlächeln auf und trat am vollen Mittag als die erste Frau der Welt über die Schwelle der Kupferschmiede, in der es wie in einem Schatzhaus zu funkeln begann. Mit einem siegenden herzbezwingenden Blick, einem segnenden Lächeln freite sie um den Witwer.

Der Mann sprang auf und streckte ihr wie trunken vor Glück seine Arme entgegen.

»Ist die euch nun recht?« schrie er triumphierend seine beiden Kinder an, »ist die euch nun endlich gut und schön genug zur zweiten Mutter?«

Die Kinder standen erschrocken, tiefernst, totenblaß, obgleich sie eigentlich schon wieder zarte rosa Backen bekommen hatten im Laufe der Jahre.

»Sie ist freilich gut! Sie ist freilich schön!« sagten sie zitternd, in heißer Angst und Verlegenheit.

»Aber unsere Mutter,« platzte das eine Kind heraus, »aber unsere Mutter,« setzte das andere laut aufweinend hinzu. »Unsere Mutter war tausendmal schöner! Unsere Mutter war tausendmal besser!« Hell und laut riefen sie die letzten Worte heraus, einstimmig, wie aus einem Mund.

 

Voll brennendem Weh ist die Sonne von dannen geeilt. Glühend und alles, was sie sah, verdorrend, eilte sie fort und fort.

Ihr unbändiger Schmerz wandelte sich bald in maßlosen Zorn und Grimm.

Sie schlug mit der von Diamantringen glitzernden Faust prallend auf den härtesten Felsstein und schrie:

»Da wollen wir doch jetzt endlich einmal dahinter leuchten! Das will ich doch einmal an den Tag bringen, was diese Mutter eigentlich in Wahrheit für eine Mutter war! Schöner und besser als ich? – Tausendmal schöner? – Das kann einfach nicht stimmen! Ich will in alle Herzen und alle Erinnerungen leuchten und ein ungeschminktes, wahrheitsgetreues Bild von ihr beschaffen.«

Das tat sie auch.

Und sie brachte es auch wirklich sonnenklar an den Tag, wie sich die Sache in Wahrheit verhalten hatte. Sie ließ ein Bild der Gestorbenen anfertigen. Und als sie dies Bild bekam, kannte ihr Triumph keine Grenzen.

Das bescheidene kleine Bildnis stellte die Verstorbene zu ihren Lebzeiten mit ihren beiden Töchtern dar.

Zwischen den schlanken kleinen Mädchen saß ein ärmliches Weibchen, klein, mager, schon ältlich und etwas verwachsen. So sei es gewesen, hatte die Sonne herausgebracht. –

Der Kupferschmied, ein schöner, schmucker, braver Bursch, hatte das kränkliche Mädchen, das keiner sonst wollte, gefreit, – weil er sie als brav erkannt und ihre tiefe Liebe zu ihm durchschaut, auch weil sie ein paar hundert Taler Heiratsgut hatte. Aber das, da die Sonne der Wahrheit des Vernommenen die volle Ehre geben wollte, – nur nebenbei.

Bescheiden, still, ängstlich und sehr, sehr einfach sei die Frau gewesen. Beschämt und gedrückt ob ihrer Mängel und ganz gedemütigt in ihrem Frauen- und Mutterglück. So demütig sah sie nun auch da auf dem besagten Bild.

Die Sonne wußte sich vor Lust nicht zu lassen. Sie funkelte und lachte und tanzte fast, als sie das alles sah und das alles erfuhr.

Sie wollte sich eben hoch und herrlich aufrichten, um das Bild aller Welt zu zeigen.

Da blickte sie es noch einmal ganz scharf an.

Und da sah sie etwas, was sie vorher nicht gesehen hatte.

Da sah sie die Blicke, mit denen die kleinen Mädchen an dem Angesicht der Mutter hingen.

Eine Bewunderung, eine Zärtlichkeit, eine Vergötterung und Liebe, wie selbst sie, die Sonne, sie noch nie erfahren hatte, sprach aus den Kindergesichtchen.

Und die Hände der Mutter hielten die Hände der Kinder auch so innig fest, wie die Sonne noch nichts umfaßt hatte.

Das Gesicht der Mutter strahlte von Dank und heimlichem Glück, wundersam. Immer himmlischer erschien es, je mehr die Sonne es ansah. – Immer schöner!

Da war nichts zu machen!

Die Sonne ließ das Bild ins Meer fallen. Und ihr Sonnenherz verbrannte ihr fast vor Enttäuschung und sehnsüchtigem Weh in dieser Stunde.

Den dichtesten, dunkelsten Wolkenschleier zog sie sich ums Haupt. Und aus diesem tropften und fluteten in Mengen viele Tage lang die schimmernden Tränen. – – –

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