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Der flammende Baum

Frida Schanz: Der flammende Baum - Kapitel 19
Quellenangabe
typefairy
authorFrida Schanz
titleDer flammende Baum
publisherVerlag Ullstein & Co
year1916
illustratorSteiner-Prag
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150408
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Die Glückserbse

Es war einmal eine Familie, die das Glück besessen, aber verloren hatte. Mann, Frau und Kinder hatten einst gute Tage gesehen. Ein schmuckes Haus und viel blühendes, fruchtbares Land war ihr Eigen gewesen. Aber das Besitztum war verkommen und verfallen. Seit langen Jahren war den Leuten nichts mehr geglückt; Unkraut wucherte auf den Feldern, die Ernten verdarben, das Vieh krankte, das schmucke Haus zerfiel, der Bauer machte schließlich Schulden, und damit war das Elend vollends da.

Von Jahr zu Jahr wurde die Not größer.

Das war aber eigentlich kein Wunder. – In den Bauersleuten steckte kein richtiger Mut. Sie sahen das Verderben daherkommen und meinten, gegen so schlimme Schicksalsungunst helfe kein Kämpfen und Sträuben. Die Zeiten seien eben schlecht und müßten ertragen werden. Später werde das Glück schon zehnfach wiederkommen. Bei der Taufe des ältesten Knaben, der nun auch schon ein erwachsener Bursche war, hatte sich die »Dronde«, ein liebliches, zartes, feenhaftes Wesen, das in den Marschen und Wäldern der Umgegend seit Jahrhunderten sein gespenstiges Wesen trieb, sehen lassen. Während des Taufschmauses war die liebliche Erscheinung herangeschwebt, unhörbar und durch die geschlossene Tür, wie es ihre Art war. Sie hatte ihr geisterblasses Gesichtchen über den Täufling geneigt und die prophetischen Worte gehaucht: »Durch dich kommt das Glück einst noch in dieses Haus!« Dann war sie verschwunden, ohne eine Taufgabe zu hinterlassen; aber die Weissagung der Dronde galt mehr als das köstlichste Patengeschenk. Jubelnd tranken die Gäste den Eltern zu. Der kleine Kaspar, das Taufkindchen, wanderte in seinem weißen Steckkissen von Arm zu Arm; jeder wollte das Wunderkind, dem die Weissagung der Dronde gegolten, sehen und beschauen. Jeder erwartete, daß es nun Gold und Segen regnen würde um das Kindlein her.

Aber der Spruch der Dronde erfüllte sich nicht so rasch. Der kleine Kaspar wuchs auf wie jedes andere Kind, nur viel verwöhnter und verzogener. Er wurde als etwas ganz Besonderes angesehen; die Geschichte jener Weissagung wurde ihm, sobald er sie zu verstehen vermochte, alle Tage ein paarmal vorerzählt, und er und die Eltern und die ganze Nachbarschaft und Freundschaft warteten nun begierig auf das versprochene Glück.

Währenddessen begann schon der Verfall des hübschen Gütchens. Die Bauersleute hatten vor lauter Erwartung und fröhlicher Hoffnung die Lust an der schweren mühsamen Arbeit, die ihr Stand mit sich brachte, verloren. Jedesmal, wenn die Dronde ein menschliches Heim betreten und eine Weissagung ausgesprochen hatte, war das Glück in Hülle und Fülle hereingebrochen. Warum sollte man sich nun mühen und plagen, wenn die größte Herrlichkeit der Welt doch so nahe bevorstand?

Aber Jahr und Jahr verging, ohne daß das frohe Taufversprechen sich erfüllte. Fast schien es nun, als wollte die Dronde mit ihrer Gabe warten, bis der kleine Täufling herangewachsen sei. Das war schade, denn dem armen Jungen war durch das viele Geschwätz von der künftigen Herrlichkeit sein einfaches Bauernjungenleben von Grund aus verleidet. Er wollte weder lernen noch spielen, noch arbeiten. Nichts machte ihm Freude, als seine Angehörigen von dem künftigen Glücke reden zu hören oder in einem stillen Winkel zu sitzen und vor sich hinzuträumen. Dabei wurde er immer stiller, mürrischer und verdrossener. Niemals hörte man ihn lachen oder scherzen. Sein grämliches, träges Wesen scheuchte alle seine Altersgenossen von ihm fort, nicht einmal seine Geschwister, von denen bald eine ganze kleine Horde heranwuchs, mochten etwas von ihm wissen.

So ward er zwanzig Jahre alt.

Die Dronde schien ihn wirklich vergessen zu haben, denn – – ach! – – von Glück war auf dem ganzen verkommenen, verwahrlosten Gute nicht ein Hauch zu spüren. Wenn das Elend so fortwuchs, dann gehörte den verarmten Bauersleuten in kurzem überhaupt kein Fußbreit des einstigen blühenden Besitzes mehr.

Und was das schlimmste war: auch die Hoffnung fing allmählich an zu verblassen. Niemand hatte die Dronde in den vergangenen zwanzig Jahren wiedergesehen, vielleicht war das zarte Geisterwesen überhaupt nicht mehr im Lande; vielleicht hatte sie die Macht nicht mehr, ihr Versprechen zu erfüllen. –

Ein harter, kalter Winter hatte geherrscht, und Hunger und Not hatte den armen Leuten ihr letztes bißchen Fröhlichkeit genommen. Brot und Kartoffeln waren aufgezehrt, und es befand sich nichts Eßbares mehr im Hause, als ein letzter großer Erbsensack, dessen Inhalt zur Aussaat für das kommende Frühjahr bestimmt war.

Aber die hungrigen Magen knurrten, und Leichtsinn und Not wollten nichts von der Sorge um die Zukunft wissen. Als das letzte Brotrindchen aufgezehrt war, beschlossen die Bauersleute, die schönen Saaterbsen ruhig nach und nach zu kochen und zu essen. Der faule Kaspar, der seinen Platz am warmen Ofen sonst nicht gern verließ, nahm eine Schüssel zur Hand und stieg damit auf den Oberboden, um eine Erbsenmahlzeit aus dem vollen Sack herauszunehmen.

Wie jede Arbeit, so tat er auch diese langsam und beschaulich. Wieder und wieder füllte er die Hand im Sack und ließ die goldgelben Erbsen dann fast einzeln aus ihr in die Schüssel rinnen. Als er zum dritten oder vierten Male die Faust in den Sack stecken wollte, fuhr er, von einer leichten kalten Berührung geschreckt, auf einmal zusammen und sah rasch empor.

Ein zartes, geisterbleiches Wesen stand in schwebender Stellung vor ihm, ganz in weiße, feine schleppende Gewänder gehüllt; fast durchsichtig, wie Nebel im Mondschein, war die ganze Erscheinung, und aus dem blassen Gesicht strahlten ein paar merkwürdige Augen, tief traurig, voll überirdischem Ernst und dabei doch voll leider reizender Schelmerei.

»Die Drondel« durchfuhr es ihn im Augenblick. Ein froher Schreck bannte ihm die Lippen, so daß er keine Silbe zu sprechen vermochte. Die schöne kleine Fee aber nahm mit dem lilienweißen Händchen, leise lächelnd, eine Erbse aus dem geöffneten Sack.

»Da!« sagte sie und reichte sie ihm, ihn mit freundlichem Blick betrachtend, »du hast gewiß schon geglaubt, ich habe dein vergessen! Aber nein, – nun ist deine Zeit gekommen! Nun kommt das Glück! Diese Erbse wird es dir bringen. Verliere sie nicht! Halte sie fest, denn sie besitzt einen wundertätigen Zauber. Im zeitigen Frühling sollst du sie aussäen; sie wird keimen, grünen, blühen und Früchte tragen, die du sorgsam sammeln mußt, daß du nicht eine verlierst, denn diese ganze ungeteilte Ernte sollst du im darauffolgenden Jahre wiederum säen. Die Früchte dieser zweiten Aussaat säe gleichfalls, und fahre so fort, bis Du die neunte Aussaat in die Erde legst. Diesmal wird dann ein Erbsenstock genau in der Mitte des Feldes stehen, der statt der grünen Hülsen goldene und statt der Körner selten große Perlen trägt, die an Wert nicht ihresgleichen haben und dich zum reichsten Manne des Landes machen. Gib nun wohl acht, Glückskind, daß dir der Schatz nicht entgeht!«

Einen langen, ernsten Blick warf sie ihm noch zu. dann war auf einmal die Stelle, wo sie gestanden, leer. In Kaspars Seele schlugen die Freudenflammen empor. Das war die Erfüllung der langen, langen Sehnsucht! Nun endlich war es da, zum Greifen nah, das schöne, selige Glück.

In kindischer Lust schlug er die Hände zusammen.

Dabei entrollte die Glückserbse, die die Fee ihm gegeben, seinen bebenden Fingern.

Einen Augenblick stand der Bursche wie erstarrt. Dann suchte er auf dem Fußboden: aber er fand sein Kleinod nicht. Deutlich hatte er die Erbse beim Fallen aufschlagen hören, – da sie aber auf der Diele nicht zu sehen war, mußte sie in den Sack zurückgefallen sein.

Aber wie sollte er sie aus diesem nun herausfinden? Er beugte sich mit blutrotem Gesicht über die Oeffnung; die Glückserbse, meinte er in seiner Aufregung, werde sich doch durch irgendein Merkmal von ihren Schwestern unterscheiden. Aber ach, all die Hunderte und Tausende von Erbsen glichen einander aufs Haar; kein noch so angestrengtes Suchen ließ die eine, die wunderbare, finden und erkennen.

Der arme Mensch stand eine ganze Weile wie betäubt, und große, heiße Tränen rannen, ohne daß er es wußte, von seinen Wangen nieder. Gewaltsam suchte er sich dann endlich zu fassen.

War die Glückserbse auch nicht herauszufinden, so war sie doch ganz bestimmt da. Der Sack umschloß sie, so viel stand fest! Wenn er alle Erbsen, die sich im Sacke befanden, in die Erde säte, so war eben auch die Wundererbse dabei, und schließlich kam es doch nur auf ein Stück Mühe und Arbeit mehr heraus, um das Glück zu gewinnen.

Was tat er dann?

Freilich hatte er Mühe und Arbeit bisher nicht geliebt, aber wenn ein so köstlicher Lohn sicher dadurch zu erwerben war, so wollte er schon zeigen, daß auch in seinem schlaffen Körper Kräfte schlummerten.

Mit fröhlichem Mute stieg der sonst so lässige, verträumte Kaspar die Bodentreppe hernieder.

In fliegenden Worten erzählte er den Seinen sein Glück und sein Mißgeschick. Da gab es ein Jubeln und Klagen, ein Wundern und Bedauern, das gar kein Ende nehmen wollte. Groß und klein wollte über die verlorene Glückserbse fast den Kopf verlieren.

Kaspars mutige Fassung steckte aber schließlich auch seine Eltern und Geschwister an. Sie gaben ihm recht, – die Erbse war ja da, wenn auch unter tausend anderen versteckt. Daß man sie überhaupt im Besitz hatte, war doch die Hauptsache.

Natürlich hütete man sich nun, die kostbaren Saaterbsen zu verspeisen.

Kaspar hatte ganz recht; man konnte auch auf andere Weise noch zu täglichem Brot kommen. Auf dem Nachbargute war man mit dem Korndreschen noch nicht fertig; schließlich war es ja auch keine Schande, wenn der Vater und die großen Söhne drüben mithalfen, um sich ein paar Brotgroschen zu verdienen.

Mit der heimlichen Aussicht auf das ganz bestimmt kommende Glück schmeckte überhaupt jede Art von Arbeit ganz anders als früher. Die ganze Familie war auf einmal wie umgewandelt.

Es hieß tüchtig schaffen, wenn man das Gut, das so tief verschuldet war, behalten wollte. Und behalten mußte man's! Auf eigenen Grund und Boden mußte man doch die Glückserbse säen! Da hieß es arbeiten, arbeiten, arbeiten, um wenigstens die dringendsten Gläubiger fürs erste zu befriedigen. Hei, wie der Kaspar sich da rührte und regte! Mehr als die Arbeit dreier Knechte bekam er fertig, meinte der reiche Bauer, bei dem er sich in Tagelohn verdingt hatte!

Den ganzen Winter hindurch taten die Verarmten auf den Nachbargütern Lohndienste. Als aber der Frühling kam, gab es auf der eigenen Scholle fröhliche Arbeit genug.

Es galt, das beste Stückchen Land, das man besaß, für die Erbsensaat vorzubereiten. Jahrelang war der Boden der Felder verunkrautet gewesen, und es mußte nun von Grund aus vorgegangen werden, um Disteln und Quecken zu entfernen. Seit das Gut der Familie gehörte, waren Pflug und Hacke nicht so angestrengt worden wie in diesem Jahr. Bei all dieser Arbeit war Kaspar der tätigste von allen. Es war, als sei er plötzlich aufgewacht aus langem, schwerem Schlaf und fange nun erst an zu leben. Als er die Erbsen endlich in den wohlvorbereiteten Boden säte, geschah es. daß er sogar bei dem Tagewerk sang. Dabei ließ er die größte Vorsicht walten, daß ja keine Erbse über den Rand des Feldchens hinausfiel und verloren ging; jede einzelne konnte ja die Glückserbse sein.

Und dann vom Tage der Aussaat an. – welche Unruhe, welche fröhliche Ungeduld! Welche Sorge um Wind und Wetter! Drei-, viermal des Tages ging er hinaus auf das Feld, um nach seiner Erbsensaat zu sehen. Dabei mußte er an den anderen Feldern vorüber, und deren verwahrloster Zustand, der ihm früher ganz gleichgültig gewesen, schnitt ihm zum erstenmal ins Herz. Mit Scham und Schrecken sah er, wieviel in allen diesen Jahren versäumt worden, wie weit es gekommen war, und der heiße Wunsch, zu helfen und zu bessern, erwachte in ihm.

Er bat die Nachbarn um Saatkorn, und da er kein Geld hatte, um zu bezahlen, arbeitete er seine Schuld ab. Unermüdlich war er tätig, bald hüben, bald drüben, bald auf fremdem, bald auf eigenem Acker, immer das Hauptaugenmerk aus fein Erbsenfeld richtend. Als seine Erbsensaat keimte und grünte und dann im lustigen Schmucke der zarten, weißen Schmetterlingsblüten stand, kannte seine gute Laune keine Grenzen mehr.

Der mürrische Kaspar war ein flotter, lustiger, junger Bursch geworden, zu Haus und bei seinen Dienstherren beliebt und gern gesehen. Die Dorfleute, die von seinem Geheimnis von der Erbse nichts wußten, meinten, die Dronde habe ihm wohl nun endlich das versprochene Glück geschenkt, und sie zerbrachen sich nur den Kopf, warum er noch so angestrengt arbeitete, wenn er wirklich einen Schatz besaß. Ein Schatz mußte es sein, – woher wäre sonst die Lustigkeit in Kaspars ganzer Familie gekommen? Woher hätten seine Geschwister sonst auf einmal reinliche und bessere Anzüge gehabt? Und weshalb hätte die ganze Gesellschaft sonst immer mit so vergnügtem Einverständnis einander angeblickt?

Ganz sonderbar erschien es den Leuten, daß die Glücklichen von ihrer ausnehmend reichen und schönen Erbsenernte kein Körnchen verkauften, daß sie vielmehr die sorgsam in Säcke gesammelten Erbsen, ohne davon auch nur eine Mahlzeit wegzunehmen, zur Aussaat des nächsten Jahres aufhoben.

Das wurde ein ausnehmend großes und stattliches Erbsenfeld im nächsten Jahr! Und welch eine Ernte! So schöne, große, gleichmäßige Körner hatte man noch gar nicht gesehen. Alle Nachbarn wollten davon kaufen, aber die vergnügten Leutchen gaben wieder keine einzige Erbse davon her. Sie brauchten kein Geld; – durch fleißigen Tagelohn in der Nachbarschaft verdienten die erwachsenen Kinder so viel, daß die drückendsten Schulden ganz bequem nach und nach abgezahlt werden konnten. Kartoffeln und Korn waren überdies gut gediehen; im Stall waren ein paar schöne, gesunde Kälbchen zur Welt gekommen, leichten Herzens konnte man es abwarten, bis die neunte Erbsenernte den ersehnten Schatz endlich brachte.

So ging Jahr um Jahr dahin, lauter fröhliche, glückliche Zeit. Die bitteren Lebenssorgen schwanden ganz und gar. Nur die eine Sorge ward von Jahr zu Jahr dringender: wohin, wohin mit dem Ueberfluß der sich bald unglaublich mehrenden Erbsenernten? Bei jeder Aussaat mußte neues Feld hinzugenommen werden, der ganze Gutsboden war bald in ein einziges großes Erbsenfeld verwandelt, und schließlich mußte man ein Stück Nachbarland nach dem andern dazukaufen. Ein Glück, daß man's konnte! Woher das Geld eigentlich immer kam, war fast unbegreiflich. Nie hätte man sich früher träumen lassen, daß mit stetigem, freudigem Fleiß so viel zu erreichen sei.

Sogar ein neues Wohnhaus hatte Kaspar statt des hinfälligen alten zu bauen begonnen. Ein geräumiger Speicher für die Erbsenernten war schon im dritten Sommer nötig geworden. Es ging alles flott und fröhlich vorwärts, bergan, dem kommenden Glück entgegen.

So kam endlich der neunte Sommer heran. Erbsen, Erbsen, wohin man schaute! Solch ein unendliches Stück Erbsenland hatte wohl kaum je ein Bauer besessen. Wie ein grenzenloses, weißgrünliches Spitzentuch lag das Riesenfeld zur Zeit des Blühens im Lenzsonnenschein. Blüte flatterte neben Blüte. Das mußte ein Erbsensegen werden, der gar nicht abzusehen war, wenn jeder dieser kleinen Blumenschmetterlinge sich zur Frucht gestaltete.

Aber der Erbsensegen war den guten Leuten ja Nebensache. Ihre erwartungsvollen Blicke waren nach der Mitte des Feldes gerichtet, wo die goldenen, perlentragenden Schoten wachsen sollten. Eine Stange mit rotem, flatterndem Tuch an der Spitze bezeichnete die genaue Mitte des Feldes. Tag für Tag stieg Kaspar durch dies fröhlich-rankende Erbsenkraut dorthin, um nach dem ersehnten Segen zu spähen. Seine Aufregung wuchs immer mehr. Schoten, Schoten überall! Große, zarte, strotzende, grüne: – aber goldene nicht!

Der goldene Erbsenstock konnte aber immer noch wachsen; Wunderpflanzen wachsen und reifen vielleicht in einer Nacht, dachte Kaspar. Der Tag der Ernte mußte den Zauberschatz ja bringen! Mit welcher Sehnsucht sah er diesem Tag entgegen!

Und er kam heran, strahlend in Hochsommerglut. Die Erbsen wurden eingeerntet; immer aufs neue fuhren die Wagen nach dem Felde, – der Speicher füllte sich bis zum Rande, im Hofe lag die kostbare Ernte haushoch aufgeschichtet, und immer war das Feld noch nicht leer.

Freilich, die perlentragenden Goldschoten hatte man trotz allen Suchens und Spähens auch heute nicht gefunden. – Es war eine grausame Enttäuschung, aber eine Enttäuschung, die nicht lange währte.

Wo wäre an einem so heißen Arbeitstag die Zeit zum Nachdenken und vollends zum Traurigsein hergekommen? Die Nachbarn hatten davon gehört, daß der Bauer nun endlich nicht weiter Erbsen säen, sondern seine Riesenernte verkaufen wollte. Von nah und fern waren die Leute gekommen, um Käufe abzuschließen, denn Erbsenkörner von solcher Größe und Schönheit, wie sie auf dem großen Felde gewachsen, hatte noch keiner gesehen. Fuderweis ging die Ernte ab, samt dem Erbsenstroh. Hie und da kam den Verkaufenden die Sorge, die Glückserbse könne sich doch in einem der verkauften Fuder befinden. Aber wer hätte diese unabsehbaren Mengen genau durchsuchen können? Man mußte froh sein, wenn der Ueberfluß, unter dem man fast erstickte, sich in gutes, klingendes Geld verwandelte, das wenigstens keinen Raum einnahm.

Das war ein Staunen, ein Jubeln, als man am Abend die Einnahme überzählte und dazu noch den Gewinn aus den gebliebenen Erbsenvorräten überschlug!

Beinahe reich hatte dieser eine Tag die Armen gemacht!

Aber die Glückserbse, die Erbse aller Erbsen?

Ach ja, freilich, die Glückserbse hatte man nicht gefunden! Man hätte sich darüber grämen müssen. Wozu aber? Es war ja sonst alles so wunderschön. Man hatte keine Not, man hatte die Arbeit gern, man lebte in Freude und Frieden. War das nicht genug? Mochte die Glückserbse doch geblieben sein, wo sie wollte! Wenn das Leben so fortging, brauchte man wirklich keinen Schatz. Die Not würde dann schon fern bleiben für immer! Und so ist es auch geschehen.

Von Jahr zu Jahr wurden die Leute wohlhabender. Alles, was sie angriffen, brachte Segen. Es wurde ein Stück Land nach dem anderen hinzugekauft und ein Vorwerk nach dem anderen gebaut, bis jedes Kind unter seinem eigenen freundlichen Dache saß. Kaspar übernahm, als der Bauer starb, den alten Hof und lebte dort mit seinem jungen Weibe und seinen schönen Kindern glücklich wie ein König.

»Wissen möchte ich aber doch, wo die Glückserbse eigentlich geblieben ist!« hörte man ihn ja öfter sagen, je älter er ward und je mehr Zeit zum Ausruhen und Nachdenken er fand.

Er mußte lange warten, bis er es erfuhr. Als steinalter Mann stieg er einst auf den Boden des früheren alten Wohnhauses hinan, das längst durch ein größeres, neues ersetzt war und das nur noch als Gesindehaus diente. Es war gestützt und ausgebessert worden, so gut es ging, aber nun schien es doch aus mit ihm zu sein. Ehe er es niederreißen ließ, wollte der alte Bauer noch einmal als guter Hausvater in alle Winkel und Ecken spähen.

Auf der Stelle, wo ihm die Dronde einst die Glückserbse in die Hand gegeben hatte, stand der Alte lange nachdenklich still.

Da wehte ihn, wie einst, ein kühler Lufthauch an, und als er aufblickte, sah er die Dronde vor sich stehen, weiß und schemenhaft, wie einst, mit demselben geisterhaften Lächeln.

»Siehst du die Glückserbse?« hauchte sie. »Sie liegt dort unter dem Balken, wohin du sie fallen ließest vor fünfzig Jahren!«

Siedend heiß wallte es da in dem Alten auf. – Er wollte nach der bezeichneten Stelle hinstürzen, um die wunderbare Erbse aufzuheben und sie seinen Kindern zu bringen, aber ein Schwindel faßte ihn, ein seltsamer Taumel. Es ward schwarz vor seinen Augen; erschöpft lehnte er sich an einen Pfosten. Im nächsten Augenblick sank er um und war tot.

So hat niemand die Glückserbse gefunden und ausgesät. Das alte Haus ward später der Erde gleichgemacht, und es ist wohl möglich, daß die Erbse irgendwo im Erdreich ihren Platz fand, wo sie keimen und wachsen konnte. Ob ihre Früchte dann aber weiter ausgesät worden und ob und wo die kostbare Perlenschote vielleicht gewachsen ist, oder ob sie jetzt erst wachsen wird, das weiß niemand!

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