Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Frida Schanz >

Der flammende Baum

Frida Schanz: Der flammende Baum - Kapitel 18
Quellenangabe
typefairy
authorFrida Schanz
titleDer flammende Baum
publisherVerlag Ullstein & Co
year1916
illustratorSteiner-Prag
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150408
projectida303d2df
Schließen

Navigation:

Tongeister

Er saß manchmal auf dem verwitterten Ecksteine am Haustore Er saß da und sonnte sich, wenn ihm gar zu kalt wurde drinnen in der kleinen, feuchten Stube, in die nie ein Sonnenblick drang.

Er war ein armer, kleiner, kranker Knabe, und noch dazu ein Waisenknabe, der eigentlich niemandem angehörte auf der weiten Welt.

Als seine Mutter noch lebte, da wohnte sie auch mit in der feuchten Stube bei der alten Frau, und als die Mutter starb – eigentlich am Elende, einer gar schlimmen, ab- und auszehrenden Krankheit – da behielt die alte Frau den Knaben bei sich.

Am Tage saß die Frau mit einem Gemüse- und Obstkram dort oben an der Ecke, und mit den Pfennigen und Groschen, die der Handel abwarf, ernährte sie sich und das arme, fremde Kind und bezahlte die Miete für die feuchte Stube.

Der arme Joseph führte nun ganz gewiß ein gar sehr trauriges Leben, denn die alte Hökerin war, obgleich sie im Grunde eine Tat der Menschenliebe an dem Jungen erfüllte, eigentlich ein böses Weib, oder doch mindestens eine recht finstere, keifende Alte.

Sie hatte auch schon öfter daran gedacht, den kleinen Joseph fortzutun und ihm im Waisenhause ein Unterkommen zu verschaffen: aber teils hatte sie es immer von einem Tage zum andern verschoben, die nötigen Schritte zu tun, teils mochte die alte Frau auch denken, das Kind leide ja doch auch an dem schlimmen Husten wie seine Mutter und habe auch die seltsam glänzenden Augen und überhaupt ihre Krankheit geerbt, und lohne sich's kaum der Mühe, den armen Wurm erst noch umzuquartieren.

Aber trotz alledem, daß er arm war und krank und verwaist, so weiß ich doch ganz gewiß, daß der arme Junge in seinem Elende ein Glück genoß. Ja ganz gewiß, auch Joseph hatte sein Teil Freude, so wie alles Erschaffene überhaupt, bis auf den kleinsten Wurm und die Kröte im Schlamme, irgend etwas zur Freude hat.

Ich meine nicht die grünen Landkarten, die der Moder an der feuchten Wand des Stübchens gemalt hatte, und die Joseph, wenn er in seinem Bett lag, gar oft schon ganz aufmerksam und mit einer Art von Vergnügen betrachtet hatte, und in denen seine lebendige, krankhaft erregte Phantasie sich die wunderlichsten und verschiedensten Dinge, Flüsse, Seen, Wiesen, Gärten, ja Menschen, Vögel, schöne Schlösser, ganze Märchen, ausmalte.

Nein, Joseph hatte noch eine ganz andre, eine noch viel größere Freude.

Drüben über dem Hof, im ersten Stockwerke, in einem Seitenflügel desselben großen Hauses, in welchem auch die kleine Stube der Hökerin lag, da war ein Fenster mit roten Gardinen behangen. Hinter diesen Gardinen und täglich genau um dieselbe Stunde erklangen süße, liebliche, wunderbare Töne.

Joseph stand am Fenster unten, das blasse, magere Gesichtchen an die trüben Scheiben gelehnt, und sah mit großen, aufleuchtenden, feuchten Augen hinüber, all seine Seele glühte dann in seinen Augen, all sein Wesen atmete, sog, trank begierig diese schwellenden, wogenden, jauchzenden Töne ein.

Wie konnte diese Geige auch singen! Ja, so hatte der arme Waisenjunge auch sein Teil Glück!

Und jeden Tag durfte er an diesem Quell der Töne trinken! Jeden Tag!

Wenn die Sonne über den Dachfirst schaute und mit goldnem Finger über die rote Gardine strich, da nahm dort oben der fremde Mann die Geige aus dem Futteral, dann tanzten sie hervor unter dem gleitenden Bogen, wild, lustig, neckisch, wie Kobolde, oder leis weinend, sehnsüchtig, wie sterbende Blumenelfen, die geliebten Töne. Sie glitten über den breiten Hof und fanden genau den Weg zu dem Ohr des armen, lauschenden Kindes.

Sie strichen über sein Haar, leis wie Westhauch, sie fächelten über die bleiche Stirn, über die zarten Wangen, sie küßten seine Augen, seinen Mund.

War das nicht Glück?

Da stand er und lauschte und horchte. Er meinte, er müsse sie haschen können, haschen wie Schmetterlinge oder Vöglein. Wie mochten sie nur aussehen? Hatten sie Flügel, goldene, irisfarbene Flügel? Oder glichen sie fliegenden Blumen?

So schuf sich seine Phantasie, die Märchen gestaltete aus den Moderflecken der feuchten Wand, allerlei liebliche Gestalten aus den Tönen der Geige.

Allerlei Gestalten, aber alle schön, lieblich, himmlisch, mitleidig: o so viel mitleidiger als Menschen sind!

Am Abend, wenn die alte Hökerin mit ihrem Gemüsekorbe heimgekommen war, ging sie hinüber über den Hof, die Treppe hinauf und trat in das Zimmer, wo die roten Gardinen am Fenster waren.

Dort bekam sie das schwarze Futteral, in welchem die Geige lag, und sie trug es fort, zum Hause hinaus und weit durch die Straßen der Stadt. Hinter ihr ging der Besitzer der Geige, bis sie an ein großes, schönes Haus kamen, dort wartete die alte Frau, gab die Geige ab und bekam dann jedesmal ein kleines Geldstück.

Nach einer halben Stunde kam die Frau dann gewöhnlich wieder heim, und nun bereitete sie die dürftige Abendsuppe für sich und ihr Pflegekind.

Joseph blickte die Alte dann mit einer Art scheuer Ehrfurcht an, sie hatte etwas Geweihtes für ihn, nachdem sie die Geige getragen hatte.

Er fragte auch dann wohl allerlei, wo sich der Herr mit seiner Geige nun befinde und ob er dort darauf spiele wie drüben.

Aber die alte Frau gab selten eine Antwort; sie sprach überhaupt selten, und dann nur ein kurzes barsches Wort. Die Alltagsnot des Lebens hatte sie rauh und stachlig gemacht, wenn sie auch vielleicht noch tief drinnen nicht ganz verhärtet war. Daran war das Kind gewöhnt. Er dachte dann nur darüber nach, daß jetzt wohl die lieben Töne dort tanzen und singen würden, und wunderte sich, daß sie, wenn sie wirklich bunte Flügel hatten, wie er glaubte, nicht ein Stückchen weiter flögen und zu ihm kämen an sein kleines Bett. Dann getröstete er sich auf morgen, wenn die Sonne über den Dachfirst scheinen würde, und seine Augen leuchteten und glänzten mit jenem überirdischen Glanze, bei dessen Anblick die Menschen weinen und die Engel lächeln.

Es war einmal Winter geworden und so kalt, daß Joseph nie mehr auf dem Ecksteine am Haustor saß, um sich zu sonnen, und im Stübchen war es so kalt, so feuchtkalt, wie man sich die Grabluft denkt.

Der Moder grünte prächtiger als je, und zarte Kristalle flimmerten auf dem feuchten Grunde, die ganze Wand blitzte. Joseph konnte sich zu seinen Märchengärten und Schlössern noch allerhand blitzende Grotten und Berge denken.

Eines Morgens konnte aber die Alte mit ihrem Gemüsekorbe nicht nach der Ecke gehen, sie war krank und blieb in ihrem Bette liegen.

Da hatte Joseph noch schlimmere Zeiten als sonst, und als die Sonne, blaß und schüchtern durch weißes Schneegewölke brechend, über das Dach schien und die rote Gardine streifte, und als es drüben anfing zu tönen, da durfte er nicht, wie gewöhnlich, sein Gesichtchen an die kalten Scheiben pressen und mit stillem Entzücken lauschen, sondern mußte für die kranke Frau allerlei schaffen und tun.

Und dabei schalt sie fortwährend, denn Joseph war zerstreut und ging herum, wie ein Körper ohne Seele. Diese flog mit den geliebten Tönen frohlockend durch die Lüfte!

Als es Abend wurde und die Stunde kam, wo die Frau gewöhnlich die Geige forttragen mußte, da wurde sie unruhig, rückte auf ihrem Lager hin und her und sah hinauf nach dem Fenster, wo das Licht hinter dem roten Vorhang schimmerte.

Endlich löschte das Licht aus, und bald darauf klopfte es an die Tür der kleinen Stube, in welcher die Obsthökerin wohnte. Joseph ging hin, um zu öffnen, und da stand der Herr mit dem Geigenfutteral. Er fragte, warum die Alte nicht gekommen sei, um seine Geige fortzutragen, und sah sie krank im Bett liegen und hörte sie klagen und jammern, daß sie den Groschen in der schweren Zeit nicht verdienen könne.

Der Herr dachte vielleicht eben darüber nach, wer ihm den Gang statt der alten Frau besorgen könne, als er plötzlich eine leise Berührung an seinem Arm fühlte, und als er umblickte, da stand der kleine Knabe da und sah ihn bittend mit seinen sehnsüchtigen Augen an. Der Mann betrachtete das Kind ein Weilchen, denn es war schön wie ein lichter Engel, der sich auf die dunkle Erde verirrt hatte.

»Wenn ich dürfte, möchte ich wohl die Geige tragen,« sagte Joseph schüchtern.

»So geh', Joseph,« rief die Alte aus ihrem Bett, »geh' und verdiene den Groschen. Aber halt' fest und ruh' auch unterwegs einmal, denn du bist gar schwach!«

Der Herr legte seinen Geigenkasten auf Josephs Arm, und da trug ihn das Kind langsam und feierlich aus dem Hause, als trüge es alle Schätze der Welt.

Es ging durch die kalten Straßen, wo hoher Schnee lag und der Wind pfeifend um die Ecken wehte, aber es fühlte keinen Frost und fühlte nicht, daß seine langen, hellen Haare im Winde flatterten.

Seine Stirne brannte, und seine Wangen wurden rot, sein Herz pochte vor Glück und seine Augen blickten freudig auf die schwarze Hülle, welche die Geige barg.

Endlich kamen beide an ein großes Haus, welches schon von fern aus allen Fenstern glänzte. An einer Tür blieb der Herr stehen, holte ein Silberstück aus der Tasche, welches er dem Knaben gab, und nahm seinen Geigenkasten.

Dann ging er in eine offenstehende Tür, die in einen langen Gang führte. Joseph stand traurig auf der Schwelle, Tränen quollen aus seinen Augen, als er den Kasten aus seinen Armen geben mußte und ihn dann verschwinden sah. Am andern Ende des Ganges öffnete sich eine andere Tür, aus welcher einen Augenblick ein blendender Lichtglanz strömte. Dann war wieder alles still und finster.

Wie gebannt blieb das Kind in dem Gange stehen und lauschte dem verworrenen Geräusch, welches von fernher an sein Ohr schlug.

Dann und wann kamen Leute, die an ihm vorbei gingen und ebenfalls in der zweiten Tür verschwanden.

Die kalte Luft hatte ihn müde gemacht, der scharfe Wind, der in seinen Mund eingedrungen war, machte seine Brust schmerzen, und der schlimme Husten kam, derselbe Husten, der seine verstorbene Mutter gequält hatte.

Er dachte wohl an die alte Frau daheim in der kleinen Stube, er dachte, wie sie harren und wie sie böse sein würde, wenn er nicht käme, und er preßte den Groschen fest in seiner erstarrten Hand, um ihn nicht zu verlieren

Dann kauerte er sich in einen Winkel hin und dachte daran, daß die Geige vielleicht bald da drinnen, wo es so hell und warm war, ihre Töne würde erklingen lassen, daß sie ihn gewiß auch hier finden würden in dem finstern Winkel, wie dort in der kleinen Stube, daß sie zu ihm kommen würden und ihn liebkosen und streicheln und daß er dann auch keinen Frost mehr fühlen würde und kein Weh in seiner Brust. Ach, wenn sie doch bald kämen, es war hier so kalt auf den steinernen Stufen, und seine Brust schmerzte so!

Und während er lauschte und horchte, fielen seine Augen zu, und wie die Geige drinnen ihre Töne auffliegen ließ, da umflatterten sie ihn wohl, aber er hörte nichts, denn er war fest eingeschlafen.

Das kranke Kind schlief lange fort.

Drinnen rauschten fröhliche Klänge, lachten fröhliche Menschen. und die Geige jubelte und sang; ihr klingendes Herzblut goß sie in Strömen aus. Die perlenden Tonwellen schwangen sich auf, umschlangen ihre Brüder, wirbelten empor, jauchzend und selig, und verschwanden oben zwischen Engelsköpfen und steinernen Rosen.

Dann wurde alles still; die Lichter löschten aus, die fröhlichen Menschengesichter verschwanden und die Türen klappten zu.

Alle waren fortgegangen. Das Theater war aus, nur in dem finstern Gang, hinter der schmalen Tür, die ins Orchester führt, saß noch zusammengekauert ein blasses, schlafendes Kind. Aber plötzlich, die große Uhr zeigte just Mitternacht, da wachte es auf.

Eine Kälte und Steifheit hatte seine armen kleinen Glieder gelähmt, seine Zähne klapperten, und in seiner erstarrten Hand hielt es noch krampfhaft den Groschen, den es am Abend verdient hatte.

Die Tür, hinter welcher er eingeschlafen war, stand jetzt offen, und Joseph sah daraus einen matten Dämmerschein in den Gang fallen. Leise schlich er näher und trat über die Schwelle. Alles war still und öde.

Ein leises Grauen überkam ihn, denn er wußte jetzt, daß man ihn, während er schlief, in dem großen Hause eingeschlossen hatte.

Aber als er aufblickte, da sah er plötzlich eine wunderschöne Frau, die kam auf weißem Roß langsam zwischen grünen Bäumen hergeritten. Ein Mantel aus gewirktem Golde floß von ihrer Schulter, und auf ihrem langwallenden Haar lag ein Kranz von Sternen.

Um sie her schwebten in weitem Bogen Engelgestalten, die Fackeln oder Blumen und Fruchtgewinde trugen.

Joseph sah in das Gesicht der fremden Frau, und da kam es ihm so bekannt und vertraut vor, daß alle Furcht aus seiner Seele schwand.

»Mutter, ach Mutter!« rief er, denn »Mutter« war für die Waise der Inbegriff alles Lieben. – Freundlich lächelnd kam sie naher, ließ den scharlachroten Zügel aus der Hand fallen und glitt auf den Boden nieder. Dann beugte sie sich zu dem Knaben, und ihr warmer Mund hauchte zwei leise Küsse auf seine Augenlider. Die blaue Blume, die sie in der Hand hielt, schwang sie dreimal durch die Luft und rief, daß es weit durch den leeren Raum schallte: »Wacht auf, wacht auf!« –

Da sah Joseph, daß die Engel mit den Fackeln und Kränzen ihre Flügel regten, daß die Fackeln aufglühten und ihr Licht weithin ausgossen, bis hinauf, wo die steinernen Rosen und die Engelsköpfchen von der Deckenwölbung niederschauten.

Die Köpfchen wurden lebendig, sie drängten sich aus den Rosen- und Akanthusblättern mit ihren runden, weißen Gliedern und ihren Flügeln. Da, wo die steinernen Kinder standen und auf ihren krausen Köpfchen und ihren kleinen Händen die schweren Pfeiler trugen, da regte sich's auch; sie reckten und dehnten die steinernen Gliederchen und fühlten auf ihre Köpfe, wo so lange die Last gelegen. Dann schlüpften sie hervor und kletterten leicht und gewandt an den Schnörkeln und Leisten, an den Samtdrapierungen und goldenen Quasten herunter. Ueberall war Leben. Die Kinder und die Engel umarmten und küßten sich, und dann flogen diese auf ihren weißen Flügeln in die Höhe, und die Kinder hüpften über die leeren Sitze und suchten Aepfel und Blumen aus, die aus den zerrissenen Kränzen herabgefallen waren.

Die schöne Frau wandte sich langsam um und ging nach dem waldigen Hintergrund zurück, wo ihr Zelter stand.

Joseph schlich ihr nach. Gern hätte er den Goldsaum ihres Mantels erfaßt und geküßt, als dieser vor ihm herrauschte, allein er wagte es nicht, seine Hand nach ihm auszustrecken. Endlich stieg sie auf ihr schönes Pferd, welches die weiße Mähne freudig schüttelte, als es seine Herrin wieder aus dem Rücken fühlte.

Dann ritt sie langsam in die grüne Dämmerung hin, noch einmal winkte sie mit der weißen Hand zurück, dann war sie verschwunden.

Joseph sah in die weite, weite Halle vor sich hinaus. Er sah die Engel fliegen, er sah ihre Fackeln Funken sprühen und hörte in der Ferne den Hufschlag des weißen Pferdes verhallen.

Dann sah er, wie die kleinen Gestalten sich lustig und lachend auf die Sitze vor die Notenpulte setzen, wie sie die Instrumente nahmen und darauf zu spielen begannen.

Aber wie wunderbar! Alle Töne, die aus den Instrumenten klangen, waren kleine, sichtbare Wesen, unendlich fein und durchsichtig, aber doch sichtbar.

Aus den Trillern der Klarinette kamen leichte, luftige Gestalten gestiegen; zarte Mädchen in rosafarbigen Duftgewändern, mit Rosaflügeln an den weißen Schultern.

Joseph sah sie hervorquellen, mehr und mehr, mit verschlungenen Händen, er sah sie schwebend davonflattern und trillernd in die Luft steigen.

Und dort, wo der Bogen über die Saiten des Cello streicht, steigen Männlein in langem Bart, mit braunen Gewändern, im langsam feierlichen Schritt aus dem Innern der dunklen Höhlung. Singend im ersten Ton gleiten sie weiter, die Luft hebt sie auf und zieht sie in den Reigen der Tongeister. Die rosigen Mädchen umschlingen sie neckend mit den weißen Armen.

Und dort das Waldhorn mit seinem süß-träumerischen Klang. Sylphen im grünen Gewand mit Laubkränzen im Haar entquellen seinen Tönen, die sich jubelnd in seliger Freude ihren Brüdern zugesellen.

Ist das eine tolle Lust!

Eine Schar ernster Gesellen kommt gravitätisch von den dicken Saiten der Baßgeige herabgestiegen und geht brummend auf der Balustrade hin, die den Bühnenraum vom Orchester trennt.

Unter den Schlägen des Beckens springen klirrend und rasselnd kleine Gestalten mit Helm und Schwert hervor, gerade unter die Baßgeigentöne, die sie kopfüber von dem schmalen Wege herabstoßen, und dann kommt ein Lufthauch und bläst alles zusammen empor, hinein in den wirbelnden Tanz.

Aus jedem Instrumente steigen andere Geister auf, anders nach Gestalt und Bewegung, je nach der Art des Tones, aus denen sie sich gebildet haben.

Endlich öffnet eine kleine, marmorweiße Hand den schwarzen Kasten, in welchem die Geige lag, und dann hört man den Bogen über die Saiten streichen. Ja, so hat sich Joseph die Geigentöne verkörpert gedacht; wie er sie nun aufsteigen sieht. So hat seine Phantasie sie gestaltet, ehe ihm noch die Poesie mit ihrem Kuß die Augen geöffnet und ihn mit ihrer blauen Blume berührt hatte.

Irisbeflügelt, in weiten, weißen Gewändern, Goldreifen in dem wogenden Haar, so schweben sie vor ihm auf, sanft und leise. Der Reigen da oben in der Luft steht still, und die Geigentöne schweben allein süßsingend durch die Lüfte.

Es ist so still. Die Engel halten ein im Flug und ruhen mit ihren Fackeln in den Händen auf den Simsen und Karniesen da oben und lauschen dem süßen Gesang.

Joseph steht aus und breitet seine Arme aus. Ach, sie kommen; sie haben ihren kleinen armen Freund gesehen.

Sie lächeln und winken ihm zu, und er fühlt einen sanftkühlen Hauch, als die schillernden Schwingen seine Stirn berühren. Es flutet so leicht und froh durch seine Adern, wie Genesung und Freiheit. Die Tongeister winken einander zu, wie er so vor ihnen steht mit den verlangenden Augen und sehnsüchtig an den gebundenen Flügeln seiner Seele rüttelt.

Nun lebt die ganze Luft. Alles wirbelt, tanzend und singend, schmetternd und trillernd, durcheinander.

Die Geigentöne gleiten mitten durch die klingende Luft. Ihr Gesang tönt wie leises, verhaltenes Weinen. Ihre weißen Gewänder flimmern wie Lilienblätter in dem bunten Gewühl. Dann schweben sie nieder und umkreisen das bleiche Gesicht des Menschenkindes, das ihnen so lieb ist.

Und die Schwingen der Seele lösen sich allmählich unter den süßen, lockenden Klängen. Er fühlt schon kein Erdenweh mehr; der Staub fällt von den weißen Flügeln, der sie so schwer und unfähig zum Fliegen machte.

Nun hebt er sie empor; er fühlt sich so ätherleicht!

»Empor, empor! Zum Licht empor!« singen die Tongeister. Das lustige, Helle Gewühl verstummt, es wird ernst und feierlich; sie schlingen die Hände ineinander, alle. Paar und Paar, so gleiten sie nieder zu dem sterbenden Kinde.

Noch ein langer, tiefer Atemzug, und die Schwingen sind frei. Ein Engel schwebt zum Himmel auf, und die freundlichen Tongeister schweben ihm nach. Empor, empor, zum Licht empor! – Die Geigentöne hatten ihn umschlungen, sie tragen, sie heben die leichte, lichte Gestalt.

Ade! Ade! weinen sie leise, und er ist entschwunden. Die Erdentöne können dem Engel nicht in die lichte Welt folgen, der er zufliegt.

Andere Töne, die er hier nur ahnte, nehmen ihn dort in Empfang und geleiten ihn in die Heimat aller Harmonien.

Traurig, mit zusammengefalteten Schwingen steigen sie nieder, sie weinen, da ihr Liebling schied.

Dort am Vorhang, wo die gemalten Engel ihre gemalten Fackeln schwingen, liegt eine Gestalt, still und regungslos. – Die Musikinstrumente ruhen in ihren Futteralen, jedes an seinem Ort, und die Karyatiden tragen geduldig wieder die Pfeiler auf ihren kleinen Köpfen und Händen.

Am folgenden Tage fanden sie den kleinen Knaben tot und kalt aus dem harten Boden liegend. In seinen starren Fingern hielt er noch seinen Groschen, und über seinen schönen Augen waren die weißen Lider geschlossen.

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.