Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Frida Schanz >

Der flammende Baum

Frida Schanz: Der flammende Baum - Kapitel 17
Quellenangabe
typefairy
authorFrida Schanz
titleDer flammende Baum
publisherVerlag Ullstein & Co
year1916
illustratorSteiner-Prag
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150408
projectida303d2df
Schließen

Navigation:

Jungfer Blütenstaub

Es war eben um die Abenddämmerung, wo alle Türen und Tore geschlossen werden, die Blumen ihre Kelche zusammenfalten und die Vögel in ihren Nestern sich zum Schlafen anschicken, da kam ein kleiner, einsamer Wanderer übers Gebirg her und spähte nach einem Nachtquartier. Er trug ein rotes Mäntelchen und ein winziges schwarzes Hütlein. Plötzlich sah er von weitem ein großes, goldenes Haus, das leuchtete und schimmerte von allen Seiten. »Da will ich anpochen,« dachte der Wanderer, ging hin und pochte mit seinem Stöckchen ganz leise an die goldene Wand, denn eine Tür konnte er nicht sehen.

Eine schmale Spalte öffnete sich sogleich, und ein Jungferchen schaute heraus, die hatte ein Goldnetz auf und ein goldenes Mieder an. »Pst, pst,« sagte die Kleine, »was gibt's denn? Meine Herrschaft schmückt sich eben zum Ball, und da darf niemand herein. Wer bist du denn eigentlich?«

Der Wanderer strich sich sein Mäntelchen glatt, nahm sein Hütchen ab und sagte: »Ich bin ein reisender Käfer und bitte um eine Nachtherberge.«

»Warte ein wenig,« sagte die Kleine, »meine Dame wird eben fortfliegen, dann bleibt sie die ganze Nacht auf dem Balle. Unterdessen kannst du dich hier ausruhen und erquicken.« Der Käfer setzte sich auf ein Sandkorn nieder, das am Eingang des goldenen Hauses lag, und wartete. Bald tat sich das Dach des Hauses, das aus lauter goldenen Zacken bestand, auseinander; der Käfer hörte ein leises Schwirren über sich und zugleich flog etwas wie ein feiner Sonnenstrahl in die Luft.

»Nun komm nur herein!« rief die Kleine, die die zackigen Wände des Daches wieder zusammenfaltete.

Der Käfer ging hinein, und da drinnen war alles Gold, auch die Kleine war in lauter Gold gekleidet.

Der Käfer mußte nun von seiner Reise erzählen, und das kleine Ding hörte ihm neugierig zu. Dabei bewunderte sie seinen glänzenden Mantel und die schönen schwarzen Punkte darauf.

»Ich möchte auch so gern eine Reise machen.« sagte die Kleine, »aber ich kann nicht fort. Meine Herrschaft ist eine Elfe und die fliegt alle Nächte zum Ball. Am Tage, wenn sie schläft, muß ich sie bewachen und Honig sammeln und Tau, und nachts muß ich das Haus hüten.«

Indem sie so sprach, trug sie ihrem Gaste ein Abendessen auf, aus Tau und Honig bereitet, ruckte ein goldenes Stühlchen zurecht und hieß ihn essen.

»Wie heißt du denn eigentlich?« fragte der Käfer, indem er das süße Mahl kostete.

»Ich heiße Blütenstaub, und unser Haus heißt Gurkenblüte,« sagte die Kleine.

»Höre, Blütenstaub,« sagte der Käfer, »es ist schade, daß du immerfort in der Gurkenblüte eingeschlossen bist, während deine Herrschaft ein lustiges Leben führt. Es ist zwar hier alles prächtig und lauter Gold, aber da draußen ist es noch schöner. Und vielerlei ist da zu sehen!«

»Ja, aber ich habe keine Flügel,« sagte Blütenstaub traurig.

»Du kannst ja gehen,« meinte der Käfer, »ich reise auch öfter zu Fuß, nur manchmal fliege ich mit meinen dünnen Flügeln, die hier unter dem Mäntelchen versteckt sind, in die weite Welt hinaus.«

Sie sprachen noch vielerlei, und der Käfer hatte viel auf seinen weiten Reisen gesehen: Sterne und Sonne und Mond und Wolken und Tiere. Blütenstaub hatte nichts gesehen als das große Gurkenblatt, das wie ein grüner Himmel über dem goldnen Hause stand.

Da sagte der Käfer, indem er von seinem Stühlchen aufstand und ganz feierlich vor das winzige Fräulein trat:

»Wenn du mich heiraten willst, so wollen wir zusammen reisen, und du sollst die ganze Welt sehen.«

Blütenstaub war ganz erfreut über diesen Vorschlag, und sie machte sich auch gleich reisefertig.

Sie nahm einen kleinen Krug voll Honig mit auf den Weg und war gar stolz aus ihren Bräutigam, der einen purpurroten Mantel um hatte, wie ein König.

Sie gingen nun beide aus dem goldnen Hause fort, das goldne Dach blieb offen stehen, so daß die Feuchtigkeit des Abends hineinträufelte und das goldne Ruhebettchen der Elfe naß wurde.

Der Abend lag kühl und still über den Fluren. Alle Blumen waren geschlossen, und im Westen war der Himmel noch rötlich von der untergehenden Sonne.

Der Käfer führte seine kleine Braut über die Gebirge des Gurkenbeets.

Aber Blütenstaub war an solche Wege nicht gewöhnt.

Ihre Füße waren Staubfäden, so fein wie ein Härchen, sie war bald müde und konnte nicht weiter. Das Gurkenbeet lag am Saum eines Wassers. Dort blieb das Paar stehen und überlegte, was zu tun sei.

Der Käfer sagte: »Bleib einstweilen hier, ich werde einen Wagen für dich bauen; ein paar Fliegen mieten wir als Kutscher und Pferd, und dann setzen wir uns zusammen hinein und fliegen zusammen fort in die weite Welt.«

Blütenstaub war damit ganz zufrieden. Sie setzte sich dicht am Ufer nieder, stellte ihr Honigkrüglein neben sich, und der Käfer ging fort.

Es war eben um die Zeit, wo die Feuchtigkeit aus den Gewässern emporsteigt, und über dem Teiche schwebte ein weißer Nebel wie ein wogender Schleier.

Zudem erhob sich ein leichter Wind, der die Wellen kräuselte und die Grashalme, die wie riesige Palmen über Blütenstaubs Köpfchen ragten, gegeneinander trieb.

Eine Luftwelle erfaßte plötzlich die kleine Braut, die so leicht war wie ein Sonnenstäubchen, hob sie empor und trug sie fort.

Blütenstaub war so erschrocken, daß sie gar nicht schreien konnte. Sie sah eine wirbelnde Masse glänzender Perlen um sich emporsteigen, und ehe sie sich's versah, saß sie plötzlich selbst in einem der kleinen glänzenden Luftballons und stieg mit ihm empor, höher und höher, in die blaue glänzende Abendluft hinauf.

Sie dachte an den Käfer, der sie suchen würde, und daß sie ihr Honigkrüglein stehen gelassen, an den schönen Wagen, den ihr Bräutigam nun gewiß fertig haben würde.

Als der erste Schreck einigermaßen überstanden war. fand die kleine Luftschifferin, daß es eigentlich gar herrlich sei, in der feuchtglänzenden Kugel emporzufahren.

Sie stieg bis über die höchsten Gebirge in das Reich der Wolken.

Da blieben die Wasserdünste schweben, und es war so blau, so dunkelblau in den Wolken, wie es goldgelb in dem Elfenhause unterm Gurkenblatt gewesen war.

Man konnte durch das feuchte leuchtende Blau den Mond und die Sterne aufgehen sehen, und dabei schwammen die Wolken fort, wie Schiffe mit aufgebauschten fliegenden Segeln.

Aber bei aller Schönheit war es einsam, so einsam und so feucht und kühl in den Wolken, und das tiefe endlose Blau mit den Sternen stand still und starr und kalt darüber.

Blütenstaub dachte, die Sterne seien lauter Elfenhäuser, wie das, aus dem sie mit dem Käfer geflohen war.

Und sie wünschte, bis zu den goldenen Blumen fliegen zu können.

Aber sie schwamm immer weiter und weiter in dem feuchten Kahne, und die Sterne blieben immer in der nämlichen Ferne über ihr.

Da wurde ihr goldenes Röckchen naß, und sie wurde traurig und bange und wäre tausendmal lieber wieder in den Dienst der Blumenelfe gegangen, als so mit den Wolken durch die Luft zu schiffen.

Sie dachte an den schönen Käfer mit dem roten Mantel, der sie heiraten wollte. Und nun fing sie vor Trauer und Leid zu weinen an.

Die Bläue wurde aber immer dunkler und dunkler um sie her. Endlich glitt ein leuchtendes Glühen durch die Finsternis, und ein Krachen folgte und wieder ein Glühen.

Und dem armen Dinge verging vor Angst die Besinnung.

Die Wolken barsten rauschend auseinander, und die Wassertropfen fielen nieder.

Blütenstaub stürzte hinab und blieb matt und wund und halb ohnmächtig liegen.

Die Nacht ging hin. Aber sie fühlte einen Stoß und hielt sich nur mühsam an einer glatten Wand fest, um nicht von neuem zu stürzen.

Endlich kam der helle Morgen wieder, sein rötliches Licht schimmerte glanzvoll durch hohe Kristallwände, hinter denen Blütenstaub erwachte.

Sie sah sich neugierig um. Der Regen hatte sie in eine weiße Lilie geschleudert, die in der Nacht vom Sturm geknickt worden war.

Die Lilie, die in ihrer kristallenen Herrlichkeit ihr tausendmal schöner erschien als ihre frühere Heimat, lag vom Stengel abgebrochen am Boden.

Tief in ihrem Kelche lag auf seidenem Bettchen die Elfe der Lilie und war tot.

Blütenstaub stand vor ihr; sie sah die herabhängenden Silberflügel und das Silberkrönchen, und sie dachte an ihre schöne Herrin, die vielleicht jetzt auch tot in dem goldenen Häuschen lag, weil sie niemand hatte, der sie bewachte und die Zacken des Daches schloß, wenn sie schlief.

Weinend ging Blütenstaub fort und setzte sich an den Silberrand des Lilienblattes nieder.

Da kamen bald die Elfen des Gartens geflogen, um ihre tote Schwester zu sehen.

Es waren aber lauter schöne und fremde Blumen, die in dem Garten standen.

Die Elfen wußten nicht, was das für ein kleines, nasses, gelbes Ding war, das da nicht weit von der toten Lilienelfe saß und weinte.

Blütenstaub verstand auch gar nicht die Sprache der vornehmen Elfen, denn die Gurkenblütenelfen hatten eine ganz andere Sprache gehabt.

Die Elfen flogen wieder fort, und Blütenstaub blieb immer noch traurig sitzen, denn sie hatte keine Flügel, um zu fliegen.

Sie blieb bei der toten Elfe im Lilienhaus, und die kristallenen Wände fingen an welk zu werden; sie krümmten sich einwärts zusammen, und Blütenstaub hatte keinen Honig mehr zur Nahrung. Sie trank bloß Tautröpfchen, die auf die welke Lilie fielen.

Einstmals, als die Elfen ein Ballfest hielten, sagte die Elfenkönigin zu einer Freundin:

Es ist heute ein gelehrter Käfer von einer weiten Reise wiedergekehrt. Der hat einen schönen Wagen mitgebracht, aus Grashalmen, mit Fliegen bespannt. Den wollen wir doch fragen, ob er nicht die Sprache des fremden Mädchens versteht, das in der welken Lilie wohnt.«

Die Elfenkönigin sandte einen Boten zu dem weitgereisten Käfer und ließ ihn holen.

Er kam auch bald vor die schöne Königin, strich sein rotes Mäntelchen glatt und hielt sein Hütchen in der Hand.

Als er von dem kleinen gelben Jüngferchen hörte, wollte er sie gleich sehen und wurde ganz ungeduldig.

Da führten ihn die Elfen zu der welken Lilie, wo Blütenstaub ein trauriges, einsames Leben führte. Kaum erblickte sie aber den gelehrten Käfer mit dem schönen roten Mantel, so erkannte sie ihren Bräutigam wieder und fiel beinahe vor Freuden um, denn sie war vom Fasten ganz matt geworden.

Sie erzählte nun all ihr Leid, und wie schlecht es ihr ergangen war.

Er erzählte auch –: daß er sie überall gesucht und daß er einen schönen Wagen mitgebracht habe und auch ihren kleinen Honigkrug, den er gefunden hatte.

Er sagte, nun wolle er sie erst recht heiraten.

In dem schönen Wagen wollte er mit ihr in die weite Welt fahren.

Da war Blütenstaub guter Dinge. Sie vergaß ihre Not. Und die Elfen wurden alle zur Hochzeit geladen.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.