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Der flammende Baum

Frida Schanz: Der flammende Baum - Kapitel 16
Quellenangabe
typefairy
authorFrida Schanz
titleDer flammende Baum
publisherVerlag Ullstein & Co
year1916
illustratorSteiner-Prag
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150408
projectida303d2df
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Wie das Märchen vom Rattenfänger weitergeht

Er hatte die Stadt von der Rattenplage befreit durch die Macht seiner zauberischen Schalmei, und die Stadt hatte ihm mit Untreue und Undank gelohnt, trotz fester Verträge.

Da blies er noch einmal ganz zart und voll Ruhe sein Zauberlied.

Und diesmal zog es die Kinder nach. Aus den Stuben stürzten sie, hast-du-nichtgesehen! – in die Gäßchen hinunter.

Aus den schmalen Gäßchen in die Hauptstraße!

Immer mehr Kinder, immer mehr!

Wie all die Hunderte von hüpfenden Quellen von weit und breit kopfüber zum breiten Strome Zusammenstürzen – –

Wie der Weber aus vielen tanzenden Garnknäulchen ein breites, dichtes Band zusammenflicht – –

Im Nu entstand ein starker Zug, mit Macht sich vorwärts drängend, der lockenden Pfeife nach.

Aus dem Schatten heraus in den sonnengoldenen Julitag – die hohe, schmale Gestalt im erdfarbenen Gewände voran.

Aus Lachen, Jauchzen, Hüpfen, Hopsen, Jubilieren, Beinchenschwingen. Röckchenschwenken bestand der Zug.

Es ging zum Ostertore hinaus über die Brücke, quer über Weide und Feld.

Und ohne Pforte und Tor ging es mitten hinein in den jählings auseinanderklaffenden Berg.

Aus fernen, hohen Dachfenstern, von einsamen Feldstätten her, sahen etliche Leute in grausem Entsetzen, wie die bunte Schlange verschwand, wie die Felswand sich hinter dem letzten, blondlockigen Kinde wieder schloß.

 

Soweit kennt jeder die Sache.

Aber was wurde aus den Kindern im Zauberberg?

Das haben sich die trostlosen Eltern in ihren zerrütteten Seelen damals wohl tausendmal gefragt.

Die armen Eltern, die auf den Knien, händeringend, vor dem Zauberberg lagen!

Die sich die Finger zerpochten, die die lieben Namen immer wieder riefen, die den zaubermächtigen Rattenfänger forderten, ihm alle ihre Habe als Lösegeld anboten.

Keine Antwort ist damals erklungen.

Die Trauerglocken läuteten Tag um Tag. Jahr um Jahr über der unglücklichen Stadt. Die Straße, durch welche die Kinder zum Ostertore hinausgeführt wurden, wurde die »bungelose« genannt, weil keine Trommel, damals »Bunge« genannt, darin ertönen durfte.

Aber nochmals: Was wurde aus den Kindern?

Durch viele Jahrhunderte haben Mütter und Kinder darüber nachgegrübelt und gesonnen. Mütter, die nicht ohne Zittern an das Leid jener anderen Mütter denken konnten, Kinder, die ihren Vater, ihre Mutter, ihre glückliche Heimat hatten.

Was aus den Kindern wurde?

Ich weiß etwas davon.

Aus meiner Brunnentiefe herauf habe ich ein paar kleine, schimmernde Gesichter glückselig herauflachen sehen. – –

Den Kindern ging es nämlich im Zauberberg über die Maßen gut.

Der Rattenfänger hatte sie, nachdem sich der Berg hinter ihnen geschlossen hatte, über frischgrüne Wiesen, unter blauem Himmel hin, in ein herrliches Schloß geführt. Mit lieben Worten hat er sie willkommen geheißen.

Hundertdreißig Zwerge entbot er, ihnen zu dienen, lustige, trauliche Kobolde.

Die deckten gleich eine lange Tafel mit goldenen Tellerchen und wunderzierlichem Gerät.

In goldenen Kübeln und auf goldenen Platten schleppten sie dampfende, duftende Leckerbissen herbei. Sie bedienten die Kinder und unterhielten sie mit putzigem Spaß und Schabernack beim delikaten Mahl.

Der ganze Saal war voll von schallendem, klingendem Lachen.

Weich und blau kam die Nacht.

Die Kinder wurden müde und wollten heim.

Aber das gab es nicht!

Sie sollten sich erst einmal tüchtig ausruhen im blau ausgeschlagenen Schlafsaal nebenan mit den silbernen Sternen an der Decke, mit den silbernen Betten voll himmelblauer Kissen, wurde ihnen herzlich geheißen.

Das waren sie denn auch zufrieden.

Bald lagen sie lang ausgestreckt voll süßer Ruh.

Und ein kleines, weiches Schlummerlied ging durch den Raum.

Der Rattenfänger selbst ging von Bett zu Bett, neigte sich über jedes und drückte auf jede Kinderstirn einen langen, zarten, innigen Kuß.

Das waren die Küsse des Vergessens.

Als die Kinder nach gutem, tiefem Schlaf am nächsten Morgen erwachten, wußten sie nichts mehr von ihrer Heimat und ihrem früheren Leben, nichts von Vater und Mutter, Geschwistern und Gespielen.

Nur des gestrigen Abends erinnerten sie sich.

Keines staunte, als die Zwerge nun mit fürstlichen Kleidern ankamen, mit pelzverbrämten Atlaswämschen und schimmernden, knisternden Röckchen und Taillen.

Jedes freute sich nur und griff lachend zu.

Taufrisch lag draußen die Welt. Alles war wie neuerschaffen, und doch so heimelnd und gar nicht fremd.

Einen Garten gab's, voll herrlicher Blumen und plätschernder Wasser, Turn- und Spielgeräte. Tauben, zahme Tiere, und über den Wiesen drüben einen blauschattigen, tiefen Wald.

Was sie wollten, das durften die Kinder.

Es wurde ausgelassen getollt und gejuchtert lieblich gesungen und gelacht.

Die Zwerge trieben es kunterbunt und hielten dabei doch unvermerkt die Kinder in Zügel und Maß.

Das war bei Spiel und Mahl und Beschäftigung so.

Kein strenges Wort gab's.

Erschien der Rattenfänger unter ihnen und leitete ihr Tun, so stieg die Lust vollends aufs höchste.

Seine Schalmei klang so herzinnig, und dabei doch so lustig, wie alle Jahrmarktsmusik der Welt zusammen.

Nahm er ein Kind auf den Arm und streichelte es fein, so jauchzte dessen Herz.

Kleine weiße Pferde standen bereit zu fröhlichem Ritt und fröhlicher Fahrt.

Auf einer Insel im See, wohin ein bekränztes Boot die Kinder führte, wurde aus bunten Kristallbechern der Abendtrank getrunken. Mit Gesang ging es zurück ins Schloß.

So verlief der erste Tag.

– Und die andern? –

Die verliefen ganz ähnlich.

– Ja, lernten denn die Kinder nicht? Gingen sie nicht in die Schule? Hatten sie keine Aufgaben? –

O doch! Nur anders natürlich als andere Kinder.

Ihre Rechenaufgaben zum Beispiel waren unendlich fein und schwer, aber sie brachten sie alle im Augenblick nach der Methode der Zwerge spielend heraus, mit ihren feinen Lösungen und Gleichungen.

Es waren Aufgaben, die es in unserer Welt gar nicht gibt.

Zum geschwinden Zählenlernen hatte jedes einen Sack voll herrlicher, geschliffener Edelsteine.

Aus Edelsteinen legten sie auch in der Arbeitsstunde Muster und Sterne, die die Zwerge dann über Nacht in Gold fassen mußten, zum Schmuck für die Kinder, zu Krönchen und Kränzen für den nächsten Tag.

Für die Nähstunde durften die Mädchen sich Seidenflicken holen aus dem reichen Seidenlager der Zwerge, in dem es alle Schmetterlings- und Libellen-, Käfer- und Blumenfarben gab.

Die Knaben lernten Bogen machen und Pfeile schnitzen, die ihr Ziel ganz sicher trafen und doch nie verwundeten.

Zum Lesen hatte jedes Kind nur ein einziges Buch voll tiefstem, reichstem Wissen, das nun aber längst verloren ist. Immer nur das eine, – aber das war ihnen immer neu. Ihr Geist blieb ja immer auf derselben Stufe.

Zum Wissen von heute kam immer nur ein bißchen Erinnerung an gestern und ein Freuen auf morgen.

Durch die Macht und den Willen des Rattenfängers blieben sie immer die gleichen. Nämlich so:

Jeden Abend, wenn sie im Bett lagen, sprach der Zauberer ihnen noch den Abendsegen, und wenn eins unruhig schien, so küßte er es noch einmal mit seinem langen Kuß. Dann ging er still hinaus und stieg sieben marmorne Treppen hinauf in ein Turmgemach, zu dem er allein den Schlüssel hatte.

In diesem Raume lagen in großen Kristallkasten auf blauer Seide viele kleine, wunderfeine Uhren; genau so viele Uhren, als drunten Kinder schliefen.

Behutsam nahm der Rattenfänger eine jede heraus, hielt sie ans Ohr und belauschte ihren Schlag.

Mit liebendem Blick verweilte er dann auf dem Namen, den jede von ihnen in Rubinschrift auf dem Deckel trug:

Wiebeke Pursche
Cölestine Aldermann
Jakoba Balthasar
Hildtrud Engel
Eva Kundling
Agnes Kardanus
Richilde Weberin; und so weiter!

* * *

Roland Reusenleger
Kaspar Manlius
Veit Radmann
Kunrad Steffen
Jobst Klickst
Leonhard Thurneysser
Nikolaus Schaffner
Peter Beer; und so weiter!

Das waren die Namen, die die Kinder auf Erden geführt hatten.

Die Uhren waren die Lebensuhren der Kinder.

Der Zauberer zog sie jeden Abend sorglich auf mit diamanthartem Schlüssel.

Dann stellte er jede Uhr genau vierundzwanzig Stunden zurück und legte jede genau auf die ihr gehörende Stelle in den Kasten.

Nun stieg er in ein zweites Turmgemach, noch höher hinauf.

Hier standen viele, viele Spinnräder, die von selber spannen, die feinsten glattesten Fäden von schimmerndem Flachs, die je gesponnen worden sind.

Das waren die Lebensfäden der Kinder.

Die Fäden, die an jedem Tag gesponnen worden waren, reufelte nun der Rattenfänger an jedem Abend wieder auseinander und warf sie als ein Wölkchen ungesponnenen Flachses wieder auf den Rocken zurück.

Durch alle diese Vorkehrungen lebten die Kinder Tag um Tag, Jahr um Jahr fröhlich weiter und kamen doch nie vom Fleck; wurden nie älter, blieben immer Kinder, immer genau so alt wie sie gewesen waren, als sie den Zauberberg des Rattenfängers betreten hatten. Und nie wurden sie des Kinderlebens überdrüssig.

 

Es war immer gleich, – fröhliche, sorglose Gegenwart, die Jahre gingen hin wie ein Pfingstsonntagstraum.

Niemand als der Zaubermeister, der Rattenfänger, wußte ja, daß die Knaben, die da auf samtgrünem Rasen ihr kleines Turnier fochten, die Mädchen, die ihnen vom Mäuerchen zusahen und dabei ihre Docken herzten, draußen in der Welt längst Väter und Mütter eigner Kinder sein würden, Leute voll Sorgen und Freuden, Mühen und Lohn: – Bürger, Handwerker, Ratsherren. – – –

Großväter, Großmütter dann schon über ein Kleines. – –

Gebückte, zitternde Urgroßleute. – – –

Viele von ihnen längst ruhend unter dem Kirchhofskreuz!

 

Trotz aller sorglichen und liebevollen Vorkehrungen des Rattenfängers fiel dem einen Kinde aber doch eines Tages die Heimat ein!

Es war ein feines Blondinchen, einst auf Erden Ernstine geheißen. Wegen seiner kühlen, seidigen Locken und seiner warmbraunen Augen hatte der Rattenfänger dies Kind auf den ersten Blick besonders ins Herz geschlossen, und er hatte es deshalb auch nicht übers Herz gebracht, ihm den kleinen Ring vom Finger zu nehmen, den es durchaus nicht hergeben wollte, als man den Kindern die dürftigen Heimatsachen mit dem neuen Staat vertauschte.

So sollte sie ihn denn behalten, hatte der freundliche Zauberer gesagt. Sie dürfe ihn nur nie am Finger umdrehen, nie, nie, – auf keinen Fall!

Das sagte er ihr jeden Morgen neu, und das Kind wachte jeden Morgen mit neuer Freude an seinem kostbaren Ringelchen auf, und versprach jeden Morgen, ihn nur anzusehen und nicht zu berühren.

Es war nur ein Ring von Zinn mit einem flachen, blauen Glasstückchen aus einer Jahrmarktsbude von daheim. Aber dem Ernstinchen erschien er schöner als alles Goldgeschmeide, sie hängte ihr Herz jeden Tag neu an ihn, liebte ihn mehr als alles und wußte doch nicht, warum. Weil sie ihn so sorglich herzte, hielt das Ringchen auch undenkliche Zeit. Einmal aber geschah es doch, daß sein blauer Glasstein zerbrach. Ein Knabe hatte Ernstinchens Hand im Spiel mit einer Edelsteinkugel getroffen.

Da wollte sie, um den Knaben nicht zu kränken, ihm nicht zeigen, daß ihr schönes Ringchen verdorben war.

Um den zerbrochenen Stein zu verstecken, drehte sie es halb um. Dann drehte sie es wieder um, um heimlich den Bruch, der ihr bis ins Herz ging, zu sehen. Dann wieder nach unten, dann wieder nach oben. Und so noch einmal, zum dritten Male.

Als sie so das Ringchen zum dritten Male umgedreht hatte, geschah's.

Starr wie ein Bild von Stein stand das Kind, seine Augen groß, bang, erschrocken, geweitet.

Es fiel ihm etwas ein, aber ganz von fern, wie durch Nebel und tiefe, tiefe Dämmerung. Qualvoll, entsetzlich war das Besinnen. Seltsame Namen, Dinge tauchten auf: Schwester, Bruder, Gäßchen, Kirche. Und mehr und mehr. Der dämmergraue Schleier wurde dünner, klarer ward das Besinnen.

Mit einem furchtbaren Angstschrei breitete das Kind plötzlich seine beiden Arme aus und wimmerte mit herzzerreißendem Klang gellend:

»Mutter!«

Mutter! – Dies Wort hatte noch nie jemand im Zauberberg gesprochen. Keiner hatte es je gehört. Der lachende Kinderschwarm wußte auch nicht entfernt, was mit dem Ernstinchen los war.

Ernstinchen warf sich ins Gras und schluchzte hart und schwer:

»Mutter, Mutter! Ich will zu meiner Mutter! Ich hab' meine Mutter so lange nicht gesehn!«

Da dachten die andern, sie triebe Scherz und Unsinn, und mußten laut lachen. Die Zwerge nur waren heftig erschrocken und noch heftiger der, den sie eilends, bischpernd und flüsternd heranholten: der Rattenfänger.

Ungesäumt, mit zärtlicher Gewalt hob der das jammernde Kind vom Boden auf und trug es weit, weit fort aus der anderen Kreis.

Er saß mit ihm auf der Bank unterm hangenden Rosenbusch, er drückte sein glühendes Köpfchen ans Herz, er küßte es sanfter, als er es je geküßt hatte, auf die samtweiche Stirn.

Aber das Kind wollte und wollte sich nicht trösten lassen. Es sah die Heimat nun ganz deutlich vor seinen Blicken. Es war nun ganz erwacht. –

Es sah die Stadt mit Toren und Türmen, mit Kirchhof und Anger. Es sah den Vater und, ach, die Mutter! Die Schwesterchen, die Brüder! Es wußte, daß es lange aus der Heimat fort war, wenn auch nicht, wie lange. Die Sehnsucht riß wie brausender Sturm an ihm, und als es hörte, es könne nicht heim, da konnte sich's nicht fassen und lassen. Es sank von des Rattenfängers Schoß auf den Boden und seine Aermchen umfaßten des Mannes Knie.

Wimmernd, winselnd, mit zerdrückter Stimme flehte es: »Nach Hause! Nach Hause!«

 

Der große Kinderfreund hat sich alle Mühe gegeben, die zuckende, zitternde Kleine zu beruhigen.

Aber unfähig, zu helfen, stand er vor seines Lieblings grausamer Not, in tiefstem Erbarmen.

Die Urkraft der Erinnerung in dem kleinen Ring war stärker als sein längster und sanftester Kuß!

Wohl konnte er heilen, aber nur ganz langsam, nach und nach. Und der Kindes Not schrie so flehend um rasche Hilfe.

 

Seine treuen Zwerge berief der schmerzzerrissene Mann zu stiller Beratung. Er sagte ihnen, was er nach ernstem Ueberlegen beschlossen habe. Und die Zwerge nickten, beifällig, trauervoll und stumm.

Es gab keine andere Rettung! Wer so in die Welt verlangt, der muß freigegeben werden für die Welt.

Hier waltete ein höherer Befehl und Wille über der Macht des kühnen, feinen Zauberers. Was seinem armen Kind bereitet sein würde draußen im Leben, darüber hatte er keine Macht. Es war die Folge seines einstigen Zaubers, und seine Seele mußte es in blutigem Schmerze mitleiden, was nun geschah.

Wie sie ging und stand, mußte er die Kleine ziehen lassen. Nur das Kraut Kehrwieder durften ihr die Zwerge in die goldenen Schuhchen tun.

Falls sie freiwillig zurückverlange, solle ihr das Kraut rasch den rechten Weg zeigen.

 

Heimlich und hurtig, daß die anderen Kinder es nicht merkten, machten die Zwerge dem sehnsüchtigen Heimwehkinde die Pforte auf. Es schien nur eine der gewöhnlichen Gartenpforten. Erst wenn man draußen war, sah man, daß man in Wahrheit durch einen klaffenden Felsspalt getreten war und nun jenseits einer harten, massigen Felswand, in luftiger Höhe, in einer ganz anderen Welt, im Freien war.

Maigrünes Birkenlaub wehte weich und duftausströmend über dem Kind. Vor ihm, unter ihm, im eckigen Gestein glühten Pechnelken, flammte Ginster. Jubelnd schien die Sonne. Im weißen, flimmernden Mittagsglast lag die weitausgebreitete Ebene. Da wand sich tief drunten der Strom. Da schlug die Brücke ihren Bogen über ihn. Da, jenseits, türmte sich hoch und dicht und massig die heimische Stadt.

Dem Kind sind die Tränen der Glückseligkeit aus den Augen geflossen.

Es stieß einen Schrei des Jubels aus.

Es lief. Es lief.

Mit den leichten Schuhchen von Goldflor lief's über Steine, durch Staub, durch Hecken und Dorn. –

Da, da ging der bekannte Weg.

Nein, das war er nicht.

Vielleicht da!

Nein da! –

Manchmal lief sie ein großes Stück irre, um seltsame, unbekannte Zäune herum.

Fremde Häuser machten sie stutzig.

Die hatte sie früher nie gesehen oder nie beachtet.

Und so komisch angezogene, fremde, o wirklich schreckliche, barsche, zänkische Menschen riefen sie an.

O, nur weiter, weiter! Wer konnte denn nur auf einmal, während sie weg war, hergezogen sein?

Wenn sie nur erst die Brücke erreicht hätte.

Sie flog durch fremde Gärten und Felder, sie entkam mit ihrem schwebenden Jagen allem Rufen und Schreien.

Ueber eine hohe Mauer sprang sie an das Ufer. Nun war sie wirklich an der Brücke.

Aber Gott, o Gott, das war ja die alte Brücke nicht. Die alte war ganz einfach gewesen! Diese hatte ja ein rotes Backsteintor mit tausendfachem Zierat. Und was für Fahrzeuge, was für Menschen hasteten darüber! Was war denn los?

Ein Soldat wollte sie festhalten am backsteinernen Tor. Und nun schon ganz todwund vor Sehnsucht nach Haus, riß sie sich los. Sie flog wie ein Windhauch über die Brücke in ihrem wehenden Kleid. Ein Schwarm derber Männer schrie und johlte hinter ihr her. Eine ganze Bande Buben bildete ihr Gefolge. Ach, nur fort, fort, ins liebe, stille Heimatgäßchen, das hintere Schössergäßchen Nr. 2. Das Haus mit großen Prellsteinen vorm Einfahrtstor. – Sie irrte umher, sie fragte, sie suchte. Ganz wie verwirrt suchte sie umher.

O such', o such' es nur, dein liebes Heimathaus! Wirst's nimmermehr finden, du arme Kleine!

Ein Zusammenlauf von lachenden, schwatzenden Menschen, der sich immer mehr vergrößerte, umringte bald das vor Angst und Unruhe zitternde Kind.

Es fragte immer, immer wieder. Die Leute verstanden sie aber kaum und antworteten auch in einer ganz anders betonten Sprache. Kein einziges bekanntes Gesicht, keine vertraute Gestalt war darunter.

Als sie endlich verstanden, was die zarte Kleine fragte, lachten sie alle laut.

Das hintere Schössergäßchen war ja seit sechzig Jahren schon abgerissen! –

Stadtschreiber Lerchheimer? Den gab es in der ganzen Stadt nicht!

Nun drängten sie sich immer näher an das schluchzende Kind heran, betasteten sein feines Kleid, befühlten seine blitzenden Steine.

Die müßten echt und furchtbar wertvoll sein, erwogen sie. Aber welche komische, uralte Mode!

»Wer bist du denn? Rede doch! Wo kommst du denn her?« drängten sie.

»Ernstine Lerchheimer heiß ich! Und meine Eltern wohnen im hinteren Schössergäßchen!«

Immer wieder mußte sie es sagen.

Und endlich sagte eine uralte Frau mit staunend aufgerissenen, klugen Augen: »Aha!«

Ernstine Lerchheimer!

Von der hatte ihr ja ihre Nachbarin, die Enke Enecke, die Aelteste der Stadt, die jetzt hundertzehn Jahre alt war, immer erzählt.

Die sei mit einer Ernstine Lerchheimer auf der Schulbank gesessen.

Die Eltern der Ernstine hätten einen Amarillenbaum gehabt, so große, süße Amarillen, wie es jetzt gar nicht mehr gäbe.

Dann sei die Ernstine aber verschwunden, damals mit den vielen Kindern, die der Rattenfänger davongeführt.

Na, die alte Enecken konnte man ja mal herholen.

Und die alte Enecken kam.

Todesangst im Blick, hatte das verängstigte Ernstinchen ihr entgegen gesehen.

Das bösäugige Ding, das in der Schule neben ihr saß, hieß Enke Enecke!

O Gott! Und was da kam, auf Krücken, krumm und verhutzelt, zahnlos und zitternd, sah ihr wahrhaftig ähnlich!

Die bösen Augen waren es, die grünen, giftigen Augen!

Und die zitternde Stimme meckerte schadenfroh:

»Ernstinchen! Hi! Wo warst du denn so lange? Warst ja hundert Jahre fort! Kommst nun nach Hause und suchst deine Familie? Dein Vater ist fünfzig Jahre tot, deine Mutter sechzig Jahr tot! Deine Brüder, deine Schwestern alle tot, alle, alle längst im Grabe!

Beim Rattenfänger war sie, hi, hi, beim Rattenfänger!« zischte die scheußliche Alte rundum in die aufjohlende Menge.

Da gab's ein Gekreisch und Geschrei, wie es noch keins in der Stadt gegeben hatte.

Ueber das Kind aber kam eine entsetzliche Todesangst.

Die Worte »tot«, »alt« hatte sie im Zauberberg ganz vergessen.

O, wie furchtbar sie ihr nun ins Ohr klangen!

Ihre Eltern tot! Tot!

Ihre Geschwister tot!

Ihre Schulbankgefährtin alt, alt, hundertundzehn Jahre alt.

Ein namenloses Wehe packte sie, ein wildes Grauen vor dieser scheußlichen, hämischen, triefäugigen Frau, ein Entsetzen vor den Händen, die nach ihr griffen, vor den Stimmen, die sie umkreischten, der schauerlichen Neugierde, die nach ihren Locken, ihrem Kleide, ihrem Kettchen tastete, der Schadenfreude, die immer wieder: »Beim Rattenfänger, beim Rattenfänger!« schrie.

O Jammer, Jammer, unerträglicher Jammer!

Wirr sah sie um sich, ein Entrinnen suchend aus dem schauerlichen Kreis.

Und mit übernatürlicher Kraft schlugen ihre zarten Arme die Menschenmauer auseinander.

Ehe es jemand hindern konnte, hatte sie sich einen Weg gebahnt.

Wie ein Schmetterling flog sie ins Freie.

Wohl raste die Meute ihr nach, wohl klang's: »Haltet sie, haltet sie!« hinter ihr drein.

Aber das feine Kind in seinem weißgoldenen Kleid, in seinen weißgoldenen Florschuhen ließ sich von keinem halten.

Sie war überstark, sie hatte nur einen Gedanken:

Heim! Heim! Heim in den Zauberberg!

Zu ihren Freunden, zu dem ernstguten Mann, den treuen Zwergen und den lachenden Kindern wollte sie wieder.

Schutz suchen wollte sie dort, vorm Tod, vorm Alter, vor scheußlichen Worten, vor hämischen Gesichtern.

Und so flog sie über die Brücke durch das neue rote Ziegeltor; übers mittagsheiße Feld, den Berg hinan.

Als die Uhr auf dem alten, hohen Turme der Stadtkirche zwölf schlug, stand sie auf der Stelle, von der sie heut früh ausgegangen war, und klopfte an den Berg.

 

Herein! Herein!« riefen viele liebe, lachende Stimmen.

Die Wand tat sich auf, und nun war's wieder, als sei sie einfach durch die Gartenpforte von irgendwoher in den blühenden Schloßgarten getreten.

Die Kinder spielten dort, jagten sich, tollten, drehten sich in lieblichen Reigen.

Als sie sich sehen ließ, riefen und winkten sie alle.

Jeder wollte sie neben sich haben, sie sollte mitspielen.

Aber sie konnte nicht.

Das Entsetzen war noch in ihr, das furchtbare Entsetzen!

Auf den Rattenfänger, der des Weges dahergeschritten kam, flog sie zu.

Er hob sie auf, war zärtlich und väterlich.

Zu Tode ermattet, hing sie auf seinem Arm.

Da küßte er sie zart, so wunderbar lang und zart.

Und während des Kusses zog er ihr ganz leise den Ring, den alten Heimatring, vom Finger.

Sie merkte es wohl, aber sie ließ es lieblich lächelnd geschehen.

Er trug sie in ihr Kinderbett. Da schlief sie einen ganzen Tag und eine ganze Nacht sehr fest.

Als sie am andern Morgen erwachte, wußte sie nichts mehr von Alter und Tod, nichts von Daheim und nichts von Sehnsucht nach Vater und Mutter.

Sie lachte und spielte und sang mit den andern, ein seliges Kind.

 

Ist sie denn noch heute im Zauberberg? Sind die Kinder alle noch dort? höre ich fragen.

Ich weiß es nicht, aber fast glaube ich, nicht!

Dem Rattenfänger, dem machtvollen Zauberer, der mit Gott getrotzt hat, muß wohl einmal ein wunderbarer Tag die Erlösung gebracht haben.

An einem Ostertag, nun auch schon vor langer, langer Zeit, wollen einmal junge Abendmahlskinder aus jenem Berge einen seltsamen Zug haben treten sehen.

Ein greiser, hoher, leuchtender Mann habe eine Schar ururalter grauer Leute geführt.

Ehe die Konfirmanden sich's versahen, sei dieser Zug jedoch verschwunden.

Weiße, leuchtende, jugendschöne Gestalten, von einer noch leuchtenderen geführt, seien vor ihren Blicken empor zu den Wolken geschwebt.

Dort seien sie in Licht zerronnen.

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