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Der flammende Baum

Frida Schanz: Der flammende Baum - Kapitel 14
Quellenangabe
typefairy
authorFrida Schanz
titleDer flammende Baum
publisherVerlag Ullstein & Co
year1916
illustratorSteiner-Prag
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150408
projectida303d2df
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Rose und Schmetterling

Die Blumen hatten geblüht, einen ganzen, schönen Sommer lang, sie hatten ihre bunten Kelche in der Sonne aufgefaltet, hatten Licht und Tau getrunken, mit Schmetterlingen und Bienen gekost, sie hatten die lustigen Kinder im Garten spielen sehen und hatten endlich ihre Kelche wieder verschlossen, ihre Blättchen zusammengerollt und waren wieder hinuntergekrochen in ihr warmes Winterstübchen. Da wohnten sie nun alle still und traulich beisammen, sie hatten das warme Schneedach über sich und sollten schlafen, bis es wieder Frühling wäre.

Die Kinder gingen in den Garten hinunter, stießen einen Pfahl in die Erde und bauten einen großen Schneemann, sie setzten ihm eine Krone auf von Schnee und steckten ihm einen riesigen Eiszapfen in die Hand als Zepter. Als er fertig war, da nannten sie ihn Winterkönig; dann waren sie Soldaten, machten Kanonenkugeln von Schnee und schaffen sie einander an den Kopf oder auf den Rücken. Der Winterkönig sah mit seinen Kieselsteinaugen ganz ernsthaft zu und hielt seinen Eiszapfen aufrecht in seiner Schneefaust.

Da horchten die Blumen unter der Erde ganz sachte mit zu und wunderten sich, was es für Lärm da oben gäbe. Sie flüsterten miteinander, und die alte braune Malve, die steif in der Mitte sah und schon halb eingenickt war, guckte sich ganz grämlich um und murmelte: »So schlaft doch, was gibt's denn da noch zu schwatzen, kann man kein bißchen Ruhe haben?«

Die Blumen waren wieder still, bis sie dachten, daß die Malve eingeschlafen wäre. Da begannen sie wieder zu flüstern, und ein kleines Aurikelchen sagte, indem es sich sein Samtspenzerchen glattstrich:

»Ach, wenn es doch wieder Frühling wäre und die Schmetterlinge wieder flögen und die Vögel sängen, ach, und die liebe Sonne wieder warm schiene!«

»Ja,« sagte eine bunte Tulpe, »es gibt nichts Langweiligeres, als so lange in der Erde zu schlafen. Wie freue ich mich, wenn die Sonne wieder auf mein buntes Röckchen scheint. Sehe ich nicht ganz allerliebst aus in meinem bunten Röckchen?«

»Was habt ihr für Sehnsucht nach der Sonne,« rief eine Sonnenrose ganz entrüstet, »seht mich doch an, ich bin doch auch eine Sonne. Wie goldgelb schimmern meine großen, glatten Blätter, man kann sie wirklich für Sonnenstrahlen halten!«

»Was die alte Närrin eitel ist,« flüsterte eine spanische Wicke ihrer Nachbarin, einer Kressenblüte, zu, indem sie sich bemühte, in dem runden, glänzenden Kressenblatt, wie in einem Spiegel, ihr rot und weißes Gesichtchen zu besehen.

»Ich möchte doch gar zu gern wissen,« rief ein junges Röschen, das erst einen Sommer alt war, »wie es jetzt auf den Gartenbeeten da oben aussieht.«

»Was so ein kleines dummes Ding nicht alles wissen möchte,« sagte die braune Malve, die von dem Gespräch der Blumen von neuem erwacht war. »Was kümmert's uns, wie es im Winter da oben aussieht. Jetzt schlaft und haltet Ruhe.«

Röschen war ganz rot geworden bei dieser Strafpredigt; es schwieg still, senkte sein Köpfchen, als ob es schlafen wollte, aber es hörte dabei auf jedes Wort, das ihre Schwestern flüsterten.

»Hört,« sagte eine Aster, »ich will euch etwas vom Winter erzählen, ich habe ihn einmal von weitem gesehen, als ich mich im Gespräch mit einem Rotkehlchen oben etwas verspätet hatte. Hu, da kam auf einmal ein großer, schneeweißer Riese durch die Luft gesaust, der hatte einen weiten flatternden Mantel an, aus seinem Munde blies er einen eiskalten Sturm über die Erde hin, daß alles erstarrte; einen Sack hielt er in der Hand, daraus nahm er ein weißes, kaltes Gestöber und Eisstücken, die schleuderte er herunter; seht, hier an diesem Blättchen könnt ihr noch die Narbe sehen, wo so ein Eisstück mich getroffen hat. Aber die Kinder kamen lustig gesprungen, als sie den Winter sahen, schleppten einen Schlitten herbei und riefen jauchzend: »Juchhe, der Winter ist da, Schnee, Schnee!«

»Hu, ich fürchte mich, wer wird denn so etwas im Finstern erzählen,« sagte ein Windenglöckchen, indem es an seinem feinen Stiele zu zittern begann.

»Glaubt's nicht, daß der Winter gar so grimmig ist,« fiel ein Schneeglöckchen ein, »ich kenne ihn auch ein bißchen und habe oft ein Zipfelchen von seinem weißen Mantel gesehen, wenn ich mein Köpfchen, als Blumenherold, zuerst aus der Erde hervorstreckte.«

»Ich will euch was vom Winter erzählen,« sagte ein Veilchen, »ich habe ihn auch einmal gesehen.«

»Ach ja, Veilchen!« riefen die Blumen alle, »du kannst so hübsch erzählen, bitte, erzähle uns vom Winter recht was zum Fürchten.«

»Daß einem die Haare zu Berge stehen,« sagte die Braut in Haaren.

»Ich höre gar nicht hin, ihr wißt, daß ich so furchtsam bin,« sagte das Windenglöckchen, indem es sich mit ein paar großen Blättern die Ohren zuhielt.

»So hört,« sagte das Veilchen, »ich war auch einmal neugierig, den Winter zu sehen, als ich noch ein kleines, dummes Knöspchen war. Da schlüpfte ich einst in der Nacht, wo wir schlafen sollten, davon und machte mich heimlich auf den Weg nach dem Gartenbeet. Die Erde war förmlich steinhart gefroren, aber ich fand einen Gang, wo im Sommer ein Nelkenstock in der Erde gesteckt hatte, da kam ich ganz gut ans Licht herauf. Ach, was für ein blendender Glanz strömte mir entgegen, als ich mein Köpfchen emporstreckte. Zuerst sah ich die Bäume über und über voll silberner Blüten, so fein, so zart, so schön wie keine von uns allen, aber wie ich mich umsah. da sah ich, daß alle Beete und Wege und die Lauben und die kleinen Marmorengelchen, ihr wißt, die am Springbrunnen stehen, kurzum, daß alles mit diesen schönen kristallenen Blüten bedeckt war. Vom Laubendach hingen glänzende Zacken herunter, die schimmerten wie Glas und Gold. Oben am Himmel stand aber die Sonne, und wie sie ihre Strahlen niedergleiten ließ, da funkelten und flimmerten die Silberblüten und die Zacken am Laubendach, daß ich kaum in den Glanz hineinsehen konnte. Und plötzlich sah ich den Winter durch den Garten kommen, der hatte eine gläserne Krone auf und ein silbernes Zepter in der Hand; er hatte einen Mantel um, aus Kristallblumen gewebt, und indem er dahin schritt, da stäubten die Kristallblumen von seinem Mantel und wehten durch die Luft. Auf einmal klangen Glöckchen, und ich sah die Kinder kommen, die hatten einen Schlitten, darin saß ein hübsches Mädchen, sechs Jungen waren angespannt und hatten sich mit Schellenglöckchen behängen. Einer saß hinten auf der Pritsche, der schwang seine Peitsche und schrie »Heisa, heisa, es lebe der Winter!« Ich kroch schnell in das Erdloch hinein, denn ich dachte, die Kinder könnten auf mein Köpfchen treten; da merkte ich aber erst, daß ich ganz steif und kalt geworden war, ich huschte schnell wieder hinunter in mein Bettchen. Nun, ist meine Geschichte nicht hübsch?« Das Veilchen sah sich um, aber da waren die Blumen eingeschlafen, keine antwortete ihr. »Kommt mir nur wieder mit Geschichtenerzählen,« murmelte das Veilchen ganz ärgerlich und machte sich nun auch zum Schlafen zurecht.

»Veilchen,« rief plötzlich eine feine Stimme, »liebes Veilchen, ich möchte auch den Winter sehen.«

»Ach, Röschen, sei doch nicht so kindisch,« sagte Veilchen, »du in deinem dünnen Sommerkleidchen, du müßtest ja gleich erfrieren.«

Röschen besah ihr Kleidchen, es war wirklich von dünnem Flor. »Veilchen, Veilchen,« sagte sie, »erzähle mir nur noch ein bißchen vom Winter, ich höre es gar zu gern.«

Aber Veilchen antwortete nicht. Es schlief auch schon. Alle Blumen schliefen, außer Röschen, und Röschen konnte nicht schlafen. Es dachte immer an den Winter und wollte gar zu gern die kristallenen Schneeblüten sehen, von denen Veilchen erzählt.

»Ich habe ja meinen grünen Moosmantel,« dachte es, »den ziehe ich über den Kopf, und so schleiche ich einmal hinauf, gucke mir den Winter an und lege mich dann wieder schlafen.«

So stand es ganz sachte auf, schlich an ihren schlafenden Schwestern vorbei und kam glücklich aus dem Schlafstübchen hinaus. Nun ging es immer weiter, plötzlich sah es etwas von fern schimmern, und als es näher kam, da fand es einen schönen schlafenden Schmetterling mit goldgeränderten Flügeln.

Röschen streifte im Vorbeigehen mit seinem Kleidchen an den Fühlhörnern des Schmetterlings an; davon erwachte dieser und fragte: »Wer ist denn da?«

»Ich bin es,« sagte das Röschen, schlug seinen grünen Moosmantel auseinander. Da erkannte der Schmetterling das Röschen, richtete sich schlaftrunken in die Höhe und putzte die Erde von seinen bunten Flügeln ab.

Röschen erzählte dem Schmetterling ganz leise, was es vorhabe, und der Schmetterling sagte: »Willst du mich mitnehmen, Röschen? Ich möchte auch gern einmal den Winter sehen!«

Da freute sich Röschen, denn es reiste nicht gern ganz allein.

Sie gingen beide zusammen, und der Schmetterling wußte einen bequemen Weg durch ein Erdmausloch.

»Nun sind wir gleich da,« sagte der Schmetterling. Röschen konnte es kaum erwarten, lief immer voraus und klatschte vor Freude in die Hände, als es einen blendenden Lichtschimmer durch das Mauseloch dringen sah. Ein scharfer Luftzug drang ihnen entgegen, aber Röschen fühlte vor lauter Freude die Kälte nicht, machte einen Sprung, und da standen beide oben im Schnee.

»Hu, hu, hu, wie kalt!« sagte Schmetterling, indem seine Flügel aneinanderklapperten.

»Ach, wie schön, wie schön!« jauchzte Röschen.

Ueber dem Garten stand gerade der Vollmond. Es hatte den ganzen Tag geschneit; nun war die Luft still und klar.

»Siehst du die Silberblüten an den Bäumen?« fragte Röschen. »Ach wie schön, alles flimmert und blitzt! Siehst du dort den Winter stehen in seiner gläsernen Krone, mit dem gläsernen Zepter? Sieh, jetzt stäuben die Kristallfunken von seinem weißen Mantel. Sie tanzen in der Luft herum, wie silberne Mücken.«

Röschen meinte nämlich den großen Schneemann, der den Eiszapfen in der Hand hatte. Aber der Schmetterling guckte gar nicht hin, er hob immer ein Beinchen ums andere in die Höhe und sagte: »Komm, Röschen, laß uns umkehren, es ist gar so kalt.«

Aber Röschen konnte sich an des Winters Herrlichkeit nicht satt sehen, es wand sich ein Kränzchen von Schneeblüten und setzte ihn auf sein Köpfchen.

»Sehe ich nicht aus wie eine Prinzessin?« fragte sie den Schmetterling.

Dieser rieb seine Flügel aneinander und sagte: »Ja, Röschen, wie eine wirkliche Prinzessin, aber nun wollen wir umkehren.«

Röschen aber trippelte immer weiter, sie fühlte vor lauter Lust nicht, daß ihre Händchen und Füßchen starr und kalt wurden.

»Sieh, Schmetterling.« sagte sie, »dort ist ein großes Haus, da wohnen die Kinder drin, die im Sommer im Garten spielen.«

Indem Röschen sprach, wurden aber plötzlich die Fenster im Hause hell, und sie hörten das fröhliche Jauchzen der Kinder und sahen den Glanz von vielen Lichtern in die Nacht Hinausschimmern.

»Ach.« sagte Röschen, »wenn ich fliegen könnte, so flöge ich hinauf und guckte in die Fenster hinein zu den lustigen Kindern.«

Der Schmetterling sagte: »Wenn du willst, so trage ich dich hinauf: setze dich zwischen meine Flügel und halte dich an meinen Fühlhörnern fest.«

»Du lieber Schmetterling, wie gut du bist!« sagte Röschen und setzte sich wie eine kleine Reiterin auf des Schmetterlings Rücken. So flogen sie hinauf an eines der hellen Fenster: da stieg Röschen ab, und beide guckten zwischen den Eisblumen, die an den Scheiben waren, in den erleuchteten Saal hinein.

Da stand in der Mitte der Christbaum mit goldenen Früchten beladen, und auf jedem Zweige hielt er ein flammendes Licht. Die Kinder sprangen jauchzend umher und hielten die Geschenke in der Hand, die unterm Baum gelegen hatten.

»Ist das nicht schön?« fragte Röschen.

»Ja,« sagte der Schmetterling, »aber hier am Fenster ist ein Wald von Eisblumen, und ich friere, ach, ich friere.«

»Nur noch ein Weilchen laß uns gucken,« sagte Röschen.

»Nun,« sagte der Schmetterling, »so gucke du, ich mache meine Augen zu, denn ich bin wieder müde; wenn du fort willst, so magst du mich wecken.«

Röschen stand lange noch neben dem Schmetterling; da kam aber plötzlich der Wind geweht, blies Röschens Moosmantel auseinander und wehte den Schneeblütenkranz von seinem Köpfchen.

Sie fing an zu zittern, und ihre roten Bäckchen wurden blaß.

»Schmetterling.« rief sie, »nun komm, wir wollen herunterfliegen, ich friere auch.«

Aber der Schmetterling schlief und antwortete nicht. Da zupfte ihn Röschen am Flügel und bat schön, er solle doch aufwachen und mit ihm nach Hause gehen. Aber der Schmetterling hörte nicht. Röschen fing an zu weinen und setzte sich neben den Schmetterling, streichelte seine bunten Flügel und sagte: »Bist du tot, lieber Schmetterling?«

Der Morgenwind blies immer schärfer, der Schnee fiel von neuem, und der Mond hatte sich hinter einer Wolke versteckt. Nun löschten die Kinder die Lichter im Saal aus, trugen ihr Spielzeug fort und schickten sich an, in die Christmette zu gehen.

»Es schneit wieder,« sagte das kleine Mädchen und machte das Fenster auf, um hinauszugucken.

Da lag ein bunter Schmetterling und ein Röschen. Der Schnee hatte sie mit einem feinen Silber bestreut. Der Schmetterling und Röschen waren tot. Röschens Wänglein waren blaß, und ein gefrorenes Tränchen hing wie eine Tauperle daran.

Das Mädchen nahm sie in ihre kleine, warme Hand, küßte sie mit ihrem roten Mündchen, und als sie beide sich nicht rührten, da holte sie ein Kästchen, legte Rose und Schmetterling hinein und stellte es in ihr Schränkchen.

So blieben sie beisammen, und das Kind freute sich an dem seltenen Weihnachtsfund. Es hob sie lange Jahre auf, und als es schon ein erwachsenes Mädchen war, da lagen Röschen und Schmetterling noch immer still beisammen und schliefen.

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