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Der Finanzer

Arthur Achleitner: Der Finanzer - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorArthur Achleitner
titleDer Finanzer
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik - Erster Band
publisherMax Hesses Verlag
editorW. Lennemann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20071209
projectidfeabbf14
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II.

Nur nichts übereilen. Das war ein Grundsatz, nach welchem Respizient Eiselt lebte, amtete und sich wohl dabei befand, so daß die Uniform anfing knapp zu werden. Witzelten doch die Aufseher unter sich, Eiselt sei jetzt schon mit Rücksicht auf seine Körperfülle reif für eine Versetzung in ein »Riesenamt«. Bei aller körperlicher Behäbigkeit verstand der Respizient aber doch, seinem Personal den Dienst sauer zu machen, insofern er auf die strengste Einhaltung der im Dienstbefehl vorgeschriebenen Streifungen und dergleichen bestand. Gelegentlich brachte er wohl auch das Opfer, seine Leute zu kontrollieren, wenn es die Witterung erlaubte. Eiselt scheute aber große Hitze ebenso wie den Regen und war der Anschauung, das man sich für ein Tagegeld von hundertfünfundsechzig Kreuzern keineswegs eine Lungenentzündung zu holen brauche.

Als Lergetbohrer von der Nachtpatrouille auf See mit der ermüdeten und erschöpften Mannschaft in der Kaserne eingerückt war, gedachte er bei allem Ruhebedürfnisse doch sogleich der Notwendigkeit einer Hausdurchsuchung auf Grund der gestrigen Entdeckung, und bat diensteifrig, es möge der Respizient doch sofort die nötige oberbehördliche Erlaubnis zur Vornahme einer Durchsuchung jenes verdächtigen Hauses erwirken.

Die Antwort lautete gemütvoll: »Jetzt legen S' Ihnen schlafen!«

Anton starrt den Vorgesetzten ungläubig an; wenn die Durchsuchung nicht binnen wenigen Stunden erfolgt, wird die Finanzwache wieder einmal das Nachsehen haben und die von Lergetbohrer infolge seiner Achtsamkeit gemachte Entdeckung zwecklos sein und bleiben. Schon wollte der Oberaufseher sagen, wie er über das ganze dienstliche Gebaren denkt, welches eine ewige Rüge wegen erfolgloser Streifen bildet und ein Zugreifen in hochverdächtigen Fällen hinausschiebt, doch kämpft Lergetbohrer die bitteren Bemerkungen nieder und begibt sich zur wohlverdienten Ruhe.

Der Respizient begann seine Amtstätigkeit in der Kanzlei mit der aufmerksamen Lektüre des Morgenblattes, die ein Stündchen verschlingt. Dann wurden Bleistifte gespitzt und wieder abgebrochen, hernach seufzend ob der Ueberlast schwerer Dienstgeschäfte der Turnus für neue Streifungen der Finanzwache entworfen. Diese Arbeit währt bis zur Marendzeit (marenda = Frühstück), an die ihn ein gewisses Leergefühl des Magens gemahnt. Wieder tönt ein Seufzen durch die Kanzlei, das von Gedanken an den kleinen Gehalt und an die Unmöglichkeit eines Frühschoppens begleitet ist. Eiselt greift zum weitverbreiteten Beamtenmittel der Magentäuschung: er raucht aus der kurzen Pfeife eine Handvoll Kommißtabak. Bald umhüllen dichte Rauchwolken den Beamten, es qualmt in der Kanzlei. Der Respizient glättet einen Aktenumschlag und überlegt, ob er heute schon sich in den Inhalt dieses Aktes versenken oder ob er dies erst morgen tun soll. In dieser Beschäftigung stört ihn ein Wachmann mit der Meldung: Der Herr Kommissär lasse sagen, daß er dienstlich verreise auf zwei Tage und daß in besonders wichtigen Fällen eine etwaige Verfügungserlaubnis telegraphisch von der Bezirksdirektion in Feldkirch zu erwirken sei. Eiselt knurrt etwas und der Wachmann verläßt die Kanzlei. Zwei Tage also wäre die Katze aus dem Hause. Der Akt wandert zu dem Berg angehäufter Restanten; drei Tage beschaulicher Ruhe sind ihm jetzt sicher, und auch noch einige andere Genossen teilen dieses Schicksal, wasmaßen nichts übereilt werden solle. Im Bewußtsein, daß der allzeit bewegliche Kommissär heute nicht mehr zu befürchten ist, will Eiselt schon um elf Uhr Mittagspause machen, doch hindert ihn Lergetbohrer am Weggehen durch das dringende Ersuchen, den Vorfall vom gestrigen Abend dienstlich zu verfolgen.

»Was wollen S' denn wieder? Wer weiß, ob Sie nicht die ganze Geschichte geträumt haben? Ein Kranker schwärzt ja nicht!«

Anton verwies auf den Diensteid und wurde immer dringlicher, »Sie haben die ganze Verantwortung zu tragen!« fügte er bei.

»Das eben will ich nicht! Der Kommissär ist verreist, es darf daher nichts übereilt werden!«

»Wird die Haussuchung nicht sofort durchgeführt, morgen wird sie zwecklos sein! Sie werden sicherlich wegen Unterlassung zur Verantwortung gezogen werden!«

»Aber ich bitt' Ihnen! Unser Chef ist verreist, eine Oberbehörde haben wir nicht in Bregenz! Die Vornahme einer Hausdurchsuchung ist eine umständliche Sache! Alle verfügbare Mannschaft müßte zur Hausumstellung aufgeboten werden, und derweil wir dort herumstöbern, wird draußen geschmuggelt! Der Außendienst ist die Hauptsache!«

Dabei blieb es. Lergetbohrer beschloß, bei Wüsteler sein bescheidenes Mittagsmahl einzunehmen. So stapfte er denn mit Flock dorthin. Ein Tischchen am Zaun des Wirtsgartens und hübsch schattig ist frei, und hier nimmt Lergetbohrer Platz. Flock, der Rattler, jedoch unternimmt nach der Hundegewohnheit eine Rekognoszierung nach Knochenabfällen im Wirtsgarten. Anton hat den Blick auf die rückwärtige Front des Wirtsgartens und das daranstoßende Nebengebäude, welches dem Kaffeeschänker Merkle gehört, Wein und Kaffee sind also hier enge Nachbarn.

Mit der Bedienung eilt es bei Wüsteler nicht; Anton muß warten, bis er nach seinen Wünschen gefragt wird.

Die bildsaubere Tochter des Weinwirtes bedient die Gäste mit sichtlicher Aufmerksamkeit, plaudert auch hier und da ein vertraulich Wort, nur für den in Uniform geduldig harrenden Finanzer hat sie keinen Blick.

Anton läßt sich das Warten nicht verdrießen und studiert die Fassaden der Rückfronten beider Häuser, obwohl nichts Besonderes wahrzunehmen ist.

Endlich wird Anton von der nun doch herangetretenen Wirtstochter nach seinen Wünschen gefragt, schnippisch und geringschätzig.

Der Oberaufseher fühlt diese Mißachtung sogleich, ignoriert sie aber und gibt Bescheid.

Zenzele entfernt sich mit spöttisch verzogenen Lippen. Das gibt dem an einem Stammtisch sitzenden Cafetier Merkle, den Anton gestern schon mit der Wirtstochter in der Laube gesehen, Veranlassung, mit den Zechgenossen sogleich ein Gespräch über die »angenehme« Finanzwache und deren Schnüffeleien zu beginnen.

Der junge M. krähte, daß es ein Elend sei in jeder Beziehung, für die »Grünen« wie für die schikanierte Bevölkerung, der noch in den Magen gesehen wird, um herauszubringen, was einer gegessen habe. Die Zecher schielten nach dem Finanzer, und als sie merkten, daß Anton in keiner Weise auf den Hohn reagierte, lachten sie verständnisinnig. Der Beifall machte den Kaffeebräuer kühn, der junge Mann meckerte in Fisteltönen den ebenso alten als unwahren Volksreim: »Wer nichts taugt und wer nichts kann, geht zur Finanz oder Eisenbahn!«

Lergetbohrer hörte jedes Wort, doch verhielt er sich, als wäre er taub. Absichtlich widmete er seine Aufmerksamkeit jenen Hausfassaden. Als endlich Zenzele das bestellte »Gröstel« (geröstetes Rindfleisch mit Schmorkartoffeln) und das Viertele Rotwein auf den Tisch gestellt und sich sofort wieder an den Stammtisch begeben hatte, aß Anton das frugale Mahl, zu dem sich auch Flock wieder einfand und aufmerksam seinen Herrn anguckte.

Merkle krähte weiter: »Na, Zenzele, was isch Ihre Meinung?«

»Wovon haben die Herren denn gesprochen?«

»Nichts von Bedeutung, bloß von den Gückslern!« lachte der junge Mann und zwinkerte mit den Augen nach dem essenden Finanzer hinüber.

Hochmütig äußerte Zenzi: »Ach die! Na, da muß ich schon sagen, der mindest Handwerker, und wär' er auch nur ein Vogelträger, Der Handlanger, welcher dem Maurer den Mörtel auf einem Brett mit zwei auf den Schultern getragenen Armen zuträgt, wird, weil dieses Brett in Vorarlberg »Vogel« heißt, »Vogelträger genannt. In Innsbruck nennt man dieses Werkzeug »Mörtelschwalbe« (Sander). gilt mir mehr!«

Die Stammgäste gröhlten vor Vergnügen über diese, die tiefste Geringschätzung kündende Äußerung, und Merkle meckerte insbesondere: »Vogelträger isch guet! Zenzele, noch ein Vierschtele auf diesen Spaß!«

Die schmucke Wirtstochter griff nach den leeren Fläschchen, und geschäftskundig munterte sie auch die anderen Zecher zu weiterer Bestellung an: »Nun, trinken die Herren auch noch ein Vierschtele?«

Die Stammgäste lachten: »Wir haben's ja, und Vogelträger sind wir nicht!« Wer noch nicht leer hatte, trank rasch aus, und Zenzi nahm die Fläschchen an sich.

Als sie vom Tische wegtreten wollte, trat sie den vor ihr stehenden Rattler Flock auf ein Läufchen, und schmerzgepeinigt heulte das Hündchen ganz fürchterlich. Zornig stieß das Mädchen mit einem Fuß nach dem Tier und rief: »Ach was! Die Hunde gehören nicht ins Wirtshaus!«

Bislang war der dem Cafetier gehörende Leonberger Hund ruhig unter dem Stuhl seines Herrn gelegen; das Heulen des Rattlers riß den großen Hund aus der beschaulichen Ruhe, und als gar die Wirtstochter nach dem Rattler stieß, da mischte sich der Leonberger in die Sache, faßte den kleinen Flock bei einem Läufchen und biß es knirschend durch. Man konnte das Krachen des gebrochenen Knochens hören.

Einige der Zecher lachten: »Eine richtige Hundskomödie!«

Zornig fuhr Lergetbohrer auf, ergriff von einem der Nachbartische einen eisernen Zeitungshalter, an dem eine zerlesene alte Zeitung flatterte, und schlug damit auf den Leonberger ein, der nun von dem Rattler abließ und zu seinem Herrn flüchten wollte. Doch Anton hatte die bissige Bestie fest am Halsband ergriffen und bläute sie durch, daß nun auch der Leonberger zu heulen begann.

Das ging dem Merkle über die Hutschnur, und grimmig schrie er den Oberaufseher an: »Herr, das isch mein Hund!«

»Das ist mir Wurscht! Die Bestie hat dem armen Kleinen ein Läufl durchgebissen! Solche Bestien sollen Beißkörbe tragen und gehören in kein Wirtshaus!«

»Ich kann meinen Hund mitnehmen, wohin ich will!« krähte fistelnd vor Erregung der Cafetier. »Lassen Sie meinen Hund los! Niemand hat ein Recht zu schlagen, niemand, hören Sie, niemand, am allerwenigsten ein Finanzer!«

Noch ein wuchtiger Hieb auf den Hund, dann war der Zorn Lergetbohrers verraucht, Anton gab die Bestie frei, welche sich sofort winselnd unter den Stuhl ihres Herrn verkroch, Merkle zeterte über Unverschämtheit und schwur, selbe bei den höchsten Behörden anzuzeigen und Strafantrag stellen zu wollen. »Die Landesdirektion wird Ihnen schon den Standpunkt klar machen, Sie Finanzer, Sie!«

Anton erwiderte nun gelassen ruhig: »Wie's beliebt! Vielleicht genügt es Ihnen aber schon, wenn der Herr Finanzwachkommissär zu Ihnen kommt!«

Die Wandlung in Merkles Verhalten war augenfällig; wie erschreckt stotterte er: »Wie, was? Was wollen Sie damit sagen?« »Nicht mehr als ich gesagt habe. Im übrigen werde ich den Vorfall wie vorhin die Berufsbeleidigung zur amtlichen Anzeige bringen, damit Ihnen die verlangte Genugtuung wird!«

Diese Worte hatten eine überraschende Wirkung. Von sämtlichen Stammgästen wartete keiner auf die Füllung der Weinflaschen, jeder hatte es eilig, zum Mittagsmahle zu kommen; der Garten war plötzlich leer. Auch Merkle pfiff seinem Hunde und entfernte sich in sein Haus.

Anton warf ihm einen spöttischen Blick nach und griff nun den armen Flock auf, der vor Schmerzen winselte.

»Armer Kleiner! Dir ist übel mitgespielt worden!« tröstete Anton und nahm das Hündchen in seine Arme.

Zenzele schien den Vorfall durch ein Fenster beobachtet zu haben; sie kam plötzlich herausgelaufen und jammerte über das Unglück. »Ganz gewiß hab' ich's nicht absichtlich getan, Herr Oberaufseher, gewiß und heilig nicht! Es war ein Versehen! Und nur im ersten Ärger hab' ich mit dem Fuß nach dem Hundele gestoßen! O, wie mich das reut! Ein Schandvieh, der Leo! Gleich so wild zu beißen! Geben Sie mir das Hundele! Armer Kleiner! Wie heißt das liebe Hundele?«

Erstaunt gab Anton zur Antwort: »Flock heißt er!« und ehe er sich dessen versah, hatte das Mädchen den Rattler in den Armen und liebkoste das Hündchen, welches sich zutraulich an Zenzi anschmiegte. »Armes Hundele! Ich tu' es gewiß nimmer! Nein, kleiner, lieber Flock! Das Füßle werden wir jetzt verbinden, und der kleine Flock bleibt beim Fraule, bis das Füßle wieder heil isch!« Lergetbohrer traute seinen Augen und Ohren nicht.

»Jawohl, Herr Oberaufseher! Gel, Sie erlauben schon! Sie können in Uniform ja doch nicht das kranke Hundele heimtragen; nein, das geht nicht! Laufen kann der kleine Flock aber nicht, also bleibt er bei mir in der Pfleg', und ich werd' ihn auskurieren! Isch der Flock wieder gesund, kann er wieder zum Herrle heim! Derweil bleibt der Flock aber beim Fraule, und das Hundle darf im Fraulebettle liegen! Magst, Flock?«

Das Hündchen tat, als hätte es jedes Wort verstanden, blickte das Mädchen klug an und drückte das Köpfchen an Zenzeles Busen.

»Ja, wenn Fräulein Zenzi wirklich so gut sein wollen?«

»Aber freilich! Das isch ja meine Pflicht! Ich bin an all dem Unheil schuld, also muß ich auch aufkommen, daß das Hundele wieder heil und gesund wird!«

»Schönen Dank im voraus! Ich kann in Uniform wirklich den Hund nicht heimtragen! Doch komme ich in Zivil des Abends und hole den Flock! Seien Sie also so gut und pflegen Sie das Hundele bis zum Abend! Was bin ich für die Zeche schuldig?«

»Ach, Sie kommen ja doch wieder! Ich will jetzt den kleinen Flock ins Bett legen und sein Läufle verbinden!«

Und eilig trug Zenzi das Hündchen ins Haus hinein.

Irre an sich und dem Mädchen geworden, entfernte sich Anton.

In der Kaserne angelangt, wurde Anton mitgeteilt, daß der Respizient ihn zu sprechen wünsche. Und der Inhalt der dienstlichen Unterhaltung war nicht eben erbaulich. Vorwürfe und immer wieder Vorwürfe über die Ergebnislosigkeit der Streifungen. Der Vorgesetzte war bemüht dem Oberaufseher recht klar vor Augen zu führen, daß die »Schlamperei im Dienst« ein Ende haben müsse, nur fügte er nicht bei, wie die Änderung erzielt werden konnte. Dabei verfehlte der Respizient nicht, seine Würde wie seine unermüdliche Tätigkeit zu betonen und den Rangunterschied fühlen zu lassen, der allerdings durchaus nicht bedeutend ist, denn nach Ablauf der vorgeschriebenen Dienstjahre und bei guter Führung muß der Oberaufseher auch Respizient werden und im Tagegeld vorrücken. Ein Respizient hat 1.65 fl. tägliche Gage, ein Oberaufseher 1.35 fl., ein Aufseher 1.10 fl.ö.W.

Die unerquickliche Szene endete mit der Mitteilung, daß Lergetbohrer am selben Abend Revisionsdienst im Hafen bei Ankunft der fahrplanmäßigen Dampfer zu leisten habe.

Gern hätte Anton seinen Flock heimgeholt, doch die Zeit erlaubte das nicht. So stand der Oberaufseher denn am Eingang der Revisionshalle, welche die Verbindung des Landungssteges mit dem Perron des Hafenbahnhofes bildet, und harrte der Ankunft des Dampfers von Rorschach. Bleiern und dunstig lag der See, die Hitze war arg, von Abendkühle nichts zu merken.

Müde und schläfrig standen die anderen zum Revisionsdienst kommandierten Finanzer in der Halle, die geliebte Pfeife vermissend, denn im Revisionsdienst darf nicht geraucht werden.

Aus der Dunstschicht, die über dem See lag, löste sich endlich der fällige Dampfer ab und näherte sich, scheinbar im Schneckentempo, der Hafenstadt Bregenz.

Anton blieb am Halleneingang, bis der Dampfer festgemacht war und die Reisenden das Schiff zu verlassen sich anschickten. Unwillkürlich blieb sein Blick auf einer hohen Frauengestalt haften, die in vornehmer Ruhe auf dem Verdeck erster Klasse wartete, bis das Gedränge zum Landungssteg nachlassen werde. Die Dame trug einen festgeschlossenen Staubmantel, scheint also gegen die tropische Hitze unempfindlich zu sein.

Schon treten die ersten Reisenden in die Halle und legen ihre Effekten auf die Revisionsrampe. Anton winkt den beiden Aufsehern, die Amtshandlung ohne ihn vorzunehmen; ihn interessiert dienstlich jene Dame, die ohne Begleitung, auch ohne Handgepäck endlich das Schiff verläßt und langsam, mit steifen Schritten, den Steg betritt.

In nächster Nähe Antons stehen einige jüngere Bregenzer Bürger, die zum Zeitvertreib und Feierabend sich die Landung des Schweizer Schiffes ansehen. Einer davon murmelte mit unverkennbarem Spott: »Nomma! (ich weiß nicht wie!) Isch das nit wieder'm Götzele sei Weible? A wech Weible! (wech = schmuck, zierlich, schön gekleidet.) Aber en Gang hat sie schützli (gar sehr, überaus) steif!«

In der Tat rauschte die Dame ungemein steif heran und nahm sich gar nicht die Mühe, das Kleid aufzunehmen, sie zog die Schleppe unbekümmert durch den Staub und hielt lässig den Sonnenschirm in der Rechten.

Lergetbohrer hatte jedes Wort vernommen und kombinierte blitzschnell: Gößele ist der erste Juwelier und Goldschmied in der Stadt; die Frau fährt also des öfteren zwischen Österreich und der Schweiz hin und her. Tatsächlich kommt die Dame auffallend steif heran. Anton läßt die Frau vorbeigehen, folgt ihr aber sofort. Ohne Handgepäck braucht sie sich den Revisionsorganen nicht zu stellen; sie geht an ihnen vorüber und wendet sich nun etwas hastig im Vergleich zur früheren Steifheit, dem nach der Stadt führenden Ausgang zu.

Lergetbohrer hat den plötzlichen Wechsel im Verhalten wahrgenommen; der Verdacht ist wachgerufen. Kaum noch hatte die Dame den Ausgang erreicht, als der Oberaufseher auch schon an ihrer Seite stand und sie bat, gefälligst in die Kanzlei sich bemühen zu wollen.

Das heftige Erschrecken, dann der Protest gegen die Anhaltung und Verdächtigung bestärkt Anton, auf der Sistierung zu beharren.

Die Frau ruft um Hilfe, schwört, daß sie nichts Steuerbares an sich habe und zetert über Vergewaltigung, die sich um so mehr rächen werde, als sie die Frau eines angesehenen Bürgers von Bregenz sei.

Anton bleibt kühlhöflich und frägt: »Ihr Name ist Frau Götzele?«

»Woher wissen Sie das?«

»Ihr Gemahl hat ein Juwelier- und Goldschmiedgeschäft?«

»Das brauchen Sie nicht zu wissen!«

»Das genügt! Bitte, bemühen Sie sich in das Amtslokal! Die nötige Untersuchung wird eine vereidete Frauensperson vornehmen, falls Sie nicht vorziehen, die mitgeführten Waren freiwillig herauszugeben!«

»Ich schwöre Ihnen, ich habe nichts Zollpflichtiges bei mir!«

»Ihre Schweizer Uhren und Schmucksachen sind zollpflichtig!«

Die Dame wechselte die Farbe, starrte den Finanzer an und ergab sich dann dem Schicksal.

Der Vorfall hatte natürlich Aufsehen erregt, wiewohl Sistierungen nichts Seltenes sind in Revisionshallen. Lergetbohrer geleitete die jetzt gefügig gewordene Dame in das Amtslokal und bot ihr einen Stuhl an, den die Frau aber ablehnte.

»Wie Sie wünschen, gnä' Frau! Ich glaube selbst, daß durch ein Niedersetzen einige Uhren zerbrochen werden könnten!« meinte der Oberaufseher und ließ die Revisionsfrau holen.

Frau Götzele war schier außer sich, sie jammerte verzweifelnd und flehte um Rücksicht und Freilassung.

»Bedaure! Der Dienst ist unerbittlich! Wenn genehm, können wir Ihren Herrn Gemahl verständigen! Das wird sich um so mehr empfehlen, als gnä' Frau ja doch den Zoll- und Strafbetrag kaum bei sich haben werden!«

»Großer Gott! Wieviel kann denn die Geschichte kosten?« rief die Frau aus.

»Das kommt darauf an, wieviel an Uhren und Schmuckgegenständen Sie bei sich haben!«

Die Dame versuchte es nun, durch Versprechungen loszukommen; sie bot die Hälfte der Konterbande an, gelobte dem Finanzer einhundert Gulden extra zu zahlen und gestand, daß sie sechzig Uhren, vier goldene Armbänder und sechs Ringe bei sich eingenäht habe.

Anton schmunzelte bei diesem Eingeständnis; diesmal ist seiner scharfen Beobachtungsgabe und raschen Kombination ein guter Fang gelungen. Den Bestechungsversuch ignorierend, gab er bekannt, daß die verkürzte Zollgebühr annähernd die Summe von dreihundert Gulden betragen werde. Hierzu kommt als Strafe der Schätzungswert der Ware mit fünf multipliziert.

»Entsetzlich!« schrie die Frau, welche noch nie im Leben so rasch eine Summe im Kopf ausgerechnet hat.

Inzwischen war die Revisionsfrau gekommen, mit welcher sich Frau Götzele in ein anderes Gemach begab. Anton verblieb im Amtslokal und fertigte die Tatschrift aus, welcher er das Geständnis der Konterbandistin beifügte.

Die Leibesdurchsuchung dauerte lange, was Lergetbohrer um so mehr auffiel, als die Dame doch schon ein Geständnis über die Anzahl der geschmuggelten Waren abgelegt hat.

Endlich kamen die Frauen wieder herein. Frau Götzele war bleich bis in die Lippen, die Revisionsfrau, welche Vertrauensperson der Zollbehörde ist, legte den abgenähten Unterrock und die demselben entnommenen Wertgegenstände auf den Kanzleitisch.

»Wieviel haben Sie vorgefunden?« frug Lergetbohrer.

»Achtundfünfzig Uhren, zwei Armbänder und vier Ringe!« lautete die Antwort.

Anton blieb trotz seiner Überraschung ruhig und gebot: »Wiederholen Sie Ihre Angaben auf Diensteid!«

Die Revisionsfrau warf einen scheuen Blick auf den Finanzer, wiederholte aber ihre erste Angabe unter Berufung auf den geleisteten Diensteid.

Sofort schrieb Lergetbohrer diesen Vorfall in die Tatschrift ein und ließ die Revisionsfrau, welche nun dringliche anderweitige Beschäftigung vorschützte, warten.

Den Fall übernahm nun der Zollbeamte, der als Bekannter der Frau Götzele nicht wenig betroffen war, die Dame sistiert und erfolgreich untersucht vorzufinden.

Nach einigen Worten des Bedauerns mußte amtlich vorgegangen werden. Der Akt wurde fertiggestellt zur Vorlage an die Finanzbezirksdirektion, welche den Strafbetrag auszustellen haben wird. Die Konterbande bleibt selbstverständlich neben dem ad hoc adjustierten Unterrock konfisziert. Frau Götzele kann sich nach Unterschreibung der Tatschrift und ihres protokollierten Geständnisses, weil persönlich bekannt und Fluchtversuch ausgeschlossen ist, entfernen.

Ihr Gatte kam gerade recht, sie abzuholen. Der Mann war verstört, außer sich und jammerte über die himmelschreiende Dummheit, sich von einem Finanzer ertappen zu lassen.

Rücksichtsvoller als der Goldschmied rief Lergetbohrer ein verständliches »Habe die Ehre!« Herr Götzele verstand den Wink und entfernte sich mit seiner betrübten Frau.

Der Zollassistent grinste, als das Paar draußen war, und wollte den Rest der Tatschrift überfliegen.

»Bitte genau zu lesen!« sagte Lergetbohrer.

»Ach was! Sie nehmen den Dienst doch gar zu genau! Was wollen S' denn noch werden bei den jammervollen Verhältnissen? Die dreißig Kreuzer Taglohnplus werden Sie auch nicht selig und glücklich machen! Und mehr als Respizient werden Sie auch nicht!«

»Ich erfülle meine Pflicht, weiter nichts! Hätte jeder in unserem Berufe die gleiche Auffassung vom Dienst, wäre es um die Finanzwache anders bestellt, insbesondere nach oben hin! Ich bitte, den Nachtrag in der Tatschrift genau zu prüfen!«

Der Assistent stutzte, las und hatte sofort das Manko der Angaben der Revisionsfrau im Vergleich zum Geständnis der Konterbandistin herausgefunden.

»Das ischt nicht übel!«

Die Revisionsfrau wurde mit dürren Worten aufgefordert, die gestohlenen zwei Uhren, zwei Ringe und zwei Armbänder herauszugeben, widrigenfalls um die Polizei geschickt würde.

Das Weib leugnete beharrlich.

Anton lachte vergnügt und beauftragte einen Wachmann, die Frau Respizientin zur Durchsuchung der Revisionsfrau zu holen.

»Mit dieser falschen Person will ich nichts zu tun haben!« schrie das Weib und behauptete, die genannten Gegenstände von der Konterbandistin für die Bemühung geschenkt erhalten zu haben.

»Geben Sie dieses ,Geschenk' nur heraus!« befahl der Assistent.

Es nützte nichts. Die gestohlenen Gegenstände mußten der Konterbande beigefügt werden. Dann kündigte der Assistent die zweifellos erfolgende Entlassung und ein gerichtliches Nachspiel wegen Diebstahl während einer Amtshandlung und Meineid an.

Schimpfend entfernte sich das Weib mit einem grimmen Hasse gegen die Finanzer in der welken Brust.

Die Amtsgeschäfte aus diesem Anlasse waren erledigt. Lergetbohrer folgte dem Assistenten bald nach auf dem Wege zur Stadt. Anton wollte seinen Flock holen, erinnerte sich aber, daß er in Uniform sich befindet, und eilte heim zur Umkleidung. Im Flur der Kaserne stieß er auf den Respizienten, der ihn barsch anließ mit der Bemerkung, daß die Finanz auch etwas Besseres zu tun wissen sollte, als eine hochanständige Bürgersfrau zu sistieren.

»Was Sie sagen!« spottete Anton.

»Jawohl! Eben ist es mir brühwarm mitgeteilt worden! Frau Götzele sistiert! Natürlich nichts gefunden! O, Ihre Blamagen schreien zum Himmel!«

»Schon möglich! Einstweilen wird aber Herr Götzele schreien, weil er annähernd zwölf- bis vierzehnhundert Gulden Strafe zahlen muß!«

»Waas? Mein Freund Götzele und vierzehnhundert Gulden Strafe?! Sie sind wohl verrückt geworden?«

»Im Gegenteil! Ein guter Fang ist mir gelungen! Der Anfang ist gemacht! Doch jetzt bitte ich mich freizulassen! Ich will mich umkleiden ...«

»Das Zivilgehen ist der Finanzwache verboten!«

»Ich habe vom Herrn Kommissär die Erlaubnis!«

»Das gilt nur für ein- zum andernmal!«

»Ich habe Erlaubnis für die laufende Woche!«

»Und ich hebe diese Verfügung auf! Dieses Herumlungern in Zivil taugt nichts! Entweder gehen Sie in Uniform aus oder Sie bleiben daheim!«

»Guten Abend!« sprach Anton, salutierte und ging in die Wüstelersche Weinwirtschaft.

Dort hatten sich viele Gäste eingefunden, Vater und Tochter bedienten dieselben, auch der Kellerbursch Seppl mußte mithelfen, indem er den Wein in großen Steinkrügen vom Faß abzog und zur Schenke trug, wo die vielen Fläschchen gefüllt wurden. Das Stimmengewirr aus dem Garten konnte man schon von der Gasse aus hören; auch das Gastlokal im Hause war dicht gefüllt und qualmig vom vielen Rauch; die Lichtbirnen verbreiteten nur wenig Helle im Garten wie in der Stube, man konnte die Gesichter kaum genau unterscheiden. An einem der Stammtische ging es besonders laut her; dort führte der Kaffeeversilberer Merkle mit seiner krähenden Stimme das große Wort.

Anton erkannte den Mann an der Stimme sogleich, obwohl der Oberaufseher noch am Garten stand. In der Empfindung, daß es nicht opportun sei, sich jetzt in Uniform unter diese Leute zu mischen, begab sich Anton ins Haus und kam an die Schenke. Eben war der Kellerbursch mit der Flaschenfüllung beschäftigt und stand im Licht einer Lampe. Anton hatte das Gefühl, diesen Menschen schon bei einer Gelegenheit gesehen zu haben. Aber wo? Und bei welchem Anlasse? Der Finanzer forderte ein Viertel Spezialwein, und der Bursch wandte sich ihm nun mit dem Gesicht zu. Beim Anblick des Mannes in Finanzeruniform erschrak der Bursche und bekundete große Betroffenheit. Jetzt erkannte ihn Anton; der Bursch war vor wenigen Tagen in der Kaserne zur Ausspekulierung und entfloh dank der Ungeschicklichkeit des Respizienten. Seltsam, daß dieser Bursch im Dienste des Weinwirtes Wüsteler steht. Sollte der Bursch auf eigene Faust Ausspekuliererdienste leisten? Oder ist es nicht viel wahrscheinlicher, daß er im Auftrage seines Brotherrn spioniert? Dann aber ist Wüsteler unzweifelhaft das Haupt einer Schmugglervereinigung.

Ein Ruf des Wirtes veranlaßte Anton in eine dunkle Ecke zu treten, und gleich darauf kam Wüsteler herein mit leeren Flaschen. »Seppl, isch noch genug Spezial im Fäßle?« frug der Wirt, verstummte aber sofort auf ein Zeichen des Kellerburschen und richtete einen forschenden Blick auf den Finanzer. »Sind Sie dienstlich hier?« frug der mißtrauische Gastgeber. Anton verneinte. Beruhigt ging Wüsteler mit den gefüllten Flaschen wieder hinaus in den Garten.

Bald darauf lief flinkfüßig Zenzele herein und begrüßte freundlich den Finanzer. »Sie kommen wegen Flock? Einen Augenblick Geduld! He, Seppl, fülle die Flaschen, sie gehören an Merkles Stammtisch, trag' sie hinaus. Ich bin gleich wieder da!«

Zenzele flüsterte Anton, der nicht wußte, wie ihm geschah, zu, ihr zu folgen. Das Mädchen schritt elastisch die Treppe hinauf ins obere Stockwerk, und Anton folgte nach in den finsteren Gang. Eine Türe ward aufgeschlossen, und gleich darauf schimmerte ein Lichtstrahl durch die halboffene Tür. Ein leiser Ruf lud zum Eintreten ein.

Anton stand nach wenigen Schritten in Zenzeles Stube und sah zu seinem Erstaunen, daß das Mädchen seinen Flock behaglich gebettet und mit einem Flaumpolster zugedeckt hatte.

»Hier isch mein lieber kleiner Patient!« sagte Zenzele.

Flock hatte den Herrn und Gebieter schon gewittert und arbeitete sich empor, freudig winselnd. Das durchbissene Läufchen trug das Hündchen im sorglich angelegten Verband.

Gerührt blickte Lergetbohrer auf das Mädchen, das erglühend am Bette stand und Flock zärtlich streichelte.

Innig dankte Anton für die dem Hündchen erwiesene Sorgfalt und Pflege, doch Zenzele wehrte jeglichen Dank ab.

»Lassen Sie mir Flock, bis das Beinchen wieder heil isch! Ich will das Hundele pflegen, so gut ich nur kann! Holen Sie Flock später, ja?!« Das klang so lieb, daß Anton die Bitte nicht abzuschlagen vermochte. Zudem machte Flock keine Anstalten, das weiche Bettlager zu verlassen.

»Willst du wirklich bei dem Frauele dableiben, Flock?« frug Anton und strich dem klug aufblickenden Hündchen über den Kopf. Flock wedelte mit dem Rutenstummel und blieb im Bett liegen.

»Sehen Sie, Flock will bei mir bleiben!« lachte Zenzele vergnügt. »Also lassen Sie mir den Hund einstweilen!«

»Gern! In bessere Hände könnte mein Liebling ja nicht kommen!«

Nun drängte Zenzi aber mit dem Hinweis, daß sie die Gäste bedienen müsse.

Anton verließ die Stube unter herzlichen Dankesworten und wartete im Gang. Zenzi deckte Flock wieder zu, verlöschte das Licht und schloß die Stube ab. Im finsteren Gang flüsterte das Mädchen Anton zu, er möge sich des öfteren nach Flock umsehen, und huschte dann die Treppe hinab. Verwirrt begab sich nun Anton ins Erdgeschoß, zahlte das Viertele Wein und ging in die Kaserne zurück.

Hier erwartete ihn eine neue Überraschung. Eiselt hatte den Befehl erhalten, seinen Oberaufseher nach Buchs abzugeben, wo plötzlich zwei Mann des Revisionsdienstes erkrankt waren. Lergetbohrer muß also zur Aushilfe auf einige Zeit in das schweizerische Grenzstädtchen Buchs, und zwar morgen mit dem ersten Zuge.

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