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Der Finanzer

Arthur Achleitner: Der Finanzer - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorArthur Achleitner
titleDer Finanzer
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik - Erster Band
publisherMax Hesses Verlag
editorW. Lennemann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20071209
projectidfeabbf14
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I.

Eine drückende Schwüle lag über dem perlmutterfarbenen See und der alten Stadt Bregenz trotz der frühen Stunde des Junitages. Es mochte etwa neun Uhr vormittags sein, als von der Harder Seite her drei Finanzwachaufseher zur Stadt schritten, geführt von einem Oberaufseher. Man konnte es den Leuten ansehen, daß sie müde, übernächtig sind, ermüdet vom Nachtdienst der Überwachung zur Verhütung jeglichen Schmuggels an der vorarlbergisch-schweizerischen Grenze. Der schlankgewachsene, schwarzhaarige Oberaufseher Anton Lergetbohrer führt seine müde Mannschaft, die mit ihm wieder einmal vergeblich »gepaßt« hat. Alles war ruhig geblieben die Nacht über; außerdem bestätigte sich die Wahrheit des alten Grenzersatzes, daß am lichten Tage am Bodensee und anderswo nicht geschmuggelt wird. So kehren die vier Wachleute, die Gewehre lässig im Riemen an der rechten Achsel tragend, müde, schier schleppenden Schrittes nach Bregenz in die Finanzerkaserne zurück. Mancher Fußgänger kommt an ihnen vorbei und manch geringschätziger Blick trifft die Mannschaft. Die Zöllner sind nirgends beliebt, und in den in Österreich schlechtweg »Finanzer« genannten Grenz- und Finanzwachaufsehern glaubt jeder minderwertige Menschen erblicken zu sollen, weil ihr strenger Dienst und dessen straffe Handhabung im Interesse des Staates den Leuten mit schlimmen Absichten eben sehr unbequem ist.

Knapp vor Eintritt in die Stadt Bregenz mahnt der Befehlshaber Lergetbohrer zu strammerem Auftreten; es soll die Mannschaft sich die Strapaze einer dienstlich durchwachten Nacht nicht anmerken lassen. Der Oberaufseher gibt für seine Person das beste Beispiel; stramm marschiert er an der Spitze seiner kleinen Abteilung und zwirbelt sich noch geschwind die pechschwarzen Schnurrbartspitzen schneidig auf. Die Finanzer schreiten tüchtig aus, nur der letzte zappelt etwas und gähnt zuweilen. Das ist ein junger Bursch, dem die Nachtwache noch wehtut und die Schlafsucht die Augendeckel niederdrückt.

Lergetbohrer mahnt zur Strammheit, denn eben biegt die Abteilung in eine Gasse ein, die stark frequentiert ist und am nächsten zur Finanzwachkaserne führt.

In dieser Gasse befindet sich eine Weinwirtschaft mit anstoßendem Garten, und in letzterem pflegen unter kühlem Baumschatten die Bregenzer gerne ihr Schöppli einzunehmen, Lergetbohrer konnte sich nun freilich selbst sagen, daß um neun Uhr vormittags kaum ein Gast schon beim Schoppen weilen wird; immerhin soll der Einzug doch so sein, als ob ihn kritische Augen mustern würden.

Die Bewohner in dieser Gasse ignorierten die Finanzer und gingen ihren Geschäften nach; höchstens daß ein Ladeninhaber der grün uniformierten Mannschaft einen spöttischen Blick nachsandte.

Im Schankgarten der Weinwirtschaft des Karl Wüsteler stand ein schmuckes Mädchen, die ob ihres Hochmutes in ganz Bregenz bekannte Zenzele, mit einer roten Nelke in der schmalen Rechten. Einfach gekleidet ist das Mädchen, absichtlich einfach, um die herrliche Gestalt um so besser zu heben. Braune, weiche Flechten umrahmen das Madonnagesichtchen, zu dem nur die stolzblickenden Augen nicht recht passen. So lieblich die Erscheinung des schlankgewachsenen Mädchens ist, der scharfe Blick stört die Harmonie. Nur wenn Zenzele lachend die Perlenzähne zeigt, wird auch der Blick weicher; doch können sich wenige Burschen rühmen, von Zenzele angelächelt worden zu sein.

Wie die Finanzer herankommen im strammen Schritt, mustert das Mädchen die kleine Schar scharf und kalt, offensichtlich geringschätzig.

Lergetbohrer warf einen leuchtenden Blick auf die Prachtgestalt am Gartenzaun und erwies dem Mädchen insofern eine militärische Ehrung, als er stramm die Rechte an den Gewehrschaft legte.

Unmutig drehte Zenzele dem grüßenden Oberaufseher den Rücken. Vielleicht sollte diese Unhöflichkeit die Röte der Verlegenheit verdecken. Das Mädchen fühlte es, wie die Glut in die Wangen schoß, und schritt eilig tiefer in den Baumschatten hinein.

Lergetbohrer biß sich auf die Lippen und schritt weiter. Die hinterdreinfolgenden Finanzer flüsterten sich Bemerkungen über die hochmütige Zenzele zu und wohl auch ein Wort über ihren anrüchigen Vater, der im Verdacht des Schmuggelns steht, den man aber leider bisher nicht zu fassen vermochte. Gelingt aber der Fang einmal, dann wird wohl auch die Tochter weniger hochnäsig auf die Finanzer herabblicken und vielleicht die Grünrocke um »gut Wetter« bitten.

In der Kaserne angekommen, geben sich die drei Mann der verdienten Ruhe hin, nachdem sie vorher den von Lergetbohrer ausgetragenen Rapport unterschrieben hatten. Lergetbohrer erstattete nun über die ereignislose Einrückung dem vorgesetzten Respizienten, namens Eiselt, einem behäbigen Manne mit gutmütigem Gesicht, Meldung.

»Also wieder einmal nichts!« meinte der Beamte. »Sie müssen schon schärfer dreingehen, Lergetbohrer! Die Schwärzerei muß ein Ende nehmen, sonst wachsen die ›Nasen‹ (Rügen) höher wie der Gebhardtsberg in die Höhe!«

»Zu Befehl, Herr Respizient! Aber im streng vorgeschriebenen Dienst nach der alten Schablone kann auch ich bei allem Pflichteifer nicht hexen! Wenn ich mehr freie Hand bekäme ...!«

»Wie meinen Sie das, Lergetbohrer?«

»Mit Verlaub, Herr Respizient! Ich meine, wenn ich so zuweilen auf eigene Faust ...«

»Das geht wohl nicht! Indessen, bei besonderen Anlässen! Halten S' halt die Augen offen! Sie haben ja so viel gute Augen! Ich will aber nichts gesagt haben! Sie wissen, die Verantwortung ist groß, und ich habe an den bisherigen Nasen gerade genug! Nur keine Blamage! Ja nichts übereilen und um Himmels willen den Leuten kein Recht zu Beschwerden geben! 'pfehl mich!«

Damit war der Oberaufseher entlassen und konnte seine Stube aufsuchen. Munter sprang ihm beim Eintreten in das kleine ihm zugewiesene Gemach, das dürftig mit einem Feldbett, Waschtisch und Kleiderhaken möbliert ist, sein Rattler »Flock« entgegen und bellte freudig den Willkommengruß, indem das Hündchen immer wieder am Gebieter in die Höhe hüpfte.

Lergetbohrer schmeichelte das kluge Tier und ließ es dann ins Freie. Bald ist Toilette gemacht und mit frischem Wasser die Müdigkeit der Nachtwache vertrieben. Anton Lergetbohrer könnte jetzt sofort wieder Dienst machen, gönnte sich aber doch etwas Ruhe, der Hitze wegen und mit Rücksicht auf den Umstand, daß nach dem Dienstturnus ihn heute nacht die Streifung zu Wasser trifft.

Anton liegt nicht lange auf dem Feldbett, da fordert Flock durch Kratzen an der Zimmertüre wieder Einlaß. Sofort erhebt sich der Finanzer und öffnet. »Bist schon wieder da, Flock? Ist recht! Da soll denn gleich der Unterricht beginnen! Du mußt ein richtiger Zollhund werden, Flock, verstanden!«

Der Rattler blickte seinen Herrn mit so klugen Augen an, als verstände er jedes Wort.

Anton schärfte nun des Hundes Nase speziell auf das Riechen von Tabak und Kaffee. »Wo ist Tabak, Flock?«

Augenblicklich begann der Hund die Suche im Zimmer, kroch unter das Bett, schnupperte am Kasten, rannte kreuz und quer, um schließlich zum Gebieter zurückzukehren.

»Nichts gefunden, Flock? Bist ein schlechter Zöllner! Deine Pflicht ist es, Konterbande zu riechen!« Anton hielt inne und lachte dann auf, »Wie ungeschickt von mir! Wo keine Konterbande ist, kann der Hund auch keine riechen!« Nun ließ er den Hund wieder hinaus, schloß die Türe und versteckte ein Paket Kommißtabak, wie solchen das österreichische Militär und die Finanzwache faßt, im Kleiderschrank, Als Flock wieder ins Zimmer gelassen wurde, befahl Lergetbohrer: »Such Tabak! Wo ist Konterbande?«

Munter begann Flock erneut die Suche, und bald stand er wie angewurzelt vor dem Kasten und winselte, zugleich durch Kratzen andeutend, daß er in den Kasten eindringen wolle.

»Brav, Flock! Such Tabak!« Mit diesen Worten öffnete Anton den Kleiderkasten, und schwapp hatte Flock das Tabakpaket im Fang und brachte es dem Gebieter.

Stolz nahm der Hund die Lobsprüche entgegen. »Das ABC, wie es ein Zollhund kennen muß, hätten wir! Nächstens folgt Fortsetzung mit Kaffeebohnen!« sprach Anton und rüstete sich zu einem Spaziergang mit Flock. Im letzten Augenblick entschloß sich Lergetbohrer, die Uniform mit dem schlichten, unauffälligen Zivilkleid zu vertauschen, wozu er vom Kommissär die Erlaubnis erhalten hatte.

So schritt der Oberaufseher in Zivil durch den Flur der Finanzkaserne, in welcher an Haken mit kleinen Namenstafeln die Gewehre der dienstfreien Mannschaft hängen, alles nach militärischer Art geordnet. Zum erstenmal fand es Anton befremdend, daß die Armatur doch ohne jegliche Aufsicht sich befinde und jedermann von der Gasse her eintreten und zum mindesten kontrollieren kann, wieviel Gewehre und damit auch wieviel Aufseher zu Hause sind. Merkwürdig, daß ihm das früher niemals aufgefallen ist. Anton hielt sich indes nicht länger auf und eilte ins Freie, munter voraus Flock der Rattler.

Wohin nun an diesem dienstfreien Tag? Pfänder oder Gebhardtsberg? Dazu ist die Zeit zu weit vorgeschritten und die Hitze zu groß. Anton schlug den Weg zur Schanz ein und kehrte dort zu einem Labetrunk in der Wirtschaft ein. Angenehm kühl ist's in der großen Stube, in welcher nur ein Gast hockt. Anton mustert den etwas angesäuselten Mann nach dienstlicher Gewohnheit und wird nicht recht klug, wohin er den einsamen Zecher hinsichtlich der Staatsangehörigkeit tun soll. »Ein Seehase« (Bewohner einer Bodenseeansiedelung) ist es sicher, das kündet das Selbstgespräch im Dialekt.

Der Weinselige blickt auf und fragt: »Wend er auch e Schöppli?«

Nun weiß Anton, daß er einen Schweizer vor sich hat. Der Mann interessierte ihn, noch mehr aber, daß der Zecher so einsam in der Schanz zwischen Lindau und Bregenz sitzt, untätig und vollgetrunken. Lergetbohrer sagt sich in Gedanken selbst, daß ja der Verkehr am See ein lebhafter ist, also auch Schweizer ebensogut zum Trunk turra (herüber), wie Bregenzer und Lindauer turri (hinüber) fahren können. Wer wird auch in jedem Menschen sogleich einen Schwärzer (Schmuggler) wittern wollen. Anton lächelt, trinkt dem Zecher zu und fragt im Schweizerdialekt: »Wie gaht's?«

Mißtrauisch mustert der Gast den Frager, doch angesichts der Gelassenheit Antons und seines leutseligen Verhaltens beruhigt sich der Mann sogleich wieder. Er beantwortet die Frage mit »gut« und leistet sich einen kräftigen Schluck.

Absichtslos erwidert Anton: »Ja, ja, nach der Arbeit ist gut ruhen!«

Der Zecher lacht in sich hinein und trinkt den Schoppen völlig leer, um dann sogleich mit heiserem Baß nach frischer Füllung zu rufen. Die eintretende Kellnerin, eine dralle Tirolerin, meint schnippisch: »Nun könnt Ihr aber decht genug haben! Vierzehn Vierschtele, sell zerreißt einen andern!«

Der Zecher gröhlt vergnügt: »Heut krieg' ich nünd genug. Lang noch alleweil e Schöppli, Maidi!« Damit reichte er die Flasche dem Mädchen zur frischen Füllung. Anton bewunderte die Leistungsfähigkeit des Mannes im Weinvertilgen ganz unverhohlen:

»Alle Achtung, Herr! Vierzehn Schöppli, das ist eine ganz respektable Leistung! Ihr begießt wohl ein besonderes Ereignis oder einen Glücksfall, was?«

Trotz der Trunkenheit warf der Zecher einen scharfen, forschenden Blick auf den Sprecher, und diesen Blick fing Anton auf. Der Verdacht, wenn auch nur ganz unbestimmt, ward wieder rege. Das Eintreten der Kellnerin überhob den Zecher einer Antwort, um so mehr, als die Hebe nun auf Zahlung der fünfzehn Viertele Wein bestand. Das brachte den Mann in Zorn, fluchend zog er einen Lederbeutel aus der Tasche und frug höhnisch, in welchem Gelde er zahlen solle, er habe Fränkli so viel wie Mark und Gulden.

»Dann zahl auf österreichisch, wie's Brauch ischt bei uns!« sagte schnippisch die Kellnerin.

Der Mann schob zwei Guldenstücke hin und frug, wieviel er für den Rest noch Schöppli bekommen werde.

Da lachte die Kellnerin: »Raiten können sie schlecht, die Schwizer! 's Vierschtele kostet zehn Kreuzer, einen Gulden funzig Kreuzer seid Ihr schuldig, aftn langt es noch auf fünf Vierschtele! Ich mein' aber decht, Ihr habt genug! Aber freilich, die Rorschacher Fischer sind durstig wie die Felchen, die sie oft nicht erwischen!«

Anton horchte hoch auf.

Der Zecher lachte und spottete dann über das eigene Gewerbe. Man müßte sich eben zu helfen wissen, und da wären die Schweizer immer voran.

»Warum denn gerade die Schweizer?« frug Anton.

»Weil sie besser dütsch könnet!« spottete der Rorschacher.

»Das möcht ich nicht so kecklich behaupten. Aber schlauer mögen sie schon sein, die Schweizer!«

»Das sind sie auch!« renommierte der Trunkene. »Bei uns ist der dümmste Spekulierer alleweil noch gescheiter als alle anderen Seehasen.«

Anton mußte an sich halten, um sich nicht zu verraten. Das eine Wort rechfertigte den bisher so unbestimmt gewesenen Verdacht. Der Mann spricht von »Ausspekulieren«, er gehört also einer Schmugglerbande an, daran gibt es keinen Zweifel. Es heißt nun aber schlau sein. Als sich die Kellnerin entfernt hatte, kam Anton auf das hochinteressante Thema wieder zurück, indem er möglichst harmlos bemerkte: »Na, ich meine, vom Ausspekulieren verstehen die Vorarlberger auch etwas!«

Der Wein tat beim Rorschacher nun doch schon so starke Wirkung, daß die Augen gläsern wurden und den Dienst versagten. Der Mann meinte wegwerfend, daß die Bregenzer immer noch zu wenig organisiert seien und die »Grünen« zu viel fürchten.

»Sind denn die ›Grünen‹ in Österreich nicht zu fürchten?«

Der Rorschacher hustete und trank dann. »Pah, eine Jammerbande ist das! Hungerleider und dumm wie die Nacht!«

»Warum denn dumm?«

»Weil sie bei allem Aufpassen noch nicht einmal die Signalordnung kennen! Lungern Tag und Nacht herum, haben Ohren und hören nicht!«

Anton log tüchtig: »Ich bin zwar keiner von den ›Grünen‹, aber ich meine doch, die Finanzer kennen die meisten Kniffe in jenem Handwerk!«

Erbost schlug der Mann mit der Faust auf den Tisch, so stark, daß sein Glas umfiel und der Wein sich über die Platte ergoß. »Nünd wissent se!«

Anton zitterte vor Begierde, die ihm tatsächlich bisher fremd gebliebene Signalordnung der Schmuggler kennen zu lernen; er wußte aber nicht, wie dem Trunkenen das Geheimnis herausgelockt werden könne. Ein Zufall sollte ihm wenigstens zum Teil zu Hilfe kommen.

Über das Wirtshaus zur »Schanz« strich eine Rabenkrähe und ließ mehrmals ihr widerliches Gekrächze vernehmen.

Schon beim ersten gedehnten Ruf »Raab« horchte der Schweizer erschrocken auf, soweit ihm dies im Dusel noch möglich war, und als die Krähe noch einige Male ihr Gekrächze hören ließ, da sprang der Mann fluchend auf und floh zur Türe hinaus, wie wenn ihn der Teufel selbst verfolgte.

Lergetbohrer staunte. Dann begann er zu überlegen, was diese Flucht zu bedeuten haben könnte. Die Veranlassung zu diesem blindtollen Davonlaufen kann nichts anderes als das Rabengekrächze gewesen sein. Also bedeutet der Rabenschrei, mehrmals wiederholt, Gefahr, es wird eine Warnung sein, und da der Davongelaufene mutmaßlich ein Schwärzer ist, so ergibt sich von selbst, daß Rabengekrächze ein Warnungssignal für Schmuggler ist.

Lergetbohrer bezahlte seine Zeche und beschloß nach Bregenz zurückzuwandern. Munter sprang Flock voraus. Nach einer Weile sah der Oberaufseher den Fischer auf der Straße dahintorkeln. Dies Schwanken des weinvollen Mannes reizte zum Spaß; Lergetbohrer steckte zwei Finger der Rechten in den Mund und ließ einen gellenden, gedehnten Pfiff ertönen.

Den Mann vorne reißt es schier um, und wie angewurzelt bleibt er stehen, mit blöden Augen um sich blickend.

Unwillkürlich pfiff Anton zweimal kurz und rasch nacheinander.

Der Mann machte augenblicklich kehrt und wankte auf der Straße zurück.

Der Oberaufseher erkannte nun, daß solchen Pfiffen eine besondere Bedeutung zugrunde liegen müsse, und sofort probierte er eine weitere Ausnutzung dieser unvermuteten Beobachtung. Rasch Deckung hinter einem Baum nehmend, ließ er nun drei gellende Pfiffe ertönen, welche den Mann trotz seiner Trunkenheit veranlaßten, sofort nach rechts zu gehen, querfeldein.

»Eine kostbare Wahrnehmung!« flüsterte Anton und prägte sich die Bedeutung dieser Signalpfiffe scharf ins Gedächtnis; ob ein viermaliges Pfeifen jetzt noch Erfolg haben würde, schien Lergetbohrer selbst zweifelhaft zu sein. Mehr des Scherzes halber denn in Erwartung einer Beobachtung, pfiff der Finanzer wieder zweimal kurz und rasch, und siehe da, der Dusler gehorchte augenblicklich und wankte denselben Weg zurück an die Landstraße.

Drei Signale wären also nebst dem warnenden Rabengekrächze nun erraten, fehlt nur noch das Signal: vier Pfiffe hintereinander, schnell und kurz.

Der Mann duselte vorne gen Bregenz. Die vier Pfiffe veranlaßten ihn jedoch, sogleich nach links abzugehen. Im Straßengraben kam er zu Fall und blieb liegen. Die Beine wie der Kopf versagten nun den Dienst; der gewaltige Rausch muß ausgeschlafen werden.

Frohlockend über die so unerwartet gemachte Entdeckung spazierte Lergetbohrer in die Seestadt Bregenz, wo er in der Wirtschaft des Wüsteler einkehrte. Schon beim Eintritt in den Schankgarten konnte er sich überzeugen, daß sein Kommen alles eher, nur nicht willkommen ist, denn das Geräusch seiner knirschenden Tritte im Kies des Gartens scheuchte ein Pärchen auf, das Zwiesprache in einer Laube gehalten haben mochte.

Zenzele ist es, die ärgerlich von jenem Laubentisch wegtrat und geringschätzig auf den Gast blickte. Der junge Mann aber, dessen Unterhaltung so jäh gestört wurde, sandte dem in Zivilkleidung unkenntlichen Finanzer einen Wutblick zu. Ein hübscher Bursch mit blondem Bart, der Typus des Alemannen, eine gedrungene Gestalt, welcher ein eigenartiges, scheues Wesen eigen zu sein schien, wie wenn der Mann Ursache hätte, etwas vor der Öffentlichkeit zu verheimlichen.

Lergetbohrer gewahrte dieses scheue Wesen sofort, fand es indes begreiflich, daß der junge Mann in seinem Ärger über die Störung nun sich entfernte, wobei er den Wein auf dem Tische stehen ließ.

Zenzele war an den Tisch Lergetbohrers herangetreten und frug spitz: »Was isch g'fällig?«

»Ich habe wohl gestört, Fräulein?« frug Anton entgegen.

»Was Sie sich nicht einbilden! Durchaus nicht! Was isch g'fällig?«

»Ich bitt' um ein Viertele Wein!«

»Weiß oder rot?«

»Bitte rot!« Zenzele entfernte sich. Ein erquickender Anblick, wie das prächtige Mädchen so zierlich dahinschritt.

Bald kam Zenzi mit dem Fläschchen Rotwein zurück, stellte es auf den Tisch und begab sich ins Haus.

»Sie ist vergrämt!« murmelte Anton und schenkte sich das Glas voll. Merkwürdig, was dieser Wein für ein Bukett hat! Schon nach dem Geruch kann festgestellt werden, daß dieser Rotwein in Tirol nicht beheimatet ist. Ein Kostschluck bestätigt dies sofort. »Veltliner Rötel!« flüsterte Anton, »und ganz gewiß nicht ordnungsgemäß verzollt!«

Drinnen im Hause hatte Zenzele dem Vater, einem echten, gutgenährten Vorarlberger mit klugen Augen und einer gewissen Verschmitztheit im Wesen, zugeraunt, daß im Garten ein Gast sitze, der ihr verdächtig vorkomme. Es wäre ihr, als wenn der Mann sonst eine Uniform trüge, das Zivilgewand schlottere etwas. Nur wisse sie nicht zu sagen, ob der Mann Militär oder sonst was sei.

Vorsichtig trat Wüsteler, der Weinwirt, an ein nach dem Garten gerichtetes Fenster und guckte hinaus.

»Ganz richtig! Das isch ein Uniformmensch in Zivil! Tod und Teufel, das isch ein Finanzer in Zivil, darauf wett' ich!« Zu Zenzele gewendet, frug der Vater: »Was hat der Kerl für'n Wein draußen?«

»Rötel hat er bestellt!«

»Und gegebe hast du?«

»Vom Faß Nummer drei!«

»Bim Blueß, sell isch' bi Gott bedurli! Der Ma' wird im volla Bisa heimkehre und Azeig' mache!« (Beim Blute Christi, das ist bei Gott bedauerlich! Der Mann wird im vollen Laufe heimkehren und Anzeige erstatten.)

Gelassen blieb Zenzele, wenigstens äußerlich, und kühl sagte sie: »Eßeda goht er!« (Jetzt geht er.)

Nun jammerte der Wirt, der nichts anderes glaubt, als daß der Mann heimkehren, die Uniform anziehen, wiederkehren und den gepaschten Wein konfiszieren werde. So rasch kann aber das Faß mit dem unverzollten Veltliner Wein nicht versteckt werden. Plötzlich hält Wüsteler inne und fragt, ob der Mann vielleicht auf das Zahlen vergessen habe.

Rasch springt Zenzele hinaus und überzeugt sich, daß der Gast achtzehn Kreuzer für den genossenen Viertelliter Wein zurückgelassen hat.

Der Wirt verwünscht sich, seine Habsucht und Dummheit. Einem Verdächtigen geschmuggelten Wein vorzusetzen, das ist schon polizeiwidrig dumm. Und Wüsteler goß die Zornschale über Zenzi aus, die er wahrhaftig für gescheiter gehalten habe.

Lergetbohrer wandelte gegen Abend dem Hafen zu und betrachtete die Ankunft und Landung der Dampfer. Eben dreht der »Bodmann«, ein badisches Schiff bei, und langsam vollzieht sich die Landung. An Bord ist das übliche Hasten und Drängen der Passagiere wahrzunehmen. Am Deck erster Klasse ruht ein Herr in einem Tragsessel, anscheinend ein Gelähmter, der an Land transportiert werden muß. Richtig begeben sich zwei Mann, die der Schiffsbedienung nicht anzugehören scheinen, zu ihm und ergreifen die Stangen des Tragsessels. Lergetbohrer behält den Mann unwillkürlich scharf im Auge; ihm erscheint seltsam, daß ein Kranker gar so angestrengt nach den Finanzern blickt, die nahe der Landungsbrücke im Revisionssaale stehen.

Wie der Krankentransport in den Dienstraum gelangt, drängt sich Lergetbohrer in nächste Nähe, just recht, um zu hören, wie die Frage des Wachmannes nach Gepäck, Zollbarem, Zigarren und Tabak vom kranken Herrn mit dem Hinweis, daß der Diener das Gepäck bringen werde, beantwortet wird.

Höflich langt der Finanzmann ans Käppi. Der Kranke wird von den zwei Dienern aus dem Revisionssaale getragen. Lergetbohrer folgt dem Transport, weil er dazu noch Zeit hat und wissen möchte, wohin sich der ängstliche Herr und ohne auf das Gepäck zu warten, tragen läßt.

Sonderbarerweise wird nicht der Weg in ein Hotel oder in das Spital genommen, sondern in die Oberstadt. In der Dämmerung verschwindet der Transport plötzlich in einem Hause. Knapp erreicht Anton dieses Haus, als die beiden Träger wieder heraustreten wollen. Seine Zivilkleidung verwertend, frug er, wer denn der Schwerkranke gewesen sei, der eben in das Haus gebracht wurde; der Mann habe ja sehr leidend ausgesehen. Ein Kichern der zwei Männer, deren Gesichtsausdruck in der Dunkelheit nicht wahrgenommen werden konnte, bestärkte den Oberaufseher in seinem Verdacht, und einer Augenblicksregung folgend, trat Lergetbohrer in den dunklen Flur des Hauses. Verdutzt standen die Träger vor der Tür auf der Straße, unentschlossen, was sie nun beginnen sollen. Das bürgerliche Kleid des Verschwundenen beruhigt sie indessen, und sie entfernen sich.

Aus einem Gemach dringt Gelächter; ganz deutlich kann Anton Spottreden und das Lachen über die »dumme Finanz« hören, die heute wieder einmal gründlich hinters Licht geführt worden sei.

»Also doch!« flüstert Lergetbohrer, für den die Situation arg unangenehm ist. Zu einer Hausdurchsuchung hat er kein Recht, als Zivilist schon gar nicht. Der Krankentransport war Schwindel, Mittel zum Zweck eines verschlagen ausgeführten Schmuggels. Anton horchte mit gespannter Aufmerksamkeit, und was er nun vernahm, gab Hoffnung, die Konterbande doch noch zu erwischen. Deutlich sprach eine Männerstimme: »Von den zwanzig Kilo Tabak, die ich hereingebracht, will ich die Hälfte jetzt nach Feldkirch bringen. Verbergt den Rest, morgen nachts hol' ich ihn!«

Lautlos schlich Anton durch den Flur hinaus auf die Straße und blieb fest an die Hauswand gedrückt stehen. Bald darauf kam die Männergestalt mit einem Pack aus dem Hause.

Nun gilt es. Scharf klang Antons Befehl: »Halt! Finanzwache!«

Die Gestalt warf im selben Augenblick den Pack weg und sprang in rasenden Sätzen davon. Anton merkte sich nun die Hausnummer, griff den Pack auf und schritt eilig der Kaserne zu, denn nun wird es Zeit, den Nachtdienst zu Schiff anzutreten.

Wie Lergetbohrer in den Flur der Kaserne trat, wo die Gewehre an den Haken hängen, drang ein Geräusch an sein Ohr, wie wenn sich jemand zu Boden geworfen hätte. In der Finsternis ist nichts zu sehen. Rasch entzündet Anton ein Streichholz, bei dessen Aufflackern er wirklich einen Burschen längs dem Gewehrrechen am Boden liegen sieht. Sofort gebietet der Oberaufseher, nun gleich mehrere Streichhölzer anzündend, dem Burschen, aufzustehen; doch dieser stößt lallende Tone aus, ein Grunzen, und bleibt wie ein Sack liegen. Flock, der Rattler, schnuppert herum, und wie dessen kalte Schnauze dem Burschen ins Gesicht kommt, fährt dieser erschrocken auf, und flink steht er auf den Beinen. Die beabsichtigte Flucht verhindert Anton, indem er sich vor die Ausgangstür stellt. Flock bellt aus Leibeskräften, Lergetbohrers Rufe alarmieren die Mannschaft, es kommen Leute mit Licht, der Bursch ist gefangen. In einer Stube stellt Anton sofort ein Verhör mit demselben an, und bald war sich der Oberaufseher klar, daß er einen Ausspekulierer erwischt hat, die wichtigste Person für einen beabsichtigten Schmugglerzug. Zwar leugnet der Bursch hartnäckig, doch bekommt Anton so viel heraus, daß es Usus ist, im Flur der Kaserne Nachschau zu halten, wieviel Gewehre am Rechen hängen. Es ist also leicht abzuzählen, wieviel Gewehre fehlen, das ist, wieviele der Grenzaufseher im Dienste abwesend sind. Daß der abgefaßte Bursche in beschmutzter Kleidung ist und sich schwer betrunken stellte, sollte seine Anwesenheit in der Kaserne harmlos machen, gleichsam als hätte der Trunkene sich verirrt. Die Androhung einer körperlichen Züchtigung vor der Verhaftung veranlaßte den Burschen, die Maske der Trunkenheit sogleich abzuwerfen; er wimmerte um Gnade und gab zu, wegen der Ausspekulierung hierher geschickt worden zu sein. Doch verriet er weiter nichts. Mit nicht geringer Genugtuung ob dieser Entdeckung meldete Lergetbohrer den Fall dem Respizienten, der sogleich den Burschen der Gendarmerie übergeben lassen wollte. Anton bat, dies nicht zu tun.

»Weshalb denn nicht?« frug überrascht der Vorgesetzte.

»Weil mutmaßlich ein zweiter Spekulierer in der Nähe der Kaserne lauert, welcher die Verhaftung sofort dem Schmuggleranführer melden würde. Wir müssen im Gegenteil versuchen, des zweiten Spions ebenfalls habhaft zu werden!«

»Wie wollen Sie das machen?«

»Der Aufseher Lorz gleicht in Statur dem gefangenen Spion! Ich möchte bitten, daß Lorz sich der Kleider des Verhafteten bedient, bloßfüßig und sich betrunken stellend hinausgeht und sich dem anderen Spion nähert. Die Meldung über die Anzahl der vorhandenen Gewehre soll er dem Spion geben, ihn aber sofort fassen. Wir eilen hinaus und haben dann den zweiten Ausspekulierer!«

Respizient Eiselt guckte gehörig, solcher Scharfsinn überrascht ihn. Wer hätte so viel Klugheit bei diesem sonst so stillen Lergetbohrer vermutet! Dennoch zeigte der Vorgesetzte sich unentschlossen und gab wider alles Erwarten den Befehl, nun sogleich den Dienst im Kahn anzutreten.

Lergetbohrer biß sich auf die Lippen und schickte den erbeuteten Pack nebst kurzem Dienstbericht in das Zollamt.

Bis Anton und die zwei Mann in Uniform den Dienst antraten, war der Häftling entwischt. Der Respizient hatte ihn unbeaufsichtigt gelassen, und ungehindert konnte der Spion entfliehen.

Der Nachtdienst der Finanzwache auf dem See ist so ziemlich das Unangenehmste im Dienstleben der Wachleute, und zwar wegen der damit verbundenen Fopperei. Das Wachschiff hat nämlich nur bis zu einer gewissen Entfernung vom Ufer die Berechtigung, Schiffer mit Kurs auf Bregenz anzuhalten. Darüber hinaus ist das Wasser international und frei für jeglichen Verkehr.

Anton befand sich an jenem Abend auf Seepatrouille in einem Zollboote, das wenige Tonnen Tragfähigkeit und nebst ihm noch zwei Mann der Wache zu Ruderern hatte. Der Windstille halber war das Segel gerafft, außer Dienst gestellt. So still als möglich fuhr das Zollboot hinaus in den nachtschwarzen See, und dem Oberaufseher als Patrouillekommandanten oblag es, möglichst sich an die vorgeschriebene Entfernung vom Ufer zu halten. Das hat nun in finsterer Nacht seine Schwierigkeiten, denn irgendwelche Anzeichen sind nicht vorhanden.

Als Lergetbohrer glaubte, den Kordon erreicht zu haben, gab er leise den Befehl: »Ruder ein!« Still trieb das Boot auf dem leichtbewegten weiten See. Die Finanzer haben die Gewehre schußfertig neben sich liegen und halten die Ruder bereit, um mit jedem Augenblick eine Verfolgung aufnehmen zu können. Mit wahren Luchsaugen sucht der Kommandant in der Finsternis nach verdächtigen Booten, die Kurs zum österreichischen Ufer haben.

Ein prächtiges Schauspiel bietet das Lichtmeer der Stadt Bregenz, das sich teilweise im schwarzen Wasser spiegelt. Die elektrischen Bogenlampen leuchten in blendender Weiße auf und werfen den Schein bis zu den quaderngefügten Hafendämmen heraus. An Land bis zur Oberstadt hinauf schimmern die Lichter aus den Wohnhäusern gar traulich, und selbst am Bergesabhang leuchten, winzigen Lichtchen gleich, Johanniskäfer, gelblich, oft auch rot. Drüben in der Richtung nach Lindau flammt vom Leuchtturm das große Licht für die Lindauer Hafeneinfahrt, durch die Entfernung auf die Größe einer Lampe verkleinert.

Winzige Lichtpunkte zeigen sich am Schweizerufer, und am dunklen Firmament schimmern die Sterne in mattem Licht, wenn der Wind oben eine Wolkenwand weggefegt hat.

Für kurze Zeit gab sich Anton diesem prächtigen Anblick hin, dann aber verlangte der unerbittliche Dienst seine Rechte, es müssen die Augen wie die Ohren angestrengt arbeiten. Der dunkle See ist leicht bewegt; in regelmäßigen Intervallen schlagen die Wellen ans Ufer und fallen plätschernd zurück. Der Blick des Kommandanten durchbohrt die Finsternis, doch will kein Schiff in Sicht kommen. Weit drüben taucht aus dem schwarzen Chaos ein Dampfer auf mit den Lichtern rot und grün, und aus den Kajütenfenstern gleißt das elektrische Licht. Ein herrlicher Anblick, fast an ein verwunschenes Schloß mit Zauberlicht gemahnend. Das Schiff steuert ans bayerische Ufer nach Lindau und verschwindet bald spurlos in der Finsternis.

Ein Geräusch von Ruderschlägen dringt heran. Gespannt horcht Anton und mit ihm die Mannschaft. Ein schwarzer Schatten taucht auf, groß und gespensterhaft.

Ein Kahn ohne jedes Signallicht, also verdächtig in hohem Maße. Der Kurs muß nach Österreich gerichtet sein, denn sonst würde er jenen des Zollbootes nicht kreuzen.

Leise wird der Befehl gegeben: »Ruder aus! Kurs auf das verdächtige Schiff!«

Das Zollboot nimmt die Jagd auf und fährt dem Schatten entgegen.

Scharf klingt die Aufforderung aus Lergetbohrers Mund:»Halt! Finanzwache!«

Ein Gelächter ist die Antwort.

Zornig wiederholt der Patrouillenführer den Befehl zum Halten und Beidrehen.

Eine Stimme ruft höhnisch herüber: »Entfernung messen, Finanzer!«

Der Kahn fällt vom Kurs ab und kehrt im Bogen zurück nach dem Schweizer Ufer.

Anton beißt sich auf die Lippen und sucht sich durch einen Blick auf die Lichter von Bregenz zu orientieren, ob sein Boot wirklich die Zone überschritten habe.

Durch Zurufe bestätigen seine Leute, daß man zu weit herausgekommen, also nichts zu machen sei. Den Spott mußte Lergetbohrer daher einstecken, wie er auch den verdächtigen Kahn unbehelligt lassen muß. Wird aber das Schmugglerschiff nicht in später Stunde doch versuchen, ans österreichische Ufer zu landen? Es gilt daher, in dieser Nacht wachsam zu bleiben und ständig zu kreuzen.

»Kurs auf Bregenz!« Das Zollboot fährt zurück. Wie es sich wieder der hellerleuchteten Stadt nähert, fällt dem Führer auf, daß von der Oberstadt her ein seltsames Licht leuchtet: Ein Notlicht zwischen zwei Weißflammen aus dem Fenster eines freistehenden Gebäudes. Wenn das kein Signal ist, dann ist Anton blind. Und zweifellos ist das ein Signal für Schmuggler auf See, ein Zeichen für die Landung.

»Habt ihr bei unserer Abfahrt irgend etwas Verdächtiges wahrgenommen?« fragt Anton seine Mannschaft.

Niemand hat dergleichen beobachtet. Lergetbohrer nimmt sich vor, künftig selbst bei Abfahrten auf das Schärfste nach Ausspekulierern zu sehen. Die heutige Ausfahrt des Zollbootes muß von Spionen beobachtet und von Ausspekulierern jenes Signal ausgestellt worden sein. Also ist das Dreilicht eine Warnung für Schmuggler und besagt wahrscheinlich, daß die Finanzer Dienst auf See machen.

Solange daher jenes Signal steckt, werden sich die Schwärzer hüten, die Landung zu versuchen.

Anton überlegt. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß eine Landung im Hafen überhaupt versucht werden wird. Die Streifung muß sich daher auf die Flügelseiten des Sees ausdehnen.

Stunde um Stunde verfloß. Der Laternenschein der Römerstadt ist erloschen bis auf wenige Laternen der Straßenbeleuchtung und in den Häusern, Die Schatten der Nacht verhüllen Bregenz. Nur das Signal aus der Oberstadt leuchtet stumm und doch beredt durch die Finsternis.

Das Zollboot nähert sich der Harderbucht. Feierliche Glockenschläge aus einem Kirchturm drüben an Land verkünden Mitternacht.

Öde ist es auf dem nachtschwarzen See, unheimlich die Schatten an Land. Gleich Ungeheuern ragen die Bäume auf, gespenstisch rauscht es im Schilf. Dicht verhüllt ist das Firmament, durch die Windstille dringt allmählich das eintönige Geräusch sachte fallenden Regens. Ein Wetter, wie gemacht für Schwärzer, gehaßt von den armen Wachleuten im Dienst. Der Regen fehlte noch zur finsteren Nachtpatrouille. Die Finanzer nehmen die Mäntel um und bergen unter denselben die Gewehre; es regnet in schweren Strichen, die kleine Säulchen aus dem Wasser ziehen und, mit ihnen vereint, klatschend auf den Spiegel niederfallen. Wo der Regen das Zollboot trifft, prasselt es auf dem Holze, und bald bildet sich eine Lache im Schiff.

Immer schwerer fällt der Regen und aufsteigender Westwind jagt ihn schräg über den unruhig gewordenen See. Das Zollboot treibt dem Röhricht zu. Die Leute haben tüchtig zu rudern, um den Wellen entgegen aus der Bucht zu kommen.

In weiter Ferne zuckt es auf wie Wetterleuchten, ein riesiger fahler Schein, blendend für einen winzigen Augenblick, und um so dunkler gähnt die Regennacht weiter. Bei diesem kurzen Licht hat sowohl Anton wie ein Wachmann in Seehöhe einen Kahn mit geschwelltem Segel erblickt, vom Winde in schneller Fahrt ostwärts getrieben.

Im Zollboot wird nun gleichfalls das Segel gehißt, die Jagd durch Wind und Regen in finsterer Nacht gilt dem Konterbandisten. Rasch geht die Fahrt durch die vom Regen gepeitschte Flut.

Nichts zu sehen. Gähnende Finsternis ringsum. War es Täuschung?

Das Gewitter tobt; wieder ein Aufleuchten für einen Augenblick – vorne, mit Kurs nach Ost, treibt ein lichterloser Kahn, und jäh fällt er ab. Die Mannschaft muß das verfolgende Zollboot ebenfalls gesichtet haben. Die Finanzer haben im Blitzscheine das Schmugglerschiff gleichfalls gesehen und schnell Kurs auf dasselbe genommen.

Nur öfter noch solche Himmelsfackel, dann wird die Jagd gelingen. Doch kein Leuchten mehr tritt ein, der Nachtsturm tobt, und unerbittlich prasselt der Regen in den Rücken der Grenzer. Das Boot thront bald auf einem Wogenkamme, um gleich darauf in eine Tiefe zu sinken, der See ist wild geworden. Es gilt, so rasch als möglich das rettende Ufer zu gewinnen, gleichgültig, wo die Landung erfolgen wird.

Sind das rechts nicht die wenigen Lichter von Bregenz? Es ist so. Das Zollschiff ist zu weit nach links geraten und befindet sich nun nahe am Ufer bei der sogenannten Schanz. Der Schmuggler aber ist entwischt.

Die Patrouille findet nach mühsamem Suchen endlich den Kahn, aber leer, mit gerefftem Segel, angekettet. Alles Fluchen nützt nichts, die Jagd war ergebnislos. Und im Rapport heißt es: »Patrouillen bis sechs Uhr früh.« Also wieder hinaus und kreuzen die Nacht hindurch. Unerbittlich ist der Finanzerdienst.

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