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Der Familie Buchholz zweiter Theil

Julius Stinde: Der Familie Buchholz zweiter Theil - Kapitel 8
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz zweiter Theil
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1887
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Neue Verwandtschaft.

Sie kommen ja ordentlich im Geheimrathsviertel zu wohnen, vorne mit einem Blumengarten, hinten mit einem Gewächshaus, Stallung und Kutscherwohnung und der Gärtner soll mit bei Tische aufwarten, wozu sie ihm sechs paar weißbaumwollene Servirhandschuhe in seinem Lohn festgesetzt haben, waschen lassen muß er sie aber für sein eigenes Geld, weil er dann nicht so schleißt. Die Möbel haben sie von einem verschwundenen Baron übernommen, die stehen schon auf dem Speicher. Sobald die Handwerker aus dem Hause sind, wird die Hochzeit gefeiert und wenn das junge Paar von der Reise retour ist – sie wollen entweder nach Paris oder nach Wien – dann ziehen sie in die Prachträume ein. Und sämmtliches Porzellan mit Zwiebelmuster und der Ausguß in der Küche von weißem Marmor mit Vergoldung. Kein Fürst kann ihn brillanter verlangen.

Dies Alles erzählte mir Auguste Weigelt, die nach längerer Zeit einmal wieder bei uns vorsprach. Sie kann ja auch nur schwer abkommen, seitdem wieder ein Kleines bei ihnen erschienen ist. Der Junge macht sich ganz prächtig heraus und das zweite, ein Mädchen, kann sich auch sehen lassen; es ist gut durch die Pocken gekommen, obgleich ich es in dem zarten Alter nicht hätte impfen lassen. Aber Auguste meinte, abgemacht wäre abgemacht, einmal müßte es doch heran, daß es später seine richtigen Papiere hätte.

»Du denkst wohl schon an zukünftige Partien für Deine Jüngste?« fragte ich scherzhaft. – »Das gerade nicht,« erwiderte sie, »aber wenn die Kleine in der Wiege liegt und träumt und ich sitze mit meiner Handarbeit dabei, dann fange ich auch mitunter an zu simuliren. So etwas wächst rascher heran als man denkt und muß eine Erziehung ersten Ranges haben. Man kann ja nicht wissen, in welche Kreise sie noch kommen wird? Durch die Heirath meines Bruders ändert sich sehr Vieles in unserer Familie.«

»Seine Braut muß wirklich großartig reich sein,« entgegnete ich, »wenn sich Alles so verhält, wie Du mir erzähltest, ein ganzes Haus im Thiergartenviertel mit Equipage beanspruchen Mittel. Dein Bruder Emil kann von Glück sagen.« – »O, gewiß,« fiel sie mir hastig ins Wort, »er wird sehr glücklich werden, er setzt sich so zu sagen in das Gold hinein. Wenn man bedenkt, daß er weiter nichts hat als sich selbst und sie ihn mit ihrem unzählbaren Vermögen nur aus reiner Zuneigung nimmt ...« – »Wo hat sie ihn denn eigentlich kennen gelernt?« unterbrach ich Auguste. – »Zu allererst auf einem Juristenball, zu dem Emil von einigen beschwesterten Freunden geladen war, weil er ein ausgezeichnet flotter Tänzer ist. Und gerade Jura sagt ihr so sehr zu. Emil soll noch Doktor werden und wenn es nicht zu theuer kommt, auch Professor oder sonst etwas von Rang. Darauf ist sie wie versessen, sagt Emil.« – »Aber er ist ja kein gelernter Gelehrter,« rief ich, »da hat sie sich wohl versehen.« – »Sie müssen doch selbst sagen, daß Emil ein bildhübscher Mensch ist.« – »Auffallend,« entgegnete ich, »aber so viel ich mich besinnen kann, ist das Schöne bei den Professoren meistens etwas im Rückstand, wogegen sie es mehr mit dem Kopfe haben, wie sich nach ihrem Tode mit wissenschaftlicher Sicherheit herausstellt. Mir soll es jedoch recht sein, wenn sie sich die Professorin vorbinden kann, und Emil'n will ich wünschen, daß er kein Geldspinde heirathet und mehr auf ein gutes Herz sieht und daß die Seele keine Falten hat. Ist er denn wirklich glücklich? Ich meine so stillvergnügt zufrieden?«

»Ich glaube ja,« erwiderte Auguste. »Warum sollte er es auch nicht sein? Bekommt er doch Alles, was man nur begehren kann. Und den Eltern kann er beistehen und uns Andern auch. Er weiß, wie schwer es wird, durchzukommen.« – »Das mag ich von ihm leiden,« sagte ich, »und wenn er es so einrichtet, daß er den Kassenschlüssel in die Hände kriegt, wird er gewiß das Seinige für Euch thun?« – »Nicht wahr?« rief Auguste fröhlich, »Mutter meint ganz dasselbe, Vater braucht sich nicht mehr mit Nebenarbeiten absklaven und die Sorgen haben ein Ende!« – »Dann seid ihr schöne heraus mit siebzig,« stimmte ich ihr bei, »wenn's nur erst soweit wäre!«

»Lange dauert es nicht mehr,« sagte Auguste »und ich wollte auch, daß wir die Hochzeit bereits hinter uns hätten ... sie wird uns recht schwer.« – »Bei all' den glänzenden Aussichten?« – »Gerade das Glänzende macht uns Sorge,« antwortete Auguste, »wir können doch nicht gegen die vornehmen Leute abstechen, die zur Hochzeit gebeten werden, das wäre zu blamabel. Mein Mann kann in dem alten Frack nicht antreten und mein bestes Kleid ist gänzlich aus der Mode. Und wenn wir etwas schenken, muß es wenigstens eine Zuckerzange sein oder ein Salzfaß oder sonst etwas Silbernes vom Gold-Juwelier. Mutter rieth freilich zu einem Tafelaufsatz, der recht viel herzeigt, allein den können wir nicht leisten, der ist zu theuer.« – »Nimm's mir nicht übel, Auguste,« sagte ich, »aber Deine Mutter ist die geborene Unvernunft. Wo wollt Ihr denn das Geld zu solchen Ausschweifungen hernehmen?«

Auguste ward bei diesen, der Wahrheit entsprechenden Worten verlegen und stammelte darauf zögernd: »Wir haben alles bis auf das Genaueste berechnet und nur das Nothwendigste in Betracht gezogen. Mit hundert Thalern könnten wir die Ausgaben bestreiten.« – »Dies halte ich bei Euren Verhältnissen für unverantwortlich. Bedenke doch die Zukunft, Auguste.« – »Gerade das thun wir,« versetzte sie lebhaft. »Gehen wir nicht zu der Hochzeit, dann ist es mit dem vornehmen Umgange ein für alle Mal aus. Wo soll man sonst Leute kennen lernen, die später einmal etwas für den Jungen thun, wenn er eine gute Empfehlung gebraucht, um vorwärts zu kommen, als in solchem Hause? Ist es klug, einer hochstehenden Verwandtschaft vor den Kopf zu stoßen, die sogar Grafen einladen wird, wie Emil sagt, wenn sie Soireen geben, und berühmte Persönlichkeiten?« –

»Auguste,« fragte ich ernst, »glaubst Du denn, daß Ihr den richtigen Schliff für solche feudale Gesellschaften habt? Ihr seid doch auch nur aus der Landsbergerstraße. Aber so viel sehe ich ein ... was Bergfeldtsch ist, das bleibt Bergfeldtsch sein Leben lang!«

»Ich weiß, daß Sie eine Pikanterie auf Mutter haben, aber mich ließen Sie nie die Zwistigkeiten fühlen, die sie mit ihr hatten ...« – »Die Zwistigkeiten sind ganz auf ihrer Seite,« fuhr ich dazwischen, »wenn eine immer anfing, dann war sie es. Aber laß gut sein, wir wollen uns nicht mit Vergangenheiten nervös machen, sondern ruhig und besonnen bleiben ... Also Du meinst wirklich, daß Ihr die Hochzeit nicht schießen lassen könnt?«

»Wir müssen hin. Was sollen wir den Bekannten antworten, wenn die fragen, warum wir nicht da waren? Liebe gute Frau Buchholz, es geht nicht anders und nun hab' ich eine große Bitte an Sie ... aber Sie dürfen es nicht falsch verstehen ... nicht wahr, Sie werden nicht schelten ... leihen Sie uns die hundert Thaler.« –

Wenn mir Eine gesagt hätte, ich sollte ihr die Rathhausuhr herunterlangen, ich hätte nicht perplexter sein können, als nach diesem Attentat. »Auguste,« erwiderte ich nach einer längeren Besinnungspause, »es ist freilich wahr, daß der Ertrinkende den ersten besten Strohhalm ergreift, aber warum soll ich der gerade sein? Wäre wirklich Noth am Mann, Ihr könntet sicher auf mich rechnen, aber Eure Großspurigkeit findet keine Gegenliebe bei mir. Zum allermindesten muß ich erst mit meinem Manne darüber reden. Bedenke doch, hundert Thaler sind baare dreihundert Mark, das ist keine Kleinigkeit in diesen schweren Zeiten. Ueberall hört man über den Ruin der Geschäfte klagen, und den wirthschaftlichen Abgrund, der sich schon seit Jahren aufthut.« – »Es war ja auch nur eine Anfrage,« sagte Auguste leise, »wir werden schon anderwärts das Geld bekommen und Emil wird es uns wiedererstatten, das hoffen wir fest und sicher.« – »Auguste,« warnte ich, »Hoffnung gilt nichts auf der Reichsbank. Wenn Du Dein Schwarzseidenes hinten mit einem modernen Nachsatz umarbeiten läßt, dazu gebrauchst Du höchstens zwei Bahnen, und es bleibt noch genug, die Aermel damit zu ändern. Dein Mann kann sich im Kleiderladen für ein paar Mark einen hocheleganten Frack leihen und statt des Silberzeugs nehmt ihr einen anmuthsvollen Blumentopf mit feierlicher Ueberreichung. Das thut's auch.«

Auguste schüttelte überlegend das Haupt. »Seine Braut liebt die Blumen nicht,« sagte sie, »sondern ist mehr für das Werthvolle und Theure, und daß es aussieht, als trüge ich meiner Großmutter Konfirmationskleid auf, das können Sie mir nicht ansinnen, dazu ist sie zu lange her.« – »Frevle nicht, Auguste. Ich habe sie recht wohl gekannt, sie war eine geborene Neumann aus der Linienstraße, und ich finde es nicht hübsch von Dir, mir die alte Frau als Trumpf vorzuspielen, um Deinen Willen durchzusetzen. Ich sage Dir: verpraßt ist ein Vermögen leicht, aber es zu verdienen, das erfordert mehr.«

»Verzeihen Sie, wenn ich ungelegen kam,« sagte Auguste verschnupft und stand auf, »es ist die höchste Zeit, daß ich nach meinen Kindern sehe.« – »Beschlafe Dir's noch einmal gründlich, gewiß läßt es sich billiger einrichten.« – »Nein,« erwiderte sie, »es sind noch nicht einmal zwölfknöpfige Handschuhe dabei, wenn es nach Ihnen ginge, könnte ich dort wahrhaftig mit baumwollenen antanzen kommen. Das aber überläßt man der Dienerschaft in so vornehmen Häusern.« – Ich benutzte diesmal die Gelegenheit, ihr einige Worte über rücksichtsvolle Benehmung anzudeuten, nicht, obgleich ich innerlich aufwallte und sagte nur: »Ich meine es besser mit Dir und den Deinen, als Du glaubst; meinetwegen kannst Du Dir noch drei Köpfe auf jeden Finger nähen, das wird dann wohl hinreichend Furore machen.«

Sie versetzte, das stände mir ungehindert frei, wenn ich in die Verlegenheit käme, zur Hautevolee hinzugezogen zu werden. – »Guste,« rief ich ihr nach, »um die paar Pflaumen weinst Du? Mache Dich doch nur nicht lächerlich.« – Sie war aber schon gegangen und hörte mich nicht mehr. – –

Wie recht hat doch mein Karl, wenn er öfters sagt: »In Geldsachen hört die Gemächlichkeit auf.« – Sonst, wenn Auguste kam, waren wir ein Herz und eine Seele, denn ich halte viel von ihr, weil sich Darwin fast gar nicht an ihr bewährt hat und ihren Part von dem Bergfeldtschen Charakter auf eine Seitenlinie vererbt zu sein schien. Nun aber, da Vornehmigkeit und schwindelndes Vermögen durch Emil in die Familie geheirathet werden sollen, fängt sie auch an, sich zu verblenden und die Natur der Mutter kommt zum Durchbruch, wie die Weisheitszähne im späteren Alter. Daß mit der Bergfeldten bekanntlich eine ausdauernde Gemächlichkeit zu den sieben Unmöglichkeiten der Welt gehört, dies weiß selbst derjenige, der ihre Beschränktheit erst nach längerem Umgangs entdeckt, wenn eine höher hinaus will, als es ihrer Stellung nach geht, und so unsicher in der Bildung ist, daß sie immerzu die regulärsten Mißgriffe macht, das ist gerade so, als wenn die Hühner zur Veränderung es den Lerchen nachmachen wollten. Sie können es nicht! –

Ich theilte meinem Karl die Angelegenheit mit, welche Auguste zu mir geführt hatte und verschwieg ihm keine Silbe, damit er mir in der Geldesverweigerung beipflichten sollte. Denn haben wir vielleicht etwas wegzuwerfen? Wer weiß, ob nicht Kaffee und Petroleum durch die neuen Kornzölle zu unerschwinglicher Höhe hinaufgeschleudert werden, so daß jeder gezwungen ist, das Seinige sorgsam zusammenzuhalten, wenn er nicht der staatlichen Verarmung anheimfallen will?

»Wilhelmine,« sagte mein Karl bedachtsam, nachdem er mich gänzlich hatte ausreden lassen und noch ein paar Worte darüber, »hast Du denn schon die schlechten Zeiten so schwer empfunden, daß Du sie zu Deiner Selbstvertheidigung ins Treffen führst?« – »Wieso Selbstvertheidigung und Treffen? Ich bitte Dich, drücke Dich etwas einleuchtender aus, sonst bleibst Du mir unverständlich.« – Er nahm meine Hand ganz wie zufällig und sagte, indem er sie zärtlich streichelte: »Wäre es nicht besser gewesen, Augusten das Geld vorzustrecken? Thut es Dir nicht jetzt schon leid, nein gesagt zu haben?« – »Karl, damit Bergfeldts prunken können, sollen wir in die Tasche greifen? Zwölfknöpfige muß sie haben, anders geht es nicht, ganz als wenn die Alte per Telephon aus ihr redete. Und das sage ich Dir, wenn Jemand Zwölfknöpfige trägt, dann bin ich es oder Betti. Aber zu solchem Luxus versteigt sich unser Ehrgeiz nicht.«

»Rege Dich nicht auf, Wilhelmine, was liegt an den Handschuhen? Hier steht Wichtigeres auf dem Spiele: Weigelts ganzes Glück.« – »Ist das Dein Ernst?« fragte ich beunruhigt, denn mein Mann sah in diesem Augenblick nicht aus, wie zum Scherzen aufgelegt. – »Mein voller Ernst,« antwortete er. »wenn Weiber ihren Kopf worauf gesetzt haben, dann müssen sie ihren Willen haben und wenn es ein Unglück geben sollte.« – »Karl, was verstehst Du unter Weibern,« fragte ich strenge. – »Wir sprechen ja von Bergfeldts,« erwiderte er. – »Das wollte ich mir auch ausgebeten haben.« – »Auguste wird sich daher das Geld unter allen Umständen verschaffen.« – »Dann ist ihr ja geholfen.« – »Nur zu sehr, fürchte ich.« – »Karl, thu mir den Gefallen und rede keine Rebusse, sage mir kurz und klar, was Du fürchtest?« – »Daß Weigelts in Wuchererhände fallen und elend zu Grunde gehen. Wer nichts zuzusetzen hat, kann auch nichts aushalten. Wir wollen ihnen das Geld leihen, Wilhelmine. Wenn Emil versprochen hat, ihnen später beizustehen, so wird er es auch thun. Wenigstens wären sie vorläufig aus der Kalamität und würden von thörichten Schritten abgehalten, was meinst Du dazu?«

Ich überlegte. »Karl,« fragte ich darauf, glaubst Du, daß sie denkt, ich hätte ihr die Bitte aus Hartherzigkeit abgeschlagen, oder weil ich ihr vielleicht das Vergnügen nicht gönnte?« – »Mit dem früheren kindlichen Vertrauen, daß sie zu Dir hatte, wird es wohl vorbei sein.« – »Weigelts sind zu unselbstständig, wenn man nicht auf sie achtet, machen sie mehr Dummheiten als Gottes Wille ist. Die paar hundert Märkelchen sind am Ende übrig, und die Kornzölle können wir ja abwarten, zumal Dein Geschäft in Wollenwaaren besteht. Morgen gehe ich zu Augusten, für heute ist es wirklich zu spät geworden.« – »Willst Du helfen, zaudre nicht,« mahnte er, als ich ging.

Mir war recht behaglich zu Muthe, als ich meinen Karl verließ, um nach dem Abendbrot zu sehen; ich kam mir vor, als sei eine schwere Last von mir genommen, die mich drückte, seitdem Auguste gegangen war. Ich schickte das Mädchen nach extra frischen Bücklingen, die ich eigenhändig für meinen Karl mit Rührei bereitete und eine kleine Prise weißen Pfeffer daran, denn so ißt er sie am liebsten. – –

Wenn auch mein Mann mir rieth, Augusten eine Postrohrkarte zu schreiben und mich zum Nachmittage des folgenden Tages mit sammt der Klärung der Geldangelegenheit anzumelden, so dachte ich dagegen, daß die fünfundzwanzig Pfennig gespart werden könnten, da ich überhaupt nicht wußte, ob die Ackerstraße mit dieser segensvollen Einrichtung versehen ist. Ich wollte aber doch, ich hätte Stephan pusten lassen, denn es giebt Leute, die nicht rasch genug in das Verderben stürzen können, und zu denen gehören Weigelts. –

Als ich am andern Nachmittag so um Dreien bei ihnen oben ankam, hörte ich Musike drinnen, freilich immer nur ein paar abgehackte Töne, aber es waren doch welche, worüber ich mich sehr wunderte, denn bis jetzt hatten sie weder bei sich, noch bei den Kindern etwas entdeckt, was auf einen verborgenen Beethoven hindeutete. Ich also geschellt und Auguste mir dann auch gleich aufmacht. »Da bin ich, Kind,« rief ich ihr entgegen, »es ist Alles in schönster Ordnung, Du kannst das Gewünschte bereitwilligst haben.«

Sonderbarerweise hatten meine Worte jedoch nicht die vorher erwartete Wirkung, Auguste erwiderte nur darauf: »Treten Sie näher und nehmen Sie ab, Frau Buchholz.« – »Hast Du Dich anders besonnen?« fragte ich beim Eintreten. – »O nein,« entgegnete sie, »aber wir haben bereits, was wir gebrauchen, die Welt besteht glücklicherweise nicht aus lauter Engherzigkeit.« – Ich setzte mich, »Was hat denn Dein Junge da für einen Drehflügel?« fragte ich und wies auf den Kleinen, der einen Musikkasten auf dem Stuhle zu stehen hatte, mit dem er höchst vergnüglich leierte. Auguste wurde verlegen und setzte den Jungen mit dem Tonwerkzeuge ins Nebenzimmer. Als sie wiederkam, sagte sie: »Wir haben die kleine Orgel mit zubekommen,« als verstände sich das von selbst. – »Wieso? Von wem?« – »Nun, von dem Geldmann.« – »Das finde ich sehr nett, gewiß ist er kinderlieb und wußte doch mit dem Dinge nichts anzufangen. Da schenkte er es Euch denn für den Jungen.« – »Nein, so ist es nicht gemeint,« sagte Auguste, »aber er hat ihn nicht hoch angerechnet. Meinen Sie nicht auch, daß der Leierkasten gut und gern seine fünfzig Mark werth ist? Und für dreißig hat er ihn uns gelassen. Man kann fünf Stücke darauf spielen.« – »Dreißig Mark für das Gepiepse,« rief ich. »wie konntet Ihr Euch so hereinlegen lassen?« – »Es ging nicht anders.« – »Guste, setze Dich zu mir und gieb mir richtigen Bescheid, hier ist etwas nicht in Ordnung.«

Sie nahm neben mir Platz und erzählte. Nachdem sie bei mir vergebens angeklopft hatte, sei ihnen nichts übrig geblieben, als zu einem Geldmann zu gehen, der kleinen Beamten auf Schein und Unterschrift Summen vorschießt. »Ist es ein Wucherer?« fragte ich. – »Nein,« erwiderte sie, »das Wuchern ist zu strenge verboten.« – »Gottlob,« athmete ich auf. – »Aber, wissen Sie, Frau Buchholz, bei kleinen Beamten, wie bei uns, ist die Sicherheit nicht groß, und deshalb muß man die Hälfte in Waaren nehmen, damit der Mann einigermaßen auf seine Kosten kommt.« – »Drehorgeln und solchen unnützen Kram,« bemerkte ich bitter. – »Es sind auch brauchbare und sehr preiswürdige Sachen dabei,« sagte sie und zeigte auf einen Stapel von Packeten in der Ecke. »Ein Damastgedecke für vierundzwanzig Personen, unglaublich billig, ausgezeichneter Möbelrips, drei Dutzend Taschentücher, vier blauseidene Regenschirme, sechs Schürzen und mehrerlei andere Sachen.« – »Kann man das Gedeck einmal sehen?« fragte ich. – Auguste holte eins der Packete und öffnete es. Ich besah die Servietten und das Tischtuch, ich besah sie wieder und wieder, ehe ich mich entschließen konnte, ihr das Unvermeidliche schonend beizubringen. Endlich sagte ich: »Auguste, das Gedeck ist prachtvoll und wird ewig halten, wenn Du es nicht in Gebrauch nimmst, aber so viel ist gewiß, wenn Nasses darauf kommt, geht das ganze Muster heraus. Es ist gemeine, gepreßte Waare, der reine Betrug, keinen Groschen werth.«

Auguste blickte mich erstarrt an. »Unmöglich,« rief sie, »der kostbare Damast!« – »Hat nicht einmal bei gelegen,« sagte ich. – »Um die dreihundert Mark zu bekommen, haben wir außerdem für vierhundert Mark Sachen nehmen müssen.« – »Alles auf Kredit? – »Alles zu acht Prozent Zinsen, die jeden Monat bezahlt werden müssen.« – »Und die ganzen siebenhundert Mark?« – »Auch auf Abzahlung, wenn meines Mannes Gehalt fällig ist.« – »Auguste,« nahm ich das Wort, »hättet ihr nicht warten können? Nun sehe ich leider ein, ich bin zu spät gekommen. Wie in aller Welt wollt Ihr Euch jemals aus den Schulden herausarbeiten?« – »Wir verlassen uns auf Emil.« – »Und wenn der nicht darf? Bedenke, das Vermögen gehört ihr.« – »O, mein Mann steigt auch mit dem Gehalt.« – »Den gebraucht Ihr, die Kinder werden größer und die Ausgaben wachsen mit ihnen. Das Steigen auf den Büreaus ist überdies kein Stangenklettern, sondern geht langsam wie Sandfahren.« – »Das wird sich schon ändern. Mein Mann sagt, wenn es nicht bald Zulage giebt, dann wird er ganz links und die Regierung kann sehen, wie sie sich im Lichte steht. Er besucht jetzt seinen politischen Verein sehr fleißig. Zuletzt muß der Freiheit dennoch der Sieg werden.« – »Auguste, sprich nicht über Dinge, in denen Du noch unbewanderter bist, als in Damastgedecken. Bringe dem Manne die Ramschwaare nur wieder hin und lasse ihn die vierhundert Mark streichen. Oder noch besser, kündige ihm den ganzen Kontrakt und halte Dich an uns.« – »Das ist unmöglich.« – »Wenn ich es Dir anbiete, brauchst Du doch blos ja sagen.« – »Ich darf nicht.« – »Nanu! wer sagt, daß Du nicht dürfen darfst?« – »Mein Mann.« – »Was fällt denn dem ein?« – »Die Verhältnisse werden ja bald ganz anders, sowie die Opposition ans Ruder kommt: die Steuern hören auf, die Einnahmen steigen und das Leben wird billig. Dann haben wir nicht nöthig zu bitten und uns abschlägige Antworten zu holen. Erst wollten Sie nicht ... nun wollen wir nicht. Wäre die Opposition nur erst da.« – »Auguste, das ist Quatsch,« sagte ich. »War ich nicht stets Deine mütterliche Freundin? Als ich Dir das Geld nicht gleich gab, wollte ich nur Dein Bestes. Folge auch jetzt meinem Rath.«

Sie schlug die Augen nieder und sagte leise: »Es geht nicht mehr, ich habe den Stoff zum Kleide schon gekauft und zur Schneiderin gebracht. Das Geld ist angebrochen und nichts mehr abzuändern. Aber wer weiß, vielleicht gewinnt das Loos, das der Geldmann uns ebenfalls aufgedrungen hat. Wer so recht im Unglück sitzt, hat mitunter das meiste Glück, sagte er.« –

Hätte ich doch nur nicht nein gesagt; hätte ich doch nur die Karte geschrieben; hätte ich ... ja hätte ich. Was half nun alle Selbstanklage? Mir war, als trüge ich beinahe ebensoviel Schuld wie Auguste. »Wir wollen abwarten und das Beste hoffen,« sagte ich und erhob mich, aber bevor ich die Wohnung verließ, auf dem dämmerigen Flur nahm ich Auguste in meine Arme und wir wehrten beide unseren Thränen nicht. Worüber wir eigentlich weinten, das war unbestimmt, aber es mochte wohl die Zufriedenheit sein, die mit ihnen auf der vierten Etage gewohnt hatte und die nun verdrängt worden war von der vornehmen neuen Verwandtschaft. Ich konnte nicht froh werden, so viel Mühe ich mir auch gab; vor meinem Geiste wehte in einem fort das Damastgedeck und noch lange war mir, als hörte ich das Gewimmer der Leier, die ihnen für dreißig Mark aufgehängt worden war.

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