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Der Familie Buchholz zweiter Theil

Julius Stinde: Der Familie Buchholz zweiter Theil - Kapitel 7
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz zweiter Theil
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1887
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Das Portrait.

Auch in diesem Herbst beabsichtigten Betti und ich die Bilderausstellung auf dem Cantiansplatz wiederholt zu besuchen, erstensmal, weil ich es so gewohnt bin, zweitensmal, weil Betti auch selbstthätig mit der Malerei umgeht und drittens mehreremale, weil der erste Besuch wegen der Menge kaum genügt, die Kunst in ihrer Allgemeinheit zu erfassen. Sonst gingen wir nicht eher hin, als bis wir uns in den Zeitungen über das Hervorragende unterrichtet hatten, aber seitdem wir uns überzeugten, daß ein Rezenseur sich die Beine über ein Bild ausreißt, welches der andere so herunterputzt, daß man sich fragt, warum der Künstler noch nicht von Rechtswegen todtgeschlagen wurde, ist uns schnuppe, was sie schreiben, und was Adolf Rosenberg sich zusammenkritisirt ist mir persönlich am allerschnuppesten, seitdem ich weiß, daß er seine Meinung wie Papierkragen wechselt. Wenn er, wie er gethan hat, von einem gewissen Jemand verlangt, den Ruf erst zu verdienen, den die Kritik ihm gemacht habe, so muß ich annehmen, daß er Alles nur so hinhaut, was er schreibt, denn mit Ueberlegung kann er die Kritik unmöglich blosstellen, indem er ihr nachsagt, sie fabrizire unverdiente Rufe! Das heißt doch, die ganze Zunft für eine Gesellschaft von Falschmünzern erklären. Nein, da stelle ich die Kritik höher, so verworfen ist sie mir nie erschienen, aber ich finde es von Adolf Rosenberg, der die »Grenzboten« als sein Giftspeibecken benutzte, wenigstens kollegialisch anständig, sich durch das offene Bekenntniß des hohlen Treibens selbst mit an den Pranger gestellt zu haben, zumal Einer, dessen Geschäft die Kritik ist, am besten wissen muß, wie die Dinge liegen. –

Das Ausstellungslazareth ist wohl praktisch, aber da seine äußere Zierde, namentlich von der Stadtbahn ausgesehen, nur in Wasserdichtigkeit besteht, legt es selbst auf Schönheit keinen Werth. Den künstlerischen Inhalt wollten wir nun derartig abgrasen, daß jede sich die Gemälde stillschweigend anmerkte, welche ihr am meisten gefielen, worauf bei einer zweiten Durchwanderung der Säle gegenseitiger Meinungsaustausch stattfinden sollte. Daraus ward aber nichts, denn als wir in den ersten Saal traten, fiel uns gleich die lebensgroße Figur eines Mannes in Uniform auf, der sich wie lebend von einem Purpurvorhang mit reicher Goldbordüre in vornehmer Haltung abhob. – »Wer ist dies?« fragte ich Betti, das gegebene Versprechen vergessend. Sie las im Katalog nach: Friedrich Franz der Zweite, der verstorbene Großherzog von Mecklenburg-Schwerin. – »Man sieht ja gleich, daß es ein Fürst sein muß,« entgegnete ich. »Wer hat das Bild gemalt?« – »Fritz Paulsen,« las sie weiter. »Nun fallen mir alle meine Sünden ein,« rief ich. »Was wird der wohl von mir denken?« – »Wieso, Mama?« – »Nun Kind, ich fragte ihn in Neapel, ob er mich wohl malen würde, und war schon so gut wie entschlossen dazu.« – »Das wäre herrlich,« fiel Betti mir in die Rede. »Ein Bild von Dir ... zu Papa's Geburtstag ... etwas Schöneres könntest Du ihm gar nicht schenken.« – »Kind, wo denkst Du hin? Habe ich neulich nicht erst die ausgezeichneten Photographieen bei Karl Günther machen lassen, von denen Ihr sämmtlich so eingenommen waret?« – »Das sind wir auch noch, aber wenn ich Dich so betrachte, Mama ... Du bist wie geboren für Oel,« sagte das Kind scherzend. »Wie theuer wird uns Allen das Bild sein,« fügte sie ernster hinzu, »wenn ...« – »Wenn ich alt und grau geworden bin?« fragte ich lächelnd. – »Das meine ich nicht,« antwortete sie, »aber vielleicht sind wir nicht immer bei Dir, und wer dann Dein Bild betrachtet, der hat Dich lebend und lieb vor Augen. Du mußt Dich malen lassen.« – »Wenn ich mit ziemlich strengem Ausdruck bei meinem Schwiegersohn an der Wand hinge, könnte Emmi möglicherweise Gut davon haben, denn es sind Thatsachen dagewesen, daß der Anblick eines Bildes das Gewissen vortheilhaft beunruhigte,« sagte ich nach kurzer Ueberlegung, »aber ich fürchte, Papa wird die Moneten verweigern.« – »Es kann doch den Kopf nicht kosten, Mama, Du bezahlst das Bild selbst.« – »Das ist aus der Kasse in die Beilage,« wehrte ich ab. – »Alles, was ich mir allmälig erspart habe, gebe ich dazu,« drängte Betti. »O, wie freue ich mich auf Dein Bild!«

»Wir werden es noch erst einmal gründlich überlegen,« beendigte ich das Gespräch, »nun komm und laß uns die Ausstellung betrachten, wie wir uns vorgenommen haben.« –

Als hierauf ein langer Saal nach dem andern durchwandert war, merkte ich, daß meine Gedanken nicht bei den gegenwärtigen Gemälden weilten, sondern sich lebhafter, als ich wollte, mit meinem Zukunftsportrait beschäftigten. So oft ich das Ebenbild einer Dame erblickte, legte ich mir die Frage vor, warum sie sich eigentlich habe malen lassen und ob auch ich die Berechtigung dazu hätte? Wegen ihrer Bildschönheit hatte Manche es sicherlich nicht gethan, sondern hauptsächlich wohl wegen der Aehnlichkeit. Viele waren so hoch plazirt, daß man auch dies nicht unterscheiden konnte. Mir fiel aber ein, daß Ludwig Pietsch über mein Aussehen unvergeßliche Worte gesprochen hatte, und als ich Alles miteinander bedachte: die halbwegs bindende Anfrage in Neapel bei dem Professor Paulsen, Betti's sehnliches Verlangen, meines Karl's Ueberraschung an seinem Geburtstage und weil man doch nicht jünger wird, sah ich ein, daß ich mich ohne Gnade fügen mußte. Ich winkte Betti heran und sagte: »Halb bin ich wankend, Euern Bitten nachzugeben ...« – »Wie prachtvoll!« rief sie fröhlich aus. – »Aber mir fehlt noch die richtige Kunstbegeisterung, um meinem Herzen den entscheidenden Stoß zu geben. Erst muß ich ein Bild gefunden haben, das die letzten Bedenken zerstreut.« – »Suchen wir,« rief Betti, »ich helfe Dir.« –

Es läßt sich nicht leugnen, daß sehr viele außerordentliche Bilder anziehend auf uns einwirkten, und wir aus der Bewunderung der neueren Meisterhände gar nicht herauskamen. Betti meinte, das gänzlich Schwarze, als wenn man sich mit Lakritzen gewaschen hätte, schiene am modernsten in der Kunst zu sein, aber für dies Sargartige in der Malerei, hatte ich keinen Applaus. – »Was sagst Du denn hierzu?« fragte sie mich und deutete auf ein Gemälde, das eine schlank gewachsene Dame in olivgrünem Sammtgewande darstellte, mit einem Ausdrucke, als ob sie freundlich antworten würde, wenn man sie anredete. – »Dies wäre ganz mein Fall,« sagte ich, »nur glaube ich, daß mir das braune Rippskleid besser stehen würde, und dann halb so groß, die kleineren Rähme sind gewiß bedeutend billiger.« – »Abgemacht?« fragte Betti? – »wenn Du meinst, daß Papa ...« – »Es bleibt dabei,« jubelte sie und legte ihren Arm um mich, »meine liebe, gute Mama wird gemalt.« – »Kind, Kind, Du überrumpelst mich ja förmlich, man muß doch erst wissen, von wem dies Portrait ist?« – »Hier steht es groß und deutlich,« sagte sie, und zeigte auf den Namen des Künstlers unten in einer Ecke des Bildes. – »Fritz Paulsen,« las ich. – Es war klar; das Schicksal wollte es nicht anders. –

Als wir die Ausstellung verließen, war ich mit mir einig, meinem Karl die große Ueberraschung zu Theil werden zu lassen, zumal Gemälde auch, wie Betti fest versicherte, nicht nur bleibenden Werth hätten, sondern mit den Jahren im Preise stiegen. – »wenn sie das thun, ist ja nichts weg,« erwiderte ich, »und Brod fressen sie nicht. Aber eins will ich Dir noch sagen, Betti, wir wollen keine Sterbenssilbe über die Ausstellung lesen, denn wenn ein schlechtausgeschlafener Rezenseur seine gnedderige Laune an dem Portrait von der Dame ausließe, würde die Lust, mich malen zu lassen, in die Brüche gehen.« – »Aber wenn er es schön findet?« – »Das können wir ebensogut von alleine. Hast Du letzt in dem populärlangweiligen Vortrag von Bruno Meyer nicht gehört, daß diejenigen Kunstwerke klassisch sind, welche das in der Dauer sich bewährende Urtheil der Menge dafür hält? Na, und wir Beide sind auch Menge!« –

Einige Tage darauf fuhr ich nach der Dorotheenstraße zum Professor Paulsen. Als ich klingelte, öffnete mir eine Frau, die mich in ein Empfangszimmer führte und sagte, der Professor hätten gerade Sitzung, wen sie anmelden sollte? – Ich dachte nun, den Professor zu überraschen und erwiderte: »Sagen Sie nur, eine Bekannte aus Italien wäre da, dann wird er schon Bescheid wissen.« – Die Frau sah mich ungläubig an und ging langsam nach der Thür, die ins Atelier führte, aber bevor sie verschwand, warf sie einen Blick auf die Kunstgegenstände und alten Porzellansachen, die auf dem Spiegeltisch und antiken Spinde standen, als wollte sie mir andeuten, jedes Stück sei gezählt. – »Dies ist gewiß der Hausdrache, der die Schätze bewacht,« dachte ich, und wie ich später erfuhr, hatte ich mich auch nicht geirrt, denn die Bachmann, wie sie heißt, besorgt die Wirthschaft mit großem Pflichtgefühl. –

Es dauerte nicht lange, da trat der Professor in eigener Person an. Er erkannte mich sofort wieder und sagte, da die Sitzung zu Ende sei, stände er mir gleich zur Verfügung, ich möchte ihn nur noch wenige Minuten entschuldigen. – Er blieb wirklich auch nur kurze Zeit aus und nöthigte mich darauf in das Atelier.

Es war zum ersten Male in meinem Leben, daß ich ein Atelier betrat, worunter ich mir stets einen leeren Raum vorgestellt hatte, in welchem neben größter Unordnung Gemälde angefertigt würden, aber ich muß gestehen, daß mein Begriff aus Unbekanntschaft mit Künstlerischem beruhte, denn ich glaubte wahrhaftig in einen von jenen Sälen gerathen zu sein, wie ich sie in den italienischen Palazzos gesehen habe, nur mit dem Unterschiede größerer Sauberkeit und mehr zum behaglichen Aufenthalt eingerichtet. Die Wände waren theils mit Gobelins behängt, theils waren sie, wie im Museum, bis oben hinauf mit Bildern dekorirt. Auch Waffen hingen da und auf den Gesimsen standen Figuren, Schüsseln, Krüge und farbige Glassachen. Und nun erst die verschiedensten alterthümlichen Stühle und Sessel, Tische und Spinden und die Teppiche, Alles gediegen und wunderherrlich zu einander passend.

»Nein,« rief ich, nachdem ich aus dem ersten Erstaunen heraus war, »das hätte ich nicht erwartet, es muß ja ein wahres Vergnügen sein, sich in dieser Umgebung malen zu lassen, und damit ich nur gleich sage, warum ich gekommen bin: ich habe die Absicht.«

Wir setzten uns nun in eine gemüthliche Ecke. Der Professor fragte, ob ich schon gefrühstückt hätte und duldete nicht, daß ich mich ablehnend verhielt, sondern beorderte die Bachmann, einen Imbiß aufzusetzen, mit vorzüglicher Fleischbrühe und kalter Küche. Hierbei besprachen wir das Nähere wegen des Portraits, aber gegen braunen Ripps erklärte er sich vom malerischen Standpunkte, da sich eine entschiedenere Farbe für mich besser eignete. So kam ich denn auf mein Bordeauxfarbenes, und das wurde angenommen. Am nächsten Tage konnte die erste Sitzung bereits stattfinden, und damit mein Karl nichts merkte, schlug er mir vor, das Kleid herzuschicken, da es in dem altdeutschen Schrank wohl verwahrt wäre. Die Bachmann werde mir bei der Toilette behilflich sein, darin habe sie Uebung. – Ich fragte noch, ob ich Betti mitbringen dürfte, weil mir einfiel, das Kind könnte beim Zusehen profitiren und dem Professor einige malerische Handgriffe abschulen; es ward aber gewünscht, daß sie erst nach der dritten Sitzung käme, wenn bereits ein Urtheil über die ganze Erscheinung möglich wäre. Dann sollte sie ihm sehr willkommen sein. –

Dies war am Dienstag, am Donnerstag saß ich zum ersten Male. Es wird dem Menschen doch ganz eigen zu Muthe, wenn er die Leinwand erblickt, auf die sein Ebenbild hin soll, und sich gar nicht denken kann, wie so etwas ohne Vorlageblätter möglich ist, sondern man selbst wie ein solches dasitzt und dabei sprechen darf und sich unterhalten, während der Künstler vermittelst verschiedener Pinsel die verschiedensten Farben gerade immer auf die Stellen streicht, wo sie aus Aehnlichkeitszwecken nothwendig sind.

Ich fragte den Professor, ob er schon immer hier gewohnt habe, worauf er mir auseinandersetzte, daß der Magistrat ihn ausgemiethet hätte, da dort in derselben Straße, wo seine frühere Wohnung lag, eine Markthalle erbaut würde. »Mein altes Atelier hatte einen schwebenden Garten,« erzählte er, »mit Aussicht über einen Holzhof bis auf die Spree. Unmittelbar daran stieß der Logengarten mit hohen Ulmen und Linden wie ein kleiner Wald. Im Frühjahr dufteten die Lindenblüthen, der Buchfink kam und trank aus meinen Blumenschüsseln, Nachbars Tauben holten die Brodkrumen, welche die Bachmann ihnen streute, selbst der Vogel Bülow, der gelbe Pirol baute sein Nest in den Bäumen am Wasser, kaum hundert Schritt von den ›Linden‹ entfernt und an den Abenden sangen die Nachtigallen. Man konnte glauben auf dem Lande zu sein, so friedlich war es dann. Der wilde Wein rankte hoch bis zum Dach und die Blumen blühten in allen Farben. Mein Gärtchen mußte bunt sein, wie einst der Garten des elterlichen Hauses.« – »Bei uns will nichts gedeihen,« sagte ich, »der Schatten verkümmert das Botanische. Aber hübsch muß es damals gewesen sein, besonders mit den Nachtigallen mitten in Berlin.« – »Leider währte die Freude nie lange, wenn der kleine Vogel sich und die Welt im Sange vergaß, dann kam irgend eine verwahrloste Katze geschlichen und fing ihn.« – »Konnte sie sich denn nicht mit Spatzen behelfen?« – »O nein, Mui-Mau frißt gerne Nachtigallen, die sitzen bequem niedrig im Gebüsch. Als später die Bäume gefällt wurden, um Bauplätze zu gewinnen, zogen die Singvögel fort.« – »Das gönne ich den Katzen,« rief ich. – »Kurz darauf wurde alles Uebrige abgerissen: die Häuser, das Atelier und der schwebende Garten, da hatte die Herrlichkeit ein Ende. Hoffentlich werden die Markthallen Berlin zum Vortheil gereichen, nicht allein praktisch, sondern auch architektonisch.«

»Ich verspreche mir ebenfalls viel davon,« entgegnete ich, »denn wenn man sieht, wie die Marktleute am Abend spät bei ihren Körben platt auf der Erde liegen und die ganze Nacht hindurch, wie die Lazzaroni, im Freien kampiren, es mag ein Wetter sein wie es will, dann muß sich jeder Vernünftige sagen, daß solch ein gewaltsames Schädigen der Gesundheit nicht human ist. Die Bauern sind doch auch Menschen. Außerdem erwarte ich, daß die Markthallen auf die höhere Gesittung dieser Leute einwirken, die bis jetzt meistens schwach mit Lebensart sind. Denken Sie nur, was mir vorigen Sommer passirte, als gerade die Badereisezeit war! Also ich gehe auf den Markt und will junge Schoten kaufen, weil aber die Hökersche nur überreifen hat, bedenke ich mich und sage der Wahrheit gemäß: ›die darf ich meinem Manne nicht vorsetzen, liebe Frau, es thut mir leid. Adje!‹ Und was wird sie nun antworten? Zu mir nicht einen Hauch, aber ihrer Nachbarin ruft sie zu: ›Frau Meiern, det will nu wat Feines sin! Det is ja jar nischt Feines, denn wenn't wat Feines wäre, denn wäre et ja jetzt jar nich in Berlin!‹ Dergleichen kann doch in Markthallen ohne sofortige Einmischung des Schutzmannes und bessernde Festsetzung im Zwinger nicht passiren! Oder soll man wegen der Marktweiber etwa nach Norderney reisen?« – -

Nun wurde Pause gemacht und ich konnte den ersten Blick auf die angefangene Arbeit werfen. So müssen die Menschen im Urzustände ausgesehen haben: bereits erkennbar aber noch nicht formvollendet. Der Rumpf war nur erst angedeutet und der Sessel, auf dem ich saß, bestand blos aus einigen farbigen Flecken; den Händen hatte der Professor vorläufig mit dem Fleischfarbenpinsel den Platz angewiesen, den sie später einnehmen sollten. – »Ich meinte, die Maler fingen oben bei den Haaren an und malten stückweise bis unten herunter Alles gleich fertig nieder,« äußerte ich mich nach ruhiger Betrachtung der Malerei. – »Es ist möglich, daß einige derartig verfahren,« versetzte der Professor, »ich für meine Person ziehe es vor, die Gesammterscheinung in den Hauptsachen möglichst bestimmt zu skizziren und dann die Einzelheiten so weit durchzubilden, wie ich es in dem jedes Mal gegebenen Falle für künstlerisch richtig und wirkungsvoll halte.« – »Ich bin neugierig, wie es wird,« entgegnete ich. »Aber sagen Sie, bleibt das Schwarze unter den Augen und bin ich wirklich so gelb am Halse?«

Der Professor that, als wenn er diese Frage gar nicht gehört hätte, sondern drückte auf die elektrische Klingel, worauf die Bachmann erschien. – »Darf ich Ihnen eine kleine Erquickung anbieten?« fragte er, »wenn Sie heute noch eine Stunde sitzen, komme ich weiter, als ein ander Mal in der doppelten Zeit, und ich möchte daher, daß Sie nicht ermüdeten.« – »Habe ich denn schon eine Stunde gesessen?« fragte ich verwundert, weil ich meinte erst vor wenigen Minuten gekommen zu sein, aber in einer interessanten Umgebung gehen die Uhren rastlos vor. – »Schon beinahe zwei Stunden,« sagte die Bachmann. – »Ich wünsche nicht, daß sie ungefragt reden,« sagte der Professor deutlich, »es kann Ihnen völlig gleich sein, wie lang ich die Stunden rechne. Bringen Sie Johannitergarten, Kuchen, Obst und so weiter.« – Die Alte ging mit einem unfriedlichen Gesichte ab, kam jedoch bald versöhnlicher im Ausdruck wieder und setzte das verlangte auf den Tisch. Dann betrachtete sie das angefangene Portrait und sagte ruhig: »Es wird,« worauf sie sich entfernte. Dies imponirte mir.

Die kleine Stärkung that mir wohl und der Wein schmeckte so ausgezeichnet, daß ich mich nicht erinnerte einen ähnlichen getrunken zu haben, und fragte, woher er sei, da ich beabsichtigte, wenn er nicht unerschwinglich wäre, meinen Karl zu seinem Geburtstage darauf hinzuweisen. – »Den ›Johannitergarten‹ beziehe ich direkt von meinem Freunde, dem Gutsbesitzer Otto Sartorius in Mußbach in der Rheinpfalz,« erklärte der Professor. – »Läßt der Herr auch an Andere ab?« – »Machen Sie einmal einen Versuch mit einer Sendung; Sie werden zufrieden sein. Seitdem die Franzosen die kleineren Bordeaux aus italienischem Weine fabriziren, ziehe ich reine deutsche Gewächse vor, zumal der Preis derselbe ist, wie man ihn für die französischen Verschnitte anlegen muß.« – »Das leuchtet mir ein,« entgegnete ich, »man lernt doch täglich zu,« und notirte die Adresse.

Nach der Pause wurde weiter gemalt und als es genug war, hatte das Bild schon ein ganz anderes Aussehen gewonnen. Die Bachmann schien recht zu haben: es ward.

Die Alte half mir im Nebenzimmer beim Umkleiden, und als ich mich darauf verabschiedete, erlaubte der Professor mir, Betti das nächste Mal mitzubringen, ich hätte so trefflich ausgehalten, daß er eine Sitzung weniger gebrauchte. –

So angenehm mir dieses Lob auch war, so wenig konnte ich mir verhehlen, daß ich zu spät zum Mittagessen kommen würde, was sonst nie der Fall war. Daher mußte auf Ausflüchte für meinen Karl gesonnen werden, aber weil er es doch gleich merkt, sobald die Sache nicht klippeklar liegt, habe ich in Nothlügen keine Fertigkeit. Freilich kam ich mit der Stadtbahn rasch genug in unsere Gegend, allein die Zeit war andererseits viel zu knapp, eine Entschuldigung mit den Gehirnfasern zusammenzudrechseln.

Zu Hause warteten sie mit dem Essen, mein Karl jedoch empfing mich, als er meine Verlegenheit bemerkte, lachend mit den Worten: »Die Brücke war wohl aufgezogen, Wilhelmine, oder stiegst Du in eine verkehrte Pferdebahn?« – »Nein,« entgegnete ich ärgerlich, »für so einfältig brauchst Du mich nicht zu halten, im Gegentheil, ich war darauf aus, endlich einmal einen vernünftigen Wein auszusuchen ...« – Mein Karl sah Betti an, Betti sah ihn an und beide pruschten los, daß es schon nicht mehr schön war. – »Was habt ihr zu grienen?« fuhr ich auf. – »Sie geht Wein probiren,« lachte Karl. – »Jawohl, das thut sie,« rief ich gereizt über den Spott und warf die Adresse von dem Weinonkel auf den Tisch – »da steht's geschrieben, wenn Ihr lesen könnt, und nun kannst Du Dir das Getränk selbst zu Deinem Geburtstage kaufen, mir ist die Lust dazu durch Euer Benehmen vergangen.« – »Wilhelmine, wenn ich gewußt hätte,« fing mein Karl an sich zu entschuldigen. – »Schweige still, Karl, lehne Dich nicht auf. Ihr Männer seid von Natur einmal so geartet, daß Ihr die feinen Liebesfäden der Frauen mit talpschigen Händen zerreißt. Ich will jedoch vergeben und vergessen unter der Bedingung, daß Du noch heute eine Bestellung machst. Auch Bowlenwein laß Dir schicken. Komm, zerknautsche die Adresse nicht, und nun laßt uns zu Tische gehen.« –

Wir aßen ziemlich gesprächslos. Es that mir leid, meinen Karl so niederdonnern zu müssen, aber wäre dies nicht geschehen, würde er sicherlich hinter das Portraitgeheimniß gekommen sein und außerdem hätte es viel mehr Mühe gekostet, ihn zu dem Weinhandel zu bewegen. Aber wenn wir den Professor einmal bei uns sehen, darf man ihm doch nichts Geringeres vorsetzen, als er gewohnt ist.

Mein Karl hatte es mit dem Essen eilig und sagte schon ›gesegnete Mahlzeit‹ ehe wir Andern zum zweiten Male genommen hatten. Ich wollte ihm schon nachlaufen: es sei nicht schlimm gemeint gewesen, als Betti anfing: »Warum warst Du so böse, Mama?« – »Ich böse?« – »Es kam mir wenigstens so vor.« – »Ich hatte auch Grund verdrießlich zu sein.« – »Nein, Mama.« – »So?« – »Ja. Als Du zu lange ausbliebst, ward Papa unruhig. Er fragte, wo ist Mama? Ich suchte Ausflüchte zu machen, aber Du weißt, wenn er ganz ernst und nachdrücklich fragt, muß man die Wahrheit gestehen.« – »Nun ja!« – »Da antwortete ich ihm: Laß gut sein, Papa, denke doch daran, daß nächstens Dein Geburtstag ist.« – »Betti, wie konntest Du verplappern ...« – »Ich wußte, daß Papa sich damit zufrieden geben würde, und es war ja auch die Wahrheit. Hättest Du auf seine Scherze eine heitere Entgegnung gehabt, wäre Alles gut gewesen. Diesmal ist es schwer zu entscheiden, wer getalpscht hat.« – »Betti! Ich brauche mir von Dir keine Injurien sagen lassen.« – »Das wollte ich auch nicht, Mama, aber ich bin groß genug, um einzusehen, daß Du mit Nachgiebigkeit weiter gekommen wärest.« – »Solche Ansichten von Dir sind mir neu.« – Sie stand auf, dann begann sie mit leiser Stimme: »Ich habe einmal geglaubt, ich würde glücklich werden, wir sprachen nie davon, Mama; es ist vorbei mit meinem Glück ... wir haben beide darüber geschwiegen, Du und ich. Wozu gebrauchten wir Worte? Du wußtest es so gut wie ich. Die Liebe, die ich dem Einen zu schenken gedachte, will ich auf Euch Alle vertheilen, wie ich es nur vermag. Und nun weißt Du, warum ich andere Ansichten habe als früher. Verzeihe mir, wenn ich Dich vorhin kränkte. Mit Absicht geschah es nicht.«

Sie ging und ich blieb allein mit schwerem Herzen. Betti hatte entsagt, ihr Frühling war dahin. Es war gut, daß Niemand sah wie ich weinte. Als ich mich erholt hatte, nahm ich mir vor, ihr das Leben von jetzt ab so freundlich zu gestalten, wie es in meinen Kräften steht. Kein bitteres Wort sollte wieder über meine Lippen kommen, aber wenn ihr Jemand zu nahe treten würde: dann Wehe! –

Mein Karl hatte sich, wie gewöhnlich, nach Tisch ein bischen niedergelegt, wozu wir ihm eine umfassende Schlafdecke gestrickt haben. Ich ging zu ihm. Als ich die Thür öffnete, schlug er die Augen auf. »Karl,« sagte ich, »wenn Du durchaus nicht willst, lasse den Wein nur.« – »Wie Du meinst Wilhelmine,« sagte er theilnahmslos. – »Hattest Du keinen Appetit heut Mittag, mein Karl?« – »Nein.« – »War ich Schuld daran?« – »Das habe ich nicht behauptet.« – »Karl, ich war etwas erregt.« – »Das kam mir auch so vor. Für die Zukunft möchte ich Dir darum das Weinprobiren abrathen, Du kannst das viele Durcheinander nicht gut vertragen?« – »Karl, das sind Retourkutschen! Bist Du mir böse, Karl?« – »Nein, ich weiß, Du kannst einmal nicht gegen Deine Natur, warum sollte ich Dir zürnen? – »Karl,« rief ich, »Du bist ein Kleinod von Kindesbeinen an. Ich will zugeben, daß ich heftiger war, als Du verdientest, aber trotzdem: habe ich je einen besseren Vater meiner Kinder verlangt als Dich? Es kommt der Augenblick, wo ich gerechtfertigt vor Dir dastehen werde, er ist nicht mehr weit entfernt, das glaube mir. Heut Abend sollst Du ein delikates Beefsteak haben, weil Du zu Mittag nicht Dein Recht kriegtest. Willst Du mit Zwiebeln oder mit Ei, mein Karl?« – »Beides.« – »Und Münchener Hofbräu laß ich Dir dazu holen. Es soll Niemand sagen, ich hätte kein warmes Herz für Dich. Nun nimm noch ein paar Augen voll Schlaf; wenn es Zeit ins Geschäft ist, wecke ich Dich.« – Ehe ich ging, gab ich ihm einen Kuß, den er sich willig gefallen ließ. Der Versöhnungsengel war herabgestiegen und hielt Wacht an seinem Ruhelager. Gut zugedeckt war er. –

Das Portrait bildete jetzt die Hauptaufgabe meines Daseins, es mußte unvergleichlich werden und wenn ich wie eine Brüthenne hätte drei Wochen lang sitzen sollen. So vieler Zeit bedurfte es jedoch nicht, denn es war überraschend, wie das Bild gedieh, worüber Betti, die mich jedesmal begleitete, höchlichst in Erstaunen gerieth und schließlich zu dem Resultat gelangte, daß sie solche Geschicklichkeit doch nie erreichen werde. – »Die Farbenmischung ist zu schwierig,« sagte sie, »man sieht auf der Palette von jeder Couleur etwas und das wird auch noch wieder durcheinander gerührt, aber wenn er es mit dem Pinsel auf die Leinewand setzt, stimmt es auf den Tippel mit Deiner Aehnlichkeit überein. Ich glaube, das Wesen der Kunst liegt in dem Blick des Malers für die Natur.« – »Wenn Du Dich da nur nicht irrst, Betti,« entgegnete ich, »den Blick haben Andere am Ende auch. Nein, das Wesen der Kunst besteht meiner Meinung nach darin, daß er jedesmal in das Richtige einstippt!«

Mit dem Malenlernen durch unbemerktes Absehen war es also nichts, im Gegentheil, Betti gab obendrein die Holzsachen auf, indem sie erklärte, das sei nur Pinselei, wegen der sie die Literatur vernachlässigt hätte, zu der sie, wie aus den höheren Schulzeugnissen hervorgeht, ja auch Begabung Numero 1b und Fleiß Numero 2a besitzt. Ich nahm mir angesichts dieser Garantieen vor, den Herrn Feodor Wichmann-Leuenfels, der seinen Besuch gemacht hatte, öfter heranzuziehen, obgleich Betti nicht sehr von ihm erbaut ist und Onkel Fritz ihn in seiner plebejischen Ausdrucksweise nie anders als den Patentfatzke nennt. Da auch mein Karl äußerte, daß er zu der Branche eines Dichters kein unbedingtes Vertrauen hege, so stehe ich mit meiner Sympathie für dies aufstrebende Genie allein. Aber Leuenfels ist bedeutend, man muß blos hören, mit welcher Sicherheit er über die anderen Versemacher loszieht. Er hielte sich zu gut, seinen Namen unter solchen Schund zu setzen. –

Mittlerweile gingen die Sitzungen ihrem Ende entgegen, es war merkwürdig, wie das Bild immer lebenstreuer ward, bis es zuletzt der Natürlichkeit selbst glich. Das Schwarze unter den Augen und das Gelbe am Hals war verschwunden und bildete ganz ordnungsmäßige Schatten; die farbigen Flecke nahmen sich genau so aus wie die Stickerei des Sessels und die Hände, welche viel Arbeit gemacht hatten, glichen akkurat meinen eigenen. Ich war ganz entzwei, als ich mich der Betrachtung des vollendeten Bildes in dem goldgeschnitzten Rahmen hingab und im voraus die Gefühle meines Karls an seinem Geburtstage empfand. »Die Kunst ist doch groß,« sagte ich, »nur finde ich, daß ich viel zu hübsch auf dem Bilde bin, Herr Professor.« – »Sie irren,« entgegnete er, »der Portraitmaler muß nicht blos die Natur gewissermaßen abschreiben, sondern hat danach zu streben, daß er der Ähnlichkeit die angenehmste Seite abgewinnt. Des Menschen Ausdruck wechselt mit seiner Stimmung, und hier habe ich Sie gemalt, wie Sie in froher Stunde aussehen, wenn eigenes oder fremdes Glück Ihre Züge verklärt.« – »Aber bin ich nicht vielleicht etwas zu jugendlich gerathen?« – »Mama, was redest Du,« nahm Betti das Wort, »so wie auf dem Bilde kennen wir Dich Alle, so lange wir denken können: unsere liebe, freundliche Mutter. Anders hast Du nie ausgesehen.« – »Wenn Du nur zufrieden bist, will ich nicht widersprechen, Du weißt, man ist kein Unmensch. Ich habe mich nicht aus Eitelkeit malen lassen, Herr Professor, sondern weil die Kinder es durchaus wollten.« – »Dann haben Sie sehr vernünftige Kinder,« sagte dieser.

Uns waren die Sitzungen ein wirkliches Vergnügen gewesen, daß es uns leid that, damit aufhören zu müssen. Betti sah dem Malen zu, wenn ich saß, oder spielte auf dem Fortepiano, was sie aus dem Kopfe konnte. Manchmal amüsirte sie sich auch mit dem Hund Peter, eine zoddelige Art Pudelkreatur, der wie ein wahnsinnig gewordener Fußsack umhertanzte, weil man nie daraus klug werden konnte, was Kopf- und was Schwanzende war. Die Bachmann, welche sich ebenfalls sehr lobend über das Bild aussprach, erzählte mir, daß sie in dem alten Atelier einen Polli gehabt hätten, der sich von einem Menschen nur dadurch unterschied; daß er im Hundefell saß, und zuweilen noch klüger als Mancher war, aber dem hätte eine alte mißgünstige Hexe auf dem Hof Gift zu fressen gegeben, weil er sie immer anboll, wenn er ihr begegnete. Abends gegen Fünfen wäre sie es gewahr geworden und Nachts um halb Zwölfen hätte er sie noch einmal angesehen und gewedelt, als wenn er sagen wollte: ›Bachmann, nun ist es vorbei, grüße Herrchen‹ und da war es auch alle gewesen. Herrchen hätte sich sehr gegrämt, als sie hineingegangen wäre und es ihm sagte. Die Person war ihrem Lohn aber nicht entronnen, die hatte wegen Verleumdung und Hausfriedensbruch nebenan zwei Monate gekriegt. »Gottlob, daß es noch Gerechtigkeit giebt,« sagte ich. »Das Kleid lasse ich abholen.« – Und weil die Alte doch viele Mühe mit dem Umziehen gehabt hatte und gefällig gewesen war, zeigte ich mich auch erkenntlich. Das Bild blieb noch bis zum Geburtstage im Atelier. –

Ein bischen Kulissenfieber hatte ich doch, als der Tag anbrach, an dem mein Karl überrascht werden sollte. Am Nachmittag vorher war der Professor selbst dabei gewesen, als das Bild in der guten Stube aufgehängt wurde, damit es den richtigen Platz in guter Beleuchtung erhielt und in dieser Hinsicht nichts versäumt werde. Ich schloß die Thür ab und nahm den Schlüssel an mich. Betti war ganz Erwartung, sie sang sogar fröhlich vor sich hin, was sie lange nicht gethan. –

Am Morgen tranken wir den Kaffee, wozu es einen Napfkuchen gab, wie an anderen Geburtstagen, und überreichten meinem Mann verschiedene nützliche Kleinigkeiten, die ihm sehr gefielen. Dann ging ich und schloß auf. »Karl,« rief ich durch die Thüre, »es ist Jemand in der guten Stube, der Dich sprechen will.« – Obgleich etwas unwirsch über die Störung, eilte er doch hinaus und wir folgten ihm auf den Zehen ganz leise und behutsam. Da stand er in Betrachtung vor dem Bilde versunken, aber da Betti's Schuhe knarrten, hörte er uns. »Wilhelmine,« sprach er bewegt, »mein gutes Weib, eine größere Freude hättest Du mir nicht bereiten können,« und zog mich an sich und küßte mir Stirn und Mund. Betti klatschte jubelnd in die Hände: »Hab' ich es nicht gleich gesagt? Wenn die Eltern doch nur immer den Kindern folgen wollten.« – Mein Karl lächelte ihr zu und schlang seinen anderen Arm um sie. Dies war ein Geburtstag, wie wir ihn noch nie gehabt hatten, so selig und so zu Herzen gehend.

»Gefällt Dir das Bild, mein Karl?« fragte ich, weil man doch gerne ein Urtheil haben will, »findest Du es getroffen?« – »Du bist es, wie Du leibst und lebst,« gab er zur Antwort, »und doch liegt noch etwas mehr darin: es ist, als wärest Du wieder meine Braut, als ständest Du vor mir wie in jenen Tagen unserer ersten Liebe, weißt Du noch?« – »Also Du meinst zu jugendlich?« – »Nein, aber es weckt mir die Erinnerung, und wenn ich Dich selbst jetzt ansehe, finde ich ganz denselben Ausdruck in Deinen eigenen Zügen. Der Künstler hat es nur verstanden, ihn deutlicher hervorzuheben, als wir ihn zu sehen pflegen.« – »Und Du bist nicht mehr böse von neulich Mittags her? Ich kam nämlich von der ersten Sitzung ...« – Er legte seine Hand sanft auf meinen Mund. »Der Sturm zog ja bald vorüber und ein schlug es noch nie bei uns, wenn Du auch manchmal in heftiger Gewitterlaune warst.« – »Karl, habe mal große Wäsche im Kopf ...« – »Wilhelmine, soll das Bild sich über Dich lustig machen? Sieh doch nur, wie freundlich und liebenswürdig die gemalte Frau Buchholz mich anblickt.« – Ich lachte und sagte: »Da hab ich mir ja eine nette Warnungstafel hingehängt.« – Es klingelte. – »Kinder,« rief ich, »es kommt Besuch. Das werden Emmi und Dr. Wrenzchen sein.«

So war es auch. Mein Schwiegersohn wollte gratuliren, bevor er auf die Praxis ging, und ließ Emmi für den ganzen Tag bei uns. Das Bild gefiel ihnen enorm. Der Doktor fragte mich heimlich, was es kostete; ich beruhigte ihn, er könnte es vielleicht noch einmal erben. – Am Abend hatten wir eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft und mein Karl – nein, diese Seele – hatte für ›Johannitergarten‹ gesorgt. Das war denn nun meine Ueberraschung und in Folge dessen herrschte große Fidelität bis in die späte Nacht.

Bevor ich mich schlafen legte, begab ich mich noch einmal mit dem Lichte vor das Bild und schwur: »Ich will thun, was ich vermag, dies gelobe ich, aber Uebermenschliches kann Niemand von mir verlangen, kein Portrait der Welt.« – Mein Karl, der Nachsehen wollte, wo ich blieb, sagte, es hätte sich ungeheuer gespensterhaft ausgenommen, beinahe so, als wenn ich die weiße Frau in der Ahnengallerie hätte spielen wollen. Mein tieferes Gefühl konnte ich ihm aber nicht offenbaren, er war in zu muthwilliger Stimmung.

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