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Der Familie Buchholz zweiter Theil

Julius Stinde: Der Familie Buchholz zweiter Theil - Kapitel 6
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz zweiter Theil
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1887
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Im grünen Grunewald.

Was ich allmählich sehr merkwürdig im Leben finde, ist, daß man die meisten Erfahrungen macht, ohne es zu wissen und erst später darüber klar wird, ob dieses oder jenes Begebniß eine Erfahrung war oder nicht. Man genießt zum Beispiel an einem einladenden Abend die Natur draußen und achtet nicht darauf, daß man von dem schönsten Zug umsäuselt wird, aber wenn sich am nächsten Tage Gliederreißen, steifer Nacken, Hexenschuß oder sonst etwas Chirurgisches einstellt, wogegen flüchtiges Kampferelement hilfreiche Dienste leistet, so weiß man ganz genau, daß man im Zug gesessen hat und ist um eine Erfahrung reicher. Man nimmt sich allerdings vor, es nicht zum zweiten Male wieder zu thun, aber dann ist es vielleicht nicht der Zug, mit dem man sich versieht, sondern saure Milch, oder das Bier war zu eisig und man hat statt einer dicken Backe die einheimischen Semikolon-Bacillen weg, die jedoch in recht heißem Glühwein keine Existenz finden, wie sie auf dem Reichsgesundheitsamte entdeckt haben. Und das ist sehr gut, denn wenn die blos oberflächlich abgebürsteten Franzosen in ihren unkanalisirten Hafenstädten Krankheiten großzüchten, haben wir nun in Berlin nicht nöthig, Karbol-Bowle zu trinken, wie Onkel Fritz vorschlug, als wir Geheimrath Koch ein bischen an Frankreich ausgeliehen hatten und die Zeitungen täglich so voll von dortiger Cholera waren, daß man sie kaum mehr in die Hand nehmen mochte.

Glühwein ist eine wissenschaftliche Erfahrung, die sich schon bei der bloßen Angst bewährt, wie ich bei der Frau Polizeilieutenanten erprobte, die allein von dem Zeitungslesen Kollern im Leibe bekommen hatte und ihren Puls nicht finden konnte, als sie danach suchte, worüber sie in eine ganz unglaubwürdige Verfassung gerieth; denn wenn der Puls weggeht, ist das letzte Stadium da und der Mensch thut gut, über sein Leichenbegängniß nachzudenken. Einige Gläser Glühwein hoben die Symptome jedoch sofort und nach einer Viertelstunde konnte die Polizeilieutenanten den Puls überall fühlen. Es hämmerte unten in den Zehen, wie sie versicherte, ebenso gut wie in den Schläfen. Sie war gerettet. – »Frau Buchholz,« sagte sie, »wenn Sie nicht zufällig gekommen wären, wer weiß, ob nicht schon der schwarze Omnibus für mich angeschirrt gewesen wäre?« – »Es sah allerdings bedenklich aus,« erwiderte ich, »aber vom Abschrammen waren Sie doch noch ein nettes Endeken entfernt; Ihnen war blos die Bangigkeit stark aufs Innere geschlagen.« – »Ich lese keine Zeitung wieder, als bis die Obstzeit vorbei ist,« sagte die Polizeilieutenanten. – »Daran thun Sie ganz recht,« pflichtete ich ihr bei, »in der einen Hand eine mürbe Birne und in der anderen Hand nichts als Cholerafeuilletons, das könnte selbst der Riese Goliath nicht vertragen.« –

So hatte ich denn wieder eine Erfahrung gemacht und zwar derartig, daß nicht Alles, was in den Zeitungen steht, dem Menschen gesund ist und daß es kein besseres Mittel giebt, den Puls wieder hervorzutreiben, als Glühwein. Aber heiß muß er sein und wären es auch vierundzwanzig Grad im Sommer hinterm Ofen. –

Die Polizeilieutenanten gehört nicht zu jener Art Rasse von Menschen, die sich durch Undankbarkeit ein Ansehen zu geben suchen, die, wenn sie irgendwo Hausbesuch gewesen sind, hinterher die Betten schlecht machen, und wenn sie gebeten waren, am nächsten Tage zu einer durchaus gleichgültigen Nachbarschaft rennen und erzählen, sie begriffen nicht, wie man es wagen könnte, den Leuten so etwas vorzusetzen. Nein, so ist sie keineswegs, denn als sie gänzlich wiederhergestellt war, lud sie uns zu einer Nachmittagspartie nach dem Grunewald ein mit Kaffeetrinken auf Paulsborn und dann bei Schildhorn herum nach den Pichelsbergen. Sie hatte eine herrschaftliche Equipage für den Nachmittag gemiethet, sehr nobel mit einem Livreekutscher, dessen zusammengelegter Ueberzieher mit den blanken Knöpfen wie anderthalb Meter Sternenhimmel vom Bocke herunter in die Kutsche hing. Wir beiden älteren Damen nahmen Platz im Fond, Polizeilieutenants Mila und Betti saßen uns gegenüber. Die Herren wollten uns am Abend draußen im Kaisergarten abholen, und so hatten wir denn den köstlichsten Nachmittag ganz für uns.

Es läßt sich ja leider nicht leugnen, daß der Kurfürstendamm dort, wo die Häuser aufhören, ziemlich versandet ist und sein Staub eine ganz besonders Flugkraft entwickelt, aber da ich das neue pellkartoffelfarbene Kleid mit hellbraunem Atlasbesatz angezogen hatte, so litt ich fast gar nicht, während die Frau Polizeilieutenanten in ihrem schwarzen Kostüme mit der vielen Passementerie bald aussah, als ginge sie in Packpapier. Wenn uns auch bei jedem kräftigen Luftzug etwas von der Gegend zwischen die Zähne wehte, daß es knirschte, so kümmerten wir uns nicht viel darum, denn wir wußten: in Paulsborn winkte die Kaffeekanne mit ihrem lindernden Inhalte.

Wie lange wird es dauern bis der Kurfürstendamm ganz bebaut ist? Dann erstreckt Berlin sich bis an den Grunewald, der Zoologische Garten liegt mitten in der Stadt, der Halensee stellt dann dasselbe vor, was jetzt der Goldfischteich ist und der Grunewald selbst wird zum Thiergarten. Wenn der Berliner die Siegessäule sehen will, muß er ein Fernrohr nehmen, so groß wird dann die Stadt sein. Hat man diesen Zukunftsbauplatz überstanden, der sich entwickelt, wenn wir den Frieden behalten, welcher sehr fördersam auf alle Geschäfte einwirkt, wie mein Karl sagt (mit Ausnahme natürlich von Pulvermühlen und Gipsverbandfabriken, die sehr stöhnen sollen, derentwegen Bismarck jedoch keinen Krieg anfängt), so nimmt Einen der herrliche Grunewald auf. Waldesschatten, Waldesduft und Waldseen habe ich von jeher ungemein gern gehabt und man findet sie im Grunewald von unvergleichlicher Qualität, aber ich muß sagen, wenn man so in eine Equipage hingegossen daran vorbeifährt, ist der Waldesreiz doch noch energischer.

Diesen Verhältnissen angemessen unterhielten wir uns nur über höherliegende Gegenstände, namentlich über den Mangel an wirklich gebildetem Umgang, wobei wir denn auch auf Bergfeldts zu sprechen kamen. Die Polizeilieutenanten meinte, die Bergfeldten habe gewiß ihre guten Seiten, aber in einer Equipage würde sie doch nicht mit ihr durch den Grunewald fahren. »Siehst Du wohl, Betti,« sagte ich, »daß die Frau Polizeilieutenanten sehr wohl ihre Unterschiede zu machen pflegt? Dieser Nachmittag wird stets hervorragend in unserer Erinnerung bleiben.« – Auch Mila meinte, das Wetter sei exquisit und es wären nur wenig ordinäre Leute unterwegs. Sonntags führen sie deshalb auch nie irgendwo hin, weil es überall zu gemischt sei. – Als Betti, die in der letzten Zeit sehr viel über Menschenrechte und Egalheit der Stände gelesen hat, hierauf etwas entgegnen wollte, hielt die Equipage glücklicherweise vor dem Paulsborner Försterhause. Wir stiegen Alle aus und Betti mußte eine Antwort bei sich behalten, die der Frau Polizeilieutenanten sicherlich nicht gefallen haben würde. – Ich verachte keinen Rang und keinen Stand und schätze Jeden, der sich ehrlich durch die Welt schlägt; aber trotz aller Gleichheitsbücher wird es mir doch nie einfallen, meinen Obst- und Gemüsefrauen, dem Milchmann und dem Schornsteinfeger einen Theedansant zu geben. –

Wir tranken Kaffee, besahen das Jagdschloß, das so romantisch an dem See liegt, und kutschirten dann weiter durch den grünen Wald, bis wir an die Havel kamen und der Wagen langsam die hohe Chaussee herunterfuhr, von der man einen entzückenden Anblick auf Wald und Wasser hat. Wie es dort schön ist! Ohne Grund haben sich am Fuße dieser hügeligen Ufer auch nicht so viele Wirtschaften angesiedelt. Beim Kaisergarten machten wir Halt, denn hier wollten unsere Männer mit uns zusammentreffen. Natürlich war noch keiner da. In den Jugendjahren läßt der Verliebte die Dame seines Herzens nicht warten, im Gegentheil, er ist stets früher am Platz als sie, aber wenn man erst ein bischen angebrannte Waare ist, dann haben die Herren Zeit. Dies ist eine sogenannte Welterfahrung, die schon von sehr Vielen gemacht worden sein soll. Mein Karl ist dagegen stets sehr präzise, wenn nicht eine ausweisliche Entschuldigung vorliegt und ihn alsdann kein Vorwurf treffen kann.

Es wäre mir sehr lieb gewesen, wenn wir die Herren vorgefunden hätten, denn so angenehm auch Damenumgang ist: ein ausschließlich weiblicher Nachmittag wird zuletzt doch etwas interesselos. Um so angenehmer war es uns daher, als ein Herr an unseren Tisch trat, höflich grüßte, im ersten Augenblick völlig unkenntlich erschien, sich dann aber als Herr Kleines entpuppte. – »Wie sehen Sie denn aus?« rief ich, »Sie haben wohl das Zeug von Ihrem jüngeren Bruder an?« – »O nein,« erwiderte Herr Kleines eigendünkelig mit seinen klapperigen Formen liebäugelnd, »ich bin ganz Pschütt!« – »Was sind Sie?« fragte die Frau Polizeilieutenanten, die verlangte, daß ich ihn formell vorstellte, obgleich sie ihn von meiner Tochter Emmi Hochzeit hätte kennen müssen, da man eine so komische Biele doch nicht leicht wieder vergißt. – »Pschütt!« wiederholte er und fügte erklärend hinzu: »die neueste Mode von Paris.« – »Nun sind sie ja wohl ganz brägenklietrig, die Franzosen?« rief ich aus, »Alles zu eng und zu knapp ...« – »Und die Haare kurz abrasirt wie ein Zuchthäusler,« fiel mir die Polizeilieutenanten ins Wort. – »Das ist aber gerade das echte,« sagte Herr Kleines, über seine eigene Verruinirung triumphlächelnd, »man muß es nur verstehen!« – »Es mag verständnißinnig sein,« sagte ich, »aber schön ist etwas Anderes. Nehmen Sie nur Platz. Sie sind auch als Püscht willkommen.« – »Pschütt,« sagte Herr Kleines. – »Ob Püscht oder Pschütt ist ganz egal,« entgegnete ich, »so urig wie heute hab' ich Sie noch nie gesehen.«

Herr Kleines sagte, er hätte noch einen Freund bei sich, einen gebildeten jungen Mann, ob er den heranbringen dürfte? Die Frau Polizeilieutenanten winkte herablassend mit dem Haupte und sagte: »Angenehm!« worauf Herr Kleines verschwand. – »Nein,« sagte Betti, »wie kann ein Mensch so affig sein und den Franzosen solche Fratzen nachmachen, wie Herr Kleines?« – »Ich finde ihn sehr chic,« entgegnete Mila. – »Nein, Püscht,« sagte ich. – »Nein, Schüpz,« sagte die Polizeilieutenanten. – Zum Glück kam Herr Kleines jetzt wieder, sonst hätten wir über seinen dummen Anzug noch das Streiten gekriegt. Er stellte seinen Freund, Herrn Pfeiffer, vor, der einen recht soliden Eindruck machte. Die Mittelgröße hatte er erreicht, einen hübschen dunklen Vollbart erworben und handhabte das Pincenez sehr gelenk. Daß er oben bereits durchzuwachsen anfing, bemerkte ich, als er sehr respektvoll grüßend den Hut abnahm, wie es ja überhaupt oft vorkommt, daß den jungen Leuten, sobald sie anfangen, verderblich schön zu werden, das Haar auszufallen beginnt wodurch die vorsorgliche Natur ihre Gefährlichkeit für Familien mit Töchtern zweckmäßig vermindert.

Wir kamen um so bälder ins Gespräch, als Herr Pfeiffer auch der Ansicht war, daß es trotz aller neuen Kommunalschulen doch an Gebildeten auf dem Erdkreise mangele und man nur wenig Umgang fände, der das Höhere wirklich zu würdigen wisse. Er fühle sich deshalb auch sehr alleinstehend und verberge seine Gefühle vor der kalten Menschheit, die ihn doch immer fasse. Zu den Figuren im Museum flüchte er, da empfinde er ganz und voll, was er sagen würde, wenn die Statuen noch beseelte Geschöpfe von so wunderbarer Macht wären, wie damals, als sie zur Zeit des Perikles und Anaximander aus dem reinen Hellenismus geboren wurden. Dagegen die Jetztzeit ... er müßte sie herzlos nennen ... schal ... egoistisch ... er verachte sie sogar. Ja, das thäte er. – Dies alles sagte er mit einer tiefen Baßstimme und voller Ueberzeugung, wie durch einen großen Trichter.

Während wir uns mit Herrn Pfeiffer unterhielten, begab sich Herr Kleines mit Betti und Mila auf eine Wanderung durch den Garten, um die Merkwürdigkeiten zu besehen, den unreinlichen Adler im Käfig, der weiter keine Kunststücke kann, als mit den Augen plinken und dabei essen, die Affen und Kaninchen, den Pony-Korso, das Eselreiten und was das Lokal sonst noch an Unterweisendem und Erheiterndem bietet. Uns fesselte dagegen die Kunst, die ja ebensogut zum Darübersprechen, wie zum Ansehen geschaffen ist.

Auch mir gab Herr Pfeiffer recht, als ich behauptete, die Antiken hätten durch das Eingraben entschieden gewonnen. »Das haben sie,« sagte er, »denn man sieht es ihnen deutlich an, aber das große stumpfsinnige Publikum geht theilnahmslos an ihnen vorüber, das hat nur Sinn für die Operette, für Niedriges und Gemeines, für die leichtgeschürzte Muse der Zweideutigkeit.« Nur die ›Fledermaus‹ gefiele ihm und der ›Bettelstudent‹, da müsse man sich amüsiren, und das thäte er. Die Frau Polizeilieutenanten pflichtete ihm bei, sie wollte auch Melodien haben, die sie behalten könnte; um sich zu langweilen, ginge sie nicht ins Theater. – Als wir so im besten Zuge waren, das Gebiet des Idealen zu durchwandern, kam Betti wieder und zwar ganz allein. – »Wo sind die Anderen?« fragte die Frau Polizeilieutenanten. – »Herr Kleines ist mit Mila Bootfahren.« – »Ohne meine Erlaubniß?!« – »Mein Freund Georg wird sie sicher wieder an den rettenden Strand geleiten,« sagte Herr Pfeiffer. – »Aber es fängt schon an zu dämmern und ich finde es unpassend, daß meine Tochter allein mit ihm Wasser fährt,« erwiderte die Polizeilieutenanten unwillig. – »Ich bürge für meinen Freund,« sagte Herr Pfeiffer überzeugungstreu und besonders tief im Tone, »ich lasse nichts auf ihn kommen.« – »Sie brauchen ihn nicht zu vertheidigen, da ihn noch Niemand verklagt hat,« entgegnete die Polizeilieutenanten. Gerade als Herr Pfeiffer nun den Verletzten spielen wollte, kamen mein Karl und der Herr Polizeilieutenant, der nach der ersten Begrüßung sogleich nach seiner Tochter fragte. – »Sie ist auf dem Wasser.« – »Allein?« – »Nein, mit Herrn Kleines.« – »Wer ist das?« – »Ein Püscht«, sagte ich. – »Nein, Pschütt,« sagte Betti. – »Ein junger Mann nach der neuesten französischen Mode,« sagte die Polizeilieutenanten. – »Stimmt,« sagte mein Karl. – »Ich schlage vor, wir nehmen ein Boot und holen die Beiden ans Land, mir wäre es wenigstens nicht angenehm, meine Tochter mit ihm bei sinkender Nacht auf der Havel zu wissen. Das Wasser ist tückisch.« Die drei Herren mietheten rasch ein Boot und setzten Herrn Kleines nach, als wenn er ein Seeräuber wäre, den der rächende Arm des Gesetzes beim Kanthaken kriegen wollte. –

Nun machte die Polizeilieutenanten mir Vorwürfe, daß ich sie mit Herrn Kleines bekannt gemacht hätte. »Aber nur mit Ihrer Einwilligung, wenn Sie sich gütigst erinnern wollen,« bemerkte ich. – »Sie mußten seinen Charakter kennen und mich warnen.« – »Zum Warnen finde ich ihn gerade nicht.« – »O ja, wer so geckig herumläuft, der geht nur aufs Courmachen aus, man sieht schon seinen kurzgeschorenen Haaren an, daß er verbrecherisch ist.« – »Er macht nur blos die Mode mit.« – »Mein Mann wird ihm schon sagen, was Mode heißt,« sagte sie bitterböse, daß ich es für gerathen hielt, einzulenken. – »Warum fuhrst Du denn nicht mit, Betti?« fragte ich. – »Herr Kleines ging mir zu ungeschickt mit den Rudern um und zum Ertrinken hatte ich keine Lust.« – Die Polizeilieutenanten bekam es jetzt mit der Angst. »Wo sind sie? sie kommen nicht. Wo bleibt mein Mann?« – Wir ans Ufer. Es war kein Brett mehr zu sehen, denn der Himmel hatte sich umzogen, und es war reiner Wahnwitz, jetzt noch auf dem Wasser zu treiben.

Während wir angstvoll in die Nacht hinein starrten und die Polizeilieutenanten schon anfing ganz desparat zu werden, hörten wir rufen: »Ach da sind sie ja.« – Es waren Mila und Herr Kleines, die durch den Garten auf uns zu eilten. – »Na nu?« rief ich, »wo kommen Sie denn her?« – »Wir mochten nicht mehr rudern und legten bei Schildhorn an,« sagte Herr Kleines, »den Weg von dort bis hierher gingen wir zu Fuß.« – »Und Papa ist im Nachen und sucht Dich, Du ungerathenes Kind,« sagte die Polizeilieutenanten. – »Und mein Karl und Herr Pfeiffer dito!« rief ich, »wie kriegen wir jetzt die Männer wieder her?«

Wir mußten warten und wie warteten wir! Ich glaube, die verstorbene Odysseus'n hat damals kein sehnlicheres Verlangen nach ihrem Manne gehabt als wir jetzt nach den unserigen, Herrn Pfeiffer nicht mitgerechnet. Ich nahm die Gelegenheit wahr, Herrn Kleines anzudeuten, daß ihm vom Herrn Polizeilieutenant wahrscheinlich ein nasses Jahr bevorstände, worauf er den letzten Zug von Westend vorschützte und sich auf die Socken machte.

Endlich hörten wir etwas plätschern. »Sie sind schon lange hier,« schrieen wir. Die Herren landeten. Der Herr Polizeilieutenant sprang zuerst auf die Brücke. »Wo ist Herr Kleines,« rief er. – »Ich verbürge mich für ihn, verehrter Herr Polizeilieutenant,« sagte Herr Pfeiffer, »wie ich mir schon wiederholt zu bemerken die Erlaubniß nahm.« – »Ich danke,« antwortete jener, »ich werde schon selbst mit dem Herrn reden, seine Adresse habe ich zufriedenstellenderweise von Ihnen erhalten.« –

Der Wagen wurde beordert, wir gruppirten uns in denselben hinein so gut es gehen wollte. Herr Pfeiffer verzichtete mitzufahren, weil er sonst neben dem Herrn Polizeilieutenant hätte sitzen müssen, und ging allein durch den Grunewald zurück. Wir kehrten ziemlich schweigsam heim und während wir durch den stillen Wald fuhren, mußte ich immer daran denken, welchen Tanz der Polizeilieutenant wohl mit Herrn Kleines haben würde. »Gelinde wird es nicht ablaufen,« sagte ich zu mir selbst. Ich freilich könnte es nicht übers Herz bringen, aber Polizeilieutenante haben die Nerven dazu.

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